5. März 2011

Der Polizeipräsident

Vor dreißig Jahren gab es die bis dahin größte Massenverhaftung in der Geschichte der Bundesrepublik. Kurz danach sprach ich mit dem Exekutor

Otto Köhler

Mit durchaus nicht ohnmächtiger Wut hatte sich Franz Josef Strauß im Oktober 1980 auf seine bayerischen Stammlande zurückgezogen. Sein Versuch, Kanzler zu werden, war gescheitert. Der bayerische Ministerpräsident hatte alles in die Schlacht geworfen. Eine Woche vor der Wahl wurden beim Oktoberfestattentat dreizehn Menschen gemordet, über 200 zum Teil schwer verletzt. »Herr Baum hat schwere Schuld auf sich geladen«, tobte Strauß und meinte damit den – bis heute liberal gebliebenen – Bundesinnenminister von der FDP. Der habe die Sicherheitsdienste verunsichert und demoralisiert und die Terroristen verharmlost. Baum hatte zu Jahresbeginn die Wehrsportgruppe Hoffmann verboten, die Strauß stets als harmlose Naturschützer laufen ließ. Ihr gehörte der – wie einst Marinus van der Lubbe – als Einzeltäter dargestellte Gundolf Köhler an. Die übrigen Mitglieder der Terroristenbande wurden gleich nach dem Attentat an der Grenze nach Österreich von den bayerischen Behörden nicht festgenommen, sondern durchgewunken. Sie standen schon immer unter besonderem Schutz. Denn auch sie führten das Schwert – »Gladio«, wie der Lateiner Strauß wußte, war die große internationale CIA-Untergrundorganisation, die zwei Monate zuvor im Bahnhof von Bologna 85 Menschen in den Tod befördert hatte.

Am Ende dieses ereignisreichen Jahres hatte Strauß letztinstanzlich seinen großen Prozeß gegen metall gewonnen. Die Gewerkschaftszeitung hatte im Sommer 1979 auf einem völlig schwarzen Titelbild klein in weißer Schrift sein berühmtes Banditen-Zitat gedruckt: »Und wenn wir hinkommen und räumen so auf, daß bis zum Rest dieses Jahrhunderts von diesen Banditen es keiner mehr wagt, in Deutschland das Maul aufzumachen.« Dies dürfe, so entschied das Oberlandesgericht München vermeintlich zugunsten von Strauß, nicht mehr zitiert werden ohne die Strauß-Vordersätze: »Wir müssen sagen, die SPD und die FDP überlassen den Staat kriminellen und politischen Gangstern. Und zwischen kriminellen und politischen Gangstern ist nicht der geringste Unterschied, sie sind alle miteinander Verbrecher.«

Das neue Jahr 1981, das zwanzigste vor dem Ende des Jahrhunderts, war gerade einmal 64 Tage alt. Da schlug der Nürnberger Polizeipräsident zu. In der größten Massenverhaftung der bundesdeutschen Geschichte am 5. März 1981 hatte er 141 Jugendliche und Kinder in und beim KOMM eingesammelt, weil irgendwo in der Stadt bei einer Demonstration acht Schaufensterscheiben eingeschlagen worden waren. Das KOMM war nahezu weltweit bekannt als erstes selbstverwaltetes Jugendzentrum in der BRD. Eine ausgesuchte Gruppe von Haftrichtern trug im Fünfminutentakt auf hektographierte Haftbefehle die Namen der Festgenommenen ein, und Kraus verschubte die politischen und kriminellen Gangster ohne Wissen ihrer Eltern weit weg in verschiedene Bayerische Gefängnisse. Sechs Tage nach seiner Tat war Nürnbergs Polizeipräsident noch sehr öffentlichkeitsscheu. Doch mir war es über gewerkschaftliche Beziehungen gelungen, bei ihm für metall einen Viertelstundentermin zu bekommen. Fünfzehn Minuten, die dieser Polizeipräsident ausdehnte.

* * *

Den ersten setzten die Münchner Herren 1806 ein, als ihnen Napoleon, spendabel, die fränkischen Lande zur immerwährenden Kolonie schenkte. Der bayerische Generalkommissär für die besetzten fränkischen Gebiete ernannte einen, wie Historiker später feststellten, »wegen seiner rücksichtslosen Strenge und Gewalttätigkeit verhaßten und berüchtigten Beamten« zum Polizeidirektor der bisher freien Reichsstadt Nürnberg. Das war der Beginn einer Schreckensherrschaft. Der Polizeidirektor entmachtete den Rat der Stadt, verbot Kinderaufzüge, übte – gegen Extrasalär – die Zensur aus, ließ eine alte Frau wegen Bettelns solange peitschen, bis sie einen Blutsturz bekam und starb. Kinder, die zur Feier ihrer Kirchweih sammelten, wurden im Beisein ihrer Eltern von Polizisten gezüchtigt. Bis es eines Tages den Nürnbergern zuviel wurde. Sie stürmten die Polizeidirektion und nahmen ihren Schindern die Waffen ab, der Polizeichef floh durch die Hintertür. Sein Name war Christian Wurm.

Den zweiten ernannten die Münchner Herren 1923, als sie die bisher kommunale Polizei verstaatlichten, um das verhaßte rote Nürnberg in den Griff zu kriegen. Er hatte sich zuvor schon während des Kapp-Putsches als Staatskommissar in den »damals knallroten Städten« Mittelfrankens bewährt und setzte, wie er selbst in seinem Lebenslauf schrieb, »gegen ›rote Matrosen‹ u. anderes Gesindel rasch zusammengezogene militärische Verbände ein. Folge: 36 Tote u. über 100 Verwundete«. Die Nazis – bis zu seinem Amtsantritt brachten sie in der Arbeiterstadt kein Bein auf die Straße – schützte er mit seiner Polizeimacht so sehr, daß er sich 1938 rühmen konnte, er habe »durch rücksichtsloses Durchgreifen« die Reichsparteitage der NSDAP 1927 und 1929 erst möglich gemacht. Und für den ordnungsgemäßen Ablauf der Reichspogromnacht sorgte er auch. Den strengen Ruch als Stadt der Reichsparteitage und der Nürnberger Gesetze verdankt Altfrankens schöne Metropole diesem Polizeipräsidenten. Sein Name war Heinrich Gareis.

Und da saß er vor dreißig Jahren vor mir, halb Wurm, halb Gareis, und gab sich ganz lieb: Nürnbergs damals über Nacht und Nebel berühmt gewordener Polizeipräsident Helmut Kraus. Eingesetzt 1978 vom engagierten Kriegsverbrecheranwalt (für Rudolf Hess und Hans Frank) und damaligen bayerischen Innenminister Alfred Seidl (NSDAP/CSU und bis in den Tod Freund des DVU-Führers Gerhard Frey). Nürnbergs seit 1945 kommunale Polizei war wieder einmal verstaatlicht worden, um sie auf strammen bayerischen Kurs auszurichten.

Ich wollte wissen, wie sich einer fühlt, der den frisch reparierten Ruf Nürnbergs mit einem Schlag in aller Welt wieder ramponiert hat. Dreimal versuchte ich meine Frage zu stellen. Das erste Mal: »Nürnberg war weltweit verrufen als Stadt der Reichsparteitage, der Nürnberger Gesetze. Das ist in den letzten Jahren etwas zurückgegangen, man hat es vergessen …« Er unterbrach: »Vor allem Sie werden bei der Jugend nicht damit gehört. Wenn da Filme kommen wie ›Holocaust‹ sind sie sehr interessiert.« Kraus hatte nicht verstanden, wohin meine Frage zielte, er schaute mich mit großen Augen an und fuhr fort: »Aber wenn Sie denen etwa vorreden wollten, daß daraus noch eine moralische Schuld bestünde, dann schauen sie Sie mit großen Augen an und sagen: ›Ich wüßte nicht, daß ich irgendjemand etwas schuldig bin, was habe ich getan?‹«

Ich wollte von ihm wissen, was er getan hat, und versuchte es ein zweites Mal: »Worauf ich hinauswollte, ist, daß man dies weitgehend vergessen hatte, weil sich Nürnberg inzwischen einen guten Ruf machte, durch kulturelle Aktivitäten, durch das Jugendzentrum …« Er fuhr schon wieder dazwischen, fast schien es, als sei er jetzt stolz auf das KOMM, das er sechs Tage vor unserem Gespräch umzingeln und von Jugendlichen säubern ließ. »Angeblich ist es das einzige«, sagte er, »das auf diese Art in Selbstverwaltung betrieben wird.«

Als er endlich ausgeredet hatte, versuchte ich ihm begreiflich zu machen, daß meine Frage noch nicht zu Ende gestellt war: »Nürnberg war von seinem schlechten Ruf herunter. Aber durch die spektakuläre Aktion, die Sie initiiert haben, durch die größte Massenverhaftung seit Kriegsende, ist doch für viele Beobachter in anderen Ländern …«

Kraus, der mich bekümmert angesehen hatte, unterbrach: »Ich bin sogar überzeugt, daß Sie das gar nicht so polemisch meinen, wie die ganze Sache klingt.« Durch ihn jedenfalls habe Nürnberg seinen guten Ruf nicht wieder verloren. Stolz ließ er mir die Frankfurter Allgemeine mit einer hervorragenden Rezension seiner Massenverhaftungsaktion kommen (»… ist die Logik des Handelns der Behörden einwandfrei«). Und so kokett wie ein Polizeipräsident nur kann, beklagte er sich über die vielen Anrufe seiner Fans, die dazu führen, »daß unsere Arbeit schwer darunter leidet, weil die Telefone permanent besetzt sind«.

Bankenkristallnacht

Kurz, er konnte einfach nicht begreifen, daß meine Frage ihm unterstellte, er leiste für bestimmte Leute die gleiche Drecksarbeit, die sein Vorgänger Gareis einst für die Nazis vollbrachte. Kraus kannte die Nazis von heute genau: »Früher ist man auf die Straße gegangen in der unseligen Zeit und hat die Kristallnacht gemacht gegen die Juden, jetzt versucht man die Kristallnacht gegen die Banken und die Kaufhäuser zu machen.« Ich unterbrach nicht.

Kraus mit seinen großen unschuldigen Augen mußte ja nicht wissen, daß es zwischen Menschen und Banken einen Unterschied gibt und daß die Reichspogromnacht 1938 unter der Schutzherrschaft der Polizei stattfand. »Gerade wir in Nürnberg«, sagte er, »wollen nicht, daß die Straße wieder jenen gehört, die sagen, die Straße frei denen, die Gewalt anwenden und randalieren. Unseren Bürgern ist es völlig gleich, ob die nun in braunen oder roten Uniformen kommen oder in grünen. Die wollen ganz einfach schlicht Ruhe haben, den Bürgerfrieden.«

Tatsächlich hatte Kraus nie – wie einst Gareis – den braunen Bataillonen die Straße freigekämpft. Sondern nur die Fußgängerzone. Das war die stadtbekannte Schlacht am Weißen Turm unmittelbar bei seinem Präsidium. Im September 1980 riefen die Neonazis von der NPD alle Menschen, die deutschen Willens sind, zu einer »Bürgerinitiative Ausländerstopp« vor das Kaufhaus »Weißer Turm«. Gewerkschaften, Kirchen, Bürgerkomitees protestierten gegen den Naziauftritt. Die IG-Metall verlangte auf Flugblättern »Kein Rassenhaß in unserer Stadt!« Und forderte ein Verbot.

Doch Nürnbergs Polizeipräsident war anderer Meinung. Während die IG-Metall zur Gegenkundgebung aufrief, schützte Kraus die freie Rede des NPD-Vorsitzenden und Wehrsportgruppen-Anwalts Martin Mußgnug gegen die »geburtenfreudigen Ausländer«, die den Deutschen den Lebensraum nehmen und die Bundesrepublik zum »Schmelztiegel fremder Rassen aus Asien und Afrika« machen, in der Stadt der Nürnberger Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes durch ein massives Polizeiaufgebot.

Molotows Eier

Ich wollte von Kraus wissen, was er von seinem Vorgänger Gareis hält, der den Nazis erst durch seine Polizeigewalt ermöglichte, im damals noch demokratischen Nürnberg ihre Parteitage abzuhalten. Doch Kraus versteht wieder nicht. Er meinte, ich hätte gemeint, weil Gareis damals die Nazis auftreten ließ, solle er, Kraus, »ein Auge zudrücken«, wenn junge Leute »randalieren«. Mühsam gelang es mir, ihm begreiflich zu machen, daß ich nicht die jungen Leute von heute, sondern die NPD mit den Nazis vergleiche. Da sagte er schnell: »Das ist für den Historiker interessant, aber man darf nicht übersehen, daß doch keine Brücke geschlagen werden kann von damals zu heute.« Und sofort ist er wieder bei seinem Glaubenssatz: »Im Grund genommen kann man aus dieser Geschichte nur lernen, daß niemand, ob rechts oder links, ob braun oder rot, das Recht eingeräumt werden darf, unter permanenter Gesetzesverletzung die Herrschaft auf der Straße zu übernehmen.«

Da wurde ich nun – wie ich damals meinte – wirklich bösartig und fragte: »Sie würden also für eine zugelassene NSDAP sorgen, daß ihre Parteitage wieder in aller Ruhe hier stattfinden könnten?« Seine Antwort kam schnell: »Die Frage ist so überhaupt nicht zu beantworten. Sie ist schon falsch gestellt.« Doch beim allmählichen Verfertigen seiner Gedanken konnte er sich wohl des Eindrucks nicht erwehren, hier tue Distanz irgendwie gut. Jetzt wollte er sich eine Situation vorstellen, wo er sagt: »Ohne mich, nicht mehr mit mir«. Doch sofort war er wieder bei seiner alten Obsession: »Aber deshalb gehe ich nicht auf die Straße, werfe dem Nachbarn die Fenster ein und demoliere das Fahrzeug des Werkmeisters, der gerade zur Arbeit fährt.«

Da waren sie wieder, die Radaubrüder, die unsere Banken und unsere Kaufhäuser wie Juden behandeln und die gegen die NPD demonstrieren. Am Tag zuvor war ich im Prozeß, den Nürnbergs Justiz ganz nach Art ihrer Hektographierhaftrichter gegen vierzehn Anti-NPD-Demonstranten führte. Ich wollte vom Polizeipräsidenten wissen, welche Gewalttaten es eigentlich gegeben habe, außer daß Eier in Richtung des NPD-Redners geworfen wurden. Kraus: »Äh, die Gewalttaten waren zuerst das Eierwerfen. Im Grunde genommen war es so, daß, wie immer bei solchen Dingen, entsprechend randaliert wurde. Die Veranstaltung ist in einer Weise gestört worden, daß es nach dem Versammlungsgesetz eigentlich schon hart an die Grenze des überhaupt noch Duldbaren ging.« Doch eingegriffen habe die Polizei erst, »als das Werfen losging. Es hat sich herausgestellt – mit Eiern, doch man weiß nie, ob in den Eiern Zement ist, ob das echte Eier oder Steine sind«. Mit Eiern muß Kraus ein frühkindliches Trauma erlitten haben. Drei-, viermal erläuterte er mir, wie gefährlich Eier sind, vor allem, wenn sie aus Gips oder Molotowcocktails sein könnten. Als Eierwerfer habe man einen Engländer festgenommen. »Ja, der ist überführt«, sagte mir Kraus, doch dann fiel ihm gerade noch ein: »Er steht ja derzeit vor dem Richter«. So getrennt sind in Nürnberg Polizei- und Justizgewalt.

Polizei hält fest – NPD schlägt zu

Gewalttaten? Es gab sie wirklich. Ich hatte sie tags zuvor im Gerichtssaal während einer spannenden Filmvorführung gesehen. Originaltitel: »Polizeipräsidium Mittelfranken zeigt: NPD-Kundgebung am 20.9.80 in Nürnberg vor dem Weißen Turm.« Drei, vier Polizisten versuchen, einen Gegendemonstranten übers Seil in die NPD-Absperrung zu zerren. Ein NPD-Ordner schlägt dem im Polizeigriff Wehrlosen mit geballter Faust ins Gesicht, dann in den Magen. Der Demonstrant geht mit dem Gesicht nach unten zu Boden – ohnmächtig, wie ich später erfuhr. Das wollte ich jetzt doch von Kraus wissen, warum die Polizisten nichts unternahmen, als der von ihnen Festgenommene von einem SS-Mann a.D. – wie sich in einem späteren Verfahren herausstellte – zusammengeschlagen wurde. Der Polizeipräsident wußte es: »Sie müssen bedenken, nicht jeder Polizist hat den gleichen Auftrag. In diesem Fall handelt es sich um eine Absperrkette. Wenn der Polizeibeamte die Absperrkette etwa verlassen würde und würde jetzt nun versuchen, den anderen dort festzunehmen, dann würde die Absperrkette immer schwächer.« Ich war noch nicht ganz beruhigt: »Aber ist denn die Aufgabenteilung so streng, daß die Polizisten, die den Demonstranten festhalten, nichts dagegen unternehmen dürfen, wenn er von einem Nichtpolizisten geschlagen wird?« Kraus: »Sie dürfen es, wenn sie es könnten. Nur in dem Moment, wo sie sich dem anderen zuwenden, ist der, den sie jetzt festhalten, weg. Es ist ganz klar. Wenn zwei Leute einen halten und ein Dritter kommt dazu und schlägt auf den ein, dann heißt erstes Gebot, auf keinen Fall den Festgenommenen freilassen, zweitens, wenn möglich, die Angriffe auf den Festgenommenen abzuschirmen und drittens, wenn nicht möglich, Hilfe herbeizuholen oder herbeizuwinken.«

Mir wollte noch nicht so recht in den Sinn, daß die drei, vier Beamten, die den Demonstranten festhielten, überhaupt nichts gegen seinen Schläger unternehmen konnten. Mein Vorschlag: »Dachten vielleicht die Beamten, die ihn festhielten, er werde von einem Beamten in Zivil rechtmäßig geschlagen?« Doch Kraus kannte sich aus: »Sicherlich nicht. Denn ein Festgehaltener wird überhaupt nie rechtmäßig geschlagen. Das Schlagen ist nicht rechtmäßig, sondern das Abwehren ist rechtmäßig.«

So also muß man es nennen. Ich wußte nicht mehr recht, was ich diesen Polizeipräsidenten noch zu seiner Verhaftungsorgie vom 7. März fragen sollte. Der Mann hatte für alles einen Paragraphen, eine saubere Benennung. Ich versuchte es mutlos weiter. Ob er, wenn die gesuchten Randalierer sich nicht ins KOMM, sondern in ein Warenhaus geflüchtet hätten, ob er es dann auch umstellt und jeden festgenommen hätte? »Sicher nicht«, sagte er, oder doch? »Wenn dieses Warenhaus geschlossen gewesen wäre, und es hätten sich nur die Kassiererinnen darin befunden, wäre auch das Warenhaus umstellt worden und festgenommen worden.« Mitsamt den Kassiererinnen? »Ja, weil die Kassiererinnen leicht auszufiltern sind. Und dann hat man den Rest, ist doch ganz klar.«

Landfriedensbruch für alle

Acht Scheiben waren nach seinen Angaben bei der Demonstration zu Bruch gegangen. Dann können doch kaum mehr als zehn Gewalttäter Steine geworfen haben. Sind dann die restlichen 131, die er festnahm, unschuldig? »Nein, nach dem Landfriedensbruchgesetz begeht der Landfriedensbruch, der sich daran beteiligt. Das ist der ganz große Irrtum, der immer besteht. Das eine ist Versammlungsrecht. Nach dem Versammlungsrecht heißt das ganz eindeutig, daß nur der sich strafbar macht, der aus der Versammlung heraus Straftaten begeht. Wenn es aber in den Landfriedensbruch hineinrutscht, wenn sie sich in den Landfriedensbruch hineinrandalieren, dann kriminalisieren sie sich selbst.«

»20 allerhöchstens 30« Leute saßen im KOMM, als die Demonstranten zurückkehrten, sagte Kraus und gab damit zu, daß die nicht demonstriert hatten. »Da wurden also viele Tage lang 20 bis 30 Leute unschuldig festgehalten«, fragte ich. Kraus: »Kann man wegen der 20 alle anderen, die im Pulk dabei waren, laufenlassen?« Und dann sagte er, daß vor der Rückkehr ins KOMM sich »ein kleiner Teil vor dem KOMM abgesetzt« habe. Was tun, wenn dies die Fensterwerfer gewesen wären? Dieses einzige Mal wird Kraus unsicher, sagt plötzlich, was ihm sonst nie einfällt: »Ja aber – über den Stand der Ermittlungen habe ich keine Auskunft zu geben.«

Längst hatte er sich wieder in der Gewalt. Da fragte ich nach dem SPD-Bundestagsabgeordneten Egon Lutz. Der wollte seine Tochter aus dem von der Polizei umstellten KOMM herausholen, wurde sogar reingelassen. Er überredete die Eingeschlossenen zur friedlichen Übergabe, er komme mit aufs Polizeipräsidium, versprach er, und nach Feststellung ihrer Personalien würden sie entlassen. Doch entlassen wurde dort nur er, Kraus ließ ihn vor die Tür setzen. Ganz einfach. Lutz war, sagt mir der Polizeipräsident, »erkennbar alkoholisiert« und hatte eine »deutliche Fahne«.

Normales Rechtsempfinden

Ich war es müde, setzte mehrmals an, das Gespräch zu beenden, sein Pressesprecher war längst nervös geworden: Das lief doch alles auf Band. Aber der Polizeipräsident hörte eineinhalb Stunden lang nicht auf, war ich sein Beichtvater? Er klagte über die Jugend, nein, natürlich nicht über die Jugend, sondern nur über eine bestimmte Gruppe, bei der »das Unrechtsbewußtsein nicht mehr vorhanden« ist. »Das Unrechtsbewußtsein, das Sie haben, das ich habe, das wir alle haben, das uns in der ganzen westlichen freien Welt eigentlich gemeinsam verbindet.« Nur die »Randalierer«, die haben es nicht: »Ein Unrechtsbewußtsein, wo man sagt: Man darf nicht stehlen, man darf nicht morden.« Er schaute mich an, als sei ich sein Goldenes Kalb und fragt: »Was sind denn die Zehn Gebote anderes als einfach die Goldenen Regeln des Zusammenlebens. Und unsere Gesetze sind nichts anderes als die Regeln des Zusammenlebens.«

Bekümmert fragte er: »Warum haben die Eltern nicht dafür gesorgt, daß diese Leute ein normales Rechtsempfinden haben?« So eines wie, was gestern rechtens war, darf heute nicht Unrecht sein?

Er jedenfalls erzog seine Kinder richtig: »Sehn Sie, was habe ich in den letzten Tagen und Wochen mit meinen beiden Söhnen, vor allem mit dem Großen, geredet, der im ersten Moment, also wo das losgegangen ist, sagte, ja eigentlich haben doch die (Hausbesetzer) recht. Wenn die Spekulanten hier das alles verfallen lassen … Da mußte ich ihm sagen: Na freilich, so gesehen bin ich genauso unzufrieden wie du, nur jetzt schauen wir uns doch mal die einzelnen Fälle an. Wenn man ihm dann die einzelnen Fälle auseinandersetzt, wie es ist, wenn man nun also zu differenzieren beginnt, dann sieht es plötzlich ganz anders aus.«

Kraus war sichtlich stolz auf seinen Ältesten. Der hatte jetzt von ihm gelernt, selbständig zu denken. Treuherzig wirkte der Polizeipräsident und nahezu glaubwürdig, wie er da vor mir saß und mir endlos der schönsten Geschichten und Mären viele erzählt, wie völlig überrascht er von seiner eigenen Polizeiaktion am 6. März gewesen sei und daß es in Nürnberg eine ganz strenge Trennung der Gewalten zwischen Polizei und Justiz gebe. Erst Wochen später wurden ja die Zeugenaussagen bekannt, daß schon lange vor der spontanen Massenverhaftung von Nürnberg in ganz Bayern die Gefängniszellen gebucht waren.

Und so entließ mich der Nürnberger Polizeipräsident, zufrieden mit sich und in der Hoffnung, »daß die Leute doch nachzudenken beginnen«. Wirklich: »Wenn die ganze Aktion das bewirkt hätte, daß man einfach nachzudenken beginnt, dann – glaube ich – hätte die Aktion nicht nur den Rechtsgehalt gehabt, sondern sogar die moralische Rechtfertigung.«

* * *

Als ich im März 1981 mit dem Polizeipräsidenten sprach, wußte ich noch nicht, was er ganz genau wußte. Und was erst im Mai durch eine Stern-Veröffentlichung bundesweit bekannt wurde: Am 19. Dezember 1980 – elf Wochen vor dem Polizeiüberfall auf das KOMM – war in Nürnberg der Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Shlomo Levin zusammen mit seiner Lebensgefährtin ermordet worden. Er hatte sich durch seine ständige Kritik an Nürnberger Neonazis, insbesondere an der Wehrsportgruppe, unbeliebt gemacht. Neben den Leichen wurde eine Waffe aus dem Arsenal des Wehrsportgruppenführers Karl-Heinz Hoffmann gefunden und die Sonnenbrille seiner Braut. Die Nürnberger Ermittler gaben sich, als sie nach sechs Wochen bei ihr nachfragten, mit der Auskunft zufrieden, sie habe irgendwann mal die Brille verloren. Jahrelang mußte ich Nürnbergs untätige Justiz mit Anfragen terrorisieren, bis es endlich 1984 zum Verfahren kam. Als Täter wurde schließlich Wehrsportgruppenmitglied Uwe Behrendt dargestellt. Er hatte sich in den Libanon abgesetzt und soll dort kurz vor Prozeßbeginn einem »Selbstmord« zum Opfer gefallen sein. Um Franz Josef Strauß in der von der bayerischen Justiz untersagten Kurzform zu zitieren: »Wir räumen so auf«, er jedenfalls wollte so aufräumen lassen, »daß bis zum Rest dieses Jahrhunderts von diesen Banditen es keiner mehr wagt, in Deutschland das Maul aufzumachen.«

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