26. April 2012

»Der Rhythmus des Todes«

Das von der Legion Condor zerstörte Gernika - Quelle: Wikipedia

Geschichte. Ohne Hitler kein Sieg Francos: Vor 75 Jahren bereitete sich die deutsche Wehrmacht in Spanien auf den Zweiten Weltkrieg vor, indem sie die baskische Stadt Gernika dem Erdboden gleichmachte

Gerd Schumann

Beruf Soldat: Der deutsche Militarismus baute allzeit auf ein seinem äußerst aggressiven und brutalen Charakter entsprechendes Führungspersonal. Dienstrang und Auszeichnungen bestimmten über den Grad der Anerkennung. Im praktischen Einsatz potenzierten sich die Karrierechancen. In der Zwischenkriegszeit galt ab 1936 die – streng geheime – Beteiligung am Spanien-Krieg als Möglichkeit, sich entsprechende Meriten zu verdienen. So gesehen verwunderte der gewaltige Andrang zum Dienst in der »Legion Condor« 1936 kaum. Auf der Iberischen Halbinsel probte das vielköpfige deutsche Freiwilligenheer zwischen Herbst 1936 und Frühling 1939 Kampf- und Vernichtungsstrategien für die bevorstehenden Feldzüge gen Westen und Osten, und viele der ausländischen Söldner Francos konnten schon vor dem Überfall auf Polen auf einen schnellen Aufstieg in der militärischen Hierarchie zurückblicken. Zuvorderst steht hierfür der Name Werner Mölders.

Deutsche Legionäre

Mölders’ Leben endete am 22. November 1941. Der zwei Monate zuvor zum General der Jagdflieger ernannte 28jährige hatte sein Stabsquartier im schwarzmeernahen Cherson am Dnjepr verlassen und in Begleitung seines Adjutanten die bereitstehende Heinkel 111 bestiegen, um über Lemberg nach Berlin zu reisen. Dort sollte er auf höchsten Befehl hin Ehrenwache am Sarg von Generalluftzeugmeister Ernst Udet halten. Ob Mölders, ein vorgeblich gläubiger Katholik, noch ein letztes Mal beten konnte, bevor die Maschine in Breslau-Gandau nach Motorschaden bei schlechter Sicht abstürzte und zerschellte, ist nicht überliefert. Nur, daß der höchstdekorierte Soldat der Naziwehrmacht nun selbst im Beisein Hitlers und Görings in einem Staatsakt nahe der Gräber Udets und Manfred von Richthofens auf dem Berliner Invalidenfriedhof beigesetzt wurde. In seiner Funktion als Jagdflieger-General beerbte ihn Adolf Galland. Von diesem hatte Mölders seinerseits vier Jahre zuvor die Position eines Staffelkapitäns der Legion Condor in Spanien übernommen, war mit seiner Messerschmidt-Staffel an Putschgeneral Francisco Francos Seite zur »Galionsfigur des Dritten Reiches« (RBB, 7.6.2007) geworden.

Mancher Personenwechsel auf den verschiedenen Befehlsebenen des deutschen Soldatentums erfolgte, weil Posten eher überraschend frei wurden: Der drogenabhängige Udet beging Selbstmord, deprimiert, weil ihm der Morphinist Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, wegen Versagens im Luftkrieg gegen England die kalte Schulter zeigte. Göring wiederum war 1918 nach Richthofens Tod einer von dessen Nachfolgern gewesen. Udet hatte im Ersten Weltkrieg mit 62 Abschüssen auf Rang zwei der erfolgreichsten deutschen Jagdflieger gelegen hinter »The Red Baron«, wie Freiherr von Richthofen von den Engländern wegen seines rot-gestrichenen Jagdfliegers genannt wurde, Er hatte bestätigte 80 feindliche Fluggeräte vom Himmel geholt.

Krieger wie aus dem germanischen Bilderbuch vor und nach der Weimarer Republik. Idole der Hitler-Jugend, Ritterkreuzträger allesamt – und Schlächter der übelsten, also uniformierten Sorte. Mölders hatte sich 1936 als einer der ersten Männer freiwillig zur »Legion Condor« gemeldet. Als er starb und persönlich kein Unheil mehr anrichten konnte, standen auf seinem Konto 14 Abschüsse von Flugzeugen der spanischen Republik, 68 der Westalliierten und 33 der sowjetischen Luftstreitkräfte. Auf das Konto der deutschen Legionäre im spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) ging nicht mehr und nicht weniger als die Niederlage der Volksfrontregierung aus Sozialisten, Republikanern, Kommunisten sowie katalanischen Gruppen. Ohne die insgesamt etwa 20000 Elitesoldaten Hitlers, die in Spanien zum Einsatz kamen, hätte General Franco nicht siegen können. »Als sich die Niederlage für die Putschisten abzeichnete«, so der Historiker Herbert Mayer, waren ihm Italien und Deutschland »mit Truppen, Waffen, Flugzeugen, Kriegsschiffen und anderem Kriegsmaterial zu Hilfe« geeilt. Am 26. Juni 1936, symbolträchtig bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, hatte Hitler den Putschisten nicht nur zehn Transportflugzeuge bewilligt, sondern ihnen zudem ein ganzes Kampfgeschwader versprochen.

Göring leitete von Berlin aus den »Sonderstab W«, am 25. Oktober 1936 fixierten die beiden faschistischen Mächte Italien und Deutschland ihre Parteinahme für Franco schriftlich; die »Operation Feuerzauber«, so der Codename, begann. Knapp drei Jahre danach standen Hunderttausende Berliner an der Ost-West-Achse (heute: Straße des 17. Juni) Spalier, als 15000 Exlegionäre durch das Brandenburger Tor marschierten. Zuvor hatte Göring bereits im Hamburger Hafen die Meldung von deren »glücklicher und siegreicher Rückkehr« entgegengenommen – persönlich aus dem Mund des deutschen Oberbefehlshabers an der Seite Francos, Generalmajor Wolfram von Richthofen (1895–1945).

»Jung-Siegfried«

Über »Ulf«, wie der 1945 an einem Gehirntumor im Bett verstorbene Sproß im Familienverband derer von Richthofen auch genannt wurde, wußte später Dr. jur. Hartmann Freiherr von Richthofen zu berichten: »Schon seine Physiognomie, das stark hervortretende Jochbein, die kühlen, wachsam prüfenden Jägeraugen, die wie zum Pfiff geschürzten schmalen Lippen offenbarten den eigenwilligen Charakter.« Kühle Jägeraugen also: Während Manfred zweifelsohne »der in mystischen Bereichen wurzelnden Vorstellung des deutschen Volkes von der Wiederkehr eines Jung-Siegfried in der Stunde äußerster nationaler Gefahr vollständig entsprach«, habe sich Wolfram »seine beispiellose militärische Laufbahn« – er war der »jüngste Feldmarschall der Wehrmacht« – gegen verschiedene Widerstände hart erarbeiten müssen. Was er erreichte, verdankte er »ausschließlich der eigenen Leistung«.

Condor-Führer »Ulf« von Richthofen und dessen Legionäre sorgten nicht nur mit für die Durchsetzung einer jahrzehntelangen faschistischen Diktatur in Spanien – erst Ende 1975 starb Caudillo Franco, einer der vier »noblen Generale« –, sondern auch dafür, daß der Name Gernika-Lumo (span.: Guernica) auf ewig weltweit als Synonym für die Schrecken des Krieges stehen wird. Am 26. April 1937 griff die deutsche Legion den kleinen baskischen Ort aus der Luft an. »Es war der erste Auslandseinsatz der neuen NS-Reichsluftwaffe und der erste vernichtende Luftangriff auf ein ziviles Flächenziel in der Militärgeschichte«, so Gerhard Piper in der antimilitarismus information (7-8 2003). Der Historiker Michael Kasper wertet das Gernika-Massaker zugleich als »Probe und Auftakt der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs«.

Über die Gründe für die systematische Zerstörung einer militärisch und strategisch unbedeutenden Stadt mit ihren etwa 7000 Einwohnern sowie den dort schutzsuchenden Tausenden Flüchtlingen kursieren viele Theorien. Drei davon haben Bestand: Die Bedeutung des baskischen Widerstands, der Antibolschewismus aller Täter und der militärtechnische Probecharakter ihrer Tat.

Stadt der Basken

»Gernika wurde nicht berühmt, weil es bombardiert wurde. Gernika wurde bombardiert, weil es berühmt war«, meinte einst Gernikas ehemaliger Bürgermeister Eduardo Vallejo und deutete die Motive Francos an, mit der Stadt das historisch-kulturelle Zentrum des Baskenlandes zu treffen. Unter Gernikas berühmter Eiche hatten die kastilischen Königshäuser über Jahrhunderte beeiden müssen, die Sonderrechte (Fueros) der ehemals weitgehend autonomen historischen Region inklusive Navarras zu achten. Demnach konnten Basken weder zum Militärdienst außerhalb ihres Landes noch zur Steuer gezwungen werden. Aus Sicht der Franco-Putschisten stand der Ort am Ora-Fluß für eine tief verwurzelte Widerständigkeit gegen die Madrider Zentralgewalt. Diese hatte zwar im neunzehnten Jahrhundert die Fueros abgeschafft, doch nun stand im Zeichen der Volksfrontregierung in Madrid ein neues Autonomiestatut kurz vor seiner Etablierung – beispielgebend auch für andere Regionen und also ein bedeutender inhaltlicher Orientierungs- und Motivierungsgrund für den Kampf gegen Francos Feldzug im eigenen Land.

»Angst und Schrecken«

Zudem hatte der Putschgeneral Emilio Mola mit Beginn des langfristig vorbereiteten Aufstands gegen die Frente Popular in den von seinen Truppen besetzten baskischen Provinzen Navarra und Alava seine Herrschaft mit äußerster Brutalität durchgesetzt und Massenfluchten verursacht. Am Tag der Verhängung des Ausnahmerechts in Irunea (span.: Pamplona), dem 19. Juli 1936, verkündete er: »Man muß Angst und Schrecken verbreiten (…), man muß das Gefühl der Herrschaftsgewalt zurücklassen, die ohne Skrupel und Schwanken alle jene eliminiert, die nicht so denken wie wir.« Es folgte, wie Michael Kasper schreibt, »die Repression gegenüber Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten. Die Verfolgung weitete sich auf die baskischen Nationalisten aus, nachdem General Mola ihre Organisationen am 18. September 1936 verboten hatte. Die Repres­sion in Navarra war außerordentlich hart: Von Juli bis Dezember wurden zwischen 1500 und 3000 Personen hingerichtet.«

In den Provinzen Biscaya und Gipuzkoa scheiterte das vor allem aus Karlisten und Falangisten bestehende Heer Molas. Republikanische Milizen konnten »nach blutigen Kämpfen die Aufständischen besiegen« (Kasper). Gipuzkoa blieb bis in den Herbst hinein frei. Danach wurden allein in Donostia (span.: San Sebastian) laut Kaspar 1600 Personen festgenommen: »Verhaftungen und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung. Der Gebrauch der baskischen Sprache wurde mit hohen Geldstrafen belegt. Alle baskischen Bücher, die sich in Bibliotheken und Privathaushalten befanden, wurden verbrannt.« Erst am Fluß Deba, an der Grenze zwischen Gipuzkoa und Biscaya, gelang es Ende September, den faschistischen Vormarsch zum Stehen zu bringen.

Die Front hielt bis zum Frühjahr 1937. Doch während Franco zu dieser Zeit vor Madrid scheiterte, startete Mola am 31. März eine Großoffensive gegen Biscaya und dessen strategisch wichtige Schwerindustrie in Bilbo (span.: Bilbao) und Barakaldo. 50000 gut ausgerüstete Söldner standen ihm zur Verfügung. Zudem konnte er auf die Unterstützung der Legion Condor bauen, die im baskischen Gasteiz (span.: Vitoria) und in Burgos etwa hundert Flugzeuge nebst Wartungspersonal sowie 5000 Elitekämpfer stationiert hatte. Die ausländischen Faschisten waren am Angriff von Beginn an beteiligt – gleich an dessen erstem Tag hinterließen italienische Flugzeuge in Durango 248 Tote und eine zerstörte Stadt. Gernika folgte dreieinhalb Wochen später. Laut Kasper sollten die Bombardements »das Vorrücken des Heeres vorbereiten und die Bevölkerung und die Truppen demoralisieren«.

Baskische Kapitulation

Am 18. Juni, nachdem die Faschisten den »Eisernen Gürtel« um Bilbo durchbrochen hatten, zogen sich die Gudari (baskische Kämpfer) zurück. Die autonome baskische Regierung war nicht dazu bereit gewesen, die Stadt in ein »zweites Madrid zu verwandeln« und »auf monatelangen Straßenkampf zu setzen« (Kasper). Entgegen den Anweisungen der Volksfront aus Madrid wurden die Industrieanlagen, die Eisenhütten, Werften und Eisenerzminen nicht zerstört. Diese sollten »später für den endgültigen Sieg des franquistischen Spaniens sehr wertvoll sein«, meint der Baskenland-Spezialist Kasper. Er teilt die Position von Manuel Azana, Präsident der spanischen Republik, aus dem Herbst 1937, wonach »die Nationalisten nicht für die Sache der Republik«, sondern »nur für ihre Autonomie und halbe Unabhängigkeit« gekämpft hätten. Die Putschisten waren zwar noch weit davon entfernt, die Volksfront spanienweit zu zerschlagen, doch aus nationalistischer Sicht der baskischen Politiker war der Krieg verloren. Sie »hatten nicht Spanien, sondern das Baskenland verteidigt« (Kasper). Ihr Rückzug schwächte die Republik, die auch Hoffnungsträgerin für eine weitgehende baskische Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht gewesen war.

Als der Lehendakari (Präsident) des Baskenlandes, José Antonio Aguirre (1904–1960), Bilbo aufgab, machte er damit den Weg für die falangistischen Zentralstaatsfetischisten auf Jahrzehnte frei. Biscaya und Guipuzkoa wurden offiziell zu »Verräterprovinzen« erklärt. Die Basken selbst mußten in der Folge die bittere Erfahrung machen, daß ihre Kapitulation von den Franquisten keinesfalls gewürdigt wurde. Auch an der Politik der eisernen Faust gegen das Baskenland änderte sich nichts – Verhandlungen hin oder her: Trotz gegenteiliger Zusagen wurden die baskischen Gudari nicht evakuiert. Die meisten von ihnen kamen in spanische Konzentrationslager, ein geringerer Teil wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und hingerichtet. »Das große Jahr der baskischen Freiheit«, wie der Schriftsteller Hermann Kesten in seinem Roman »Die Kinder von Gernika« die kurze Periode der territorial eingeschränkten Selbstregierung 1936/37 nennt, war vorbei.

Aus deutscher und italienischer Sicht entsprach die – öffentlich lange bestrittene – Beteiligung am Krieg auf fremdem Boden zum Sturz einer legal gewählten Regierung der Logik des eigenen strikt antibolschewistischen Kurses national wie international. Linke Ideen und die Praxis der Volksfront in Madrid und Paris 1936 nahmen sie als Bedrohung ihrer Vorhaben wahr.

Außerdem bot Spanien ein hervorragendes Testfeld für neue Waffensysteme, einen riesigen Truppenübungsplatz für fast alle Waffengattungen und auch für Ausbilder, die sich um die militärische Qualifizierung der Franco-Truppen kümmerten. Gernika schließlich nahm das Vernichtungskonzept vorweg, das Jahre später in der Sowjetunion als »verbrannte Erde« flächendeckend praktiziert wurde. Dazu gehörten militärtechnisch die Bombardierung eines geschlossenen, bewohnten Gebiets, der Einsatz und die Entfaltung von Brandmitteln sowie die Verfolgung und Beschießung Überlebender aus der Luft.

Der 26. April 1937

Die junge Schülerin Itziar de Arzanegi besuchte am Nachmittag dieses 26. April 1937, ein Montag und Markttag, Verwandte außerhalb der Stadt. »Wir liefen in Richtung Berge, immer schneller, immer weiter, doch die Flugzeuge kamen näher, ganz nahe, wir konnten die Gesichter der Piloten erkennen, schmissen uns zu Boden.« Die Kinder versteckten sich in einem Pinienwald. »Und dann sah ich diese Frau, eine ganz arme, die fing an zu schreien und zu toben. Sie sprang auf und beschimpfte und drohte den Fliegern, ihre Worte will ich nicht wiederholen. Wir konnten sehen, wie die Frau erschossen wurde, es war ganz nah. Ich weine immer noch, wenn ich mich daran erinnere.«

Itziar, nun eine alte Dame – schlank und aufrecht saß sie uns vor Jahren im Museum von Gernika gegenüber und dachte zurück. Als sie in der verbrannten Stadt ihren Vater lebend wiederfand, saß der dort auf den Trümmern, den Kopf in die Hände gestützt, sprachlos. »Mit fünf anderen hatte er sich im Keller versteckt. Die waren alle tot.«

Mit dem Gernika-Massaker schlug auch die Stunde der Kriegspropaganda, die Lügen als Wahrheit verkauft. Die Schuldigen behaupteten unisono ihre Unschuld und zeigten mit dem Finger auf die Republik. Das Franco-Regime hielt noch jahrzehntelang an seiner Version fest, wonach »die Roten« die Stadt in Brand gesetzt hätten. Opfer wurden als Täter verleumdet, Gernika als Inszenierung präsentiert, skrupellos suggerierten die Faschisten zur Irreführung der Weltöffentlichkeit eine Art kollektive Selbstvernichtung.Ž

Dabei hatte ein britischer Reporter schon recht schnell die Lügen mit einem Augenzeugenbericht erschüttert. George Lowther Steer, Korrespondent der britischen Times, schrieb in Bilbo das auf, was er von der »Operation Rügen« – so nannten die Nazis die Bombardierung Gernikas – gesehen und in der Stadt selbst gehört hatte. Sein Artikel erschien am 27. April unter der Schlagzeile »The Tragedy of Guernica« in The Times und wurde vielfach nachgedruckt, darunter in The New York Times und Neue Zürcher Zeitung, Abendausgabe 27.4.1937. Steer berichtete von den todbringenden Bombern und Jägern der deutschen Marken Heinkel und Junkers und daß ganz Gernika in kürzester Zeit in Flammen gestanden habe.

Um 16.30 Uhr, der Markt war voll, und es strömten immer noch Menschen auf den Platz, griffen sie an und begleiteten – so Steer – nach dem Vorbild ihrer Attacke auf Durango vom 31. März 1937 die Mola-Offensive. Die Taktik mit drei koordinierten Bombardements als Kern »könnte Studenten der neuen Militärwissenschaft interessieren«, erkannte Steer die neue Dimension der Kriegführung und nennt sie »Der Rhythmus des Todes«. Steer: »Die ganze Stadt wurde systematisch vernichtet. Die Taktik der Angreifer war ganz klar: zuerst schwere Bomben und Handgranaten, um die Bevölkerung zu sinnlosen Fluchtversuchen zu veranlassen, dann Maschinengewehrfeuer, um sie in unterirdische Verstecke zu treiben und dann schließlich Zerstörung dieser Unterstände mit schweren Feuerbomben.« Göring erklärte dazu in Nürnberg 1946, Gernika sei »eine Art Prüfstand für die Luftwaffe« gewesen, denn »damals konnte man sich diese Erfahrung nirgendwo anders holen«.

»Kalt geschlachtet«

Die Zahl der Toten ließ sich nur schätzen. Sie liegt unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen zweihundert und »fast zweitausend« (DeutschlandRadio, 25.4.2007). Versuche, das Grauen in Worte zu fassen, blieben Versuche. Hermann Kesten läßt seinen Protagonisten Carlos Espinosa, einen jungen Flüchtling aus Gernika, schier verzweifeln: »Da liegen lauter Unschuldige, kalt geschlachtete Opfer. Aber die großen Opferer sitzen in tausend Meilen Entfernung und sagen am Radio: Wie groß bin ich! Und töten Kinder, in fremden Ländern, aus der Luft. Kämen die doch wie eiserne Sturmvögel herübergeflogen und setzten sich auf dem Feld nieder, wo Gernika stand und wetzen die krummen Schnäbel und hackten das Fleisch der Opfer. Da, friß das Fleisch meines Brüderchens Ghil, er war sieben Jahre alt …«.

Pablo Picasso schuf unter dem direkten Eindruck des Grauens sein berühmtes Gernika-Bild für den Pavillon der Republik Spanien auf der Pariser Weltausstellung 1937. Auf dreieinhalb Metern Höhe und acht Metern Breite bündelt er eine Fülle von Figuren und Motivgruppen von häufig eindeutiger, doch zugleich auch immer wieder neu deutbarer Symbolik, Stier, Krieger, Lichtträgerin, fliegende Frau. »Das Abscheuliche unserer Feinde hat die schale Farbe unserer Nacht« (Picasso) – eine in schreienden Bildern formulierte Anklage: »Der Stier bedeutet Brutalität, das Pferd bedeutet das Volk.« In seinem gesamten Werk existiere »keine bewußt-propagandistische Absicht … außer im Gernika-Bild«, so der Künstler.

Gernika in New York

Das bemerkten selbst die stupiden »Bush-Krieger« (Werner Pirker), auf deren ausdrücklichen Wunsch hin das Gemälde-Duplikat im UN-Sicherheitsrat zu New York, gestiftet 1985 von Nelson Rockefeller, verhängt wurde. Erst danach wagte es Colin Powell, George W. Bushs Außenminister, der Weltöffentlichkeit seine Lüge von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen zu servieren. Man schrieb den 4. Februar 2003. Am 20. März griffen die USA mit Raketen, Marschflugkörpern und Bombern Bagdad an. Ihre Vernichtungstaktik nannten sie »Shock and Awe« (Schrecken und Ehrfurcht), quasi eine Weiterentwicklung des Gernika-Konzepts auf militärtechnisch höherem Niveau: Auch das postfalangistische Aznar-Spanien hatte sich eingereiht in die »Koalition der Willigen«, eines völkerrechtswidrigen Bundes, dem ein UN-Mandat verweigert worden war – trotz der Verhüllung des Picasso-Gemäldes.

Mölders heute

Nein, die Vergangenheit ist nicht tot. Nach Mölders, unter anderem Träger der franquistischen Orden Medalla de la Campana und Medalla Militar, benannte die deutsche Bundeswehr einen Zerstörer, eine Kaserne und eine Jagdfliegerstaffel. Im Gegensatz zur DDR, in der ehemalige deutsche Interbrigadisten, die an der Seite der spanischen Volksfront gekämpft hatten, bis in Ministerränge aufstiegen, machten in der BRD ehemalige Legionäre Karriere. Zu ihnen zählen: als Generäle Oberleutnant Hannes Trautloft, Major Adolf Galland und Oberst Erwin Jaenecke, als Generalinspekteur Heinz Trettner. Leutnant Hans Asmus, Adjutant des Schlächters von Gernika, General Wolfram von Richthofen, brachte es zum Generalmajor der Bundesluftwaffe.

Daran, die Täter etwa zur Rechenschaft zu ziehen, wurde in bundesdeutschen Landen bis heute nicht einmal gedacht. Es gab keinerlei staatsanwaltschaftliche Erwägungen, gegen die fliegenden Mörder von Gernika zu ermitteln. Auch 75 Jahre danach ist – anders wie seit Oktober 2011 in Sachen des SS-Massakers von 1944 im französischen Oradour-sur-Glane – von Strafverfolgung keine Rede. Die Entschuldigung, zu der sich Bundespräsident Roman Herzog 1997 bei einem Besuch in Gernika nach massivem Druck durchrang, blieb eine Geste. Die »Spanische Allee« in Berlin, die zum 6. Juni 1939 »anläßlich des Einzugs der aus Spanien zurückkehrenden deutschen Freiwilligen«, so das Amtsblatt damals, seinen Namen erhalten hatte, heißt immer noch »Spanische Allee«. 36 Jahre nach Franco, 75 Jahre nach Gernika.

»Nicht wie in andere Städte kommst Du in diese Stadt«, besang Franz Josef Degenhardt einmal Wolgograd, vormals »Stalingrad«, Stadt der Wende im Kampf gegen die Invasoren, »Beginn vom Ende der Hitler-Faschisten / und hinter ihnen der Herren«. Der Sänger meinte mit dem »Du« sich selbst, den Wolgograd-Besucher aus dem Land der Mörder. Er sagt: »Und nichts ist vergessen, nichts ist vergessen und niemand.« Das gilt ebenso für Gernika.

Literatur:

– Hermann Kersten, Die Kinder von Gernika; Allert de Lange, Amsterdam 1939

– Michael Kasper, Baskische Geschichte, Darmstadt 1997

– Gerd Schumann/Florence Hervé, Baskenland. Frauengeschichten-Frauengesichter, Berlin 2000

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/04-26/025.php