16. Juni 2011

Der Unbeugsame

Vor 90 Jahren wurde Max Hoelz zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt - die Solidarität der Arbeiter kämpfte ihn frei

Peter Giersich

Juni 1921: Vor dem Sondergericht in Berlin-Moabit beginnt der Prozeß gegen einen der bekanntesten Rebellen der Weimarer Republik. Ihm wird vorgeworfen, »es unternommen zu haben, die Verfassung des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates gewaltsam zu ändern und in Tateinheit hiermit öffentlich vor einer Menschenmenge und durch Verbreitung und öffentlichen Anschlag zum Vergehen gegen Gesetze oder rechtsgültige Verordnungen oder gegen die von der Obrigkeit innerhalb ihrer Zuständigkeit getroffenen Anordnungen aufgefordert zu haben«, als Rädelsführer an öffentlichen Zusammenrottungen teilgenommen zu haben in der Absicht, Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Sachen mit vereinten Kräften zu begehen, in die Wohnung, in die Geschäftsräume oder in das befriedete Besitztum eines anderen oder in abgeschlossene Räume, welche zum öffentlichen Dienst bestimmt sind, widerrechtlich eingedrungen zu sein, durch Androhung eines gemeingefährlichen Verbrechens den öffentlichen Frieden gestört zu haben, in unbefugter Weise einen bewaffneten Haufen gebildet oder befehligt und mit Waffen oder »Kriegsbedürfnissen« versehen zu haben – und vieles mehr.

Not und Armut

Der Angeklagte hieß Max Hoelz, Techniker aus Falkenstein im Vogtland. Wie kam es zu den ungeheuerlichen Anschuldigungen, die im Vorwurf eines Mordes gipfelten?

Hoelz, Sohn armer Landarbeiter, trat nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der deutschen Novemberrevolution in seiner vogtländischen Heimatstadt Falkenstein an die Öffentlichkeit, weil er den Hunger und die Not der armen Bevölkerung einerseits und die Herzlosigkeit, den Egoismus und die Besitzgier der Begüterten andererseits nicht mehr ertragen konnte und wollte. Während des Krieges hatte er die Bekanntschaft mit Georg Schumann gemacht, welcher Mitglied der Spartakusgruppe war. Durch Gespräche und Einsichten fand Hoelz den Weg in die organisierte Arbeiterbewegung. Er wurde Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), einer linken Abspaltung der SPD. Diese war ihm aber nicht konsequent genug. Unter dem Einfluß von Fritz Heckert und dem Wanderredner der KPD Eugen Steinert schloß er sich der radikaler auftretenden Kommunistischen Partei an.

In Folge des Krieges war die im Vogtland vorherrschende Textilindustrie völlig zusammengebrochen. Die heimkehrenden Soldaten fanden keine Arbeit. Im April 1919 erhielt in Falkenstein eine fünfköpfige Familie wöchentlich 57 Mark Erwerbslosenunterstützung. Max Hoelz rechnete vor, daß für das Lebensminimum mindestens 68,10 Mark nötig gewesen wären. In einer noch elenderen Lage befanden sich die vielen Kriegerwitwen: Eine Frau mit Kind kam pro Woche auf nur 21 Mark Unterstützung.

In einer Streitschrift »Die Vorgänge in Falkenstein«, die im Herbst 1919 erschien, bewies Hoelz umfassende Detailkenntnisse über die sozialen Verhältnisse und schilderte den Widerstand der Arbeitslosen angesichts dieser Zustände: Am 24. April 1919 wählten sie sich einen Arbeitslosenrat, dessen Vorsitzender Hoelz wurde. Eine spontane Demonstration führte zum Rathaus, wo man den Bürgermeister aus seinem warmen Büro holte und in einem zweistündigem Marsch durch »seine« Stadt führte, damit er sich des Elends seiner »Stadtkinder« bewußt werde. Das Ergebnis dieser wilden Aktion war nicht etwa Einsicht in die Notlage und Maßnahmen zu ihrer Linderung, sondern der Beginn einer wüsten Hetze in den damaligen Medien. So wurde in den Zeitungen von rotem Terror und Gewalt, von einem Spartakistenputsch berichtet. Drei Tage später rückte eine Abteilung Reichswehr in Falkenstein ein, um »Ruhe und Ordnung« wiederherzustellen. Doch kaum angekommen, sahen sich die Soldaten von einer riesigen Menschenmenge umringt, die darauf drängte, daß die Soldaten ihre Stadt verlassen sollten. Da von den angeblichen Krawallen nicht die geringste Spur zu sehen war, sahen diese sich veranlaßt, das Feld zu räumen.

Den gesamten Mai 1919 nutze der Arbeitslosenrat, um Lebensmittel und Brennholz heranzuschaffen und unter den Bedürftigen zu verteilen. Hoelz und seine Genossen führten ein Gerechtigkeitsregime ein, indem sie den Reichen nahmen und den Armen gaben. So hatte ein Rittergutsbesitzer seinen Tagelöhnern, die um eine Aufbesserung ihres Lohnes baten, gesagt: »Geht zu Hoelz und laßt euch von ihm etwas geben.« Hoelz seinerseits schrieb diesem Ausbeuter einen Brief, in dem er ihn zur Übergabe von zehntausend Mark aufforderte. Anderenfalls werde man ihm die Pferde aus dem Stall holen und sie verkaufen, um die Lohnerhöhung auf diese Weise zu realisieren. Der Gutsbesitzer übersandte eiligst das geforderte Geld.

Am 3. Juni 1919 kam es zu einer erneuten Besetzung Falkensteins. 800 Grenzjäger aus Zeithain rückten ein, durchsuchten Häuser und Wohnungen und hatten den strikten Befehl, Hoelz tot oder lebendig zu fangen. Nach drei Wochen zogen sie erfolglos wieder ab. Eine Stunde nach dem Abzug stand Hoelz auf den Falkensteiner Rathaustreppen und sprach zu seinen Anhängern. Tags darauf rückten Einsatzkräfte von Zwickau ein, verkündeten das Standrecht und forderten die Herausgabe von Hoelz. Diesem gelang aber die Flucht. Er tauchte unter.

Im Kampf gegen Kapp

In den Märztagen 1920, als reaktionäre Kräfte um Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp und General Walther von Lüttwitz versuchten, die junge Republik zu stürzen, erhoben sich in allen Teilen Deutschlands die Arbeiter zu einem gewaltigen Generalstreik, der dem Abenteuer ein rasches Ende setzte. Im Vogtland bildete sich unter Leitung von Max Hoelz und Georg Dittmar aus Oelsnitz eine Arbeiterwehr, auch als »Rote Garde« bezeichnet. Diese sicherte Ruhe und Ordnung an der Seite der republiktreuen Polizei, ging aber rabiat gegen Monarchisten und putschfreundliche (Para-)Militärs vor und löste Waffenverstecke auf. So rückte eine kleine Abteilung der Falkensteiner Arbeiterwehr in Markneukirchen ein und entwaffnete die Bürgerwehr, die ihrerseits den Aktionsausschuß im benachbarten Adorf an der Arbeit gehindert hatte. Um die »Rotgardisten« entlohnen zu können, wurden bei wohlhabenden Bürgern Kontributionen eingefordert, welche diese auch angesichts der Umstände leisteten.

Wie viele Zeitgenossen meinten auch die Kämpfer um Max Hoelz, die eingetretenen Verhältnisse für die Weiterführung der 1918/19 abgebrochenen Revolution nutzen zu können. So weigerte man sich, nach Beendigung des Generalstreikes die Waffen abzugeben. Reichswehr, die vorher nicht auf die Putschisten schießen wollte, rückte nun auf das Vogtland vor. In Zeitungen und auf Plakaten drohte der Falkensteiner Rote Vollzugsrat, beim Einmarsch der Reichswehr mit Brand und Totschlag – allerdings vergebens. Am 11. April 1920 mußte die Rote Garde Falkenstein verlassen. Hoelz zog sich mit seinen Männern ins obere Vogtland zurück und schrieb von Klingenthal aus an die Regierung der noch jungen tschechoslowakischen Republik (CSR), daß er gewillt sei, mit seiner Mannschaft in die CSR überzutreten, wo man sofort alle Waffen ablegen würde. Die Prager Regierung sandte darauf starke Truppeneinheiten an die Grenze, um das zu verhindern. Hoelz löste seinen Verband auf. Er wurde später bei Marianske Lazne verhaftet und wegen unerlaubten Waffenbesitzes in Jiín verurteilt.

Rote Armee im Mansfelder Land

Im März 1921 wehrten sich die Arbeiter im Mansfelder Land gegen eine Provokation der preußischen Regierung. Diese sandte massive Polizeiverbände in das Gebiet um Eisleben und Leuna-Merseburg, um angebliche Diebstähle in den Fabriken zu unterbinden. Tatsächlich hatte die Kommunistische Partei bei der Landtagswahl am 20. Februar 1921 einen großen Stimmenzuwachs zu verzeichnen. Im Bezirk Halle-Merseburg und im Mansfelder Land waren die Ergebnisse besonders hoch. Sie erhielt im Vergleich aller Parteien die meisten Stimmen. Das waren im Bezirk Halle-Merseburg 197000 Stimmen (29,5 Prozent) und im Mansfelder Land 33350 Stimmen (40,8 Prozent). Der Oberpräsident Otto Hörsing (SPD), Verwaltungschef der preußischen Provinz Sachsen, lud Landräte, Unternehmer, Partei- und Gewerkschaftsvertreter zu einer Besprechung ein. Hier entstand der Plan, Mitteldeutschland mit starken Polizeitruppen zu besetzen und damit das Anwachsen der kommunistischen Aktivitäten einzudämmen.

Sofort nach Einrücken der Polizeieinheiten versammelten sich die Arbeiter und forderten deren Rückzug. Diese gingen aber nicht darauf ein und traten provokatorisch auf. Am 22. März fand abends in Eisleben eine Versammlung mit mehreren tausend Teilnehmern statt. Einmütig erscholl die kategorische Forderung »Fort mit den bewaffneten Sklavenhaltern!«, wie Max Hoelz berichtete. Hoelz trat in dieser Versammlung das erste Mal während dieser stürmischen Tage öffentlich auf. Nach Abschluß der Versammlung hatte die Sicherheitspolizei (Sipo) eine Anzahl Teilnehmer verhaftet und schwer mißhandelt. Bei dem Versuch, ihre Kameraden zu befreien, war es zwischen der Polizei und den Arbeitern zum ersten schweren Zusammenstoß gekommen, bei dem die Arbeiter noch keine Waffen führten. Das rücksichtslose und völlig unbegründete Vorgehen veranlaßte sie aber, sich zu bewaffnen.

Max Hoelz erinnerte sich: »Mich zwang die veränderte Sachlage zu neuen und raschen Entschlüssen. Jetzt war das Hauptgewicht nicht auf die Veranstaltung imposanter Versammlungen zu legen, sondern ich mußte versuchen, die sich spontan bewaffnete Arbeiterschaft zu möglichst einheitlichen militärischen Aktionen zusammenzubringen. Ich entsandte sofort, am Morgen des 23., Kuriere (…), um die notwendige Fühlung und Verbindung mit den Parteien und Genossen herzustellen. Dann schritt ich unverzüglich zur Aufstellung einer Sturmkompanie, die den Kern einer militärischen Arbeiterkampftruppe bilden sollte. Hierfür standen mir am ersten Tage 50 Gewehre und drei schwere MG zur Verfügung.«

Max Hoelz war bei den Arbeitern und den unteren Bevölkerungsschichten des Vogtlandes beliebt, von den Oberen und den Behörden aber wurde er gehaßt und gejagt. Auf seine Ergreifung waren im März 1921 55000 Mark ausgesetzt. Durch seine mutigen Aktionen im Vogtland war er in der revolutionären Arbeiterschaft in ganz Deutschland bekannt. Seinem Ruf, eine Rote Armee zu bilden, folgten zahlreiche Arbeiter. Über die Kämpfe der von ihm geführten proletarischen Armee berichtete er: Am 23. März habe er in Eisleben versucht, die in den beiden Schulen verbarrikadierten Sicherheitspolizisten (Sipo) aus der Stadt zu vertreiben. Da aber ein Angriff auf die Gebäude zu größeren Verlusten bei den bewaffneten Arbeitern geführt hätte, sandte er Parlamentäre mit der Forderung, die Sipo solle sofort die Stadt verlassen, andernfalls würde diese angezündet und geplündert. Da die Drohung nichts bewirkte, legte er eigenhändig an ein Gebäude Feuer und ließ eine Anzahl großer Spiegelscheiben in den größten Kaufläden zertrümmern. Er betonte, daß dabei nicht geplündert worden ist. Und weiter: »Um die Mittagsstunde des 24.März fuhr ich mit meinen Mannschaften auf Lastautos gegen Hettstedt. Die Hettstedter Sipo (…) bestand aus mindestens vier Hundertschaften, in einer Gesamtstärke von über 500 Mann. Die Zugänge zur Stadt waren von den Grünen (gemeint ist die damals grün uniformierte Polizei – d.R.) versperrt. Wir hatten in kurzer Zeit die Fühlung mit ihnen hergestellt, und es entwickelte sich nun ein scharfes Gefecht.« Hier in Hettstedt sprengte er Eisenbahngleise, um die Polizei an der möglichen Nutzung von Bahntechnik zu hindern. Bei dem nun folgenden Nachtangriff wurden ein Teil des Bahnhofsgebäudes, zwei Villen und zuletzt die »Druckerei des bürgerlichen Hetzblattes« gesprengt.

Am 25. März versuchte die Hoelz-Truppe erneut, Eisleben einzunehmen. Die starke Gegenwehr erzwang jedoch den Rückzug, und so wandte man sich Sangerhausen zu. In Wimmelburg schlossen sich zahlreiche Arbeiter an, so daß die Truppenstärke nach Auskunft von Max Hoelz auf 1400 stieg. In Sangerhausen kam es zu einem heftigen Gefecht mit der Besatzung eines Panzerzuges. Im Morgengrauen des 28. März erreichte die Abteilung Ammendorf. Die Arbeitersoldaten gingen auf einer drei Kilometer breiten Linie gegen Halle vor und stießen kurz vor der Stadt auf ausgeschwärmte »Grüne«. Vor allem fehlte es den Arbeitern an Munition. Noch ehe Verstärkung aus dem Leuna-Werk eintraf, wurden sie von vier Seiten überraschend angegriffen. Nach erbittertem Gefecht zogen sich Hoelz und seine Männer nach Ammendorf zurück, wobei sie 30 Tote zu beklagen hatten.

»Proletarische Ehre«

In der Nacht vom 31. März zum 1. April erreichte die Truppe, von Gröbers kommend, den Ort Beesenstädt. Hier räumten die Arbeiter die Vorräte des Rittergutsbesitzers Nette aus und verteilten sie an die Einwohner. Bei Beesenstädt wurde die schon dezimierte Truppe um Hoelz durch technisch wie zahlenmäßig weit überlegene Polizei und Reichswehr aufgerieben. Über 100 Arbeiter gerieten in Gefangenschaft. Dieses Gefecht war das letzte Aufflackern der mitteldeutschen Kämpfe. Bei Könnern geriet Max Hoelz in die Hände süddeutscher Zeitfreiwilliger.

Hoelz konnte seinen Häschern entkommen, fuhr nach Berlin. Am 17. April wurde er jedoch verraten und verhaftet. Auf seinen Kopf waren 50000 Mark Belohnung ausgesetzt. Sein Auftreten vor Gericht wurde zum Beispiel für viele proletarische Klassenkämpfer, sein Plädoyer zu einer Anklagerede gegen die bürgerliche Gesellschaft. Es wurde in hoher Auflage von den linken Juristen Felix Halle publiziert. Kurt Tucholsky nannte ihn den Mann, der die mutigste Rede vor einem deutschen Gericht gehalten hat.

Hoelz schleuderte den Richtern auf ihre Anklage entgegen: »Wenn die revolutionäre Arbeiterschaft Gewalt anwendet, so geschieht dies nur in Erwiderung der Gewalt, welche die herrschende Klasse dem proletarischen Existenzkampf und Aufwärtsstreben entgegensetzt. Die herrschende Klasse ist es, die zuerst Gewalt angewendet hat. Wenn heute in einer Versammlung ein kommunistischer Redner auftritt und seine Idee verkündet, so wird er verfolgt und Gewalt gegen ihn angewendet.«

Umgekehrt werde aber jede Gewaltanwendung seitens der Unterdrückten durch die öffentliche, von den Interessen der Bourgeoisie gelenkte Meinung als Unrecht gebrandmarkt. Rede- und Versammlungsfreiheit stehe lediglich auf dem Papier, in der Praxis hagle es Verbote für kommunistische Zeitungen und Versammlungen.

»Wenn Sie heute über mich Ihr Urteil fällen«, so Hoelz weiter, »betrachte ich es als ein Schul­examen. (…) Ihr Urteil, wie es auch ausfallen wird, wird ein Klassenurteil sein. Sie können mich zu zehn, 15 Jahren oder zu lebenslänglichem Zuchthaus, ja zum Tod verurteilen. Zehn Jahre Zuchthaus bedeuten für mich eine 4, mangelhaft, 15 Jahre Zuchthaus eine gute Note, lebenslänglich Zuchthaus, Zensur 1, wenn Sie mich aber zum Tode verurteilen, dann erhalte ich Zensur 1a, das ist das beste Zeugnis, das Sie mir ausstellen können. Dann beweisen Sie den revolutionären Klassen der Welt, daß ein wirklicher Revolutionär gelebt und sein Klassenbewußtsein mit dem Tode besiegelt hat.«

Bürgerliche »Ehren« erwarte er von den Richtern keine: »Die bürgerliche Ehre, um die Sie sich streiten, habe ich nie besessen. Bürgerliche Ehre heißt für mich die Kunst, von der Arbeit anderer zu leben. Sie bedeutet Monokel im Auge, voller Bauch und hohler Kopf. Für mich gibt es nur eine proletarische Ehre, und die wollen Sie mir und können Sie mir nicht absprechen. Proletarische Ehre heißt Solidarität aller Ausgebeuteten, heißt Nächstenliebe, heißt, durch die Tat beweisen, daß man seinen Nächsten liebt wie seinen Bruder.«

Der Staatsanwalt legte Hoelz zur Last, er habe während der Kämpfe einen Gutsbesitzer namens Heß erschossen und verlangte die Todesstrafe. Die Tötung konnte aber nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, und so erhielt Max Hoelz »nur« lebenslänglich. Eine ungeheure Protest- und Solidaritätswelle setzte ein, an der sich auch zahlreiche Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler beteiligten, wie Albert Einstein, Otto Dix, Heinrich Zille, aber auch der Amtshauptmann von Chemnitz, Bernhard Kuhnt. Ein »Neutrales Komitee für Max Hoelz« forderte die Wiederaufnahme des Verfahrens wegen eklatanter Rechtsbrüche. Der Bergmann Erich Friehe hatte sich gemeldet und bekannt, daß er den Gutsbesitzer getötet habe. Der Justizskandal wurde damit offenbar, und im Sommer 1928 wurde Max Hoelz vorläufig entlassen.

In der Sowjetunion

Inzwischen war er zur Symbolfigur des Befreiungskampfes für die proletarischen politischen Gefangenen der Weimarer Republik geworden. Die Rote Hilfe Deutschland druckte Solidaritätspostkarten und Spendenmarken mit seinem Bild. Die junge Sowjetunion verlieh ihm ihre damals höchste Auszeichnung, den Rotbannerorden.

Nach eine Rundreise durch Deutschland, bei der sich Max Hoelz für die erwiesene Solidarität mit ihm und allen Mitgefangenen bedankte, reiste er im August 1929 in die Sowjetunion. Hier sollte er sich erholen. Doch schon bald war er unterwegs auf den Baustellen des Fünfjahrplanes, besuchte ausländische, vor allem deutsche Arbeiter, packte selbst mit an. Sein kritischer Geist erkannte bald Widersprüche zwischen den offiziellen Losungen und dem Verhalten und Handeln leitender Sowjetfunktionäre. Im August 1933 kam er nach Gorki (heute: Nishni Nowgorod), wo er auf einem Volksgut in Doskino in der Landwirtschaft unter dem Namen Martin Hammer arbeitete. Am 15. September 1933 wurde er ertrunken in der Oka gefunden. Unter großer Anteilnahme zahlreicher Menschen nahm die Komintern im Gewerkschaftshaus von Gorki Abschied. Fritz Heckert sprach für die KPD, die in ihrem Nachruf schrieb: »Nun haben wir unseren Max Hoelz verloren, aber seine Kampfbegeisterung lebt in den Tausenden von Aktionen, die heute schon die revolutionäre Arbeiterschaft in ihrem Kampf gegen die faschistische Diktatur durchführt.«

Peter Giersich ist Vorsitzender des Geschichtsvereins »Freundeskreis Max Hoelz« Falkenstein/Vogtland. Der Freundeskreis pflegt das Erbe der Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstandes im Vogtland. Kontakt: Freundeskreis Max Hoelz e.V. c/o Peter Giersich, Eisenbahnstraße 37, 08209 Auerbach/Vogtl.

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