19. Oktober 2013

»Der Tod macht alle frei«

»Es ist ein Kreuzzug, ’s ist ein heil’ger Krieg« (Theodor Körner) (Einsegnung des Lützower Freikorps, zu dem Körner gehörte, 27.3.1813) - Fotoquelle: jW-Archiv

Statt positiver Zukunft Untergang: Schriftsteller als Propagandisten eines Krieges gegen Napoleon

Kai Köhler

Die Französische ­Revolution revolutionierte auch die Kriegsführung. An die Stelle der Berufsheere des 18. Jahrhunderts traten Massenaufgebote, Wehrpflicht und oft auch ideologische Überzeugung. Konsequenz war eine Kette von Niederlagen der alten Mächte, die von der Kanonade von Valmy 1792 bis zu Österreichs Untergang bei Austerlitz 1805 und dem von Preußen bei Jena und Auerstedt 1806 führte. Damit war klar: Die napoleonische Hegemonie, die 1806 in Mitteleuropa etabliert war, konnte ohne Aneignung der neuen Methoden nicht gebrochen werden. Die Fürsten mußten das Neue lernen, um das Alte wiederherzustellen.

Das schuf ein neues Betätigungsfeld für nationalistische Schriftsteller. An sich war literarische Kriegspropaganda nicht neu. Auch den absolutistischen Herrschern war ihr Bild in der Öffentlichkeit nicht völlig gleichgültig gewesen, auch ein Friedrich II. von Preußen hatte im Siebenjährigen Krieg seinen Johann Wilhelm Ludwig Gleim und seine Anna Louisa Karsch gehabt, die für ihn dichteten. Doch stand damals nur zur Debatte, welcher Staat Deutschland dominieren sollte, nicht aber, welche innere Verfaßtheit die Staaten haben sollten. Die nachrevolutionäre, napoleonische Lage eröffnete andere Perspektiven: Es waren verschiedene Staatsformen denkbar. Damit überkreuzen sich innerstaatliche und zwischenstaatliche Konflikte.

Napoleons Reformen brachten Fortschritt: größere Wirtschaftsräume, gesicherte Rechtslage. Sie brachten dem progressiven Bürgertum langfristige Entwicklungsperspektiven – allerdings war dies nur schwer wahrnehmbar, wenn immer neue Steuern und Truppenkontingente für Napoleons Kriege zu stellen waren. Zeitgenössisch schien es überzeugende Gründe zu geben, gegen seine Herrschaft zu kämpfen.

Das mußte nicht notwendig ein Kampf gegen eine »Fremdherrschaft« sein. Die meisten Bewohner Deutschlands sahen sich nach 1806 als Angehörige eines Standes, einer Religion, als Untertan eines bestimmten Herrscherhauses. Patriotismus bezog sich zumeist auf den Teilstaat, nicht auf das untergegangene Reich. Deutsches Nationalbewußtsein war Angelegenheit einer kleinen, zumeist bürgerlichen Minderheit.

Für die Intellektuellen unter ihnen bietet die napoleonische Hegemonie mit ihren alltäglichen Härten jedoch eine Chance. Nationalstereotypen, die es schon seit längerem gab, sollten zu einem wesentlichen Identitätsmerkmal erhoben werden. Dieser Ansatz entsprach keinem Interesse von Fürsten: Welcher Territorialherrscher konnte schon wollen, daß sein Handeln vom Standpunkt eines gesamtnationalen Ziels beurteilt würde! Andererseits brauchten die Fürsten, soweit sie wie der preußische König und der österreichische Kaiser Napoleon loszuwerden hofften, Kämpfer, die für irgendwas begeistert waren.

Wer wen?

Es stellte sich also die politische Frage schlechthin: Wer wen? Da man doch gemeinsam gegen Napoleon kämpfen wollte, wurde diese wechselseitige Instrumentalisierung verdeckt ausgefochten. Eines der Lieblingsworte der Texte ist »Freiheit«. Wessen Freiheit, wovon und wozu, das blieb fast notwendig ungenau.

Freilich, wer sich in der Politik tarnt, muß sich irgendwann enthüllen und in diesem Moment eine Machtbasis haben. Wer immer nach 1806 demokratische Reformen wollte oder nur auf eine konstitutionelle Monarchie zielte, hatte keine solche Grundlage. Die politisch stärkste Kraft, die Fürsten, kassierten darum nach Napoleons Niederlage den ganzen Gewinn ein, und so zählt für die Wirkung eben doch nur das Geschriebene. Ich möchte das im folgenden für zwei Autoren zeigen, die auf einen Volkskrieg hofften: Heinrich von Kleist und Theodor Körner.

Ein Volksaufstand gegen die napoleonische Hegemonie war für Monarchen Preußens und Österreichs, die sich durch Napoleon eingeschränkt sahen, Lock- und Schreckbild zugleich. Der Volkskrieg war die Möglichkeit, die Erben der Französischen Revolution mit den eigenen Waffen zu schlagen, bedeutete aber eine revolutionäre Erfahrung der Bevölkerung, deren Folgen schwer beherrschbar schienen. Nur zweimal, für jeweils wenige Monate, drohte eine solche Lage: erstens während des österreichischen Krieges im Frühsommer 1809, für den Kleist eine Propagandazeitschrift vorbereitete, und zweitens nach Napoleons Niederlage in Rußland 1812, als Preußens König Friedrich Wilhelm III. im April 1813 sein Landsturmedikt erließ und Körner als Freikorpskämpfer seine Lieder dichtete.

Beide Male kam es nicht zum Volkskrieg, und Deutschland blieben die Verheerungen erspart, die damals Spanien um Jahrzehnte in seiner Entwicklung zurückwarfen – Goya hat sie in seinen Radierungen festgehalten. 1809 kam es nur in Tirol zu längeren Kämpfen, 1813 wurde das Landsturmedikt schnell entschärft. Was von den Freikorps im Frühherbst 1813 noch übrig war, wurde den regulären Armeen angeschlossen, die dann Napoleons Truppen besiegten. Die Ideen von Kleist, Körner und ihren Freunden waren zunächst illusionär, wirkten jedoch längerfristig.

Zuerst also zu Heinrich von Kleist, der im Frühjahr 1809 die Zeitschrift Germania plante. Wegen der schnellen Niederlage des österreichischen Militärs wurde nichts daraus. Dennoch sind mehrere politische Schriften Kleists aus dieser Zeit überliefert.

Der Aufsatz »Was gilt es in diesem Kriege?« skizziert zunächst, worum es gerade nicht gehen soll. Kleists Auflistung markiert eine Abkehr von den Fürstenkriegen des 18. Jahrhunderts. Es gelte nicht lediglich, »eine Provinz abzutreten, einen Anspruch auszufechten, oder eine Schuldforderung geltend zu machen«. Kleist will keinen »Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein Schachspiel geführt wird; bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine Leidenschaft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der Beleidigung getroffen, emporzuckt«.

Echtes Gefühl versus Fürsteninteresse: Die Entgegensetzung scheint bürgerlich und anti-absolutistisch. Der längere, positive Teil des Aufrufs bestätigt dies auf den ersten Blick: »Eine Gemeinschaft gilt es, deren Wurzeln tausendästig, einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt; deren Dasein durch das Dritteil eines Erdalters geheiligt worden ist.« Also Moral, durch Dauer geheiligte Sittsamkeit, aber keine politische Konkretisierung. Kleists Gemeinschaft kennt weder Entwicklung noch eine institutionelle Vermittlung gesellschaftlicher Gruppen, sondern nur Tugend und Naturbilder wie die Eiche. Am Ende des Aufrufs steht keine positive Zukunft, sondern der Untergang: »Eine Gemeinschaft mithin gilt es, (…) deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur mit Blut, vor dem die Sonne erdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll.« Hier zeigt sich eines der auffälligsten Motive der antinapoleonischen Literatur überhaupt: Stillstellung im Tod statt politischer Zukunftsvorstellungen.

Ein nationales Dogma

Das prägt auch Kleists »Katechismus der Deutschen«. Wie im religiösen Katechismus, einer damals sehr bekannten Textsorte, geht es nicht darum, die Wahrheit zu finden. Das Frage-und- Antwort-Spiel von Sohn und Vater dient vielmehr dazu, einen dogmatisch gesetzten Inhalt einzuprägen.

Das Kapitel »Von der Liebe zum Vaterlande« beginnt zum Beispiel so: »Frage: Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? Antwort: Ja, mein Vater; das tu ich. Frage: Warum liebst du es? Antwort: Weil es mein Vaterland ist.« Im folgenden versucht der Vater, dem Sohn allerhand Begründungen zu entlocken, wie: »Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?« Doch könnte ein Argument widerlegt werden. Der Sohn indessen besteht die Prüfung und läßt sich nicht dazu verlocken, Gründe anzugeben. Er beharrt auf immer derselben zirkulären Begründung.

Dasselbe Schema zeigt sich im dritten Kapitel, in dem es unter anderem um die Kriegsschuldfrage geht. Der Abschnitt schließt mit dem Dialog: »Frage: Also, wenn zwei Angaben vorhanden sind, die eine von Napoleon, dem Korsenkaiser, die andere von Franz, Kaiser von Österreich: welcher glaubst du? Antwort: Der Angabe Franzens, Kaisers von Österreich. Frage: Warum? Antwort: Weil er wahrhaftiger ist.«

Die kaiserliche Autorität wird also nicht angetastet. Überhaupt stehen Franz II. und sein Handeln für Deutschland insgesamt. Es fragt sich allerdings, welchen Status die mit Napoleon verbündeten Fürsten haben. Das wird im zehnten Kapitel, »Von der Verfassung der Deutschen«, abgemacht. Vater und Sohn kommen aus Sachsen, also einem Rheinbundstaat. Der Vater prüft den Sohn, indem er ihm auf die Frage, wer sein Herr sei, eine falsche Antwort suggeriert: Dies sei der König von Sachsen. Der Sohn antwortet richtig: »Das war dieser edle Herr, mein Vater, als er noch dem Vaterlande diente. Er wird es auch wieder werden, so gewiß als er zu seiner Pflicht, die ihm befiehlt, sich dem Vaterlande zu weihen, zurückkehrt. Doch jetzt, da er sich, durch schlechte und bestochene Ratgeber verführt, den Feinden des Reichs verbunden hat, jetzt ist er es, für die Wackeren unter den Sachsen, nicht mehr, und dein Sohn, so weh es ihm tut, ist ihm keinen Gehorsam schuldig.«

Politisch ist diese Position aus kaiserlicher Sicht prekär. Zwar schiebt Kleist die moralische Schuld an der sächsischen Politik den schlechten Ratgebern zu und entlastet damit den Fürsten. Doch bleibt die Provokation, daß Untertanen die Politik ihres Herrschers beurteilen und gegebenenfalls die Herrschaft für illegitim erklären. Was denn mit dem sächsischen König geschieht, wenn er nicht zu seiner vaterländischen Pflicht zurückkehren sollte, das bleibt offen – der Schluß dieses Kapitels ist nicht überliefert. Doch gibt das Kapitel »Vom Hochverrate« vielleicht eine Antwort. Deutsche, die mit der Waffe in der Hand gegen den Kaiser kämpfend ergriffen werden, hätten den Tod verdient, und nur die Gnade des Kaisers könne sie retten. Der Staatenkrieg würde so in einen Bürgerkrieg verwandelt, in dem keine Begrenzung durch ein Kriegsrecht mehr besteht.

Am Ende steht dann erneut kein Sieg der Deutschen, sondern ihr vorgestellter Untergang. Der Sohn will den Krieg sogar, wenn er zur Niederlage führen sollte. Der Vater fragt nach: »Also auch, wenn alles unterginge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du den Kampf noch billigen?« Und der Sohn bestätigt dies, weil es Gott lieb sei, wenn »Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben«.

»Das Volk steht auf …«

Die Identität von Freiheit und Tod zeigt sich auch bei Theodor Körner. Körner, geboren 1791 als Sohn des mit Schiller befreundeten Christian Gottfried Körner, politisierte sich ab etwa 1809. Im März 1813 meldete er sich zu dem Lützowschen Freikorps, in dem u. a. auch Friedrich Ludwig Jahn und Joseph von Eichendorff dienten. Bereits im August 1813 fiel er bei einem Gefecht. Das Werk wird so durchs Leben beglaubigt, was Körners Nachruhm begünstigte. Allerdings gelangen ihm prägnante Formulierungen, die für Jahrzehnte im breiten Bewußtsein verankert waren: so etwa in »Männer und Buben« der Anfangsvers »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los«, den Joseph Goebbels noch 1943 leicht verändert an den Schluß seiner »Sportpalastrede« stellte.

Körners Gedichte wurden 1813 schnell verbreitet: nicht nur, weil sie zumeist äußerst geringe geistige Ansprüche stellen, sondern vor allem, weil Körner viele von ihnen zu bereits bekannten Melodien dichtete. In der Tat ist die Mehrzahl gut singbar. Nichts in dem Motivreservoir dieser Texte ist neu. Gott und Religion kommen häufig vor, der Krieg ist eine Jagd, der Kampf ist »Wollust«. Männer sind mutig und kämpfen; Frauen, jedenfalls soweit sie deutsch sind, dagegen sittlich: »Und Frauenunschuld, Frauenlieb’ / Steht noch als höchstes Gut, / Wo deutscher Ahnen Sitte blieb / Und deutscher Jünglingsmut; / Noch trifft den Frevler heil’ger Bann, / Der diesen Zauber stört. / Wer für sein Lieb nicht sterben kann, / Ist keines Kusses wert.« Aber mit dem Küssen hält sich ein echter deutscher Jüngling ohnehin nicht auf, er greift höher: »Die Ehre ist der Hochzeitsgast, / Das Vaterland die Braut. / Wer sie recht brünstiglich umfaßt, / Den hat der Tod getraut.«

Gut ausgewogen bekommen die beiden deutschen Führungsmächte ihre Gedichte: »Hoch lebe das Haus Österreich« und »Österreichs Doppeladler«, aber auch »Der preußische Grenz­adler« und »An die Königin Luise«. Als »Tyrann« tritt Napoleon stets in der Einzahl auf: Gemeint sind nicht die deutschen Fürsten.

Nun könnte sich eine für Körner günstige Interpretation an dem einen Vers aus »Aufruf« festmachen: »Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen«. Doch geht es so weiter: »Es ist ein Kreuzzug, ’s ist ein heil’ger Krieg.« Den Soldaten zu sagen, sie sollten sich für die Privatinteressen ihres Monarchen totschießen lassen, wäre fast ein Vierteljahrhundert nach der Französischen Revolution nicht mehr zeitgemäß gewesen. Statt dessen wird der Krieg geheiligt, und am Ende steht wieder einmal der eigene, geradezu herbeigesehnte Tod: »Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke / In deiner Vorzeit heil’gem Siegerglanz: / Vergiß die treuen Toten nicht und schmücke / Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!«

Diesem Dichter gerät wirklich jede Beschreibung der Zukunft in die einer Leichenhalle. »Der Tempel gründe sich auf Heldentod!« lautet ein anderer Vers aus »Aufruf«, und Körners Freiheitsbegriff findet sich im »Lied der schwarzen Jäger« auf den Punkt gebracht: »Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben! / Der Tod macht alle frei.«

Mit diesen Beispielen ist der politische Gehalt der Propagandadichtung in den jeweils entscheidenden Monaten erfaßt. Es gibt Dichter, die nicht ganz so ausschließlich auf den Tod fixiert sind oder die ihren Haß milder formulieren. Es gibt Meinungsverschiedenheiten, ob der Rhein die Grenze sein soll, ob Deutschland das Zentralland der Welt sein soll oder ob ein Eroberungsprogramm auf Sprachgrenzen zielt. Letzteres fordert Ernst Moritz Arndt 1813 in »Was ist des Deutschen Vaterland«: »Was ist das deutsche Vaterland? / So nenne endlich mir das Land! / So weit die deutsche Zunge klingt / Und Gott im Himmel Lieder singt, / Das soll es sein!« Natürlich muß auch hier Gott, der anscheinend Fremdsprachen nicht beherrscht, den Gewährsmann spielen, und durchgängig wird die deutsche Nation durch Haß auf die Fremden begründet: »Das ist das deutsche Vaterland, / Wo Zorn vertilgt den franschen Tand, / Wo jeder Franzmann heißet Feind, / Wo jeder Deutsche heißet Freund.«

Die zentrale Frage aber ist, ob Völker oder Klassen gegeneinander kämpfen. Die deutschen Nationalisten von 1809 und 1813 antworten ausschließlich: Völker! Es gibt hier für fortschrittliche Kräfte heute nichts zu erben.

Moralische Wirkungen

Freilich bestehen Differenzen, sie zeigen sich in der Rezeption. Kommen wir auf Kleist und Körner zurück. Beide schrieben im Vorfeld der Kriege ein Drama: Kleist im zweiten Halbjahr 1808 die »Hermannsschlacht«, die lange unaufgeführt blieb, und Körner im Juni und Juli 1812 »Zriny«. Das Stück entstand also zu Beginn von Napoleons Rußlandfeldzug und wurde im Dezember 1812 in Wien uraufgeführt, als die Nachrichten vom Rückzug der Reste der Grande Armée eintrafen. Das Werk stieß sofort auf große Begeisterung.

Kriegsstücke sind beide. Kleist setzt die lange Reihe der Hermann-Dramen fort und läßt wieder einmal als Germanen verkleidete Deutsche gegen als Römer verkleidete Franzosen siegen. Körner nimmt eine viel unbekanntere Episode zum Stoff. Die Handlung spielt 1566, und als Napoleon tritt diesmal der türkische Sultan Soliman auf, der den kriegslüsternen Tyrannen gibt. Sein Angriff auf Europa scheitert an der Festung Sigeth, deren Verteidiger sich opfern, damit der Kaiser Zeit hat, ein Heer zu sammeln.

Bei Kleist steht am Ende ein deutscher Sieg (mit der Aussicht auf einen Vernichtungsfeldzug gegen Rom, also gegen Paris). Bei Körner ist am Ende das Reich gerettet, aber ein explodierender Pulverturm macht den letzten Festungshelden den Garaus. Warum genoß das Publikum den Tod bei Körner und nicht den Sieg bei Kleist?

Erstens ist Zriny, der Titelheld und Festungskommandant, nicht nur umsichtiger Offizier, sondern auch Held im Kampf. Am Ende wählt er das Schwert, das ihm aus vielen Schlachten das liebste geworden ist, stürmt mit seinen Soldaten aus der Festung und findet den Tod im Gemetzel. Kleists Hermann dagegen ist – anders als seine Dramenvorgänger aus dem 18. Jahrhundert – nur Politiker. Indem er die Personen um sich herum klug instrumentalisiert, stellt er eine Lage her, in der die Germanen militärisch erfolgreich sind. Ihn interessiert kein Kriegsruhm, sondern wie der Erfolg weiter auszunutzen ist.

Zweitens hat Zriny auch seine Frau Eva und die Tochter Helene mit auf der Festung. Beide lehnen es ab, gerettet zu werden. Helene hat sich in den Hauptmann Juranitsch verliebt, und Zriny gibt ihm seine Tochter, wobei klar ist, daß für eine Heirat keine Zeit mehr bleibt. Dafür erleben die beiden einen erotischen Todesmoment: Juranitsch »küßt und ersticht« Helene mit den Worten: »So nimm den Kuß und bitte Gott um Segen«, worauf sie antwortet: »Dank dir, Dank für diesen süßen, süßen Tod.« Seine Familie stirbt, was Anlaß zu vielen rührseligen Szenen gibt.

Bei Kleist aber fehlt Familienkitsch. Auch Hermann hat eine Frau, Thusnelda. Thusnelda ist von dem radikalen Freund-Feind-Denken ihres Mannes abgestoßen und besteht zunächst darauf, den einzelnen Menschen zu beurteilen und nicht seine Nationalität. Ein wenig ist sie vielleicht auch verliebt in den römischen Offizier Venti­dius. Hier setzt Hermanns Nationalpädagogik ein: Er spielt Thusnelda einen Brief in die Hände, der Ventidius als brutalen Ausbeuter zeigt. Thusnelda lockt den Römer zu einem scheinbaren Stelldichein in einen Garten und läßt ihn dort von einer wilden Bärin fressen. Diese Szene steht an jener Stelle im Drama, wo die Schlachtschilderung zu erwarten gewesen wäre: Die Deutschen zur Brutalität zu erziehen, ist Hermanns eigentlicher Kampf.

Drittens: Zriny hat Skrupel, etwa wenn ihm Häuser von Bürgern bei der Verteidigung im Wege sind und er sie niederzubrennen befiehlt. Sein Gewissen mildert die Härte in der Praxis nicht ab, aber läßt sie erträglicher erscheinen. Hermann dagegen, der den Volkskrieg will, freut sich über die Nachricht, daß die Römer drei seiner Dörfer niedergebrannt haben. Er befiehlt zu verbreiten, es wären sieben Orte gewesen. Wo römische Greuel fehlen, schickt er einen verkleideten Trupp aus, diese Rolle zu übernehmen. Er belügt und manipuliert alle, besonders aber die eigenen Leute: Das Drama ist ein bis heute aktuelles Lehrbuch für den Bürgerkrieg,

Hermann zeigt gegenüber keiner anderen Figur eine positive Emotion. Vielmehr ist er der überlegene Marionettenspieler, der die Fäden in der Hand hält. Dieser Blick ist attraktiv, zumal der Zuschauer sehr früh Hermanns Wissensstand teilt und damit selbst in eine Position der Überlegenheit gerückt wird. Allerdings: Das Publikum mochte gerne tausend literarische Tode sterben (soweit es nur nicht der eine reale war) – andere zum Sterben zu lügen galt noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein als anstößig. Kleists »Hermannsschlacht« hatte erst im Zeitalter des Imperialismus Erfolg, dann aber – bis 1945 – umso eindrucksvoller. Man erzählt dem Volk, daß es betrogen wird, und das Volk freut sich – wie das? Indem jeder, dem das Schema erklärt wird, sich an die Stelle des erfolgreichen Lügners setzt und nicht an die Stelle der Belogenen. Kleists Stück ist ein Drama für lauter kleine Führer.

Entsprach das, was Körner oder Arndt oder Kleist schrieben, den Interessen irgendeiner Klasse? Man wird da schwer fündig. So ideologisch diffus das Gerede vom Volkskrieg auch war, die Fürsten hatten an der Verteilung von Waffen und militärischen Kenntnissen wenig Interesse. Das Bürgertum hatte durch die Reformen der napoleonischen Besatzung durchaus Rechte gewonnen, war jedoch durch die fortdauernden Kriege belastet. Es konnte durchaus Geschmack an einer Herrschaft von deutschen Territorialfürsten gewinnen, jedenfalls wenn nicht alle rechtlichen Neuerungen kassiert würden. Ein totaler Guerillakrieg nach spanischem Muster, der die ökonomischen Grundlagen der Entwicklung gefährdete, lag jedoch nicht im Interesse des Bürgertums. Für die große Mehrheit der Bevölkerung – Kleinbauern, Knechte, Tagelöhner, Dienstpersonal – machte es keinen Unterschied, wer 1809 oder 1813 bis 1815 siegte. Zeitgenössischer Nationalismus war ein Phänomen bürgerlicher Eliten. Ein paar Handwerker, Beamte und Intellektuelle gehörten zum deutschen Volk, viele Studenten gehörten zum deutschen Volk; der Rest war noch nicht national infiziert. Der Volksaufstand fand – zum Glück – nicht statt.

Der Nationalismus der »Befreiungskrieger« war aggressiv gegen ein Außen gerichtet und bedeutete schon früh Expansionspläne. Positive Zukunftsvorstellungen lassen sich kaum finden. Statt dessen herrschte eine Faszination für Tod und Opfer vor, die problemlos und ohne Verfälschung durch spätere Regierungen nutzbar gemacht werden konnte.

Kai Köhler lebt als Literaturwissenschaftler und Publizist in Berlin. Zuletzt schrieb er auf diesen Seiten am 22.8.2013 über die Schriftstellerin Imtraud Morgner.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/10-19/024.php