26. August 2013

Die alte Leier

Theodor Körner, porträtiert von seiner Tante Dora Stock (nach einer Pastellminiatur von seiner Schwester Emma Sophie Körner), 1813/1814 - Fotoquelle: Wikipedia

Ein Nationalheld der DDR kommt bei Neonazis und Afghanistan-Veteranen in Mode: Anmerkungen zu Theodor Körners 200. Todestag

Ralf Richter

Armin Müller-Stahl hat ihn bekommen, Harry Thürk gleich zweimal, auch Erwin Geschonneck und das Kollektiv des »Polizeirufs 110« erhielten den Theodor-Körner-Preis. Ab 1970 wurde die Auszeichnung in der DDR für künstlerische oder kunst­interpretatorische Beiträge verliehen, die zur Stärkung der Verteidigungskraft geeignet schienen. Republikweit intonierten Körner-Chöre die von Carl-Maria von Weber vertonten Verse ihres Namenspatrons über »Lützows wilde verwegene Jagd«. Als »Dichter der Befreiungskriege« gegen Napoleon war Körner auch aus dem Geschichtsunterricht kaum wegzudenken. Und so hatte bis 1989 beinahe jedes Schulkind zwischen Fichtelgebirge und Kap Arkona schon mal gehört, daß er 1791 in Dresden geboren und am 26. August 1813 bei Gadebusch in der Nähe von Schwerin gefallen war. In der BRD dagegen fand dieser Nationalheld des Kaiserreichs und der Nazis kaum noch Erwähnung.

Sein Vater Christian Gottfried Körner hatte den mittellosen Schwaben Friedrich Schiller auf einem Weinberg der Familie beim Dresdner Blauen Wunder untergebracht, wo heute noch das »Schillerhäuschen« steht. Den »Körner-Schiller-Brunnen« gegenüber flankieren zwei Figurenreliefs. Auf dem einen stehen Vater Körner, der große deutsche Dichter, und neben diesem eine mädchenhafte Gestalt, die den jungen Theodor darstellen soll. Das zweite Relief zeigt den etwas älteren Theodor neben Mutter und Schwester in der Uniform der Lützower Jäger, Gewehr bei Fuß. Sein letzter Besuch im Elternhaus ist hier nachempfunden. Er soll da angeblich Goethe getroffen haben. Die Botschaft des Dresdner Brunnens ist klar: Erfüllt vom Schillerschen Freiheitsgedanken und beseelt von dessen Poesie, konnte der junge Körner zum Dichter der Befreiungskriege heranreifen. Sein früher Tod – auch noch im Kampf gegen die Franzosen nach schwerer Verwundung – machte ihn endgültig zum Helden.

Fertiggestellt wurde der Brunnen 1913. Im selben Jahr wurde das Leipziger Völkerschlachtdenkmal eingeweiht. Die Rückbesinnung des Kaiserreich hatte handfeste Gründe. Frankreich war 1813 der Feind gewesen, nun rüstete man sich wieder gegen diesen Gegner. Wenig später wurden im Ersten Weltkrieg Tausende Postkarten mit Körner-Zitaten verschickt. In Schulen und Lokalen wurden Zitate des Dichters auf sogenannte Nagelbilder geschlagen – jeder Nagel war mit einer Spende verbunden. Pfarrer, Lehrer und Politiker wohnten den »heiligen Zeremonien« bei. Körners vertonte Gedichte begleiteten Soldaten in Schlacht und Tod.

Vor dem Zweiten Weltkrieg sollte sich diese Vereinnahmung wiederholen. Im Jahr vor dem Angriff auf Polen, 1938, wurde in der Gegend bei Schwerin, wo Körner gefallen war, eine nationale Weihestätte eingerichtet. Beinahe zeitgleich wurde in Dresden an der Elbe eine Relieftafel enthüllt, die Körners Tod zeigen soll (in der DDR haben sie nur die wenigsten Dresdner zu Gesicht bekommen; sie befand sich auf einem Gelände der Staatssicherheit). Bekannt ist Goebbels’ Sportpalastrede zum totalen Krieg, die mit einem leicht abgewandelten Körner-Zitat endete: »Nun Volk, steh auf und Sturm brich los!«

Die Bedeutung der antinapoleonischen Befreiungskriege für die DDR ergab sich aus einer deutsch-russischen Waffenbrüderschaft. Am 30. Dezember 1812 unterzeichneten der preußische General Yorck und der russische General Diebitsch die »Konvention von Tauroggen«. Mit diesem Geheimabkommen verpflichteten sich die Preußen innerhalb der Truppen Napoleons, keine Kampfhandlungen gegen die Russen zu unterstützen, um im Gegenzug von ihnen verschont zu werden. Von da war es nur noch ein kleiner Schritt, bis Preußen und Russen in der Völkerschlacht von Leipzig Seite an Seite gegen Napoleon kämpften. Von hohem moralischen Wert war dabei die Freiwilligenarmee der Lützower Jäger, die insbesondere aus Bürgerlichen, Akademikern und Studenten bestand. In ihren Reihen spielte Theodor Körner die Leier und sang.

Ulrich Völkel, Autor eines 1983 im Verlag der Nation erschienen »Romans um Theodor Körner«, verstand die 1814 noch von Körners Vater herausgegebene Gedichtsammlung »Mit Leyer und Schwert« als »Grundlage für die einsetzende schwärmerische Verehrung des Helden«. »Zu Körners Werk gehören aber nicht nur die oft schwülstigen Verse, sondern auch das ›Lied der Rache‹, eines der haßerfülltesten Gedichte der Freiheitskriege, das erst in den 1890er Jahren in die Körner-Ausgaben aufgenommen wurde. Christian Körner hatte es aus gutem Grund nicht in die Sammlung aufgenommen, weil es gar zu blutrünstig und haßerfüllt war.«

Heute lebt Völkel, dessen Körner-Roman in der DDR innerhalb von drei Jahren 60000mal verkauft wurde, als Autor in Weimar. Er ist selbst Körner-Preisträger und erklärt rückblickend: »Zum neuen Heldenstatus gelangte Körner in der DDR mit dem Aufbau der Nationalen Volksarmee. In Wöbbelin feierte man den Dichter zu seinem 140. Todestag 1953 mit einem Fackelzug. Weil die Lützower 1813 kurzzeitig mit einer Kosakeneinheit gekämpft hatten, wurden daraus die Wurzeln der deutsch-russischen Waffenbrüderschaft.« In deren Geiste wurden Körner-Bilder gemalt, Denkmäler errichtet, Körner-Eichen und -Linden gepflanzt. Der letzte Gedenkstein wurde nach Völkels Kenntnisstand 2003 im vogtländischen Eichigt gestiftet. Hier hatten die Lützower Jäger am 8./9. Juni 1813 an einer Linde biwakiert, die später zur Körner-Linde erklärt wurde.

Körner-Gedenkstätten gibt es heute fast nur noch in Ostdeutschland. Aus dem »nationalen« Helden ist ein eher regional und lokal bekannter Dichter der Befreiungskriege geworden. Wo Körner in Dresden geboren wurde, gab es bis 1945 ein Körner-Museum. Heute sind hier noch eine Gedenktafel und ein kleines Denkmal zu besichtigen – Denkmäler finden sich auch in Leipzig, Görlitz und im Isergebirge. Neuerdings verlegen sich Neonazis auf die Vertonung von Körner-Texten, wie man im Internet nachvollziehen kann. Auch bei Afghanistan-Veteranen soll Körner wieder in Mode kommen. Allem Anschein nach folgt der vergleichsweise kurzen linken Theodor-Körner-Erinnerungskulur, die gewiß nicht unproblematisch war, nun wieder die Vereinnahmung von rechts.

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