18. Dezember 2012

Der Totalrevisor

»In Zweifelsfällen immer der Seite des Feindes zugeneigt«. Eduard Bernstein (1895) wurde von seinem Mitstreiter ­Friedrich Engels zunehmend in die Kritik genommen. - Fotoquelle: Wikipedia

Zu Eduard Bernsteins 80. Todestag: Metamorphosen des »Stammvaters des Revisionismus«

Hans-Peter Brenner

Das Internetlexikon Wikipedia bringt eine verknappte Erläuterung zur Person: »Eduard Bernstein (* 6. Januar 1850 in Schöneberg b. Berlin; † 18. Dezember 1932 ebenda) war ein sozialdemokratischer Theoretiker und Politiker in der SPD und zeitweilig der USPD. Er gilt als Begründer des theoretischen Revisionismus innerhalb der SPD. In der Zeitung Der Sozialdemokrat schrieb er unter dem Pseudonym ›Leo‹.« Dieser »Leo« ist eine besondere historische Figur. Sowohl politisch wie psychologisch war er ein bemerkenswerter Mensch. Dieses Urteil gilt auch dann, wenn man ihn als »Stammvater des Revisionismus« ablehnt und seine politischen Folgewirkungen auf die marxistische Bewegung für fatal hält.

Der personifizierte Zwiespalt

Bernstein scheint der personifizierte Widerspruch gewesen zu sein: Als siebtes von 16 Kindern eines deutsch-jüdischen Klempners und späteren Lokomotivführers konnte er aus finanziellen Gründen weder das Gymnasium abschließen, noch studieren. Nach einer Banklehre arbeitete er von 1869 bis 1878 in Berlin, u. a. als Kontorist im Berliner Bankhaus S. & L. Rothschild. Als Autodidakt schaffte er es dennoch, zeitweilig neben Karl Kautsky zum wichtigsten Theoretiker und Publizisten der damals revolutionär-marxistischen SPD zu werden. Friedrich Engels, der zu ihm seit Beginn der 1880er Jahre eine zunehmend vertraulichere und freundschaftliche Beziehung unterhielt, betraute ihn und August Bebel sogar mit der Pflege seines persönlichen literarischen Nachlasses. Dies alles spricht für ein ungewöhnliches theoretisches Talent, eine enorme Überzeugungskraft, persönliche Ausstrahlung und einen ungeheuren Fleiß.

Später vollzog Bernstein jedoch einen abrupten Bruch mit dem Werk der von ihm bewunderten Vorbilder Marx und Engels und ihrer Theorie des revolutionären, wissenschaftlichen Sozialismus. Er wurde zum Hauptvertreter des »Revisionismus« in der revolutionären Arbeiterbewegung, der auch in seinen derzeitigen modernen Formen und Inhalten nicht ohne Bernsteins damalige Hauptthesen denkbar und verstehbar wäre.

Für die heutige SPD, die längst nicht nur mit dem Marxismus gebrochen hat, sondern auch mit dem sich immer an seinen früheren Vorbildern Marx und Engels abarbeitenden Bernstein inhaltlich kaum noch Berührungspunkte besitzt, war der Sieg der Konterrevolution in den sozialistischen Ländern Europas und der Sowjetunion ein »Sieg Bernsteins über Lenin«. Diese Bewertung Willy Brandts aus dem Jahre 1990, so schreibt Horst Heimann als Herausgeber ausgewählter Texte Bernsteins zum Revisionismus, sei unvollständig. Sie müsse durch die Feststellung ergänzt werden, »daß Bernstein auch über Marx gesiegt hat«.

Die Widersprüche im Leben und in der Gedankenwelt Bernsteins sind also mehr als beeindruckend. »Wer bist Du – und wenn ja, wie viele?« Diese Modifikation der fast zum geflügelten Wort gewordenen Frage von Richard David Precht könnte auch an ihn gerichtet werden.

Neukantianismus und Revisionismus

Die Lebensleistung Bernsteins weist bemerkenswerte Jahre unermüdlichen publizistischen Schaffens und politischen Kampfes für die deutsche Sozialdemokratie auf – oft verbunden mit großen finanziellen Nöten und einem bis 1901 andauernden Exil in der Schweiz und in England. Daß Bernstein diese Arbeit und Mühsal auf sich nahm, hatte sehr viel mit seiner sozialen Herkunft zu tun. Denn nicht »philosophisch-theoretische Überlegungen« waren es gewesen, die 1872 den Ausschlag für seinen Beitritt zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), einer der beiden Vorläuferorganisationen der SPD, gegeben hatten. Vielmehr hatten »die unmittelbare Erfahrung mit der Not und dem Elend der arbeitenden Menschen im Berlin der Gründerjahre« den Ausschlag gegeben, wie Heimann schon 1984 in seinem Vorwort zu Bernsteins »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie« schrieb.

Bernstein stand in jüngeren Jahren unter dem Einfluß der Auffassungen des Gründers des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) Ferdinand Lassalle und des Berliner Privatdozenten Eugen Dühring (1833–1921), der in diversen Arbeiten zwischen 1865 und 1875 große Zustimmung bei führenden Sozialdemokraten gewann. Verknappt gesagt, ging es Dühring und seinen philosophischen Weggefährten und Anhängern erstens um die Ersetzung der dialektisch-materialistischen Philosophie und eines dadurch konstituierten wissenschaftlich fundierten Entwicklungsverständnisses von Raum, Zeit, Natur und Geschichte durch eine »Wirklichkeitsphilosophie«. Aus ihr folgte zweitens die Etablierung eines klassenunspezifischen »ethischen Sozialismus«, drittens die Revidierung der Mehrwerttheorie und viertens ein Bruch mit der revolutionären Staats- und Politikkonzeption des Marxismus. Der »wissenschaftliche« Sozialismus sollte im Kern ersetzt werden durch einen »humanistischen« Sozialismus, der in der Praxis auf eine Klassenkollaboration auf der Basis eines bürgerlichen »Neo-Kantianismus« und Sozialreformismus hinauslief.

Für diese Denkschule ist der Sozialismus eine allgemeinmenschliche Idee oder Utopie, die durchaus in Einklang mit den bürgerlich-kapitalistischen Eigentums- und Klassenverhältnissen stehen kann. In dieser Definition des Sozialismus als eines nicht aus den materiellen Verhältnissen, sondern aus einer allgemeinen Ethik abgeleiteten »Ideals«, wurzeln bis heute die Modelle eines »demokratischen Sozialismus« sozialdemokratischer oder »linksparteilicher« Provenienz. Demgegenüber beruht die Ethik des Marxismus nicht auf »allgemeinen Idealen«, sondern sie geht, wie Engels in seinem »Anti-Dühring« formulierte, davon aus, »daß die Menschen, bewußt oder unbewußt, ihre sittlichen Anschauungen in letzter Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage begründet ist – aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie produzieren und austauschen« (MEW, Band 20, S. 87).

Als Begründung für den Verzicht auf ein klassenmäßig fundiertes Sozialismusverständnis galt für Bernstein und seine geistigen Nachfolger die These, daß wesentliche Elemente des Sozialismus bereits im Kapitalismus durch die gewachsene Rolle des Staates, der Bildung von Aktiengesellschaften und Monopolen etc. verwirklicht seien. Die Arbeiterbewegung müsse sich daher auf einen Reformweg einlassen, der die Revolution und die damit verbundenen möglichen sozialen Verwerfungen überflüssig mache.

»Bekehrung« zum Marxismus

Engels’ Konterattacke gegen Dühring war heftig, effektiv und wurde sehr populär. Dühring war damit theoretisch »erledigt«. Das wirkte auch auf seinen Anhänger Bernstein. Er gibt selbst an, daß er sich unter dem Eindruck des »Anti-Dühring« vom Anhänger Dührings und Lassalles zum Anhänger der marxistischen Theorie »bekehrt« habe.

Ein Jahr zuvor war er dem vermögenden Finanzier und »Goldonkel der Sozialdemokratie« Karl Höchberg nach Zürich gefolgt, wo er mit diesem u. a. die theoretische Zeitschrift Die Zukunft (1877–1878) und das Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (1879–1881) herausgab. Auf die in Bismarck-Deutschland verbotene Sozialdemokratie übten diese Publikationen einen großen Einfluß aus.

Marx und Engels kritisierten in einem internen Brief an die SPD-Führung massiv den von Bernstein, Höchberg und Carl August Schramm in der ersten Nummer des Jahrbuchs publizierten redaktionellen Grundsatzbeitrag »Rückblicke auf die sozialistische Bewegung in Deutschland«. Besonders polemisierten sie dagegen, daß das »Zürcher Dreiergestirn« die Sozialdemokratie im »Reich« dazu aufgerufen hatte, den »Weg der Gesetzlichkeit, d.h. der Reform zu beschreiten«, statt als »barrikadensüchtige Lumpe« die preußisch-deutsche Regierung zu provozieren. Diese habe es mit dem Parteiverbot zugleich geschafft, »das Bürgertum durch die Furcht vor dem roten Gespenst ins Bockshorn« zu jagen. Die Sozialdemokratie habe doch aber die Pflicht, eine Partei »aller von wahrer Menschenliebe erfüllten Männer« und nicht eine »einseitige Arbeiterpartei« zu sein.

Marx und Engels titulierten die drei »Zensoren« aus Zürich als »Repräsentanten des Kleinbürgertums, die sich anmelden, voll Angst, das Proletariat, durch seine revolutionäre Lage gedrängt, möge ›zu weit gehen‹. Statt entschiedner politischer Opposition – allgemeine Vermittlung; statt des Kampfs gegen Regierung und Bourgeoisie – der Versuch sie zu gewinnen und zu überreden; statt trotzigen Widerstands gegen Mißhandlungen von oben – demütige Unterwerfung und das Zugeständnis, man habe die Strafe verdient. Alle historisch notwendigen Konflikte werden umgedeutet in Mißverständnisse und alle Diskussionen beendigt mit der Beteuerung: in der Hauptsache sind wir ja alle einig. (…) Ebenso geht’s mit dem Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Auf dem Papier erkennt man ihn an, weil man ihn doch nicht mehr wegleugnen kann, in der Praxis aber wird er vertuscht, verwaschen, abgeschwächt« (MEW 19, S. 163).1 Diese Kritik besitzt im historischen Rückblick eine besondere Bedeutung, weil in dem programmatischen Aufsatz des »Dreigestirns« im Grunde bereits wesentliche Inhalte des von Bernstein später vertretenen Grundgedanken des »Reformsozialismus« entwickelt worden waren.

Marxistische Zwischenetappe

Bernsteins Abkehr vom Marxismus kam überraschend und hatte sowohl allgemeinpolitische wie auch individuelle Gründe. Als zeitweiliger verantwortlicher Archivar der aus der Vereinigung von SDAP und ADAV gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und Chefredakteur ihres im Schweizer Exil herausgegebenen Zentralorgans Der Sozialdemokrat war er ab 1880 in die Rolle eines wichtigen Propagandisten und Theoretikers der SPD-Vorläuferorganisation hineingewachsen. Auf Drängen der preußischen Regierung wurde er 1888 aus der Schweiz ausgewiesen und siedelte nach London über, wo er seine schon seit 1883 sehr enge briefliche politische und freundschaftliche Beziehung zu Engels noch intensivierte.

Engels zog ihn gemeinsam mit Kautsky bei der Entschlüsselung der von Marx hinterlassenen, weitgehend fast unleserlichen ökonomischen Exerpte und Notizen heran. Er lobte damals Bernstein neben Bebel und Kautsky als den »einzigen« theoretischen Kopf der »jüngeren Generation«. Er versah dies aber mit der folgenden Einschränkung: »Bernstein wird (…) durch die praktische Tätigkeit viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich theoretisch so betätigen und weiterbilden könnte, wie er wohl möchte und könnte« (MEW 37, S. 290). Er strebe auch einer »übertriebenen Unparteilichkeit« zu, die dazu führe, »daß er in Zweifelsfällen immer der Seite des Feindes zuneigt« (MEW 37, S. 391).

Dies war bei Engels zum damaligen Zeitpunkt zwar eher die milde Rüge eines zu weichen Charakterzuges des überarbeiteten und zur »Neurasthenie« neigenden Bernsteins, aber nur wenig später bekam dieser Vorwurf doch auch eine deutliche politische Bewertung. Bernstein habe einen »komischen Respekt« vor der auf Sozialreformen ausgerichteten Politik der englischen Fabier. Er leide geradezu an einer Fabianerschwärmerei monierte Engels (MEW 38, S. 426 und 433). Außerdem habe er sich »hinreichend in den Ruf eines Mannes gebracht, der die Fühlung mit den Massen verloren hat« (MEW 39, S. 161).

Vorausgegangen war Engels’ zum Teil heftige Kritik am Entwurf des Erfurter Parteiprogramms der 1890 aus der SAP hervorgegangenen SPD von 1891, dessen Mitverfasser Bernstein war. Engels polemisierte gegen den »in einem großen Teil der sozialdemokratischen Presse einreißenden Opportunismus« und bestand darauf, daß die SPD in ihrem Programm sich nicht um die Staatsfrage herummogeln dürfe. »Man redet sich und der Partei vor, ›die heutige Gesellschaft wachse in den Sozialismus hinein‹, ohne sich zu fragen, ob sie nicht damit ebenso notwendig aus ihrer alten Gesellschaftsverfassung hinauswachse und diese alte Hülle ebenso gewaltsam sprengen müsse wie der Krebs die seine, als ob sie in Deutschland nicht außerdem die Fesseln der noch halbabsolutistischen und obendrein namenlos verworrenen politischen Ordnung zu sprengen habe. (…) Eine solche Politik kann nur die eigne Partei auf die Dauer irreführen« (MEW 22, S. 234).

Engels’ Kritik am Programmentwurf wurde weitgehend beherzigt. Doch diese Korrekturmöglichkeiten und dieses Gegensteuern gegen die auch bei Bernstein immer wieder auftretenden Neigungen zum politischen Opportunismus endeten mit Engels’ Tod im Jahre 1895.

Opportunistische Wende

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Bernstein von einem selbsternannten »Modernisierer« des Marxismus zu dessen »Totalrevisor«. In der zwischen 1896 und 1898 erschienenen Artikelserie »Probleme des Sozialismus«, die in dem von Kautsky redigierten theoretischen Organ der SPD Die Neue Zeit erschien, stellte er zunächst die ersten Resultate »einer kritischen Überprüfung der marxistischen Theorie« (Heimann) vor. Widersprüche und Proteste führten dazu, daß Bernstein diese »Revision« des Marxismus in dem 1899 erschienenen Buch »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie« in systematisierter Form vorstellte.

Darin unterzog Bernstein die bis dahin bestehende marxistische Theorie einer Totalkritik. Nicht nur der Materialismus, sondern auch die Hegelsche Dialektik seien »metaphysisch« und müßten daher als unwissenschaftlich abgelehnt werden. Die Sozialdemokratie müsse die ihrer Programmatik zugrunde liegende Philosophie durch die Überwindung des dialektischen Materialismus und dessen Ersetzung durch den Neukantianismus verwerfen und sich erneuert werden. Alles andere sei Heuchelei. Diese Forderung stellte er unter das provokative Motto: »Kant wider Cant« (englisch: Cant; Heuchelei, Kauderwelsch). Damit war endgültig eine innerparteiliche Bombe gezündet worden, die mehrere Parteitage in Atem hielt. Die Revisionismus-Kontroverse führte zum Bruch mit seinen engen politischen Gefährten und Freunden Bebel und, zeitweilig, mit Kautsky.

Trotz offizieller Verurteilung des Revisionismus auf mehreren SPD-Parteitagen wuchs Bernsteins Einfluß nach der Rückkehr aus dem Londoner Exil (1901). Er gehörte der SPD-Fraktion im Reichstag in den Wahlperioden 1902–1907 und 1912–1918 an. Später wurde er wegen seiner Kritik an der schändlichen Rolle der SPD bei der Unterstützung der Kriegskredite und seiner Ablehnung des Ersten Weltkrieges aus der Fraktion ausgeschlossen. Er wurde Mitbegründer der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Während der deutschen Novemberevolution gehörte er der von SPD und USPD gebildeten Regierung der »Volksbeauftragten« an. Er verließ die USPD nach nur knapp zwei Jahren und kehrte in den Schoß der Mutterpartei zurück.

Trotz seiner antimilitaristischen Gemeinsamkeiten mit den deutschen und russischen Sozialisten und Kommunisten entwickelte er sich zum erbitterten Gegner und Kritiker der KPD und der russischen KP: Er lehnte die Oktoberrevolution und die Errichtung der Sowjetmacht ab.

Kern des Revisionismus

Mit seinem zum geflügelten Wort gewordenen Satz »Die Bewegung ist alles, das Endziel ist nichts« wurde nach Lenin »das Wesen des Revisionismus besser zum Ausdruck (gebracht) als viele langatmige Ausführungen« (Lenin, Werke, Band 15, S. 26). Aus dem eigentlichen Wesen dieses Grundsatzes, so sagte Lenin, folge augenfällig, »daß sie unendlich mannigfaltige Formen annehmen kann und daß jede irgendwie ›neue‹ Frage, jede irgendwie unerwartete und unvorhergesehene Wendung der Ereignisse, selbst wenn diese Wendung die grundlegende Entwicklungslinie auch nur ganz unbedeutend und für allerkürzeste Zeit ändern würde, stets und unvermeidlich die eine oder andere Spielart des Revisionismus ins Leben rufen wird« (ebenda).

Lenin machte auch deutlich, daß der Revisionismus keine zufällige und keine national beschränkte Erscheinung in der Arbeiterbewegung war und ist. »Die Unvermeidlichkeit des Revisionismus ist durch seine Klassenwurzeln in der modernen Gesellschaft bedingt. (…) Weil es in jedem kapitalistischen Land neben dem Proletariat immer auch große Schichten des Kleinbürgertums, der Kleineigentümer gibt. (…) Es ist ganz natürlich, daß die kleinbürgerliche Weltanschauung in den großen Arbeiterparteien immer wieder zum Durchbruch kommt« (LW 15, S. 26f.).

Die für die politische Dimension des Revisionismus entscheidende Frage der Verzerrung der Dialektik von Reform und Revolution brachte Lenin prägnant so auf den Punkt: »Die Revisionisten halten alle Betrachtungen über ›Sprünge‹ und über den prinzipiellen Gegensatz der Arbeiterbewegung zur ganzen alten Gesellschaft für Phrasen. Sie halten Reformen für eine teilweise Verwirklichung des Sozialismus. Der Anarchosyndikalist lehnt die ›Kleinarbeit‹, insbesondere die Ausnutzung der Parlamentstribühne, ab. In Wirklichkeit läuft diese Taktik darauf hinaus, die ›großen Tage‹ abzuwarten, ohne zu verstehen, die Kräfte zu sammeln, die die großen Ereignisse hervorbringen. Die einen wie die anderen hemmen die wichtigste, die dringendste Arbeit: den Zusammenschluß der Arbeiter zu großen, starken, gut funktionierenden Organisationen, die imstande sind, unter allen Bedingungen gut zu funktionieren, die vom Geist des Klassenkampfes durchdrungen sind, klar ihre Ziele erkennen und in wahrhaft marxistischer Weltanschauung erzogen werden« (LW 16, S. 355).

Die mit dem Namen Bernstein verbundene Auseinandersetzung mit und um den Revisionismus in der politischen Arbeiterbewegung ist völlig unabhängig von seinem Todestag seit geraumer Zeit und mit heftiger Vehemenz neu auf die historische Tagesordnung gesetzt worden. Zu den Konsequenzen der Aufarbeitung der Niederlage des realen Sozialismus in Europa und in der Sowjetunion gehört seit Jahren eine Wiederbelebung der Debatte um den Revisionismus in der kommunistischen Bewegung.

In der DKP spielt das Thema »Revisionismus« seit den vom damaligen Sekretariat des Parteivorstandes herausgegebenen »Thesen«, die in ihrer Substanz vom letzten Parteitag im Jahr 2011 als zumindest teilweise nicht in Übereinstimmung mit dem Parteiprogramm stehend kritisiert und abgelehnt wurden, eine nachhaltige Rolle. Sie wiesen sowohl in der Frage der philosophisch-weltanschaulichen Grundlagen der DKP als auch in Fragen der Strategie und Taktik deutliche Elemente des Revisionismus auf. Doch diese Auseinandersetzung hatte sich schon länger angebahnt. Robert Steigerwald und der Verfasser dieses Beitrages haben diesen Prozeß in unserer 2010 erschienenen Arbeit dargestellt.2

Gegenwärtig verdichtet sich die Revisionismus-Auseinandersetzung in der Debatte um eine Neuauflage der auf Bernstein zurückgehenden Theorie von der »Transformation des Kapitalismus«. Diese innerhalb und im Umfeld der Parteien Die Linke und Europäische Linke vertretene Konzeption verwischt den qualitativen Unterschied zwischen den im Kapitalismus durchaus notwendigen Kämpfen um Reformen und dem historisch unvermeidlichen Bruch mit den für den Kapitalismus genuinen Eigentums- und Machtstrukturen. Der qualitative revolutionären Bruch – der auch als eine Abfolge mehrerer Brüche vorstellbar ist – wird notwendigerweise spätestens dann auf der Tagesordnung stehen, wenn sich im Wechsel von politischer Defensive und Offensive die Klassenauseinandersetzungen auf einen Punkt zubewegen, an dem schließlich die herrschende Klasse aus (berechtigter) Sorge um ihre Privilegien und Macht zu gewaltsamen Methoden der Klassenauseinandersetzungen greift.3

Daß diese »Transformationstheorie« bis in die Reihen der heutigen Kommunisten reicht, macht deutlich, wie notwendig die Aneignung der Erfahrungen mit dem Bernsteinschen Revisionismus und seiner verschiedenen Schattierungen ist und bleibt.

Anmerkungen

1 Bernstein versuchte später seinen Anteil an dem besagten Grundsatzartikel zu bagatellisieren. Er selbst habe nur nebensächliche Sätze beigetragen. Höchberg und Schramm selbst seien gar nicht beteiligt gewesen. Der eigentliche Autor sei ein »armer« Referendar und Freund Höchbergs namens Karl Flesch gewesen; der Artikel sei daher ja auch sehr angreifbar. Marx und Engels wußten es besser. In ihrem »Zirkularbrief« heißt es ausdrücklich, daß Höchberg selbst die Autorenschaft der drei »Zürcher« bestätigt habe.

2 H.-P. Brenner/R. Steigerwald: Revisionismus. Zur Debatte in der DKP, Essen 2010

3 Siehe Chile 1973 und viele andere historische Beispiele, so auch jüngst beim »Arabischen Frühling« oder derzeit in Ägypten, wobei es dort natürlich keinesfalls um einen Machtwechsel in Richtung Sozialismus geht.

Hans-Peter Brenner, Diplompsychologe und Psychotherapeut, ist Mitglied des Parteivorstands der DKP und Mitherausgeber der Marxistischen Blätter

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2012/12-18/025.php