10. Mai 2013

Deutscher Ungeist

HJ-Mitglieder bei einer Sonnenwendfeier 1937 – Junge Intellektuelle aus Hitlerjugend und Studentenvereinigungen waren 1933 die ­wichtigsten Akteure bei der Vernichtung fortschrittlicher Literatur - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-C09249 / CC-BY-SA

Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 »wider den undeutschen Geist« war das Werk fanatisierter Bildungsbürger. Die Schriften der verfemten Literaten blieben in der BRD meist unbekannt

Kurt Darsow

Als Adolf Hitler mit »galoppierender Feder« das Machwerk »Mein Kampf« zu Papier brachte, muß er wenigstens teilweise bei klarem Verstand gewesen sein. Das meint jedenfalls der Schriftsteller Arnold Zweig: »Gerechterweise wird man zugeben, daß besonders über Wesen und Wirkung von Propaganda, aber auch über die Stufen und Schritte im Vorgang politischer Machtergreifung scharfsinnige Erkenntnisse und klare Formulierungen in diesem Buche zu finden sind«, schreibt er unter dem unmittelbaren Eindruck der »nationalen Erhebung« von 1933.1 Wie die Volksgenossen gefügig zu machen waren, ließ sich also der »Bibel des modernen Deutschland« durchaus entnehmen. Die Ausführung der imperialen Absichtserklärungen dagegen blieb häufig »willigen Vollstreckern« überlassen, die ihre nationalen Pflichten auch ohne die Überredungskünste des Führers erfüllten. So geschehen bei der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz.

5000 deutsche Studenten waren an diesem Tag mit vaterländischem Gesang zum heutigen Bebelplatz gegenüber der Universität gezogen. Dort warfen sie zu mitternächtlicher Stunde mehr als 20000 Bücher ins Feuer, die zuvor in öffentlichen Bibliotheken zusammengerafft worden waren. Petroleum ließ die Flammen hell auflodern, denn die Bücher brannten bei regnerischem Wetter schlecht. Im Flackerlicht des Scheiterhaufens ergriff der Propagandaminister Joseph Goebbels das Wort und erklärte das »Zeitalter des überspitzten jüdischen Intellektualismus« für beendet: »Hier sinkt die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu Boden.« Wer heute Filmaufnahmen dieses Hexentreibens betrachtet, reibt sich die Augen: Glaubten die Bücherverbrenner wirklich, sie könnten »zersetzendes Schrifttum« durch eine symbolische Handlung aus der Welt schaffen?

Bücher wurden vor 80 Jahren nicht nur in Berlin verbrannt, sondern auch in Bonn, Braunschweig, Bremen, Breslau, Dortmund, Dresden, Göttingen, Köln und vielen anderen deutschen Städten. In Frankfurt am Main wurden sie auf einem Mistkarren zur Richtstätte transportiert, der von zwei Ochsen gezogen wurde. Die sich diesen Studentenulk ausgedacht hatten, hielten sich vermutlich für witzig. Dabei setzten sie lediglich eine geistfeindliche Tradition fort, der Bücher ausgesetzt waren, seitdem es sie gab. Seit den Missionsreisen des Apostels Paulus und dem Brand der Bibliothek von Alexandria ging es dabei stets weniger um die Bücher als um ihre Verfasser und potentiellen Leser: Sie sollten mundtot gemacht werden. Heinrich Heine hat die grausige Konsequenz dieses Säuberungswahns in seinem Jugenddrama »Almansor« vorausgesehen: » (…) dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.«

Feuersprüche

In den einschlägigen Biographien des »Führers und Reichskanzlers« von Joachim Fest bis Ian Kershaw kommt die Bücherverbrennung interessanterweise kaum vor. Auch für den Zeitzeugen Arnold Zweig scheint sie nur ein weiteres Glied in der Kette der »Austreibungen« nach dem sogenannten Judenboykott vom 1. April 1933 gewesen zu sein: Jüdische Geschäfte wurden besudelt, Schaufenster eingeschlagen, Kanzleien geschlossen, Ärzte an der Arbeit gehindert, Schriftsteller aus dem Verkehr gezogen. Doch wenigstens in einem Punkt sah der »Epiker des Ersten Weltkrieges«, Arnold Zweig, genauer hin. Er begriff auf Anhieb, daß die Aktion vom 10. Mai 1933 nicht vom Regime befohlen worden war, wie etwa Bertolt Brecht in seinem Gedicht »Die Bücherverbrennung« fälschlich annahm, sondern auf Kräfte zurückging, die man eigentlich auf der Seite der Bücher erwartet hätte. Warum wurden sie ausgerechnet von angehenden Philologen, Historikern, Pädagogen, Juristen und ihren akademischen Lehrherren den Flammen übergeben?

»Die deutschen Studenten von 1933! Ihr Geist wird am besten gekennzeichnet durch jene Bücherverbrennung in den meisten Universitätsstädten, bei denen die Werke jüdischer und freiheitlicher Schriftsteller unter schwülstigen Sinnsprüchen dem Feuer übergeben wurden – nachts, in voller Öffentlichkeit, zwischen Fackeln, Rundfunksendern und Filmkameras, die das tapfere Ereignis festhielten.«2 Auch in der Schweiz, wo er sich zu diesem Zeitpunkt bereits aufhielt, ist Zweig offenbar immer noch »nah dran«, wenn auch nicht so nah wie Erich Kästner, der der Verbrennung seiner Bücher mit eigener Person beiwohnte: »Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!« lautete der »Feuerspruch«, mit dem sein Roman »Fabian« verbrannt wurde. Wer sich mit Ehebrechern, Bordellbesuchern, Selbstmördern und Bettlern beschäftigte, wie es in seiner »Sudelgeschichte« geschah, konnte bei »völkischen Sittenwächtern« nicht mit Milde rechnen. Als eine Zuschauerin ihn am Rande der Veranstaltung erkannte, hätte er um ein Haar den geballten »Volkszorn« zu spüren bekommen.

Erst ein halbes Jahrhundert später scheint sich endlich die Ansicht durchgesetzt zu haben, daß es Studenten in SA-Uniformen und Burschenschaftler in festlicher Montur waren, die sich damals an der Literatur vergriffen. In einem Gedenkartikel für den Spiegel zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennung spricht der Publizist Walter Boehlich (siehe jW-Thema vom 13.6.2012) einen Umstand aus, der von interessierter Seite stets abgestritten oder ignoriert worden war: »Es gibt ja kein zweites Beispiel dafür, daß die akademische Jugend Hand in Hand mit dem akademischen Alter sich öffentlich zusammenfindet und, von munteren Reden, bisweilen auch von Musik begleitet, die eigene zeitgenössische Literatur verbrennt.«

Die mehrfach überarbeitete »Schwarze Liste«, in der die zur Vernichtung bestimmte Literatur aufgeführt war, hatte der Bibliothekar Dr. Wolfgang Herrmann, seines Zeichens Leiter der Zentralstelle für das deutsche Bibliothekswesen in Berlin, zusammengestellt; die Planung und Durchführung der Aktion »Wider den undeutschen Geist« lag in den Händen der »Deutschen Studentenschaft« (DSt), die zusammen mit dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund« (NSDStB) die weitaus meisten Stimmen bei den AStA-Wahlen erzielte; und die Festrede hielt der promovierte Germanist Joseph Goebbels, der sich mit schwülstigen Herzensergießungen unter dem Titel »Michael« erfolglos als Romanautor versucht hatte. Bildungsbürger unter sich also; fragt sich nur, was sie zu fanatischen Bildungshassern gemacht hatte. Was der zum Reichsminister für Propaganda aufgestiegene Literat von sich gegeben hat, trifft auch auf die Mehrheit seiner jüngeren Kommilitonen zu: »Das Geistige wird mir zum Überdruß, mich ekelt jedes gedruckte Wort.«

Paul Karl Schmidt

Am 19. April 1933 war an den Schwarzen Brettern deutscher Universitäten ein Thesenpapier zu lesen, das die paranoide Denkstruktur der Bücherverbrenner verdeutlicht: »Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude und der, der ihm hörig ist«, heißt es dort in roten Frakturbuchstaben. Von diesem Widersacher muß sich der Verfasser des Aufrufs, der Kieler Psychologiestudent Paul Karl Schmidt, der neben seinem Studium als örtlicher Leiter des »Kampfausschusses wider den undeutschen Geist« fungiert, geradezu körperlich abgestoßen und bedroht gefühlt haben. Der alarmistischen Sprache seines Sendschreibens ist zu entnehmen, daß er »den Juden« für den Erzfeind seines »Volkstums« hält. Worin diese Feindschaft eigentlich besteht und was sie ausmacht, weiß der selbsternannte Retter der Nation nicht zu sagen. Das rassistische Feindbild bleibt ebenso schemenhaft wie sein ideologisches Gegenstück, der »deutsche Geist«. Nur in These 7 wird ausnahmsweise etwas deutlicher. Hier spricht er aus, worum es ihm geht und was zu tun ist: »Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.«

Im Jahr 1933 waren solche Kriegserklärungen nichts Besonderes. In zahllosen Pamphleten und Broschüren hatte die »völkische« Bewegung, aus der auch die Nazipartei hervorgegangen war, für die »rassische Ertüchtigung« geworben und dabei den »jüdischen Intellektualismus« als das Element der »Entartung« schlechthin ausgemacht: Kritik war danach gleichbedeutend mit »Zersetzung« und Scharfsinn eine Form der »Unterwanderung«. Insofern war der Student Schmidt nur einer unter vielen, der sich aus der anonymen Masse der rechten Gesinnungstäter nur durch seine Entschlossenheit und seinen Kampfwillen heraushob. Dafür spricht seine spätere Ernennung zum SS-Obersturmbannführer und zum Pressechef des Auswärtigen Amtes ebenso wie seine Nachkriegskarriere. Im Sumpf der untergetauchten, straflos gebliebenen Naziverbrecher der Ära Adenauer wurde Paul Karl Schmidt nicht nur zum allseits geschätzten Mitarbeiter der bundesdeutschen Leitorgane Spiegel und Zeit, sondern auch zum Autor der Bestseller »Unternehmen Barbarossa« und »Verbrannte Erde«, die er unter dem Pseudonym Paul Carell veröffentlichte.

Walter Boehlich betrachtet deutsche Karrieren dieses Zuschnitts als Beleg für den langen Atem der Geschichte. Statt von Ereignis zu Ereignis zu springen, bewegt der Gang der Dinge sich demnach in Sequenzen. Auch die Bücherverbrennung von 1933 hält sich an dieses Schema der »langen Wellen«, wenn man ihre Vorgeschichte und Nachwirkung einbezieht. Es kann daher kaum überraschen, daß die verbrannten Bücher auch über das studentische Autodafé von 1933 hinaus vom Literaturbetrieb gemieden wurden: »Welche Vorstellung, einen Autor oder ein Buch dadurch aus der Welt schaffen zu können, daß man dieses oder jenes Exemplar seiner Bücher öffentlich verbrannte, während an anderer Stelle dasselbe Werk in zahllosen Exemplaren erhalten blieb. Das Erstaunliche an der Angelegenheit ist aber, daß die damals verbrannte Literatur vergessen war, als das Dritte Reich besiegt war – und das nicht nach 1000, sondern nach kümmerlichen zwölf Jahren. Die Erinnerung an sie war getilgt, und große Teile der Erinnerung sind bis heute getilgt.«3

Auch nach 1945 ist in der BRD nie ernsthaft versucht worden, die verbotene und verfolgte Literatur wieder in den Bildungskanon aufzunehmen. In 116 Schullesebüchern der unmittelbaren Nachkriegszeit waren nur magere zwölf Beiträge von Autoren enthalten, die 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen worden waren. Die Repräsentanten des »deutschen Geistes« dagegen, die an ihre Stelle rückten, waren mit satten 334 Beiträgen vertreten. Wie war die indizierte Literatur beschaffen, daß sie weit über die Jahre der Verfolgung hinaus geächtet sein konnte? Der größte Anteil der »Schwarzen Liste« fällt mit 127 Autoren in den Bereich der Schönen Literatur. Politik und Staatswissenschaften sind mit 121 Namen vertreten. Den dritten Platz nimmt mit 51 Autoren die Disziplin Geschichte ein. Kunst, Literaturgeschichte, Religion, Philosophie und Pädagogik fallen dagegen kaum ins Gewicht. Ließ der Zensor sich bei der Auswahl von seinen schöngeistigen Neigungen lenken? Oder beschränkte sich auf belletristische und politische Literatur, weil sie sich ideologisch am leichtesten zuordnen ließ?

Namenslisten

Liest man die Namenslisten, die der Bibliothekar Wolfgang Herrmann anfertigt hatte, so trifft man auf die üblichen Verdächtigen: Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Heinrich Mann, Theodor Plivier, Erich Maria Remarque, Ludwig Renn, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig. Sie alle galten in den Augen des völkischen Lagers wahlweise als aufrührerisch, häretisch, blasphemisch, unmoralisch oder obszön. Typische Asphaltliteraten eben, obwohl längst nicht alle von ihnen den von Goebbels zur Wurzel allen Übels erhobenen »jüdischen Intellektualismus« verkörperten. Doch schon das erwähnte Thesenpapier »Wider den undeutschen Geist« von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell hatte durchblicken lassen, daß die als schädlich erachteten Erbanlagen eben nicht alles waren. Neben den »jüdischen Lügnern« gab es auch noch die »deutschen Verräter«: »Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter.«

Heinrich Mann etwa fällt demnach gleich in mehrfacher Hinsicht durch das biologische Raster solcher Leute: Er entstammte nicht nur einem ehrbaren norddeutschen Kaufmannsgeschlecht und verfügte mithin über eine makellose Kinderstube; er hatte sich im Gegensatz zu seinem Bruder Thomas auch niemals zum Krieg, zum Deutschtum und zum Obrigkeitsstaat bekannt, sondern war stets als wurzelloser Zivilisationsliterat in Erscheinung getreten. Schlimmer noch: Indem er mehrere Aufrufe zur Bildung einer antifaschistischen Einheitsfront von SPD und KPD unterzeichnete, paktierte er sogar mit dem Bolschewismus. Der Landesverräter war also zu allem Übel auch noch ein Klassenverräter und beging damit den schlimmsten Verrat, den er in den Augen seiner Gegner überhaupt begehen konnte. Alfred Döblin hat diese verminte Grenze nie überschritten und paßte deshalb weniger gut in das völkische Feindbild: Trotz seiner jüdischen Herkunft blieb er eine schillernde Figur, die nicht richtig einzuordnen war. Sein Roman »Wallenstein«, ein Höhepunkt expressionistischer Prosa, durfte sogar weiterhin gedruckt und vertrieben werden.

Was bleibt demnach vom »Deutschen Geist«? Ist er überhaupt als ideologische Bezugsgröße zu verwenden? Die ihn monstranzartig vor sich hertrugen, schienen eher zu wissen, was er nicht ist, als was er ist. »Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung« wurden in den »Feuersprüchen« auf dem Berliner Opernplatz angemahnt; »Adel der menschlichen Seele und Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit«, skandierten die studentischen Gesinnungsterroristen; »Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit und Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes« lauteten die hohl tönenden Spruchweisheiten aus den Schulungskursen der NSDAP. Selbst belesenere Vertreter des Deutschtums sind damals bei dem Versuch einer Geisterbeschwörung gescheitert. »Deutscher Geist« hieß eine zweibändige Anthologie, die im Jahr 1940 ausgewählte Essays deutscher Dichter und Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler, Juristen und Ärzte, Politiker und Unternehmer versammelte.4

Der Titel des »Lesebuchs aus zwei Jahrhunderten« war aus taktischen Gründen gewählt worden. Er sollte das verlegerische Projekt unverdächtig machen. Die Herausgeber Peter Suhrkamp und Oskar Loerke wollten damit ausprobieren, wie weit sie unter der Herrschaft der Nazis ideologisch gehen konnten und was in den Augen des Regimes gerade noch »tragbar« war. Doch Namen wie Heinrich Heine, Karl Marx, Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse und Thomas Mann, die allesamt zur Blüte deutschen Geisteslebens zählen, sind im Inhaltsverzeichnis natürlich dennoch nicht zu finden. Als das vielgelesene Werk 1953 unter günstigeren politischen Vorzeichen neu aufgelegt und um ehemals verbotene Autoren ergänzt wurde, blieb das Ergebnis unbefriedigend. Neue Lücken taten sich auf, wo die alten geschlossen worden waren. Offenbar existierte ein einheitlicher »Deutscher Geist« überhaupt nicht. Der Versuch, ihm eine Staatsbürgerschaft zu verleihen, war schon im Ansatz verfehlt. Er widersprach der grenzüberschreitenden, ergebnisoffenen Natur des menschlichen Denkens, das sich nie mit dem Erreichten zufriedengibt und alle Übereinkünfte sprengt.

Politische Paranoia

80 Jahre nach der Bücherverbrennung ist die Suche nach dem »Deutschen Geist« vollends zum Anachronismus geworden. Der freie Grenzverkehr macht die nationale Zuordnung endgültig unmöglich. Umso rätselhafter bleibt der kulturelle Kahlschlag im Namen eines fiktiven Deutschtums, zu dem sich die fanatisierten Bildungsbürger von 1933 veranlaßt sahen. Unter Federführung des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien haben sich die Geschichtsforscher lieber in die Archive begeben, statt grundsätzliche Fragen zu beantworten. Schon im Vorfeld des Autodafés auf dem Berliner Opernplatz konnten sie auf diese Weise Übergriffe des Blut-und-Boden-Lagers auf »volkszersetzendes Schrifttum« nachweisen. Auch nach dem 10. Mai 1933 machten sie ortsübergreifende Aktionen aus, bei denen vor allem die Hitlerjugend als treibende Kraft hervortrat.5 Für die Zeit von März 1933 bis Oktober 1933 ist demnach von einer deutschlandweiten Verfolgungswelle zu sprechen, die sich bis in Kleinstädte wie Kleve, Kellinghusen und Bad Kreuznach erstreckte.

Spätestens seit 1918 habe es in Deutschland zwei nahezu unabhängig voneinander existierende Literaturen gegeben, die Blut-und-Boden-Literatur und diejenige, die verbrannt worden ist, stellt Walter Boehlich zur Erklärung fest. Doch wie der publizistische Kleinkrieg dieser literarischen Gruppierungen zu offener Gewalt werden konnte, vermag auch dieser Analytiker der Deutschtümelei nicht abschließend zu beantworten. Es empfiehlt sich daher, nochmals auf Arnold Zweigs zu Unrecht vergessene Kampfschrift »Bilanz der deutschen Judenheit« aus dem Jahr 1933 zurückzukommen. Mit Bezug auf die Erkenntnisse seines geistigen Mentors Sigmund Freud geht er dort den Verwüstungen nach, die die »Dolchstoßlegende« im Seelenleben der Deutschen anrichtete. Da sie sich unter dem Einfluß rechter Verschwörungstheorien für »im Felde unbesiegt« hielten, hätten sie nach inneren Feinden Ausschau gehalten, die sich für die militärische Niederlage von 1918 verantwortlich machen ließen.

Man kann laut Arnold Zweig demnach durchaus von einer »politischen Paranoia« der Deutschen sprechen, die zunächst den »Novemberverbrechern« die Verantwortung für die »deutsche Schmach« gab, damit die eigentlichen Schuldigen in Staat und Armee straflos bleiben konnten. Doch erst die Nazis bescherten der geschlagenen Nation jenes Feindbild, das ihrer ins Krankhafte gesteigerten Lebenslüge ein wahrhaft überlebensgroßes Angriffsziel bot: »Der ›internationale Jude‹ war genau das dämonische Wesen, das dem unterbewußten Raffinement der völkischen Neurose, von ihr erdichtet, zum Träger ihres Verfolgtheitswahns dienen mußte. Nur daß zum Unglück dieser erdichtete internationale Jude, diese Ahasver-Gestalt aus der Phantasie eines Kitsch-Romanciers für die Träger der Pogromleidenschaft erfunden, mit den wirklichen, existierenden Judentümern dieser Welt zur Deckung gebracht wurde – in unserem Fall mit dem deutschen Judentum.«6

Man muß Arnold Zweig bei dieser Übertragung der Freudschen Neurosenlehre auf politische Kollektive nicht in allen Einzelheiten folgen, aber einen diskussionswürdigen Ansatz neben den historischen und politökonomischen Deutungen bietet sie allemal. Gegenüber den akademischen Fleißübungen heutiger Geschichtsforscher hat sie den unschätzbaren Vorteil der persönlichen Betroffenheit und Augenzeugenschaft. So sah man die Verhältnisse im Jahr 1933, mit hysterischen »Führer«-Reden im Ohr und der Furcht vor der drohenden Verhaftung im Nacken. Leben wir im Vergleich zu diesen finsteren Zeiten heute in demokratisch abgesicherten Verhältnissen? Gehört die Epoche der brennenden Scheiterhaufen endgültig der Vergangenheit an, und kann damit auch die Literatur befreit aufatmen? Das wird man kaum behaupten können, wenn man Ray Bradburys beklemmend aktuellen Roman »Fahrenheit 451« aus dem Jahr 1953 gelesen hat. Dort geht es dem bedruckten Papier mit weitaus subtileren Mitteln an den Kragen als 1933. Drogen und Videowände übernehmen das Geschäft der Verdummung, das einstmals mit Feuer und Brand verrichtet wurde.

Weiß wenigstens das »Land der Dichter und Denker« inzwischen seine großen Geister wieder zu schätzen? Auf dem Höhepunkt des deutschen Wirtschaftswunders versuchten zwei ehrbare Kölner Rechtsanwälte, ein »Pamphlet« mit dem Titel »Seelandschaft mit Pocahontas« aus dem Verkehr zu ziehen, mit dem »ein Arno Schmidt« sich nach ihrer Ansicht der Gotteslästerung schuldig gemacht hatte. Der Autor des Prosastücks, das heute zu den Kronjuwelen der deutschen Nachkriegsliteratur gezählt wird, sah sich durch die Sittenwächter aus Köln in seiner Existenz bedroht und dachte allen Ernstes daran, das Schreiben im bigotten Adenauer-Staat ganz aufzugeben: Auf jedes verbotene Buch kommt eine unbekannte Zahl von verhinderten, verfälschten, verwässerten Werken. Auch auf diese Weise läßt sich die Literatur unschädlich machen. Die notwendigen Bücher werden gar nicht erst geschrieben.

Anmerkungen

1 Arnold Zweig: Bilanz der deutschen Judenheit. Ein Versuch, Leipzig 1991, S. 87

2 Ebenda, S. 23

3 Walter Boehlich: Die Antwort ist das Unglück der Frage, in: ders.: Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main 2011, S. 461

4 Deutscher Geist. Ein Lesebuch aus zwei Jahrhunderten, Berlin 1940

5 Siehe Werner Treß und Julius H. Schoeps (Hg.): Orte der Bücherverbrennung 1933, Hildesheim 2008

6 Arnold Zweig: Bilanz der deutschen Judenheit, a.a.O., S. 81

Kurt Darsow lebt als freier Autor in Berlin und arbeitet für Hörfunk und Zeitschriften

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/05-10/015.php