11. August 2010

Der Traum vom Endsieg

Geschichte. Vor 70 Jahren versuchte die deutsche Luftwaffe, England kapitulationsbereit zu bomben

Kurt Pätzold

Ende Juni 1940 veröffentlichte das Oberkommando der deutschen Wehrmacht »seinen Schlußbericht über den Verlauf der Operationen in Frankreich«, die den »Erbfeind« zur Kapitulation gezwungen hatten. Am Schluß der Mitteilung hieß es: »Nach diesem gewaltigsten Sieg der deutschen Geschichte über den als stärkste Landmacht der Welt angesehenen Gegner (...) gibt es keine Alliierten mehr. Es bleibt nur noch ein Feind: England.« In diesen frühen Sommerwochen, der Krieg hatte gerade zehn Monate gedauert und die deutschen Truppen hielten sieben europäische Länder besetzt, schwoll den deutschen Spießern aller Färbungen – von dunkelbraun bis schwarz-weiß-rot – der Kamm gewaltig. Vor Wochen noch hatten sie befürchtet, es werde der Krieg im Westen womöglich ähnlich jenem ein Vierteljahrhundert zuvor verlaufen und sich wie damals aus dem Bewegungs- ein Stellungskrieg entwickeln. Nun standen die deutschen Divisionen an der Atlantikküste bis zur spanischen Grenze. Das Sprungbrett auf die britischen Inseln schien geschaffen, und ungeduldig wurde erwartet, daß die Invasion begänne und der Endsieg in dem gleichen Tempo erkämpft würde wie der Triumph auf dem Festland. Im Judenhaus in der Dresdener Caspar-David-Friedrich-Straße schrieb Victor Klemperer wenige Tage nach der Kapitulation Frankreichs: »Im Volk die absolute Gewißheit des raschen Enderfolges noch vor dem Herbst.« Tage später hörte er an einer Haltestelle ein Gespräch zweier Frauen, von denen die eine auf die Frage, was sie von ihrem Jungen höre, antwortete: »Vor acht Tagen Gutes. Sie freuen sich auf England.« Am 24. Juli notiert er: »Das Volk erwartet mit Gewißheit die Landung, Zerstörung Londons, Frieden in wenigen Wochen.«

Auch in den Tagebuchnotizen zweier an verschiedenen Plätzen stehender deutscher Konservativer, die beide nicht gerade inmitten des Volkes lebten, läßt sich von dieser Stimmung lesen. Ulrich von Hassell schrieb am 10. August: »Der Spießer ist schon wieder ungeduldig, daß England noch nicht niedergekämpft ist! Und in der Masse überwiegt bei weitem die Friedenssehnsucht (und die Angst vor einem zweiten Kriegswinter) alles andere.« Und der Staatssekretär im Ministerium für Auswärtiges, Ernst von Weizsäcker, hatte schon einen Monat vorher, am 14.Juli notiert: »Die deutsche Bevölkerung ist – auch unter der Wirkung der nächtlichen Luftangriffe– ungeduldig, wann eigentlich nun England drankomme. Wir sind in der Mitte Juli. Soll es zum Landen kommen, so sei es bald an der Zeit. Daß England geschlagen wird, bezweifeln wieder nur einige Spezialisten.«

Illusorische Pläne

An der Spitze des Regimes hatten für den Fall eines Sieges über Frankreich, der in diesem Tempo nicht erwartet worden war, fixe Pläne für die Weiterführung des Krieges nicht existiert. Nun begannen die Erörterungen über das weitere militärische und politische Vorgehen. Bald aufgegeben werden mußte die Hoffnung, daß Großbritannien unter Verzicht auf weitere Kampfhandlungen zu einem Friedensschluß, worunter die deutschen Imperialisten doch eine Unterwerfung verstanden, sich bereit erklären werde. Diese Hoffnung ließ sich nur an die Wirkung eines erneuten militärischen Erfolgs knüpfen, der entweder Winston Churchill, den Premier, zum Einlenken zwang – »Es muß noch ein Keulenschlag dazu kommen«, meinte von Weizsäcker – oder an einen Wechsel in der Londoner Regierung, also einem Sturz Churchills.

Das jedoch war ein Hirngespinst. Blieb die Invasion und die Eroberung. Das Vorhaben war in aller neueren Geschichte beispiellos. Seit den Kriegen der Normannen gegen die Angelsachsen, und die lagen rund 900 Jahre zurück, hatte kein Krieger einer fremden Macht seinen Fuß auf die Insel gesetzt. Napoleon war bis Moskau gekommen, aber nicht mit einem einzigen seiner Soldaten über den Kanal. Im deutschen Hauptquartier existierten und regten sich freilich nicht nur beim Blick in die Vergangenheit Bedenken, sondern mehr noch bei dem auf die eigenen Kräfte, namentlich die der Kriegsmarine. Dennoch ergingen mit Hitlers Unterschrift im Juli Weisungen, die Landung vorzubereiten, ohne daß dies schon eine definitive Entscheidung bedeutet hätte. Als unerläßliche Voraussetzung des Unternehmens galt im Oberkommando der Marine, daß die Luftwaffe die absolute Herrschaft errungen hätte und die Seestreitkräfte und die Transportflotte vor Angriffen der Royal Air Force gesichert wären. In den Worten des deutschen Oberkommandos lautete die am 16. Juli formulierte Forderung, es müsse die britische Luftwaffe »moralisch und tatsächlich so weit niedergekämpft sein«, daß von ihr »keine nennenswerte Angriffskraft dem deutschen Übergang« entgegengestellt werden könne.

In Görings Luftwaffenstab herrschte zu dieser Zeit nach den weit überschätzten Erfolgen in Polen und im Westfeldzug ein Zustand, der sich mit einem Wort charakterisieren läßt: Größenwahn. In diesen Kreisen sei man voller Zuversicht, vermerkte von Weizsäcker am 21. Juli: » (E)iner sagte mir, wir würden England in 14 Tagen zerhacken.« Und das war keine beiläufige und untypische Äußerung. Vordem schon, am 11. Juli, hatte eine Eintragung im Kriegstagebuch des Generalstabschefs des Heeres, Franz Halder, gelautet: »Dauer für das Niederschlagen der (britischen) Luftwaffe 14 bis 28 Tage.«

Gezielte Desinformation

Im August begannen die Verbände der Luftwaffe mit dem strategischen Luftkrieg gegen das Inselreich. Tag für Tag lasen und hörten die Deutschen im Wehrmachtsbericht von den Attacken, die, nur manchmal abgelöst von Erfolgsmeldungen der U-Boote, stets den ersten Platz der Nachrichten besetzten. Mitgeteilt wurde, daß Ziele in Mittel- und Südengland beständig bombardiert würden, und zwar Industriebetriebe, vorzugsweise Flugzeugfabriken und Werke, die zu ihren Zulieferern gehörten, Flugplätze, Hangars, am Boden befindliche Maschinen, Tanklager, Hafenanlagen– ausnahmslos, wie stets betont wurde, militärische oder kriegswichtige Einrichtungen. Diese Wehrmachtsberichte, die fortgesetzt die Orte und Anlagen benannten, gegen die sich die Bombenabwürfe richteten und zudem übertriebene Zahlen der Verluste der britischen Luftwaffe angaben, ohne die eigenen zu nennen, nährten in der Bevölkerung die Erwartung, daß die Invasion bald stattfinden werde.

Davon sprachen auch die Geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS. Der Text mit dem Datum vom 29. August begann so: »Die Hoffnungen auf einen baldigen Großangriff auf England sind wieder gestiegen. Immer mehr festigt sich die Überzeugung, daß es nicht lange dauern könne, bis die uneingeschränkte Luftherrschaft über England hergestellt sei und die englischen Einflüge nach Deutschland aufhören.« Wie hier vermerkt, verband sich die Vorstellung vom erfolgreichen Landkrieg auf der Insel nicht nur mit dem Gedanken an den Endsieg, sondern nun auch mit dem vom Ende der Fliegeralarme, die über die Sirenen ausgelöst wurden, wenn sich britische Flugzeuge einer deutschen Stadt näherten und deren Einwohner in die Luftschutzräume befahlen.

Tatsächlich war in den Sommermonaten eine Entwicklung eingetreten, auf die die übergroße Mehrheit der Deutschen nach dem bisherigen Kriegsverlauf nicht vorbreitet war. Zwar befand sich seit dem 3. Juni, als die Flucht des britischen Expeditionskorps von Dünkirchen aus abgeschlossen war, kein britischer Soldat mehr auf dem Kontinent, ausgenommen in Gibraltar und deutschen Lagern für Kriegsgefangene, doch Nacht für Nacht erschienen britische Kampfflugzeuge über dem Reichsgebiet. Nahezu jeder Wehrmachtsbericht enthielt an seinem Schluß Mitteilungen darüber, eine Mischung allgemeiner Angaben und selbst lächerlicher Details. Als »Räume«, über denen die gegnerischen Verbände aufgetaucht waren, wurden Nord- und West-, seltener Südwestdeutschland angegeben. Mit den Namen von Gegenden und Städten hielten sich die Verfasser zurück. In dem Vierteljahr von Anfang Juni bis Ende August wurden genannt: Kiel, Hamburg, Wilhelmshaven, das Rhein-Ruhrgebiet, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Oberhausen, Bochum, Bielefeld, Offenburg a. M., die Ostseeküste, Hannover, eine westdeutsche Stadt, zwei südwestdeutsche Städte, verschiedene Orte. Am 22. Juni wurde das erste Mal die Umgebung Berlins genannt. Immer seien nichtmilitärische Anlagen das Ziel gewesen, was nachdenkende Deutsche mindestens in Zweifel setzen mußten, als mitgeteilt wurde, daß ein solcher Angriff den Leunawerken gegolten habe, woraus zu entnehmen war, daß mittlerweile auch Mitteldeutschland in das Zielgebiet der Royal Air Force geraten und für ihre Verbände erreichbar war.

Es wäre »ohne«, »ohne nennenswerte«, mit »geringen« oder »nur geringfügigen«, mit »unbedeutenden«, ohne »wesentliche Schäden« oder auch mit »im allgemeinen unwesentlichen Schäden« abgegangen, wurde mitgeteilt. »Kein militärischer Schaden«, aber »Flur- und Gebäudeschaden«, »Sachschäden« seien bei den »üblichen Einflügen« durch planlose Abwürfe entstanden. Nur ein einziges Mal, am 2. August, lautete die Angabe, in Köln wurde »beträchtlicher Häuserschaden« angerichtet. Mitunter war die Zahl der zu Tode Gekommenen angegeben – 18, acht, vier, dann auch einige, mehrere, zahlreiche, elf Kinder, drei Frauen, ein Mann, eine Familie, Polizisten, Zivilisten, französische Kriegsgefangene. Als zerstört oder beschädigt wurden gemeldet zweimal eine Dorfkirche, Wohn- und Bauernhäuser, ein Bauerngehöft, ein bäuerliches Anwesen, ein Gasthaus, eine Scheune.

Ohne moralische Hemmungen

Insgesamt war diese Berichterstattung in Inhalt und Wortwahl darauf angelegt, in der in ihrer übergroßen Masse von den Angriffen und Alarmen unbetroffenen deutschen Bevölkerung keine Unruhe auszulösen, insbesondere auch nicht unter den Soldaten der Wehrmacht, die sich beim Lesen der offiziellen Berichte, wenn es ihre Familien betreffen konnte, fragten, ob das geschehen sei. Trotz aller Verschleierungskünste wurde das nicht erreicht. Dazu trug dann vor allem die Meldung vom 26. August bei, die besagte, daß die britische Luftwaffe zum ersten Mal Berlin erreicht und am Stadtrand Bomben abgeworfen habe. Drei Tage später wurde von Bombenabwürfen auf Wohnviertel der Reichshauptstadt berichtet. Tags darauf von solchen in der Innenstadt und in Arbeitervierteln. Am 2. September formulierten die Informanten des Sicherheitsdienstes über das Echo in der Stimmung der »Volksgenossen« so: »Von den allnächtlichen Einflügen britischer Bomber bis weit in das Innere Deutschlands hinein nimmt die Bevölkerung mit einer gewissen Verwunderung Kenntnis, da man überwiegend der Ansicht war, daß die deutsche Abwehr zumindest Einflüge in größerer Zahl verhindern könne. Besonders die Angriffe auf Berlin haben im ganzen Reichsgebiet beträchtliches Aufsehen erregt, weil man der festen Überzeugung war, daß kein einziges Flugzeug das Stadtinnere erreichen könne. Dabei erinnert sich die Bevölkerung früherer Verlautbarungen, wonach es den feindlichen Fliegern nicht gelingen würde, Berlin anzugreifen.«

Auf die Beruhigung der Bevölkerung hatte schon Wochen vorher im OKW-Bericht vom 20.Juni ein lapidarer Satz gezielt: »Die deutsche Luftwaffe hat nunmehr mit der Vergeltung gegen England begonnen.« Keine spätere Mitteilung half, daran eine bestimmte Vorstellung zu knüpfen. Der informierte Ernst von Weizsäcker hingegen vermerkte noch am 10.August: »Vor dem Zerstören englischer Städte scheuen wir noch, um nichts psychologisch Unheilbares zu tun, vielleicht auch, um Gegenaktionen auf deutsche Städte nicht unnötig zu provozieren.« Die Notiz bezeugt zum einen das Wissen, daß die britischen Attacken nicht von jener barbarischen Natur waren, die dem Oberkommando der deutschen Luftwaffe vorschwebten und die bei Angriffen im Verlauf des August auf Liverpool auch bereits erreicht war. Zugleich belegt sie, daß in der Naziführung jede moralische Hemmung fehlte, zu einer Luftkriegsführung überzugehen, deren politisches Ziel darin bestand, die britische Zivilbevölkerung derart zu demoralisieren, daß sie die Regierenden unter Druck setzte, damit diese nach Frieden verlangten.

Erste Stimmungskrise im Reich

Die Rücksichten fielen durch Entscheidungen an der Wende vom August zum September. Hitler selbst gab sie öffentlich bekannt. Am 4. September sprach er zur Eröffnung des 2. Kriegswinterhilfswerkes im Sportpalast in Berlin-Schöneberg, der für solche Auftritte bevorzugten Halle, die 10000 Menschen faßte. Dem »Führer« war offenkundig klar, daß das Warten auf die Landung in Großbritannien und das Auftauchen britischer Bomberverbände am deutschen Nacht- und mitunter selbst am Taghimmel an den Nerven der »Volksgenossen« zu zehren und zerren begann. Im Kern hatte es das Regime ungeachtet seiner erstaunlichen militärischen Erfolge mit der ersten Stimmungskrise seit Kriegsbeginn zu tun. Dagegen zog Hitler alle Register der Demagogie. Er sparte mit keiner gegen England gerichteten Drohung. Die gipfelten in der Ankündigung, es würden die britischen Städte nun zur Vergeltung »ausradiert« werden. Höhnend entgegnete er auf die angeblich in Großbritannien gestellte Frage, warum er nicht komme: »Beruhigt Euch, er kommt!«

Das war die erste in einer Serie haßerfüllter Reden Hitlers gegen die Briten, die in Wahrheit die Ratlosigkeit der Führung über das eigene weitere Handeln vernebelten. Für den Moment aber schien erreicht, was gewollt war. Die Sicherheitsleute schrieben am Tage danach, daß der Auftritt Freude, Begeisterung und Zuversicht hervorgerufen und einen tiefen Eindruck hinterlassen habe. Das gelte insbesondere für die Ankündigung des Kommens des »Führers«, die wie die ganze Rede zu dem Schluß geführt habe, »daß es auf jeden Fall zu einem Großangriff komme, und daß dieser Angriff auch bald erfolge«. Die Schläge der Luftwaffe werde England keine vier Wochen mehr aushalten können: »Immer mehr verbreitet sich die feste Hoffnung, daß der Krieg noch in diesem Jahre zu Ende gehen werde.«

Die Masse stimmt zu

Der Vorsatz, nun planmäßig die britische Zivilbevölkerung moralisch zu zermürben, konzentrierte den Blick auf die Hauptstadt. Nachdem im August und bis Anfang September von Bombardements militärischer Anlagen in der Nähe Londons berichtet worden war, änderte sich das in der Nacht vom 5. zum 6. September und in den folgenden Tagen. Der OKW-Bericht des 7. September teilte unter Berufung auf den »wahllosen Bombenabwurf auf nichtmilitärische Angriffe der Berliner Innenstadt« mit: »Die deutsche Luftwaffe ist daher dazu übergegangen, nunmehr auch London mit starken Kräften anzugreifen.« Der Text des folgenden Tages ließ dann keinen Zweifel mehr, was unter der »persönlichen Leitung« Görings verübt wurde. Der Bombenhagel aller Kaliber traf »Speicher, Kraft-, Wasser- und Gaswerke sowie Arsenale, Fabriken und Verkehrseinrichtungen«. Er wurde als »Vergeltung« bezeichnet.

Von nun an wurde an jedem Septembertag von der Wucht dieser Angriffe berichtet. Nicht nur in offiziellen Texten. Kriegsberichterstatter, die in den deutschen Flugzeugen mitflogen, belieferten die Filmwochenschauen mit Bildberichten, andere schilderten das verheerende Geschehen in Rundfunksendungen oder in der Presse. Die deutschen Zeitungen publizierten Fotos von der brennenden Stadt an der Themse. Bertolt Brecht im fernen Finnland fügte die Bildzeugnisse dieses Kriegsterrorismus, entnommen einer Ausgabe der Berliner Illustrierten, in die Seiten seines Arbeitsjournals. Und die in Wort, Schrift und Bild bestens unterrichteten »deutschen Volksgenossen«? Über das sich da zeigende Echo gab der Sicherheitsdienst am 16. September dieses Bild: »Die Vergeltungsflüge gegen England sind nach wie vor das Hauptgesprächsthema aller Bevölkerungsschichten. Obwohl sich alle Volksgenossen darüber klar sind, daß diese fortgesetzten Bombenabwürfe auf England die restlose Zerschlagung des Gegners mit sich bringen werden, geht es vielen, die sich durch die fortgesetzten Niederträchtigkeiten englischer Flieger in einen grenzenlosen Haß gegen England hineingesteigert haben, noch immer nicht schnell genug. Wenn auch allgemein die Stimmung zuversichtlich ist, so kommen doch vereinzelt schon wieder Zweifel auf, daß der Krieg in diesem Jahr zu Ende gehen werde. Man äußert in diesem Zusammenhang, daß, wenn ein baldiges Kriegsende erreicht werden solle, mit der Rücksichtnahme gegenüber der englischen Zivilbevölkerung aufgehört und nicht nur militärische Ziele angegriffen, sondern systematisch die englischen Städte in Schutt und Asche gelegt werden müßten.« Mochte nicht jeder ausdrücklich das »Immer feste druff« billigen, so war der Masse das mörderische Geschehen doch gleichgültig, ausgenommen die daran genährte Erwartung, daß mit ihm der Siegfrieden bewirkt werde.

Erzwungenes Umdenken

Zu diesem Zeitpunkt aber hatten in besser unterrichteten Kreisen bereits zunehmend Zweifel um sich gegriffen. Mit dem nahen Herbst verschlechterten sich im Verlauf des September die Witterungsbedingungen für den Einsatz der Luftwaffe. Es sprach sich herum, daß Landungstermine mehrmals verschoben worden waren, und so erfuhr auch der Staatssekretär Ernst von Weizsäcker gegen Monatsmitte: »Die Militärs, die orientiert sein könnten, glauben aber gar nicht ernstlich daran, daß die Landung befohlen werden wird.« Am 17. September wurde sie dann »bis auf weiteres« verschoben, was bedeutete, daß der Plan aufgegeben war. Einen knappen Monat später wurde dieser Entschluß bestätigt. Die Luftherrschaft hatte sich nicht erringen lassen. Also stellte sich die Frage neu, wie dann ein Endsieg vorstellbar und zu erreichen war. Die verschiedensten Projekte kamen in Schwang. Die Besetzung Gibraltars, ein Feldzug zur Eroberung Ägyptens und weitere. Jedoch ließ die Verlagerung der Kriegshandlungen an die Peripherie wenig Hoffnung auf die Erreichung des Endziels, zum wenigsten in einer kurzen Frist. Und von Hassell wußte, noch bevor die Phase der Luftschlacht um England beendet war, die Voraussetzungen für die Invasion schaffen sollte, daß Hitler »für den Fall, daß ein durchschlagender Erfolg gegen England nicht möglich ist, für das Frühjahr 1941 den Angriff gegen Rußland ins Auge faßt« (Eintragung vom 10. August 1940). Fünf Tage vorher hatte von Weiz­säcker seinem Tagebuch seine Gedanken über den möglichen weiteren Kriegsverlauf so anvertraut: »Wie ähnlich die heutige Entwicklung der napoleonischen ist, würde wirklich sinnfällig werden, wenn wir die Landung in England mit allen Mitteln aber mit halbem Herzen vorbereiteten, um dann Kehrtwendung nach Osten zu machen und in eine lange Hängepartie gegen England einzutreten.« Der Fall trat ein. Nur was folgte, war mit dem aus dem Schachspiel entlehnten Begriff nicht getroffen.

Die Zitate entstammen: Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Berlin 1995; Heinz Boberach (Hg.), Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938–1945, Bd. 5, Herrsching 1984; Die Wehrmachtsberichte 1939–1945, Bd. 1, München 1985; Die Hassell-Tagebücher 1938–1944. Aufzeichnungen vom Anderen Deutschland, Berlin 1988; Die Weizsäcker-Papiere 1933–1950. Hg. von Leonidas E. Hill, Frankfurt a. M. 1974

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