16. Februar 2013

Der »neue Kulturwille«

Käthe Kollwitz (Selbstbildnis 1891/92), Heinrich Mann (Radierung von Max Liebermann 1928) - Fotoquelle: AP Photo/ Artists Rights / jW- Archiv

Käthe Kollwitz und Heinrich Mann verlassen am 15. Februar 1933 die Preußische Akademie der Künste

Kurt Darsow

Am 14. Februar 1933 war an den Berliner Litfaßsäulen ein »Dringender Appell« zum »Zusammengehen der SPD und KPD« zu lesen. In Erwartung der Reichstagswahl vom März 1933, bei der der Mann mit dem Operettenbärtchen seine Macht zu zementieren gedachte, wiederholte der Internationale Sozialistische Kampfbund darin eine gleichlautende Aufforderung zur Bildung einer antifaschistischen Volksfront aus dem Vorjahr, die sich auf die Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 bezog.

Hatten sich der damaligen Warnung vor der heraufziehenden Barbarei noch namhafte Repräsentanten der »Weimar Culture« wie Albert Einstein, Erich Kästner, Theodor Plivier, Ernst Toller und Arnold Zweig angeschlossen, so waren nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler von den prominenten Erstunterzeichnern nur noch Heinrich Mann und Käthe Kollwitz übrig. Der Aufmarsch der braunen Bataillone zeigte Wirkung.

Nur so ist die Duldsamkeit zu erklären, mit der die Abschaffung der Rechtsordnung, die Auflösung der Gewerkschaften, das Verbot der demokratischen Parteien und Verbände in Deutschland hingenommen wurden. Die neuen Machthaber hatten das Gesetz des Handelns an sich gerissen. Zwar verteilte die KPD am Vorabend des 30. Januar noch Flugblätter mit der Aufschrift »Generalstreik! Heraus auf die Straße!«, aber die Massen machten nicht mit. Nur ein kleines Dorf am Rande der Schwäbischen Alb namens Mössingen ist bis heute stolz darauf, daß die Beschäftigten der dort ansässigen Textilfabriken geschlossen die Arbeit niederlegten. (siehe jW vom 30.1.2013)

Akademie wird aufgelöst

Umso selbstbewußter gaben sich »Hitlers willige Vollstrecker«: »Seien Sie unbesorgt, ich werde dem Skandal ein Ende bereiten«, versprach der Verkünder eines »neuen Kulturwillens«, Hanns Johst, den Mitgliedern des nationalsozialistischen Studentenbundes. Den markigen Worten des SS-Barden ließ Bernhard Rust, Reichskommissar für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung in Preußen und damit zugleich Kurator der Preußischen Akademie der Künste, Taten folgen.

Einen Tag nach der antifaschistischen Plakataktion ließ er den Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste, Max von Schillings, wissen, daß er die Institution auflösen werde, wenn der politische Fehltritt des Vorsitzenden ihrer Abteilung für Dichtkunst, Heinrich Mann, ohne Folgen bliebe. Eine eilig einberufene Mitgliederversammlung der Akademie beriet noch am selben Abend das weitere Vorgehen. Nachdem auch der Betroffene selbst zu später Stunde die Gelegenheit erhalten hatte, sich zu äußern, gab der Präsident den freiwilligen Amtsverzicht Heinrich Manns und seinen Austritt aus der Akademie der Künste bekannt.

Ging da jemand vor der Macht in die Knie? Oder zog er lediglich die Konsequenz aus der Seelenlage eines Volkes, dem mit demokratischen Mitteln nicht zu helfen war? »Für den Sieg des Nationalsozialismus spricht vor allem, daß in diesem Lande die Demokratie niemals blutig erkämpft worden ist. In einem Augenblick, nach dem verlorenen Kriege, erschien sie, verglichen mit der unheilvollen Monarchie und dem gefürchteten Bolschewismus, als der gegebene Ausweg – nur Ausweg, nicht Ziel, viel weniger leidenschaftliches Erlebnis«, hatte er 1931 über die »Republik ohne Republikaner« geschrieben.

Die Sektion für Dichtkunst, die Heinrich Mann seit 1931 zu einer Bastion des republikanischen Geistes ausgebaut hatte, dankte ihrem ehemaligen Vorsitzenden mit einer vergifteten Ehrenerklärung zwar für seine Arbeit, intern aber verteidigten nur Alfred Döblin, Martin Wagner und Ludwig Fulda sein Recht auf Meinungsfreiheit. Gottfried Benn, der ihn einst als »Meister, der uns alle schuf«, gefeiert hatte, warf seinem literarischen Lehrmeister vor, er sei es schließlich gewesen, der den Kampf gegen die »legal und verfassungsmäßig gebildete Regierung« eröffnet habe. Daraufhin habe die Regierungsmacht sich nur zur Wehr gesetzt. Doch Gefälligkeiten dieser Art konnten nicht verhindern, daß ein altes Akademiemitglied nach dem anderen seinen Hut nehmen mußte.

Der Feind steht rechts

Inge Jens hat in ihrem Standardwerk zur Geschichte der Sektion für Dichtkunst (»Dichter zwischen rechts und links«, Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1994) diesen Niedergang dokumentiert, der mit der Einrichtung einer »Reichsschrifttumskammer« endete, die nur noch Ariern das Schreiben erlaubte. Nationalsozialisten wie Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel, Börries von Münchhausen und Will Vesper nahmen am Pariser Platz die leergeräumten Plätze ein. Der Berliner Börsenkurier schrieb, was von ihnen erwartet wurde: »Heinrich Mann glaubt immer noch an die französische Revolution und Stadtbaurat Wagner an die russische. Wir wollen aber, daß in der Akademie endlich deutscher Geist herrscht.«

Auf das abschreckende Beispiel Heinrich Manns kamen die Apologeten des »neuen Kulturwillens« auch nach seiner »Ausreise« am 21. Februar 1933 immer wieder zurück. Ein Blick auf Käthe Kollwitz, die wegen ihrer Unterstützung des »Dringenden Appells« gleichfalls zum Verlassen der Akademie genötigt worden war, aber ins »innere Exil« ging, kann diese bohrende Feindschaft erklären. Schon im Kaiserreich hatte sie wegen ihrer sozialkritischen Graphik als Vertreterin der »Rinnsteinkunst« gegolten. Dem hatte der Völkische Beobachter wenig hinzuzufügen: »Keine deutsche Mutter sieht so aus, wie Kollwitz sie gezeichnet hat.« Heinrich Mann aber gehörte nach Herkunft und Habitus dem Großbürgertum an und konnte sich darum weit weniger erlauben.

Wenn er mit Bolschewisten paktierte, machte er sich zum Landesverräter. Er verstieß gegen ein ehernes Gesetz seiner Klasse, das da lautet: Der Feind steht links! Bis heute lebt diese deutsche Staatsdoktrin fort und verhindert das Zustandekommen linker Mehrheiten. Nach rechts dagegen war man in den herrschenden Kreisen stets weniger wählerisch. Lieber machte man sich mit Massenmördern und Kriegstreibern gemein als mit klassenbewußten Arbeitern.

Heinrich Mann dagegen steht mit seinem ganzen Werk – von dem wilhelminischen Sittenbild »Im Schlaraffenland« über die politischen Pathologien »Professor Unrat« und »Der Untertan« bis zum abgeklärten Gesellschaftspanorama »Empfang bei der Welt« – für das glatte Gegenteil. Für ihn ist die immer wieder beschworene »linke Gefahr« nichts weiter als eine Wahnidee, die die realen Kräfteverhältnisse auf dem Kopf stellt. Wenn es für den scharfsinnigsten Kritiker des Obrigkeitsstaates eine Lehre aus der deutschen Geschichte gab, so lautet sie: Der Feind steht rechts!

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Gleichschaltung aller demokratischen Einrichtungen

Kurt Darsow

Der barbarische Begriff für die »Unterwerfung aller Organe und relevanten Gruppen unter die NS-Herrschaft« (Imanuel Geiss) hatte seinen Ursprung in der Rechtsprechung. Reichsjustizminister Franz Gürtner soll ihn für seine »Gleichschaltungsgesetze« aus dem Jahr 1933 erfunden haben, die die Autonomie der deutschen Länder zugunsten des totalen Staates aufhoben. Nach diesem Muster wurden auch der Vielparteienstaat durch die Einparteienherrschaft der NSDAP, die Einzelgewerkschaften durch die klassenübergreifende Pseudogewerkschaft der Deutsche Arbeitsfront, die Agrarverbände durch den Reichsnährstand und die kulturelle Vielfalt durch die völkische Einfalt ersetzt. Die Gleichschaltung der Literatur bildet innerhalb dieser totalitären Zurichtung der Gesellschaft nur eine bizarre, wenn auch bezeichnende Fußnote. Das »Schrifttum« war den Nazis nämlich auf Grund seiner widerspenstigen Natur besonders zuwider. Das zeigt sowohl Goebbels Verdikt gegen den »zersetzenden Intellektualismus« wie auch sein Bekenntnis: »Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.« Daß die rein instrumentelle, auf bloßes Funktionieren abzielende Begrifflichkeit aus dem »Wörterbuch des Unmenschen« keineswegs der Vergangenheit angehört, läßt etwa die ausufernde Verwendung des Zinnsoldatenworts »aufgestellt« für alles und jedes von der Nationalelf über die Parteienlandschaft bis zum Wirtschaftsstandort erkennen. Im digitalen Maschinenpark nimmt der Mensch offenbar immer mehr dessen triviale Eigenschaften an. Mit dem Philosophen Günther Anders zu sprechen: »Wir werden maschinell infantilisiert.«

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