12. Januar 2013

Des Pudels Kern

Den Imperialismus auf den theoretischen Begriff gebracht: Rosa Luxemburg (um 1910) - Fotoquelle: Bundesarchiv

»Die Akkumulation des Kapitals«: Vor 100 Jahren erschien Rosa Luxemburgs ökonomisches Hauptwerk

Georg Fülberth

Jedermann weiß, wenn er auch sonst nichts weiß, daß Rosa Luxemburg einmal schrieb: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden«. Sie konnte sich aber auch gröber ausdrücken, zum Beispiel so: »In diesem letzten Klassenkampf der Weltgeschichte um die höchsten Ziele der Menschheit gilt dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!«. So steht es in ihrer Schrift »Was will der Spartakusbund?« von 1918, aber die martialische Metapher entnahm sie dem Erbe der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Ferdi­nand Lassalle hatte folgenden Umgang mit dem Absolutismus empfohlen: »Dann also kein neuer Kompromiß mit ihm, sondern: den Daumen aufs Auge und das Knie auf die Brust!« Wenn Rosa Luxemburg über »parlamentarischen Kretinismus« schalt, konnte sie sich bei dieser Wortwahl auf Marx berufen, heutiger political correctness müßte dies als behindertenfeindlich gelten. Eines ihrer Schimpfwörter war »Scheidemännchen«. Das bezog sich auf ihren innerparteilichen Gegner Philipp Scheidemann (1865–1939), aber der Diminuitiv klingt leicht sexistisch.

Es gibt also keinen Anlaß zur Verlieblichung. Diese hat mittlerweile einen starken Anteil am Rosa-Luxemburg-Bild. Der Film von Margarethe von Trotta (BRD 1986) erreichte darin einen Gipfelpunkt. Daß Rosa Luxemburg eine Frau war, hat sie selbst ebenso wenig als Politikum gesehen wie die Tatsache, daß sie aus einer jüdischen Familie kam. Sie stemmte sich gegen den imperialistischen Ersten Weltkrieg, läßt sich aber nicht auf die »Friedenskämpferin« reduzieren, und eine Kennzeichnung als Pazifistin wäre – siehe Daumen und Auge – vollends eine Verfälschung.

Die reaktionäre Regel, daß ein toter Kommunist ein guter Kommunist ist, hat mittlerweile auch auf Wohlmeinende übergegriffen: Rosa Luxemburg als Opfer. Das breiteste öffentliche Bekenntnis zu ihr ist alljährlich ein Gang zu ihrem Grab. Ein Pathologe der Berliner Charité meinte vor Jahren auf sich aufmerksam machen zu sollen, indem er einen Vergleich von authentischen und nichtauthentischen Luxemburg-Leichen anstellte. Gegen solche Makabrität sollte denn doch wohl daran erinnert werden, daß bis 1989 die alljährliche Berliner Demonstration nicht nur an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erinnerte, sondern auch an Lenin, gestorben ebenfalls in einem Januar, nämlich 1924. Daß nicht die gesamte Linke dies beibehielt (eine Minderheit aber sehr wohl), kann sinnvoll sein, denn es entspricht einer neuen und korrekten Situationsbeschreibung: die Welt ist auf eine Stufe vor einer aktuellen revolutionären Situation zurückgefallen, und so treffen sich die Linken verständlicherweise auf einem Sammelplatz, von dem Lenin tatsächlich für einige Zeit verschwunden ist.

Zum Kitsch am Rande der Nekrophilie gehört es, gewaltsam zu Tode gekommene Revolutionärinnen und Revolutionäre beim Vornamen zu rufen: Karl, Rosa, Che, Ulrike. In der alten Arbeiterbewegung – der sozialdemokratischen und zunächst noch der kommunistischen – siezte man sich, wenn man nicht gerade privat befreundet war. Rosa Luxemburg war u.a. auch förmlich.

Eine Variante ihrer Ikonographie ist der Versuch, sie antisowjetisch zu vereinnahmen. Ihre Kritik an Lenins Parteikonzept und ihre Warnungen nach der Oktoberrevolution waren aber kein Dritter Weg, für den sie herhalten konnte. Wer sie dort haben wollte, zitierte gern die der späteren KPD-Vorsitzenden Ruth Fischer zugeschriebene Invektive, der »Luxemburgismus« sei der »Syphilisbazillus« in der Arbeiterbewegung gewesen. Auch da ist sie wieder Opfer.

Rosa Luxemburg als Parteipolitikerin in Polen, Deutschland und der Internationalen, frühe Gegnerin des Revisionismus, Teilnehmerin an zwei Revolutionen (1905/1906 im Zarenreich, 1918/1919 in Deutschland), Propagandistin der Massenstreiks, Kritikerin der sozialdemokratischen Bürokratie, von Lenins Parteikonzept, Warnerin vor Gefährdungen nach der Oktoberrevolution, Mitbegründerin der KPD, große Stilistin (die ersten Absätze ihrer Juniusbroschüre gehören in den Deutschunterricht der Zukunft): das ist nun allerdings ein großes Leben. Es ist schon mehrmals beschrieben worden. Die Biographie hat – wie der Roman – ihre reifste Ausformung als bürgerliche Literaturgattung gefunden, in diesem Fall durch das opulente Werk von Peter Nettl.1 Er ordnet Rosa Luxemburg einem Politiktypus des 19. Jahrhunderts zu, der später durch Lenin und Hitler zuschanden geworden sei. Das ist seine Form des – wenngleich subtilen – Antikommunismus, welche die literarische Leistung nicht schmälert. Die quellennahen Arbeiten von Annelies Laschitza und Feliks Tych haben das Lebenswerk Luxemburgs darüber hinaus immer weiter erschlossen. In seiner auf lokalhistorische Berliner Archivalien gestützten Arbeit über ihre Sekretärin Mathilde Jacob brachte Heinz Knobloch wichtige Details auch zu Rosa Luxemburg zutage. Der Titel »Meine liebste Mathilde« stammt aus Brief-Anreden Luxemburgs. Als Buchtitel bringt er einen unangemessen intimen Nebenton hinein wie der zuweilen verwandte unglückliche Untertitel »Geschichte zum Berühren«.

Doch unabhängig von solch Nachträglichem: was hätten wir von Marx, Engels, Luxemburg, wenn wir nur ihre Biographien hätten? Zu wenig, gemessen an dem, was ihren Beitrag zur wissenschaftlichen Klärung der Bedingungen gegenwärtigen und auch künftigen politischen Handelns ausmacht.

Deshalb wird hier eine Reduktion vorgeschlagen: Rosa Luxemburgs Aktualität beruht auf ihrem opus magnum von 1913: »Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus«. Wenn wir nichts von ihr hätten als dies: Es wäre alles. Dieses Buch – 2013 ist also sein Jubiläumsjahr – bietet zugleich den Schlüssel zu allem, was vorher und nachher in ihrem Leben kam – brachte auf den theoretischen Begriff, wonach sich seit ihrem Eintritt in die sozialistische Arbeiterbewegung ihre Aktion orientierte, zunächst noch nicht ausformuliert, erst spät auch begrifflich zu sich selbst kommend.

Drei Ökonomien

Der Marxismus der Zweiten Internationale brachte drei große ökonomische Werke hervor: Lenin, »Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland« (1899), Hilferding, »Das Finanzkapital« (1910) und Luxemburg, »Die Akkumulation des Kapitals«. Jedes von ihnen ist, wie man heute so hübsch sagt: kontextgebunden.

Lenin setzte sich mit der Ökonomie der russischen Volkstümler auseinander, die einen Weg des Zarenreichs in den Kapitalismus für unmöglich, einen direkten Übergang über das bestehende (vor allem ländliche) Gemeineigentum (die Obschtschina) in den Sozialismus für denkbar hielten. Unter Rückgriff auf die Reproduktionsschemata im zweiten Band des Marxschen »Kapital« und empirische Daten wies er nach, daß die kapitalistische Produktionsweise in diesem Land schon herangereift sei und weitere Perspektiven habe – Voraussetzung für den Kampf der sozialistischen Arbeiterbewegung.

Eine spätere Etappe dieses Wegs, nämlich in den bereits am höchsten entwickelten kapitalistischen Gesellschaften, beschrieb Rudolf Hilferding: Monopolisierung von Produktion und Bankwesen, ihre wechselseitige Durchdringung im Finanzkapital – ein Reifegrad, der einen Übergang in den Sozialismus vorbereitet.

In seiner Imperialismusschrift von 1917 übernahm Lenin schließlich – bei aller Kritik – im wesentlichen die ökonomische Argumentation Hilferdings.

Rosa Luxemburgs Arbeit ist weniger als Lenins »Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland« und Hilferdings »Das Finanzkapital« an die Bedingungen eines einzelnen Landes gebunden, sondern führt schließlich – ebenso wie Lenins Schrift von 1917 – zur Analyse eines internationalen Phänomens: des Imperialismus.

Auch sie nimmt Ausgang von den Marxschen Reproduktionsschemata. Sie seien unvollständig und müßten reformuliert werden. Dann ergebe sich, daß der Mehrwert auf Dauer nicht innerkapitalistisch angelegt werden könne. Dies erzwinge Warenexport in nichtkapitalistische Regionen, zu finanzieren durch Kapitalexporte, deren Sicherung mit militärischen Mitteln erfolge und zur gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen den Nationalstaaten der Metropolen führe: Imperialismus. Wenn keine außerkapitalistische Anlagesphäre mehr bestehe, sei die letzte ökonomische Grenze der auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Gesellschaft gekommen.

Auf den ersten Blick erscheint Rosa Luxemburg hier als eine erstaunlich altmodische Zusammenbruchstheoretikerin. Ihre Kritiker – darunter der Austromarxist Otto Bauer – warfen ihr vor, daß die von ihr gewählten Variablen für organische Zusammensetzung des Kapitals und die Austauschverhältnisse zwischen Produktionsmittel- und Konsumgüterindustrie nicht zwingend seien und sie deshalb Möglichkeiten von Erweiterung der Anlagesphären übersehe. Tatsächlich hat Rosa Luxemburg die Nachfragefähigkeit des inneren Marktes durch Steigerung des Reallohns, wie er im zwanzigsten Jahrhundert eintrat, nicht voraussehen können, da sie hierfür eine Änderung der Lohnquote zur systematisch unmöglichen Voraussetzung machte. Die gründlichste Kritik an ihrer Zentralthese hat Nikolai Bucharin verfaßt: Er ersetzte in den Reproduktionsschemata die bislang von Luxemburg und Bauer (sowie später von Henryk Grossmann) benutzten absoluten Zahlen durch algebraische Zeichen und symbolisierte durch sie die grenzenlose Ausdehnungsfähigkeit der Abteilungen I (Produktionsmittel) und II (Konsumgüter). Der Imperialismus resultierte für ihn nicht aus der Produktion eines unabsetzbaren Überschusses in einem geschlossenen kapitalistischen System, sondern – wie bei Lenin – aus der Jagd nach Extraprofit. Diese führe zum Krieg, der die Massen zur Revolution treibe.

Anders, als der erste Eindruck nahelegt, war Revolution für Rosa Luxemburg nicht das Resultat eines ökonomischen Zusammenbruchs. Sie ging davon aus, daß diese dem Kollaps vorangehen werde, weil die Massen sich gegen die Zumutungen des Imperialismus erheben. Hierin stimmte sie letztlich mit dem von ihr sehr polemisch attackierten Otto Bauer überein. Dieser hatte zwar auf wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus verwiesen, es zugleich aber für wahrscheinlich gehalten, daß deren katastrophalen sozialen, politischen, moralischen und zum Krieg treibenden Folgen die Revolution auslösten. Es blieb der Unterschied, daß für Luxemburg die nachgerade ausrechenbare ökonomische Systemgrenze eine Art logischer Legitimitation des Aufstandes war. Fehle diese, handele es sich um Voluntarismus. Dabei bemühte sie sogar eine Art mathematisch-naturwissenschaftlichen Exaktheitsanspruchs.

Wir haben vorstehend von drei Ökonomien gesprochen: Lenin (und Bucharin), Hilferding, Luxemburg. So kann man im Rahmen des Marxismus zählen. Gehen wir darüber hinaus, stoßen wir auf die vierte Ökonomie: In Luxemburgs Lebenszeit fand der Durchbruch der Neoklassik statt. Marx hat diese nicht mehr zur Kenntnis genommen, Engels allenfalls nebenbei sarkastisch kommentiert. Für beide war mit ihrer Kritik der »Vulgärökonomie« alles gesagt. Luxemburg, die die Formel für den Untergang der bürgerlichen Welt gefunden zu haben meinte, war diese neueste Variante ohnehin nicht der Rede wert.

Permanente Überakkumulation

Hundert Jahre nach dem Erscheinen des Buches »Die Akkumulation des Kapitals« werden insbesondere die in der nachfolgenden Debatte (u.a. auch in Luxemburgs späterer »Antikritik« gegen Bauer und Gustav Eckstein2) angestellten Rechen­operationen zu den Reproduktionsschemata im einzelnen nicht mehr sehr interessieren. Gerade aus dieser Distanz zeigt sich aber, daß das Buch »Die Akkumulation des Kapitals« an Aktualität nicht verliert, sondern gewinnt. Warum?

Durch seine Theorie der permanenten Überakkumulation. Sie ist zwar schon bei Marx angelegt, er beschränkte sich aber auf die zyklischen Wirtschaftskrisen. Bei Luxemburg hingegen ist Überakkumulation auf Dauer gestellt und innerkapitalistisch nicht zu beseitigen. Ist sie damit im Recht? Empirisch auf jeden Fall. Die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts und auch die Finanz- und Wirtschaftskrisen seit 2007 belegen dies. Wer sie historisch nachzeichnet, findet alles, was bei Luxemburg dargelegt ist: Waren- und Kapitalexport, Kriege, Imperialismus. Daß Kapitalmassen, die nicht mehr in der Produktion investiert werden, eine virtuelle Welt generieren und dort zeitweilige Entlastung mit anschließendem Crash hervorrufen würden – die Herrschaft der Finanzmärkte –, mag zwar ihre Phantasie überstiegen haben, ist aber ebenfalls mit ihrer Theorie erklärbar. Ihre Ausführungen zu den Anleihen bieten hier einen Anknüpfungspunkt. Marx spricht im »Kapital« in diesem Zusammenhang vom »Schwindel«, war allerdings ebenfalls zu ernsthaft, um sich damit zentral zu befassen, denn: Aktien- und Finanzspekulation ist (anders als von populärem Protest vermutet) niemals eine Ursache, sondern immer eine Folge, nämlich eben der Überakkumulation des Kapitals.

Deshalb beziehen die perspektivreichsten Teile des ökonomischen Hauptwerks von Rosa Luxemburg ihre Stärke nicht aus der Auseinandersetzung mit den Reproduktionsschemata im zweiten Band des Marxschen »Kapital«, sondern aus dem 24. Kapitel des ersten: ursprüngliche Akkumulation. Diese ist nicht ein einmaliges historisches Ereignis, sondern eine Struktureigenschaft des Kapitalismus. Die Abräumung öffentlichen Eigentums in Ost und West seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, die immer weitere Ausdehnung kapitalistischer Anlagesphären in den Stoffhaushalt hinein, die Privatisierung sozialer Sicherungssysteme, neuer Imperialismus: All dies sind aktuelle Varianten ursprünglicher Akkumulation, und zwar nicht in den Anfängen des Kapitalismus, sondern in dessen Aktualität. David Harvey hat das für die Gegenwart in den Begriff »Akkumulation durch Enteignung« gefaßt.

Ist diese, solange der Kapitalismus besteht, eine Zwangsläufigkeit, wie Rosa Luxemburg behauptete? Die von ihr nicht beachtete Neoklassik hat nach ihrem Tod eine Dissidenz hervorgebracht, die das – in gleichzeitiger expliziter Kritik an der Laisser-faire-Orthodoxie – bestritt: den Keynesianismus. Abschöpfen von Liquidität durch Besteuerung, Umlenkung freier Mittel in den Staatshaushalt, Stärkung der Massenkaufkraft durch Umverteilung, öffentliche Investitionen: Vielleicht hätte Rosa Luxemburg dies als weiße Salbe abgetan. Tatsächlich hat die eine Dissidenz – der Keynesianismus – eine zweite hervorgebracht: die post- oder linkskeynesianische Abweichung, die sich teilweise auf Luxemburg berief. Für Joan Robinson (1903–1983) und Michal Kalecki (1899–1970) war der Kapitalismus prinzipiell im Ungleichgewicht. Letzterer wies darauf hin, daß die Unternehmer sich im Endeffekt nicht hineinreden lassen und sich deshalb immer wieder gesamtgesellschaftlich sinnvollen Auflagen zu entwinden versuchen. Wenige Jahre nach seinem Tod zeigte die neoliberale Konterrevolution, wie das geht. Joan Robinson schalt die »neoklassische Synthese« – die Keynes einzugemeinden suchte – als Bastard-Keynesianismus. Sie und Kalecki – obwohl beide keine Marxisten – bezogen sich positiv, wenngleich auch kritisch, auf Rosa Luxemburg. Robinsons Hauptwerk von 1956 heißt, na, wie wohl?: »Die Akkumulation des Kapitals«.

Die Wette steht: Kann für den akkumulierten Mehrwert im Kapitalismus ausreichende Nachfrage ohne Mord und Totschlag geschaffen werden? Die Antwort von Rosa Luxemburg ist eindeutig: nein. Historisch hat sie bis heute Recht behalten. Aber auch logisch, also für alle Zeit? Hier empfiehlt es sich, nicht von Zwangsläufigkeit, sondern von einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit zu sprechen.

Was bedeutet ihre Prognose politisch? »Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark.« Schön gesagt. Andererseits: Es gibt bei Rosa Luxemburg zwar revolutionäre Aktion, aber keine Theorie über die nachrevolutionäre Ordnung. Das spricht sehr für sie, doch der zweite Teil der Arbeit, der für sie ebenfalls eine Angelegenheit der Praxis ist, kann nach dem Scheitern des Realen Sozialismus nicht völlig vernachlässigt werden.

Marx hat sich etwas dichter an die Sache herangetraut, in der »Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation« von 1864. Hier werden zwei Vergesellschaftungsprozesse schon im Kapitalismus genannt. Die »gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit« – gemeint ist die britische Zehnstunden-Bill von 1847, noch durch den bürgerlichen Staat! – schränkte die Verfügung der Unternehmer über ihr Privateigentum an Produktionsmitteln und fremder Arbeitskraft ein. Marx hierzu euphorisch: Dies »war der Sieg eines Prinzips. Zum erstenmal erlag die politische Ökonomie der Mittelklasse in hellem Tageslicht vor der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse.« Hinzu kam ein »noch größerer Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals«: die »Kooperativbewegung« brachte bereits eine erste Form der »assoziierten Arbeit« hervor.3

Ist das schon Sozialismus? Bewahre. Solche Genügsamkeit wäre die Verabsolutierung der Sozialreform, der Rosa Luxemburg in ihrer Streitschrift gegen Eduard Bernstein das Prinzip Revolution entgegenhielt. Für den Revisionismus waren die Errungenschaften der Tagespolitik das Ziel, welches durch einen inneren Strukturwandel des Kapitalismus gefördert werde. Luxemburg betonte die langfristige Tendenz: die innerkapitalistisch nicht aufhaltbare Überakkumulation, die das Erreichte immer wieder zunichte mache. Durch den sogenannten Neoliberalismus seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde sie bestätigt. Hinter der Zehnstunden-Bill von 1847 stand der jahrelange Kampf einer Massenbewegung: der Chartismus. Und als Engels in seinem politischen Testament von 1895, der Einleitung zu Marx’ Schrift »Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850«, das Eindringen der Arbeiterbewegung in die Parlamente und sogar die Gewerbegerichte feierte, meinte er nicht den Ersatz der Revolution durch die Reform, sondern das, was man neumodisch »Empowerment« nennt. Damit kommen wir zu einem zweiten Thema.

Ökonomie und Politik

Die politische Theoretikerin Rosa Luxemburg scheint in einem Gegensatz zur Ökonomin zu stehen. Das täuscht.

Unvermeidlichkeit der Überakkumulation ist die eine Tatsache, Notwendigkeit der Gegenwehr die andere. Letztere ist ein mögliches, allerdings nicht automatisch sich einstellendes Ergebnis der ersteren. Sie kann nicht auf die Verwaltung von Tagesaufgaben beschränkt werden. Das ist die Raison von Rosa Luxemburgs Kampf um den Massenstreik und ihrer Kritik an SPD- und Gewerkschaftsbürokratie, letztlich sogar an Lenins Parteiauffassung: Suchbewegungen der Massen sind nicht durch die Voraussicht von Apparaten zu substituieren. Die russischen Bolschewiki verglich sie mit den Diggers und Levellers der englischen und mit den Jakobinern der französischen Revolution: Sie mußten notwendig scheitern. Der kapitalistische Akkumulationsprozeß kam nach dem 17. Jahrhundert erst in Gang und wurde auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht gestoppt. Die russische Revolution hat ihn international nicht beendet, kämpfte also noch unter letztlich übermächtigen kapitalistischen Bedingungen. Hier würde Einschränkung der Masseninitiative die langfristige Chance der revolutionären Selbstbehauptung ausschließen.

Die Prognose von einem Zusammenbruch des Kapitalismus durch die Katastrophe der Überakkumulation hat dieselbe Qualität wie die Denkfigur der Geometrie, wonach im Unendlichen sich die Parallelen schneiden. In dem Maße, in dem es enger wird, muß der spitze Winkel durch die Subjekte der Gegenwehr gefüllt werden. Sonst gilt: Kapitalismus kaputt, und was dann? In einer angeblich auf Engels zurückgehenden verunglückten prähistorischen Analogie sprach Luxemburg von »Barbarei«. Gegenwärtig ist diese nur innerkapitalistisch vorstellbar. Von den beiden Faktoren: ständige Überakkumulation und Masseninitiative, ist der erste gegenwärtig stärker.

So gesehen, hat ein vor 100 Jahren gedruckter Text das Zeug dazu, das Buch des Jahres 2013 zu werden.

Anmerkungen

1 Nettl, J[ohn] P[eter], Rosa Luxemburg, 2 vols. London, ­Toronto: Oxford University Press 1966; dt.: Nettl, Peter, Rosa Luxemburg. Frankfurt am Main 1968

2 Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals oder Was die Epigonen aus der Marxschen Kritik gemacht haben. Eine Antikritik. In: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke. Band 5: Ökonomische Schriften, Berlin 1985. S. 413–523

3 Karl Marx, Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation, gegründet am 28. September 1864 in öffentlicher Versammlung in St. Martin’s Hall, Long Acre, in London (= Marx, Karl, und Friedrich Engels: Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED [MEW] Band 16), Berlin 1968, S. 5–13. Hier: S. 11 f.

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