22. April 2014

Der passive Revolutionär

Kosmopolit und Nationalist: Max Weber, geboren am 21. April 1864 in Erfurt, gestorben am 14. Juni 1920 in München - Fotoquelle: Wikipedia

Max Weber zog aus, Marx zu überwinden. Von diesem hat er dann so viel absorbiert, daß man ihm Klassenkampfdenken vorwarf. Kritik und Empfehlung zur dialektischen Aneignung des Klassikers der Soziologie aus Anlaß seines 150. Geburtstages

Jan Rehmann

Rosa Luxemburg hatte 1899 in einem Artikel für die Leipziger Volkszeitung die »jüngere historische Schule«, zu der auch Werner Sombart und Max Weber gehörten, als »Verdauungswissenschaft« bezeichnet, deren geheime Ursache Karl Marx darstellte: Hinter ihrem orakelhaften Gerede »kicherte boshaft der unbarmherzige Marxsche Spott«. Überhaupt sei das Marx-Überwinden eine »Lieblingsbeschäftigung der deutschen Professorenschaft und ein probates Bewerbungsmittel um eine Privatdozentur in Deutschland« geworden (Gesammelte Werke 1/1, 489, 491).

Bürgerliche Mythen

Was Rosa Luxemburg hier dem Marxschen Spott aussetzt, wird von der vorherrschenden Weber-Rezeption als große politische und wissenschaftliche Errungenschaft gefeiert. Für die amerikanische Weber-Rezeption war lange Zeit eine von Talcott Parsons geprägte Lesart bestimmend, die Weber als geistigen Vorbereiter einer freiheitlichen und liberalen Gesellschaft verstehen wollte, der im Gegensatz zum Marxismus die Bedeutung der Ideen, des sozialen Handelns und des Individuums hervorhob. In Deutschland wurde eine solche Interpretation vor allem von Wolfgang Schluchter vorgetragen, der z.B. in »Religion und Lebensführung« (1991) die deutsch-nationalistischen »Untertöne« einem frühen Weber zuordnete, während er den reifen Weber als Vertreter einer freiheitlich-pluralistischen, spezifisch »okzidentalen« Moderne präsentierte, der an der Seite Immanuel Kants gegen den »extremen Objektivismus« von Marx gestritten habe. Von diesem unterscheide er sich v. a. dadurch, daß er sich weigere, den »ideellen Überbau« auf den »materiellen Unterbau« und die politische Herrschaft auf die Ökonomie zu reduzieren.

Das Verfahren, mit dem Webers wirkmächtige »Marx-Überwindung« nachgewiesen wird, ist fast immer das gleiche und läßt sich in simplen Regeln zusammenfassen: 1. Man unterschlage Marx’ Antiobjektivismus, z. B. den in den Feuerbachthesen angemeldeten Anspruch eines »neuen Materialismus«, die Wirklichkeit »subjektiv«, als »sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis« zu fassen und verkürze damit die marxistische Kapitalismuskritik um ihre lebendige, aktiv in die Verhältnisse eingreifende Seite; 2. Man reduziere die unterschiedlichsten und widerstrebendsten Richtungen des Marxismus auf die am meisten dogmatisierte und deterministische Variante eines ökonomistischen Abbildmodells; 3. Man setze einer solcherart zurechtgestutzten Karikatur Max Webers Berücksichtigung der »geistigen« Triebkräfte und dessen multikausales Faktorenmodell entgegen – eine Gegenüberstellung, die natürlich nur überzeugt, wenn man Webers Argumente zuvor aus ihren bürgerlich-kapitalistischen, eurozentrischen und imperialistischen Kontexten herausgelöst hat. Mit einem solchen Verfahren sind Siege über »den« Marxismus leicht zu erringen.

Eine außenpolitische Variante dieser ideologischen Großerzählung kann man bei Guenther Roth in dessen Buch »Max Webers deutsch-englische Familiengeschichte« (2001) besichtigen. Für ihn gehörte Weber, der nicht nur väterlicherseits vom exportorientierten Bielefelder Leinenpatriziat abstammte, sondern auch mütterlicherseits der »späte Nachfahre« einer der reichsten anglo-deutschen Handelsfamilien war, ins Lager eines anglophilen kosmopolitischen Wirtschaftsliberalismus, der im Gegensatz zum bornierten deutschen Nationalismus stand und für den ein Weltkrieg »schier unvorstellbar« war. Natürlich kam auch Roth nicht umhin zu berichten, daß Weber die polnischen Wanderarbeiter als tierisch-barbarische Kulturbedrohung für das »Deutschtum« diffamierte, daß er begeistert den deutschen Flottenbau 1897 und den deutschen Kriegsbeginn 1914 unterstützte sowie noch nach dem Kriegseintritt der USA von den weltpolitischen Aufgaben eines deutschen »Herrenvolks« schwadronierte usw. Roth meint, er könne das Problem damit loswerden, daß er Weber vorab als »kosmopolitischen Nationalisten« von einem »xenophobischen« abhebt und ihn als jemanden porträtiert, der sich immer wieder heroisch gegen die chauvinistisch-nationalistischen Versuchungen zu wehren versuchte. Angeblich ließ er sich auch nur »anfangs« von der Kriegsbegeisterung »hinreißen« und rechtfertigte den Krieg als »Wagnis«, aber dann »wollte er ihn schnell beendet sehen, damit das deutsche Kapital nicht erschöpft und Deutschlands Stellung auf dem Weltmarkt nicht für lange Zeit untergraben werde«. Für Roth zeigt dies ein »überlegenes Verständnis« der innen- und außenpolitischen Gefahren für Deutschland, das ihn »fundamental« vom sozialdarwinistischen Nationalismus und preußischen Militarismus unterschied. Damit ist Weber (mal wieder) für eine breite Rezeption im »westlich« beherrschten transnationalen Kapitalismus gerettet. Es kommt Roth nicht in den Sinn, daß die »kosmopolitische« und die »nationalistische« Orientierung für relevante Teile des deutschen Bürgertums keineswegs sich ausschließende Alternativen darstellten: Gerne nahm man die Position eines »Ultraimperialismus« (Karl Kautsky) an, wenn eine gemeinsame Interessenlage gegen den »Süden« oder »Osten« dies nahelegte, wie 1900 beim Kolonialkrieg zur Niederschlagung des chinesischen »Boxeraufstands«. Bereitwillig plädierte man aber auch für den innerimperialistischen Krieg, wenn man ihn aufgrund der unversöhnlich einander entgegengesetzten Weltmachtambitionen für »unvermeidlich« hielt. Auch für »liberale« Intellektuelle hatte die Nachzüglernation ein legitimes Interesse, sich auf einen Weltkrieg vorzubereiten, um sich einen angemessenen »Ellbogenraum« (Weber) auf dem »kosmopolitischen« Weltmarkt zu erkämpfen. Sich aufgeregt über besondere nationalistische »Verblendungen« und »Fehleinschätzungen« zu entrüsten, lenkt ab von den Aufgaben einer kritischen Gesellschaftsanalyse. Denn diese hat es zu tun mit einer bürgerlich-imperialen Interessenkonfiguration, die auf kolonialistische Ausbeutung und imperiale Weltmarktbeherrschung gerichtet ist und dafür Millionen Menschen mit Tod und Verelendung bezahlen läßt.

Ein organischer Intellektueller

Weber war ein aggressiver Befürworter des Nationalismus und Imperialismus, das ist mittlerweile durch zahlreiche Untersuchungen materialreich belegt worden. Wenn Weber 1899 aus dem präfaschistischen Alldeutschen Verband austritt, dann deshalb, weil dieser den Ausschluß der Polen aus Ostdeutschland angeblich nicht energisch genug betrieben hätte! Ihn auf solche reaktionären Positionen zu reduzieren, würde allerdings seiner politischen Bedeutung nicht gerecht. In seiner Freiburger Antrittsvorlesung 1895 präsentierte Weber sich explizit und selbstbewußt als »Mitglied der bürgerlichen Klassen«, das sich freilich zugleich als Wissenschaftler die Aufgabe stellte, »zu sagen, was ungern gehört wird -- nach oben, nach unten und auch der eigenen Klasse« (MWG I/4, 568)1. Um sein politisches und wissenschaftliches Werk zu entschlüsseln, muß man sein hegemoniales Projekt besichtigen: Er spricht als organischer Intellektueller einer Bourgeoisie, die in seinen Augen noch nicht zu sich selbst gekommen ist und die er durch »politische Erziehung« zu wirklicher Führung befähigen will. Was er seiner Klasse vorschlägt, ist das Projekt einer modernisierten bürgerlichen Hegemonie im Übergang zum »amerikanischen Zeitalter« eines Fordismus, dessen erste Anzeichen er auf seiner USA-Reise 1904 fasziniert beobachtet.

Betrachtet man Webers politische Analysen im Hinblick auf die zugrundeliegende Klassenkonstellation, stößt man immer wieder auf zwei Komponenten, die eng zusammenhängen: Zum einen geht es darum, das Bürgertum aus dem »cäsaristisch« vermittelten Bündnis mit dem Junkertum herauszulösen und ihm ein eigenes Klassenselbstbewußtsein mit entsprechendem »Ehrgefühl« zu vermitteln. Zum anderen soll versucht werden, dieses Bürgertum auf ein Bündnis mit den »höchsten Schichten« der Arbeiterschaft vorzubereiten, bzw. umgekehrt jenen Teil der Arbeiterklasse für ein Bündnis mit dem Bürgertum zu gewinnen. Die neue Blockbildung, an der Weber zusammen mit anderen Intellektuellen der »jüngeren« Generation von Sozialpolitikern arbeitet, wird später die hegemoniale Kernstruktur des US-amerikanischen Fordismus bilden.

Zu diesem Zweck läßt Weber die Gesellschaft in zwei entgegengesetzte sozialökonomische Lager zerfallen, allerdings nicht in Kapitalisten- und Arbeiterklasse, sondern in industrielle Modernisierer und »traditionalistische« Gegenkräfte: Auf der einen Seite stehen die »Pfründnerschichten« und alle Interessenten »ökonomischer Stagnation«, zu denen er die Junker, den Staatssektor, aber auch subventionsabhängige Kleinbetriebe rechnet, auf der anderen Seite steht das Bündnis zwischen den »organisatorisch höchststehenden Unternehmern« und der Arbeiterschaft, die ein gemeinsames Interesse an der »höchstmöglichen Rationalisierung der wirtschaftlichen Arbeit« haben, das wiederum im Prinzip mit dem »politischen Interesse an der Erhaltung der Weltstellung der Nation« zusammenfalle (MWG I/15, 354). Im Jahr der Oktoberrevolution 1917 soll dieser Industrieblock nun den alten junkerlich-bürgerlichen Machtblock des Wilhelminismus ablösen und einem drohenden sozialistischen Block aus Arbeitern, Bauern und heimkehrenden Soldaten zuvorkommen.

Zu diesem Zweck schlägt Weber den Vertretern des Evangelischen Sozialkongresses auf dessen Frankfurter Tagung 1894 vor, sie müßten nicht nur die Realität des Klassenkampfes, sondern auch die des »objektiven Hasses« zwischen Kapitalisten und Arbeiterklasse akzeptieren (MWG I/4, 327 f). Dies ist eine Zumutung für die protestantischen Sozialreformer, die einen solchen Kampf für unchristlich und marxistisch halten. Viele seiner Zuhörer verstehen ihn so, als spräche Marx direkt durch ihn hindurch. Sie überhören aber, daß Weber den Klassenkampf als »integrierenden« Bestandteil der heutigen Gesellschaftsordnung bezeichnet (329). Das Wort integrierend ist kein Versprecher, sondern kennzeichnet seine Strategie, weit verbreitete Vorstellungen vom Klassenkampf aufzugreifen und in ein bürgerliches Integrationsmodell einzubauen.

Dies soll im wesentlichen auf zwei Ebenen geschehen: Zum einen sollen die Arbeitskämpfe durch eine scharfe Grenzziehung zwischen Ökonomie und Politik auf der korporatistischen Stufe von unmittelbar wirtschaftlichen Forderungen gehalten werden – ob gestreikt wird oder nicht müsse ausschließlich nach »wirtschaftlichen« Gesichtspunkten entschieden werden. Zum anderen erfolgt die Umfunktionierung über den Weg des Nationalen. Psychologisch und sittlich sei der Klassenkampf innerhalb der Nation ein »Analogon zu den Kämpfen unserer Nationen«, so, wie auch der »Klassenhaß« mit dem »Nationalhaß feindlicher Völker« vergleichbar ist, »den er oft genug psychologisch ersetzt« (328, 330). Es geht Weber darum, das erwachende Klassenbewußtsein der Arbeiter in die Bahnen nationaler Machterweiterung zu lenken (341). Die Einhegung des Arbeiterstandpunkts in den Zwinger des Nationalismus bewerkstelligt Weber wiederum mit Hilfe einer »männlichen Arbeiterehre«, in der er Elemente einer selbstbewußten Interessenvertretung mit sozialdarwinistischen und militärischen Vorstellungen verknüpft. Keineswegs soll es darum gehen, »daß die Menschen sich wohlfühlen«, sondern es soll das gefördert werden, »was uns wertvoll erscheint am Menschen, die Selbstverantwortlichkeit, der tiefe Drang nach oben, nach den geistigen und sittlichen Gütern der Menschheit« (340).

Das soziale Subjekt dieses »Drangs nach oben« ist die Arbeiteraristokratie. Weber verwendet den Begriff bereits 1893 (MWG I/4, 196), also lange bevor Lenin ihn 1917 in seiner Kritik am sozialdemokratischen »Opportunismus« popularisiert. Webers Vorbild sind die gutbezahlten »echten amerikanischen Yankeearbeiter«, die vollständig die »Formen der bürgerlichen Gesellschaft« angenommen haben: »Sie erscheinen in ihrem Zylinder und mit ihrer Frau, die vielleicht etwas weniger Gewandtheit und Eleganz hat, aber im übrigen genau so sich benimmt wie eine andere Lady« (MGW I/15, 604). Das ideale und in Deutschland nicht erreichte Vorbild für eine solche Angleichung sind die Ford-Betriebe mit ihren hohen Fünf-Dollar-Mindestgehältern und mit ihrer Propagierung einer puritanischen und disziplinierten Lebensweise.

Das Spezifische an Webers Modernisierungsansatz besteht darin, daß er die hegemoniale Konstellation eines fordistischen Kapitalismus antizipiert. Entwickelt wird die zur Zeit modernste und längerfristig erfolgreichste Variante einer »passiven Revolution« (Antonio Gramsci), d.h. einer Integration der Arbeiterklasse, bei der nicht nur mehr einzelne Personen ins Lager der »Gemäßigten« kooptiert werden, sondern die ökonomischen und politischen Interessenvertretretungen der gegnerischen Klasse als solcher. Wie am Beispiel des »Klassenkampfs« gezeigt, erhält diese Strategie ihre moderne Dynamik nicht zuletzt durch die Einarbeitung von marxistischen Versatzstücken, deren Bedeutung entschärft oder umgekehrt wird.

Unheimliche Widerspruchsdialektik

Tatsächlich war Webers Werk Teil der vielfältigen Bemühungen zur bürgerlichen Marxismus-»Überwindung«, die nahezu zeitgleich in unterschiedlichen europäischen Ländern einsetzen. Wie Herbert Marcuse schon 1964 auf dem Heidelberger Soziologentag gezeigt hat, nahm Weber die Wertsetzungen des Kapitalismus in die vorgeblich »reinen« Definitionen der formalen Rationalität hinein. »Was auch immer der Kapitalismus den Menschen antun mag, er ist vorerst und vor aller Wertung als notwendige Vernunft zu verstehen«. Diesen Kapitalstandpunkt verkleidet Weber als »okzidentale Rationalität« und legt ihn dann in seiner Religionssoziologie als Maßstab an die nichteuropäischen Religionen und Kulturen an. Diese erscheinen somit als mangelhaft, weil sie nicht den »Geist« des modernen (protestantischen) Kapitalismus und die damit einhergehende »Persönlichkeit« hervorbringen konnten. Wie z.B. Sara Farris’ Studie »Max Weber’s Theory of Personality« (2013) zeigt, ist diese Methode eurozentrisch und stützt sich auf die Stereotype des »Orientalismus«. Sein Konzept einer okzidentalen Rationalisierung, das sich in der Religion von den alttestamentlichen Propheten bis zum asketischen Protestantismus spannt, gehört zu einer »Mythistory«, mit deren Hilfe die protestantisch-bürgerlichen Oberschichten die ökonomisch-politische Hegemonie, die sie seit dem Wechsel von der spanischen zur niederländisch-britischen Moderne im 17. Jahrhundert weltweit ausüben, aus ihren »inneren ethischen Werten« her erklären können.

Aber trotz durchgängiger Gegnerschaft zu sozialistischen Bewegungen gibt es in Webers Verhältnis zum Marxismus eine untergründige, bisweilen unheimliche Widerspruchsdialektik. Er, der ausgezogen war, Marx’ historischen Materialismus zu überwinden, hat bei diesem Vorgang so viel von ihm absorbiert, daß ihm von seinen konservativen Gegnern ein marxistisches Klassenkampfdenken vorgeworfen werden konnte. Derselbe Weber, der die Revolutionäre 1918/19 mit Haßtiraden verfolgte und für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg kurz vor ihrer Ermordung das »Irrenhaus« bzw. den »Zoologischen Garten« forderte, nahm linke Kriegsgegner und »Utopisten« wie Ernst Bloch und Georg Lukács in seinen Heidelberger Gesprächszirkel auf. Diese Widersprüchlichkeit hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß er gerade aus dem Handgemenge mit Marx’ Gesellschaftsanalyse einen Großteil seines eigenen analytischen Reichtums bezog. Eine apologetische Weber-Literatur, die meint, die ursprüngliche Herausforderung durch Marx entschärfen zu müssen, entschärft vor allem Weber selbst. Wenn Weber, wie Rosa Luxemburg meinte, Marx geistig zu »verdauen« versucht, dann sieht es streckenweise so aus, als hätte eine Riesenschlange einen Elefanten verschluckt, dessen Umrisse noch deutlich sichtbar sind. Die Ironie ist, daß dieser Elefant auch wieder ins Freie gesetzt werden kann.

Linke Gegenlektüren

So bot es sich z. B. an, Webers »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« als Parallele und Ergänzung zu Marx’ »ursprünglicher Akkumulation des Kapitals« zu lesen, die beide unterschiedliche Aspekte in der Herausbildung der Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft behandeln: Konzentriert Marx sich darauf, wie die vom Land vertriebenen Kleinbauern durch »Blutgesetzgebung« in ein besitzloses und verelendetes Proletariat verwandelt werden, thematisiert Weber die Ausbildung einer bürgerlichen »Persönlichkeit« mit einem »pharisäisch guten [...] Gewissen beim Gelderwerb« und der Gewißheit, »daß die ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt ganz spezielles Werk von Gottes Vorsehung sei«. Weber untersuchte also, was man heute in ideologietheoretischen Diskussionen als kapitalistische »Subjektkonstitution« bezeichnen könnte. Es steht auf einem anderen Blatt, daß er dies mit unzureichenden Methoden einer ideengeschichtlichen und konfessionalistischen Engführung behandelt hat. Eine seiner größten und zugleich unbeabsichtigten Leistungen lag paradoxerweise darin, daß er marxistischen Theoretikern und Sozialwissenschaftlern wertvolle methodische Anregungen zum dialektischen Verständnis der »Wechselwirkungen« (Friedrich Engels) zwischen ökonomischen und ideologischen Funktionen geben konnte.

Obwohl Webers Ansatz von den verschiedendsten Richtungen aufgenommen wurde (einschließlich konservativer und faschistischer), hat er seinen fruchtbarsten Boden in kritischen Theorien gefunden, die sich von ökonomistischen Vereinfachungen freizumachen versuchten. Wenn Georg Lukács 1923 das Ausbleiben der sozialistischen Revolution in Westeuropa mit dem »ideologischen Phänomen der Verdinglichung« erklärte, rekurrierte er zum einen auf Marx’ Analyse zum Fetischcharakter der Ware, zum anderen auf Webers »formale Rationalisierung«, die Staat und Gesellschaft zu einem »stählernen Gehäuse« der Hörigkeit zusammenschließt. Pierre Bourdieu entwickelte seinen Begriff des »soziologischen Feldes« ausgehend von seinen Vorlesungen über Webers Verhätnisbestimmung von Priestern, Propheten, Zauberern und Laien im antiken Israel. Linke Historiker und Sozialwissenschaftler von R. H. Tawney über Christopher Hill und Franz Borkenau bis zu Leo Kofler und E. P. Thompson bemühten sich darum, historisch-materialistische und Webersche Methoden miteinander zu kombinieren. Dabei war es freilich auch notwendig, letztere aus ihrer einseitigen Fixierung auf die Wirkungen theologischer Lehrsätze (z.B. der calvinistischen Prädestinationslehre) herauszuführen. Gesucht wurde nach dem Zusammenwirken ökonomischer und ideologischer Komponenten, wobei sich herausstellte, daß sich z.B. die bürgerliche Dominanz im Protestantismus erst allmählich und im Zuge einer umfassenden Hegemoniegewinnung des Bürgertums herausbildete.

Antonio Gramsci wiederum nutzte in seinen Gefängnisheften Webers Kritik an Bismarcks »Cäsarismus« für seine eigene Kritik an der »passiven Revolution«, die sich in Italien wie in Europa überhaupt gegen die Französische Revolution herausbildete. Es liest sich wie eine korrigierende Weiterführung von Webers »Protestantischer Ethik«, wenn er die Funktionsweise des Puritanismus im US-amerikanischen Fordismus als Bestandteil eines neuen Hegemonietyps analysierte, bei dem »die ›Basis‹ unmittelbarer die Überbauten determiniert«, die Hegemonie »in der Fabrik [entspringt] und [...] nicht so viele politische und ideologische Vermittler« braucht. Die massiven unternehmerischen und staatlichen Kampagnen gegen Promiskuität und ausschweifendes Trinken der Arbeiterklasse waren für ihn Teil der »größten [bisher dagewesenen] kollektiven Anstrengung [...], mit unerhörter Geschwindigkeit und einem in der Geschichte nie dagewesenen Zielbewußtsein einen neuen Arbeiter- und Menschentypus zu schaffen«. Während bei Weber der kapitalistische »Geist« der Herausbildung des kapitalistischen Systems vorauseilt, betont Gramsci den Zusammenhang zwischen ideologischer Formierung und struktureller Gewalt: Es geht um einen Prozeß, bei dem »eine Klasse sich einer anderen gegenüber durchsetzt«, und durch den die Schwachen und Widerspenstigen »in die Hölle der Unterklassen gestürzt« werden.

Diese und andere Anleihen haben Michael Löwy in seinem Buch »La cage d’acier« (2013) dazu bewogen, von einem »weberianischen Marxismus« zu sprechen. Die Bezeichnung sollte nicht dazu verleiten, die gegensätzlichen Standpunkte aus den Augen zu verlieren, von denen Marx und Weber ihr sozialgeschichtliches Material angeordnet haben. Von Webers materialreichen soziologischen Untersuchungen zu lernen, lohnt sich jedoch allemal, gerade auch, wenn sie aus dem Gefängnis der »Marx-Überwindung« befreit, zurückgeholt und re-interpretiert werden können.

1 Das Kürzel MWG verweist auf die Max Weber Gesamtausgabe, hgg. v. H. Baier, R. Lepsius u. a., Tübingen.

Jan Rehmann ist Autor des Buchs »Max Weber: Modernisierung als passive Revolution. Kontextstudien zu Politik, Philosophie und Religion im Übergang zum Fordismus«, Argument-Verlag. Hamburg, 2. Auflage 2013, das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. als »exzellente Publikation« ausgezeichnet wurde. Er ist Visiting Professor for Critical Theory and Social Analysis am Union Theological Seminary in New York, Privatdozent an der FU Berlin und Redakteur der Zeitschrift Argument und des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus (HKWM)

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