6. Mai 2013

... des Führers Bart

Wer war Adolf Hitler? Ein »Wohlfühldiktator« wie der Historiker Götz Aly meint? Ein Psychopath? Oder doch der politische Kopf eines vom Kapital stark beeinflußten faschistischen Staates?

…Streit um geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse über den Faschismus entstehen nicht selten durch herrschende Kreise. Sie wirken auf die Forschung ein, damit sie einen politischen Nutzen für die Gegenwart ziehen können

Kurt Pätzold

Von unserem Autor Kurt Pätzold erscheint in diesen Tagen im PapyRossa Verlag das Buch »Kein Streit um des Führers Bart. Kontroversen um Deutschlands ›dunkle Jahre‹«. Der ausgewiesene Faschismusforscher versammelte in diesem Band u.a.einen Großteil seiner in den letzten Jahren in jW erschienenen Beiträge. Wir veröffentlichen in leicht gekürzter Fassung das Vorwort.

Noch ein paar Jahre, und die Deutschen wird vom Ende von Kaisers Zeiten ein ganzes Jahrhundert trennen. Von dem Mann, der sich damals über die Grenze davonschlich, hat heute kaum noch jemand Vorstellungen. Dazu trug bei, daß schon die Mehrheit der Vorfahren den Hohenzollern 1918 tränenlos verabschiedet hatte. Selbst die Bierseligen, die in Republikzeiten gelegentlich in Kneipen singend verlangten: »Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben«, meinten das nicht ernst und zudem nicht den letzten Hohenzollern auf dem Thron. Ihr Gesang galt dem »mit dem Bart«, dem 1888 verblichenen Kaiser Wilhelm I., der vor, nach oder mit dem »Eisernen Kanzler« Otto von Bismarck als Reichsgründer verehrt und gefeiert worden war und der von bronzenen Pferden und Denkmalssockeln vielerorts noch herabblickte.

Nein, dessen Enkel Wilhelm II. wollte niemand aus dem niederländischen Exil zurückrufen. Dort starb er 1941 auf einem Schloß in Doorn, nachdem er dem »Führer« zu militärischen Siegen noch hatte gratulieren können, die ihm versagt geblieben waren. Auch nach keinem anderen der einst regierenden Blaublütigen verlangte es die Sangesbrüder wirklich. Das Kaisertum, die Könige und Großherzöge waren definitiv verabschiedet. Die exklusiven Klubs der Monarchisten kümmerten mehr und mehr dahin, bis sie sich nach 1933 zuerst in Hinterzimmer verbannt sahen und dann ganz verboten wurden. Den deutschen Faschisten galt die italienische Staatskonstruktion mit dem Duce Benito Mussolini und dem König Vittorio Emanuele III. nicht als Vorbild. Die Deutschen bekamen den »Führer und Reichskanzler« als Staatsoberhaupt und Regierungschef in einer Person.

Fragen von Gewicht

Erhalten hat sich lange die Redewendung vom »Streit um des Kaisers Bart«, und die ist Jahrhunderte älter und stammt mit ihren Vorläufern aus Zeiten, als an Hohenzollern auf Thronen nicht zu denken war. Das geflügelte Wort besagt, daß ein Streit um nichtiger Dinge willen zu unterlassen sei. Und so hat denn Emanuel Geibel am Ende seines Gedichtes »Um des Kaisers Bart« 1861 geschrieben: »Zankt, wenn ihr sitzt beim Weine, nicht um des Kaisers Bart«. Von diesem Lübecker Lyriker, der zeitweilig vom preußischen wie vom bayerischen Königshause bewundert und unterstützt wurde, stammt auch die berühmt-berüchtigte Verszeile »Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen«. Die gefiel auch den deutschen Faschisten.

Damit wären wir unversehens von des Kaisers Bart auf den jenes Führers gekommen, den der Titel dieses Buches meint. Dessen Träger und die Seinen konnten sich als Welteroberer auch auf Geibels Devise beziehen und taten das. Denn der hatte schon in der Überschrift seines Gedichtes »Deutschlands Beruf« den Bewohnern dieses Landes zwischen den Alpen und der Nord- und Ostsee zur Aufgabe gemacht und sie für befähigt gehalten, allen anderen Menschen, die Juden und einige vorgeblich minderwertige »Rassen« ausgenommen, ein Beispiel für das richtige Leben zu liefern.

Das Bild jenes Führers mit dem Bart nun ist freilich fragwürdig. Denn als Mann mit Ausdruck verleihender Barttracht haben nur wenige Zeitgenossen diesen Adolf Hitler wahrgenommen. Eigentlich nur seine Kriegskameraden der Jahre 1914 bis 1918. Als er sich jedoch aufmachte, vom »einfachen Gefreiten des Weltkrieges« zum Führer in dem nächsten Weltkrieg zu werden, trennte er sich von der üppigen Haartracht, die man einen Gesichtsschmuck ohnehin nicht nennen konnte und reduzierte sie auf jenes Format, das im Volksmund »Rotzbremse« genannt wurde. Also: Es wird in den Texten, die in diesem Band vereint sind, nicht ein Streit um des Führers mickrigen Bart geschildert oder ausgetragen, und es wird nicht Zweit- und Drittrangiges oder Nebensächliches ausgebreitet werden. Dargestellt und erörtert werden sollen Fragen von Gewicht, die an die deutsche Geschichte in den Jahren der faschistischen Diktatur, einer Zeitspanne von wenig mehr als zwölf Jahren, zu richten sind und auf die bis heute bei allen Forschungsfortschritten verschiedene, mitunter gegensätzliche Antworten gegeben werden, über die zu Zeiten auch ein hell auflodernder Streit entbrannte.

Geschichtswissenschaft und Politik

Nun entstanden, seit es Geschichtsschreibung gibt, unter denen, die sich ihr widmeten, immer wieder Auseinandersetzungen um die wirklichkeitsnahe Darstellung des Vergangenen. Das setzt in mancher Augen das Ansehen der Zunft sehr herab. Denn es entsteht der Eindruck, als herrsche auf diesem Feld Beliebigkeit und das Prinzip »Jedem seine Wahrheit« und es gäbe, anders als in Physik oder Chemie, da nichts Feststehendes, abgesehen von Banalitäten, die etwa besagen: Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939. Worauf Kenner sogleich einwenden: Da war dieser Krieg ja noch kein Weltkrieg, zu dem wurde er erst 1941, als die Sowjetunion und die USA, die beiden Großmächte, und Japan an ihm teilnahmen …

In Wahrheit ist Streit um Forschungsergebnisse und -methoden keine Besonderheit der Geschichtswissenschaft. Die Naturwissenschaften kennen berühmte und langwierige Kontroversen, von denen die meisten, von der Öffentlichkeit unbeachtet, häufig von ihr auch unverstanden, zwischen ihren Spezialisten geführt wurden. An anderen beteiligten sich Kräfte und Personen, z.B. Kirchen, die zwar keine Fachkompetenz besaßen, denen jedoch die Erträge der Wissenschaft nicht in ihre ideologischen oder politischen Konzepte paßten. Jeder hat in der Schule zumindest vom Streit darüber gehört, ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel sei. Der ist erledigt. Doch bis heute ziehen nicht nur in den USA sogenannte Kreationisten, die fanatisch an der biblischen Schöpfungsgeschichte festhalten, die Ergebnisse der Naturforschung lärmend in Zweifel.

Streitigkeiten um Resultate wissenschaftlicher Arbeit besitzen unterschiedliche Antriebe. Die einen entstehen innerhalb des Forschungsbetriebs im Prozeß der Erkenntnissuche, die unausbleiblich mit Teilschritten und Irrtümern verbunden ist. Andere werden außerhalb der Fachleutewelt entfacht, weil Interessen von Personen und Gruppen wirklich oder vermeintlich berührt und bedroht sind. Doch lassen sich die Teilnehmenden nicht streng in Wissenschaftler und Scharlatane trennen. Keine Disziplin existiert abgetrennt durch schützende Barrieren von den Einflüssen der Gesellschaft und den in ihr herrschenden Interessen. Zudem machen sich auch Wissenschaftler zu Sprechern außer­wissenschaftlicher und selbst erkenntniswidriger Belange, so, wenn sie als Bürgen im Dienst von Pharma- oder Elektrizitätskonzernen für ein Medikament Reklame machen oder Argumente liefern, die das Weiterbetreiben von Atomkraftwerken für unabweisbar, weil alternativlos erklären.

Was für die Wissenschaften insgesamt gilt, trifft auch auf die Geschichtswissenschaft zu, jedoch mit einem deutlichen Unterschied. Ihre Forschungsergebnisse, besonders der Teil von ihnen, der sich auf die Neueste Geschichte und die Zeitgeschichte bezieht, stehen häufig in direktem Zusammenhang zur aktuellen Politik, die sie in das Licht von Tradition oder Traditionsbruch tauchen, legitimieren oder in Frage stellen können. Das verschaffte den auf diesem Feld gewonnenen Forschungsresultaten besondere Nachfrage und den dort Grabenden zu allen Zeiten die Aufmerksamkeit höchster Personen und dazu unwillkommene Überwachung der Machthabenden.

Diese Beziehung von Geschichtswissenschaft und Politik läßt ein Spannungsfeld entstehen, das wiederum einen eigenen Typ von Streitigkeiten erzeugt und den Protagonisten Einmischung, Beifall und Anfeindung aus Kreisen beschert, die selbst in der Sache keine begründeten Urteile besitzen. Solcher Streit, bei dem es nicht um Wahrheit, sondern um Nutzen, Vorteil und Gewinn geht, wird öffentlich ausgetragen, denn letztlich geht es um die Köpfe und das Verhalten der Bürger, der mündigen wie der unmündigen. (…) Wer sich mit Kontroversen in der Geschichtswissenschaft befaßt, hat folglich zu sondern zwischen denen, die sich auf Erkenntniswegen ergeben, beispielsweise als Folge des Fehlens verläßlicher Quellen oder des Vorliegens mehrdeutiger Überlieferungen, und jenen anderen, die einzig aus Versuchen herrühren, mißfallende Ergebnisse mit Zweifeln (…) zu diskreditieren. Und dann empfiehlt es sich, das Gewicht der umstrittenen Fragen zu bestimmen. Mancher Streit erinnert an zwei Hunde, die um einen Knochen balgen, an dem es eigentlich nichts mehr zu benagen gibt. Auch in Kreisen der Wissenschaftler ist Profilierungssucht anzutreffen.

Wer war Urheber des Ersten …

Über die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts sind namentlich nach dem Zweiten Weltkrieg schwerwiegende Streitigkeiten entbrannt. Dazu gehört der in den frühen sechziger Jahren in der Bundesrepublik mit äußerster Schärfe ausgetragene Streit über die Schuld für den Weg in den später als Ersten bezeichneten Weltkrieg, der im August 1914 begann. Die These von der Unschuld der deutschen Führung war bei Kriegsausbruch verkündet worden. Eine Mehrheit der Deutschen hielt, bestärkt auch von Historikern, in der Weimarer Nachkriegsgesellschaft an ihr fest. Sie enthob die im Kaiserreich Herrschenden der Frage nach ihrer Rolle und die Gesellschaft des Nachdenkens darüber, woher die Antriebe zum Krieg gekommen waren und wie dieser »gemacht« worden war. In der 1919 geschaffenen Republik verfügten jene wenigen, die Deutschlands Anteil an der Entwicklung zum imperialistischen Krieg nachwiesen, noch über eine öffentliche Stimme. 1933 hatten sie im Nazireich zu verstummen. Erst nach 1945 verbreiteten in Ostdeutschland und dann in der DDR Kommunisten die Analysen von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Lenin und anderen Theoretikern des Marxismus, die treffend inmitten der Ereignisse gegeben worden waren. Mit ihnen bezogen, gewiß spät, Sozialdemokraten gegenüber der Haltung, die ihre Partei 1914 eingenommen hatte, einen kritischen Standpunkt. In der Bundesrepublik entbrannte darüber erst erheblich verspätet noch einmal eine Diskussion. Das geschah 1961, als der Hamburger Historiker Fritz Fischer sein Buch »Griff nach der Weltmacht« veröffentlichte. Da konnte in der Deutschen Demokratischen Republik schon jedes Kind in seinem Schulgeschichtsbuch nachlesen, welchen Anteil die Vorkriegspolitik des Kaisers und seiner Regierung, der Militaristen und Rüstungsindustriellen am (…) Massenmorden auf den Schlachtfeldern in Belgien, Frankreich und Rußland besessen hatte. Die Geschichte der »Fischer-Kontroverse«, in Wahrheit handelte es sich um eine Kriegsschuldkontroverse, gehört heute in jede Universitätsvorlesung zur Historiographie in der Bundesrepublik, führt sie doch auf die Spuren der viel zitierten »Bewältigung der Vergangenheit«.

… wer des Zweiten Weltkrieges?

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich eine Lüge von deutscher Kriegsunschuld nicht noch einmal in die Welt setzen. Das verhinderten nicht nur die Besatzungsmächte, sondern mehr noch unabweisbare Tatsachen und sie bezeugende Dokumente, beginnend mit Hitlers Rede am 3. Februar 1933, dem fünften Tage seiner Kanzlerschaft, vor deutschen Generalen, denen er den Kriegskurs, wenn auch noch grob und unbestimmt, beschrieben hatte, der dann unverzüglich eingeschlagen und gehalten wurde. Dennoch: Der Versuch wurde unternommen, das Gemetzel, das in Osteuropa am 22. Juni 1941 begann, deutscherseits als Präventivkrieg auszugeben, wie das schon Hitler getan hatte. Das mißlang gründlich. Zeitweilig schien auch der Versuch erledigt, die Verantwortung und Schuld, die Deutschland trug, wenigstens zu mindern und beides partiell zu exportieren. Verwischt wurde zu diesem Zweck der Unterschied zwischen denen, die den Krieg wollten, und jenen, die ihn nicht zu verhindern vermochten. Inzwischen – 2012 – wird die Schuld für den Zweiten Weltkrieg geteilt. Nun zwischen Hitler und Stalin. Und der Streit, Schaum auf der Hochflut des aktuellen Antikommunismus, ist nicht auf Politiker und Ideologen beschränkt, er reicht bis in die Geschichtswissenschaft selbst.

Hitzige öffentliche Debatten

Die Urheberschaft von Kriegen wurde als Beispiel für Auseinandersetzungen auf dem Geschichtsfeld herangezogen, weil Vorgeschichte und Geschichte des Zweiten Weltkrieges die zentralen Gegenstände aller wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus geblieben sind. Gleichsam dahinter folgen weitere von Gewicht. Hier ist eine unvollständige Aufzählung: Wie kamen Hitler und die deutschen Faschisten an die Staatsmacht? Wie gelang ihnen die Stabilisierung ihrer Herrschaft in so kurzer Frist? Welche Ursachen hatte das Zustandekommen der Massengefolgschaft? Wie entwickelten sich die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Deutschen in den Vorkriegsjahren? In welchem Grade wurde die deutsche Volksmehrheit von National- und Rassenchauvinismus erfaßt und in ihrem Verhalten geleitet? Wollten die Deutschen den Krieg? Und dann, als er geführt wurde: Inwieweit waren die »Volksgenossen« von den militärischen Erfolgen bestochen? Wem brachte der Krieg Gewinn und Vorteile, welche und wie viele? Wer beging die Massenverbrechen im eroberten Gebiet? Warum folgten die Deutschen der Parole »bis zum Endsieg« und stürzten sich in die größte Katastrophe ihrer Geschichte?

Und dann ist da die lange Fragenkette, die sich allein auf Judenverfolgung, -vertreibung und -vernichtung bezieht: Wie antisemitisch waren Deutsche schon in der Republik gesonnen? Warum wurde den Anfängen nicht gewehrt? Wer zog Nutzen aus der Judenverfolgung, wer bereicherte sich? Was dachte die Mehrheit, als die Minderheit den Pogrom verübte? Was, als die Deportationen begannen? Was wußte sie vom Massenmord in Vernichtungslagern und den besetzten Gebieten? Eine weitere und ebenfalls lange Reihe von Fragen bezieht sich auf den Widerstand von Antifaschisten und Hitlergegnern.

Fragen über Fragen also, von denen manche in hitzigen öffentlichen Debatten diskutiert wurden, so gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts die Auseinandersetzung über die Rolle der deutschen Wehrmacht im »Vernichtungskrieg«, ausgelöst durch eine Wanderausstellung von Fotos und Dokumenten. Da reichte das Für und Wider, das in der Wissenschaft längst erledigt war, bis in die Parlamente hinein und offenbarte die Langlebigkeit und Dominanz jener bequemen Schutzbehauptung, mit der die Untaten der Waffen-SS und vor allem deren Sondereinheiten, den Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes und dem Personal in Konzentrationslagern und Stätten der Vernichtung zugeordnet worden waren. Dieses verlogene Bild hatten in Westdeutschland nicht nur Generale der Wehrmacht verbreitet. Es war von »Unbeteiligten«, darunter Politikern wie Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß – der eigenes Wissen aus seiner Teilnahme am Krieg gegen die UdSSR besaß, es bis zum Oberleutnant der Wehrmacht und Naziführungsoffizier gebracht hatte – gleichsam autorisiert worden.

Hitler, ein »Wohlfühldiktator«?

Von geringerer Reichweite, jedoch nicht weniger bedeutsam, waren andere Debatten der letzten Jahre. Bis in große Veranstaltungssäle und unter Beteiligung der inzwischen alt gewordenen »Garde« (west-)deutscher Faschismusforscher wurde diskutiert, ob die Deutschen »willige Vollstrecker« der antisemitischen Politik waren, wie das der US-amerikanische Soziologe Daniel J. Goldhagen schon im Titel eines zum Bestseller hochgejubelten Buches behauptet hatte. Eine dem deutschen Großbürgertum und den Eliten hochwillkommene Deutung des Wesens der faschistischen Herrschaft lieferte sodann der auf anderem Felde einst verdiente, aber zum Renegaten gewordene Historiker Götz Aly, der die kleinen Leute als »Nutznießerchen« des Regimes ausgemacht hatte und die faschistische Herrschaft als »Wohlfühldiktatur«. Das Willkommen für diese Retusche war in der bürgerlichen Presse laut und übertönte Einsprüche und Proteste, die in Fachzeitschriften zu lesen waren.

Noch in der Zeit der deutschen Zweistaatlichkeit begann eine andere Kontroverse. Der Westberliner Historiker Ernst Nolte löste sie mit dem Versuch aus, den Ursprung des Massenmords durch rassistische deutsche Faschisten aus der deutschen in die sowjetische Geschichte zu exportieren. Darauf entbrannte in den achtziger Jahren der sogenannte Historikerstreit, in dessen Verlauf das Wort ergriff, wer Kenntnis, Rang und Namen in der westdeutschen Zunft hatte. Das Konstrukt wurde nachhaltig erledigt.

Auf den folgenden Seiten dieses Buches wird von diesen und weiteren Kontroversen die Rede sein, zumal sich der Autor an ihnen beteiligte. Das geschah in Zeitungen und Zeitschriften und aufgrund von Einladungen zu Vorträgen und wissenschaftlichen Konferenzen oder vor einem interessierten Publikum unterschiedlicher Zusammensetzung. Daß die so entstandenen Manuskripte Lesern noch einmal oder neu angeboten werden, erscheint dadurch gerechtfertigt, daß sie durchweg von Ereignissen und Prozessen der Geschichte handeln, die – um es mit einem vielzitierten Wort Barbara Tuchmans (US-amerikanische Reporterin und Historikerin, 1912–1989, d.Red.) zu sagen – »noch qualmen«.

Kurt Pätzold: Kein Streit um des Führers Bart. Kontroversen um Deutschlands »dunkle Jahre« 1933 bis 1945, PapyRossa Verlag, Köln 2013, 423 Seiten, 24,90 Euro

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