12. Oktober 2013

Der Todtenbund

Beschäftigte in der Zigarrenproduktion bildeten im 19. Jahrhundert erste, zum Teil geheime Vereinigungen - Fotoquelle: jW-Archiv

Vor 160 Jahren endete der Prozeß gegen 82 Bremer Arbeiter

Rudi Steffens/Andreas Diers

Am 23. Mai 1852 kam die Polizei in Bremen, vermutlich infolge einer Denunziation, auf die Spur eines Geheimbundes. Es folgte eine wahre Verhaftungswelle. Zirka 100 Personen, überwiegend Zigarrenarbeiter, wurden verhaftet und verhört. Gegen 82 Beschuldigte führte das Obergericht Bremen einen politischen, nicht öffentlichen Prozeß. Am 11. Oktober 1853 wurden sie wegen »Verbrechens wider den Staat und Übertretung des Vereinsverbots« zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt.

Der Name dieses Geheimbundes lautete »Der Todtenbund« und verweist zugleich auf Verbindungen – die jedoch nicht nachgewiesen werden konnten – zu einer damals in Europa bestehenden Geheimbundszene. Vielleicht auch deswegen wird er in Dokumentationen über die »Communistenverschwörungen des 19. Jahrhunderts« der Polizeidirektoren Preußens und Hannovers, Wilhem Stieber und Karl Georg Ludwig Wermuth, erwähnt. Sie vermuteten, »daß man es bei dem ›Todtenbunde‹ mit einer Pflanzschule oder einer zweiten Klasse des Kommunistenbundes zu thun hat«. Sie hielten auch nach Bekanntwerden des Urteils daran fest, daß »die Mitglieder des Bremer Todtenbundes immer für die Polizeibehörden beachtenswerte Personen sein werden«.

Organisierung trotz Verbot

Bremen war eine Hochburg der organisierten, allerdings vorwiegend Bildungs- und Unterstützungszwecke verfolgenden Arbeiterbewegung. Es bestanden nebeneinander eine Filiale der überregionalen »Zigarrenarbeiter­assoziation«, des lokalen »Zigarrenmachervereins« und des »Zigarrensortierervereins«, die die Beschäftigten in dem Gewerbe, das sich in Bremen schwerpunktmäßig ausgebildet hatte, organisierten. Über 60 Prozent der 3755 Zigarrenarbeiter waren 1852 organisiert. Eine sozialistische bzw. kommunistische Orientierung der genannten Vereine läßt sich allerdings nicht belegen.

Der 24jährige Zigarrenmacher Nikolaus Heinrich Kolby, der sich im Verlauf der 1848er Revolution politisiert hatte und durch seine früheren Mitgliedschaften im Verein »Vorwärts«, im Zigarrenmacherverein, im Demokratischen Verein und als Angehöriger der Schützengilde über vielfältige persönliche Kontakte verfügte, initiierte unter dem Namen »Treue Brüderschaft« eine Krankenkasse. Dieser Verein fungierte als Tarnorganisation für den geheimen Todtenbund, dessen Mitglieder sich von den unter bürgerlichen Einfluß stehenden unpolitischen Bildungsvereinen abgrenzen wollten. Die Tarnung war notwendig geworden, da durch das vom Bremer Senat am 29. März 1851 erlassene Vereinsverbot vor allem Arbeiterorganisationen betroffen waren.

Der Todtenbund verbreitete sich von der Bremer Neustadt aus auf das gesamte Stadtgebiet. Arbeiter anderer Berufsgruppen – wie Goldschmiede, Juweliere, Schneider, Schlosser, Weichenwärter, Tischler, Maurer u. a. – wurden aufgenommen. Auch schlossen sich Anfang April 1852 die Angehörigen der gleichfalls geheim agierenden Wiegmeyerschen Gesellschaft an, die als Ziel verfolgten, »uns eine größere politische Ausbildung durch Lectüre, Besprechungen und freie Rede zu erwerben«.

Im Zuge des Selbstverständigungsprozesses fanden Diskussionen über aktuelle politische Themen statt, wofür Zeitungen wie die Weserzeitung, der Wesercourier oder die Hannoversche Volkszeitung gelesen wurden. Auch für den Einfluß der von Pastor Rudolph Dulon herausgegebenen Zeitschriften Tageschronik, Der Wecker sowie des Frühlingsboten lassen sich Belege finden. Ferner scheinen im Umkreis des Bundes Schriften von Giuseppe Mazzini, Thomas Paine, Pierre-Joseph Proudhon, Lajos Kossuth, Arnold Ruge und Victor Hugo nicht unbekannt gewesen zu sein. Zudem wurden Mitgliedsbeiträge erhoben, Abzeichen hergestellt und gemäß den Statuten ein Präsidium gewählt, dessen Vorsitz Kolby übernahm.

Der Todtenbund war nach den Statuten als Geheimbund konstituiert. Das bedeutete, daß Sektionen von höchstens zehn Mitgliedern gebildet werden sollten, die über den gewählten Sektionspräsidenten mit dem auf unbegrenzte Dauer gewählten Vorstand des Gesamtvereins in Verbindung standen. Die Mitglieder der einzelnen Sektionen kannten einander nicht. Als Zweck des Vereins wurde bestimmt: »Hülf­reiche Hand an dem (sic!) großen Werke der bevorstehenden Revolution zu legen.« Zudem sollten die Mitglieder sich auf das Motto des Bundes verpflichten: »Dulde jede Schmach, dulde selbst den Tod, werde aber nie Verräther«, was einem Schweigegelübde gleich kam. Wie der umfangreiche, erhaltene Aktenbestand des eingangs erwähnten Prozesses belegt, hat sich jedoch kaum einer der Beschuldigten daran gehalten.

Restaurationszeit

Wie in vielen deutschen Ländern ging auch der Bremer Senat – vorgeblich unter dem Druck der Frankfurter Bundesversammlung – daran die Errungenschaften der 1848er Märzrevolution wieder einzukassieren. Die demokratische Opposition sollte durch eine Revision des Wahlrechts und über Vereins- und Presseverbote gelähmt werden. Die Wiederherstellung des von den Großkaufleuten und dem Handelskapital über Jahrhunderte etablierten traditionellen Patriziats wurde angestrebt. Durch Proklamation löste der Senat am 29. März 1852 die gewählte Bürgerschaft mit ihrer linken Mehrheit auf und setzte Neuwahlen nach einem an Besitz und Bildung orientierten Achtklassenwahlrecht an. Dieses Wahlrecht führte dazu, daß der Großteil der arbeitenden männlichen Bevölkerung von parlamentarischer Vertretung ausgeschlossen war.

Laut Aussagen von Kolby sei es daraufhin am Abend des 29. März zu einem Treffen der Vertreter der demokratischen Opposition und der Arbeitervereine gekommen, um über Widerstand gegen die verfassungswidrige Handlungsweise des Senats zu beraten. Als Teilnehmer dieser Versammlung vermutete Kolby, daß es darum gegangen sei, »Verabredungen wegen eines von ihnen erwarteten ›Losbruchs‹ zu treffen«. Die versammelten Oppositionellen konnten sich aufgrund der widersprüchlichen Einschätzung der Stimmung der Bevölkerung nicht dazu entschließen. Vielmehr verständigten sie sich, für die »Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung« einzutreten. Kolby und andere Vertreter der Arbeitervereine hatten durchaus Mühe, ihren Mitgliedern und Teilen der aufgebrachten Neustädter Bevölkerung dies zu vermitteln. »Die Unschlüssigkeit der Demokraten (lähmte) den revolutionären Kampfgeist der proletarischen Elemente.«

Die Angehörigen des Todtenbundes waren von der Hoffnung auf einen neuerlichen revolutionären Aufschwung erfüllt. Aus Berichten Kolbys geht hervor, daß die Mitglieder des Todtenbundes vorbereitet gewesen wären. Nicht allein, daß Kolby als Leutnant der Schützengilde über gute Kontakte zu einer bewaffneten Einheit verfügte, die Todten­bündler versorgten sich selbst mit Waffen, vorwiegend mit Dolchen und Brustharnischen. Im Bund dominierte allerdings die Einschätzung, daß es nicht möglich sei, voluntaristisch einen Aufstand herbeizuführen, sondern daß man erst dann, wenn er, vom Volk getragen, losbräche, eingreifen könne.

Die Gemüter beruhigten sich allmählich wieder. Die allgemeine politische Situation, die von der enttäuschten Erwartung auf den neuerlichen Ausbruch der Revolution einerseits und der Übermacht der mehr und mehr um sich greifenden Reaktion gekennzeichnet war, ließen Widerstand aussichtslos erscheinen.

Komplott gegen den Bremer Senat

Die Behörden in Bremen, die mit der Aufklärung des Todtenbundes beauftragt waren, untersuchten neben den Kontakten der Geheimorganisation zu außerhalb stehenden Politikern und anderen Vereinen vor allem die vermutete Leitung durch höhere Ebenen. Daneben war ein weiterer Sachverhalt von Interesse, der über die Grenzen Bremens hinaus für Aufsehen sorgte: Der »Complott zur Ermordung des Senats«.

Der Prozeß »wider Nikolaus Heinrich Kolby und Consorten« förderte dazu eine spektakuläre Episode zutage. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um die Ausschaltung des Bremer Senats durch ein Mordkomplott. Emil Meyer, Verleger, Drucker und Archivar der Bürgerschaft, weihte Kolby in seinen Plan ein, »den Senat in seinem Versammlungssaale auf der Börse zu überfallen«. Dazu wären 16 bis 20 entschlossene Männer erforderlich gewesen, die Kolby aus den Mitgliedern des Todtenbundes stellen sollte.

Die Beseitigung des Senats sollte als Initialzündung für einen allgemeinen Aufstand in der Stadt und im übrigen Deutschland dienen. Kolby gab in den Verhören zu Protokoll, daß er diesen Plan und die gleichfalls von Emil Meyer erwogene Variante, den Senat im Stile eines Guy Fawkes in die Luft zu sprengen, nicht ernst genommen habe. »Ohnehin lebten wir hier in Bremen und nicht in Italien, wo Banditen zu dergleichen Plänen zu finden wären.«

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