20. September 2013

Der »Tschechenfreund«

Gegen Kriegshetze und Völkerhaß: Der im böhmischen Jicin geborene Karl Kraus (1874–1936) ­kämpfte gegen die großdeutschen Bestrebungen (Bad Ischl, 1892) - Fotoquelle: picture-alliance / IMAGNO/Wiener Stadt- und Landesbibliothek

Der Schriftsteller Karl Kraus war ein Kritiker deutschnationaler Ambitionen in Böhmen. Für seine Widersacher galt er daher als »deutschfeindlich«

Wolfgang Beutin

Die Geschichte Böhmens und seiner Bewohner – der Tschechen und Deutschen – ist durch Umwälzungen gekennzeichnet: im 15. Jahrhundert das Auftreten des Jan Hus und der Hussiten, im 17. Jahrhundert die Schlacht am Weißen Berge (1620), die Ereignisse des 19. und 20. Jahrhunderts (1848, 1918, 1938, 1945, 1948, 1989). Wo sich in der deutschsprachigen Literatur der Neuzeit Motive aus der tschechischen Geschichte finden – und sie sind recht häufig –, stehen sie in der Mehrzahl mit den benannten Einschnitten in Verbindung. Eine wertvolle Darstellung aus der tschechischen Geschichte, mit einem Stoff aus dem 12. Jahrhundert (Regierungszeit Kaiser Lothars III.), ist Adalbert Stifters »Witiko« (1865/67), ein umfangreicher Roman mit vielen tschechischen und deutschen Protagonisten, die der Dichter überwiegend als nobel charakterisierte.1

Eine gegenteilige, nämlich haßerfülte Charakterisierung erfuhren Tschechen oftmals in deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts. So etwa bei Paul Schreckenbach (1866–1922) in seinem Roman »Der König von Rothenburg« (1910), der zur Zeit des Jan Hus und der Hussiten spielt. Darin findet sich die nationalistisch-chauvinistisch-rassistische Bemerkung: »Wenn sie von Böhmen aus die Kirche reformieren wollen, dann wird’s niemals nichts. Das dumme, schmutzige, viehische Volk der Czechen ist dessen nicht fähig. Da gibt’s nichts als Rumor und Geschrei und Blutvergießen. Nein, (…) dies Werk muß von Deutschen getan werden«. Lange erhielt sich der Haß »sudetendeutscher« Publizisten gegen historische Personen wie Hus und die Hussiten. Der Historiker Tobias Weger vermerkte, daß »Hussiten als antideutsche ›Mordbrenner‹«2 beispielsweise auch in dem Roman von Karl Hans Strobl (geb. im mährischen Iglau, 1877–1946) dargestellt würden: »Die Fackel des Hus« (1929, neu 1953).

Fürsprecher der Slawen

Als Denunziation gemeint war es, wenn der österreichische Autor Karl Kraus (1874–1936) zur Zeit der Tschechoslowakischen Republik (zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg) in nationalistisch gestimmten deutschböhmischen Kreisen als »Tschechenfreund« bezeichnet wurde. Für den März 1923 war vom Deutschen Theater in Prag ein Ensemblegastspiel der Neuen Wiener Bühne vorgesehen, wobei der Schlußteil der Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit« von Kraus zur Aufführung kommen sollte: der Epilog »Die letzte Nacht«. Doch der Theaterausschuß, der sich aus Mitgliedern der deutschen politischen Parteien zusammensetzte, erhob dagegen Einspruch. Die Aufführung unterblieb. In der Prager Presse entstand um den Vorfall eine Debatte. Darin gab es von seiten der deutschen Nationalisten ein auffälliges Schlüsselwort, auf den Autor Kraus gemünzt: »Tschechenfreund«, auch »zu tschechenfreundlich«, und mit anderer Akzentuierung: deutschfeindlich. In diesem Zusammenhang erinnerte die Prager Presse, ein Regierungsblatt, kritisch daran, daß einige Jahre zuvor eine Aufführung der Oper Bedrich Smetanas (1824–1884) »Die verkaufte Braut« in demselben Deutschen Theater verhindert worden war. Kraus zitiert nun die Prager Presse, die den schmählichen älteren Vorfall wieder aufgegriffen hatte. Abermals gibt er selber seinem Zorn über den »Boykott der ›Verkauften Braut‹ durch das Deutsche Theater« Ausdruck.

Die Deutschen in Prag, die sich gegen Kraus und seine Tragödie wandten, hätten im Text finden können, daß der »Tschechenfreund« darüber hinaus allgemein als Fürsprecher der slawischen Völker auftrat. Fürsprache hieß für den Autor: die Pflicht zu übernehmen, die unsäglichen Leiden der betroffenen Menschen in Verfolgungen und Krieg darzustellen. So hob es die tschechische Tribuna damals hervor, die daran erinnerte, wieviel Anteilnahme Kraus den serbischen Opfern der österreichischen Kriegführung im Ersten Weltkrieg gewidmet hatte. Bereits Jahre zuvor hatte er zugunsten einer Gruppe serbokroatischer Parlamentarier, die in Österreich zu Unrecht eines politischen Verbrechens bezichtigt worden waren, eine scharfe Klinge geführt. In seinem aufsehenerregenden Artikel »Prozeß Friedjung« aus dem Dezember 1909 legte er das Faktum dar, daß der Historiker Heinrich Friedjung (1851–1920), in einem Komplott, mehrere Mitglieder des kroatischen Landtags des hochverräterischen Einverständnisses mit den Führern der großserbischen Bewegung beschuldigt hatte, sich auf gefälschte Dokumente stützte. In Wahrheit stammten sie von offiziöser österreichischer Seite und hätten allerdings die Beschuldigten auf den Richtplatz führen müssen.

Als einen Zeugen für seine Sicht benannte Kraus damals den tschechischen Gelehrten und Politiker Tomas Garrigue Masaryk. Seine Untersuchung brachte ihm hohe Anerkennung durch diesen ein. Nach Erscheinen des Artikels schrieb er am 8. Januar 1910 an Kraus: »Sehr geehrter Herr Kraus, Nr. 293 der ›Fackel‹ sagt vieles, was ich denke und gelegentlich noch öffentlich zu sagen gedenke – ich fühle mit Ihnen, daß das ›kleine‹ Serbien und die Kroaten in der Sache um so viel höher gestanden sind als das ›große‹ Oesterreich, und ich beurteile dieses offizielle ­Oesterreich ganz so wie Sie. Ihr ergebener Professor T. G. Masaryk, Prag.«

Ging in späteren Jahren von einem österreichischen Autor ein Angriff aus, zögerte Kraus nicht, den tschechischen Staatspräsidenten zu verteidigen. Als Felix Salten behauptete: »Gewiß, das Wirken Masaryks hat mit dazu beigetragen, daß die habsburgische Doppelmonarchie so arg zerrissen wurde«, parierte Kraus diesen Vorwurf mit dem Lob Masaryks, daß »in seiner Gestalt wirklich einmal ein Wunder der Weltgeschichte vollzogen« scheine, »nämlich die Verbindung von Staatsmann und Ehrenmann«.

Gründer der Fackel

Karl Kraus stammte selber aus Böhmen; sein ostböhmischer Geburtsort war Jicin. In seinen späteren Jahren verbanden ihn enge private Beziehung mit Böhmen. In seiner Zeitschrift Die Fackel blickte er vom ersten Jahrgang (1899) an auf Böhmen und Mähren. Darunter auf Brünn. Er äußerte, damit glaube einer, den er »jemand« nennt (er selber), allein zu stehen, denn andere beachteten die uninteressante Industriestadt nicht. »Diese klugen, gebildeten und hilfreichen Menschen, die den öffentlichen Angelegenheiten des Staates eine unablässige Aufmerksamkeit schenken, die gespannt die politischen Triebwerke von Wien und Prag belauschen, auf die Regungen Nordböhmens und Tirols horchen und die dem Unrecht, der Gewaltthat und der Noth in den Weg treten, um zu bessern, soweit der freie Verein guter Menschen zulangt, sahen rathlos den Sprecher an, der diese gleichgiltige Stadt mit Bedeutung genannt hatte.« (Ende Mai 1899) Was teilte er aus Brünn mit? »Einen vollen Monat stehen die 12000 Weber und Spinner von Brünn im Streik.« Den Ausständigen gehe es um eine künftige zehn- statt der noch geltenden elfstündigen Arbeitszeit. Es heißt in dem Bericht statt »Arbeiter« auch: »unsere ausgemergelten Industriesclaven«. Er schildert die elende Lage der Proletarier und ihrer Familien, rühmt die Opfer, die sie für die Ziele ihres Arbeitskampfes bringen. »Im Brünner Streik sehen wir die sittlichen Mächte lebendig, die allein den ausgetrockneten Boden unserer Cultur verjüngen könnten.« Die »sittlichen Mächte« wirkten einzig noch im Proletariat, einzig vom Proletariat erwartete er also in der Zukunft eine neue kraftvolle »Cultur«.

Die streikenden Arbeiter waren das eine, was die Aufmerksamkeit des Autors Kraus auf sich zog. Ein anderes war ständig die Entwicklung in den Künsten. Er suchte alles bedeutende Moderne zu fördern, wo es ging. Aus Brünn stammte ein junger Student, Oskar Jellinek (1886–1949). Er durfte in der Fackel anläßlich der ersten Aufführung der Dichtung »Frühlings Erwachen« von Frank Wedekind im Deutschen Volkstheater einen »Gruß« an den Dichter richten, der in Gestalt eines Gedichts mit zwölf Strophen à vier Zeilen abgefaßt war.

Wie hier auf einen offensichtlich deutschböhmischen Autor, so fällt der Blick von Kraus in Böhmen auf Zeitgenossen unter den tschechischen Dichtern und Komponisten. Das reicht bis zu dem Zeitpunkt wenige Monate vor seinem Tode. Im letzten Heft der Fackel (Nummer 917) vom Februar 1936 erwähnt er in einer »Programmnotiz« den Lyriker und Dramatiker Jaroslav Vrchlicky (1853–1912), von dem er auch an anderer Stelle spricht, wenn er die wichtigsten tschechischen Autoren der damals jüngsten Vergangenheit streift.

Im Oktober 1926 veranlaßt ihn eine Äußerung des Präsidenten der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Prof. Dr. Josef Zubaty, der den Tschechen emphatisch den korrekten Umgang mit der eigenen Sprache abforderte, den Zugriff der chauvinistischen Nationalisten auf die Sprachen zu kritisieren: »Die Pflege der eigenen Sprache als geistigen Gutes besteht keineswegs in der Verpönung der andern als eines Verständigungsmittels, welches die deutsche Sprache auch wäre, wenn sie den Tschechen nicht noch mehr zu bedeuten hätte.« Was er kritisiert formuliert er präzise: »Die Belästigung des Verkehrslebens durch nationales Pathos.«

Von besonderer Bedeutung, wenn man sich die Wertschätzung vergegenwärtigen will, die Kraus dem Geistesleben und der Kunst der Tschechen entgegenbringt, ist seine Kommentierung eines Vorgangs von 1901, als die maßgebenden Instanzen in Österreich eine Auswahl solcher Künstler treffen mußten, die man ins Herrenhaus (das Oberhaus) zu berufen gedachte. Aus Böhmen waren dies Vrchlicky und der Komponist Antonin Dvorak (1841–1904). Von deutsch-österreichischen Künstlern schlug man lediglich einen vor, den heute kaum oder gar nicht mehr bekannten Bildhauer Caspar Zumbusch (1830–1915). Kraus schrieb Mitte April 1901: »Und die Deutschen ­Oesterreichs müssen, wenn sie die beschämende Ueberlegenheit gewahr werden, die die Production der Tschechen in Musik und Dichtung erlangt hat und die im vergangenen Winter auch auf dem Gebiete der bildenden Kunst (…) bewiesen wurde, die bange Frage nach den Ursachen stellen, die den deutschen Culturaufschwung in Oesterreich hemmen, und nach den Wirkungen, die daraus für die Stellung der Deutschen in diesem Staate in Zukunft entspringen müssen.« Als Dvorak 1904 starb, spießte Kraus unter der Rubrik »Antworten des Herausgebers« die Ungeheuerlichkeit auf, daß »ein mauldeutsches Provinzblatt« zwar den Tod des großen Komponisten vermeldete, aber in einem Nekrolog, der weniger als zehn Zeilen umfaßte und durch einen respektlos-distanzierenden Tonfall auffiel. Es hieß darin: »Bei den Tschechen galt er als musikalische Größe, ebenso wie dort Vrchlicky als dichterische Größe gilt, und wurde deshalb gleichzeitig mit letzterem vor zwei Jahren ins Herrenhaus berufen.«

Tschechische Moderne

Wie Kraus mehrmals Vrchlicky würdigte, so ebenfalls den wichtigsten Repräsentanten der tschechischen Moderne, Josef Svatopluk Machar (1864–1942). Er beklagte, daß diese beiden damals, ähnlich wie polnische und ungarische Autoren, im deutschsprachigen Bereich nicht genügend rezipiert worden seien.3 Es waren zwei der eigenwilligsten Repräsentanten der damaligen tschechischen Dichtung, allerdings der vielleicht wichtigsten Wortführer konträrer Richtungen. Kraus schrieb: »Bis zu welcher Stufe völkischer Vertrottelung sind wir denn gelangt, daß es uns nicht mehr auffällt, wenn die deutsch-liberale Presse, die über die Prager Première des Herrn Weinberger in spaltenlangen Artikeln referierte, von dem gleichzeitigen Ereignis der ›Armida‹, Oper Dvorak’s mit Text von Vrchlicky, mit keinem Worte Notiz nahm? Glauben die Mauldeutschen denn wirklich, daß die Lyrik zwischen Linz und Innsbruck eine Erscheinung aufweist, die man mit Fug dem Czechen Machar an die Seite stellen könnte? Warum verstopfen wir uns denn die Ohren, wenn uns erzählt wird, daß die Nationen, mit denen wir nun einmal in einem Staats- oder Reichsverband leben, Künstler hervorbringen? Ein gelegentliches Interesse für die tschechische, polnische und ungarische Literatur könnte uns gar nicht schaden.« Fünf Jahre später druckte Kraus wie zum Beleg für seine Aussage von 1904 in der Fackel ein Sonett von Machar ab, eine Ehrung, wie sie der Herausgeber nicht vielen Lyrikern unter den Zeitgenossen gönnte.

Den Autor Kraus empörte immer erneut, wie die Kritik in Österreich mit den Künstlern umsprang, so auch Ende Februar 1903: »Das Genie darf noch immer zu Tode gemartert werden.« Als Beispiel dafür sah er Anton Bruckner und Hugo Wolf, als erstes benannte er jedoch Smetana: »Smetanas Leben war ein langsamer Hungertod. Als er es nicht mehr hören konnte, sicher nicht mehr hören konnte, nannte man ihn den Mozart unserer Zeit. Wie das wohlthut, wenn man schon zwischen jenen anderen Brettern liegt, die nicht mehr die Welt bedeuten!«

Wie er selber die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse Böhmens stetig im Blick behielt, gab es böhmische Autoren, die sich mit dem schriftstellerischen Werk von Karl Kraus und seiner Persönlichkeit intensiv beschäftigten. Dabei sind zwei Phasen auszumachen: erstens die Spanne nach dem Erscheinen der Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit« und während der ersten Versuche, sie auf der Bühne darzubieten; zweitens, ein knappes Jahrzehnt später, das Goethejahr 1932.

Die Tragödie erfuhr in tschechischen Kritiken höchstes Lob. So schrieb der Übersetzer und Germanistikprofessor an der Prager Karlsuniversität, Otokar Fischer (1883–1938), Anfang Juni 1924: »Aber wovon bei den sicherlich zahlreichen Analysen der heftigen antiösterreichischen und antipreußischen Invektiven K.s noch nicht die Rede war, das ist der aktuelle Wert dieses Werks für die Psychologie der tschechischen Politik, für die Begründung des tschechischen Abwehrkampfes. Gerade die Angehörigen einer Nation, die Jahrhunderte hindurch in Wien ihren Verfolger und Würger sah, können aus eigener Erfahrung den dokumentarischen Gehalt dieses Buches (ich sage ›Buches‹, keinesfalls ›Theaterstückes‹), bezeugen, welches die rücksichtsloseste Abrechnung mit den Habsburgern und Hohenzollern enthält, die je geschrieben wurde. (…) man erkennt, daß K. vielleicht die einzige geistige Großmacht bedeutet, die jemals in der Hohenzollernresidenz zu Hause war.«

Ein Kritiker, der sich Cursor nannte, schrieb: »Das Werk ist von einer Eigenart, die schwer eine Einreihung gestattet. Es ist keine Tragödie im üblichen Sinne, sondern in einem gewissermaßen neuen und schrecklichen Sinne. Held ist die Menschheit – ein unsichtbarer Held, der nirgends und überall ist. Der Held tritt als serbischer Bauer auf, der sein eigenes Grab schaufelt, als tapferer Landsturmmann, sterbend im Gesichtsfeld der photographischen Linse, als ein Kind mit durchschossener Stirn.«

Ende Dezember 1932 gab Kraus in dem Artikel: »Goethe-Feier bei den Tschechen« tschechische Stimmen wieder, die über die Prager Goethe-Feier berichteten. Einleitend habe Fischer eine Ansprache gehalten. Neben einer Würdigung der Dichtung Goethes fand sich darin auch eine Ehrung für Karl Kraus. Es hieß u.a.: »Wie oft geschieht es doch, daß wir bei deutschen Schriftstellern vom nationalen wie vom europäi­schen Gesichtspunkt aus eine gewisse Reservatio mentalis bewahren müssen, die durchaus nicht zuläßt, daß wir uns mit ihren Standpunkten identifizieren; wieviel Trennendes müssen wir uns in fast allen Fällen gestehen, wie markant treten vielfach die unüberbrückbaren Unterschiede besonders in der Beurteilung des Kriegsphänomens hervor! Wie in so vielen anderen Dingen ist Karl Kraus auch hierin eine Ausnahme.« Kommentierend merkte Kraus an, das Fest zu Ehren Goethes sei von der tschechischen Presse mitgefeiert worden, wohingegen die »deutschnationale Presse« schwieg, auch die deutsche sozialdemokratische in der Tschechoslowakei.

Mauldeutscher Stumpfsinn

Mitte Oktober 1923 analysierte und kommentierte Kraus ein Gedicht von Karl Hans Strobl, betitelt »Das schlesische Kind«. In einem archaisierenden Balladenstil trifft dieser darin die Aussage, daß ein Kind von einer Handgranate zerrissen worden sei. In einer Klimax führt Strobl seinen Text zu dem Punkt, wo er angibt, daß das tote Kind ein deutsches Kind ist: »Die ganze Stadt, / die ganze Stadt, / Arbeiter, Bürger und Bauern. / Heut’ sind sie einig endlich einmal / in einem gemeinsamen Trauern. / Und allen hämmert es dumpf in der Brust / und nagt es heiß im Gewissen: / Es wurde ein Kind, ein deutsches Kind, / von Handgranaten zerrissen.« Den tschechischen Soldaten unterstellt Strobl: Wenn auch eine Handgranate liegen bleibe, »Wir kennen das Ding; und finden es die, / so mögen sie d’ran verrecken. / Es sind ja nur Deutsche, was schadet es uns, / wenn Deutsche d’ran glauben müssen«. So sei es der (tschechische) »Soldatenübermut«. Die (deutschen) Männer aber, die hinter dem Sarge gehen, schwören sich: »Dereinst / kommt ein rächendes Auferstehen!«

Kraus wußte, daß Strobl ehemals Kriegsberichterstatter an fast allen Fronten des Weltkriegs gewesen war; er sei, »nachdem er fünf Jahre lang dem Soldatenübermut, und zwar dem deutschen, belletristisch gedient hatte, einer der dreistesten Kriegshetzer, die es heute noch gibt«. Ein »so miserabler Reimer (…), der nur die tschechischen Handgranaten auf den Wiesen bemerkt, die sie (tschechische Soldaten im Manöver – W. B.) dort liegen ließen. Aber an dem Grauen des Falls, daß wieder ein Kind von einer solchen zerrissen wurde, hat weder die tschechische Provenienz der Handgranate noch die deutsche des Kindes auch nur den geringsten Anteil (…) Es ist wohl auch schon an einer deutschen Handgranate ein tschechisches Kind zugrunde gegangen, und es hätte von der nämlichen tschechischen auch ein tschechisches zerrissen werden können.« Vor allen sei es eine »Infamie, das Liegenlassen der Granate als einen Plan darzustellen (…) Als ob im militärischen Tun und Lassen als solchem nicht genug des Wahnwitzes enthalten wäre. Für die Schande der Menschheit, daß es Handgranaten gibt und daß mit ihnen zuerst Erwachsene und dann Kinder spielen, welcher Nation immer beide angehören mögen, hat ein solcher Blutsudler kein Gefühl und keinen Vers, der tragische Vorfall taugt ihm bloß dazu, den Vorsatz, wieder deutsche Handgranaten zu fabrizieren, Arbeitern, Bürgern und Bauern einzuimpfen und zum nationalen Racheschwur zu erhitzen, glücklich, sie wenigstens darin ›endlich einmal einig‹ zu wissen.«

In dem Text von zwei Seiten Umfang – ohne die Wiedergabe des Strobl-Gedichts: nur eine – vereinigt Kraus auf schmalem Raum mehrere Argumentationen, die zusammengenommen auf die Abwehr des rassistischen Nationalismus zielen, auf die Anklage der Kriegsvorbereiter, der Kriegswaffen und des Phänomens Krieg überhaupt, zudem der Wiederaufrüstung. Nebenbei enthält er die kurze Abfertigung des Verfassers Strobl, unter zwei Aspekten: dem des bellizistischen Propagandisten und des mißratenen Poeten. Meldet sich in der Polemik gegen Strobl auch der »Tschechenfreund« wieder? Es ist richtig, er weist energisch die antitschechische Tendenz der Stroblschen Klitterung ab; er denkt einige Möglichkeiten durch, beispielsweise daß durch eine deutsche Handgranate ein tschechisches Kind getötet worden wäre. Es kommt dem Satiriker Kraus jedoch vor allem auf eines an: Den literarischen Kunstgriff zu bekämpfen, daß ein Autor einen grauenvollen Vorfall – Tod eines Kindes durch eine Handgranate – instrumentalisiert im Dienst einer menschenfeindlichen Ideologie, des Nationalismus.

Anmerkungen

1 Anzumerken ist, daß die Verwendung des Namens Witiko in revanchistisch-nationalistischen Zusammenhängen mißbräuchlich ist.

2 Das Hussitenstereotyp im sudetendeutschen völkischen Diskurs, in: Edmund Mitrów und Tobias Weger: Deutschlands östliche Nachbarschaften. Eine Sammlung von historischen Essays für Hans Henning Hahn. Frankfurt/Main 2009, S. 604

3 Die »Berliner Moderne«, die »Münchner Moderne«, vor allem die »Wiener Moderne« werden genannt, gekannt, im Zusammenhang mit den Avantgarde-Strömungen um 1900 erforscht. Doch wie steht es um die »Prager« oder »tschechische Moderne«? Kvetoslav Chvatik mahnte 1988: »Daß Prag zu Beginn des Jahrhunderts ein ähnlich bedeutendes Laboratorium der modernen Kultur wie Wien gewesen ist – diese Tatsache harrt weiterhin ihrer Würdigung.« In: Ders. (Hg.): Die Prager Moderne. Erzählungen, Gedichte, Manifeste. Frankfurt/Main 1991, S. 350

Wolfgang Beutin, Jahrgang 1934, ist Literaturwissenschaftler und Privatdozent an der Universität Bremen. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 4. März 2013 über Karlheinz Deschners »Kriminalgeschichte des Christentums«.

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