10. August 2010

Die autoritäre Wende

Vorabdruck. August 1914: Das Versagen der europäischen Sozialdemokratie und das Aufkommen einer neuen Generation der politischen Rechten

Luciano Canfora

Die europäischen Sozialisten waren durch den Krieg vor eine dramatische Wahl gestellt. Soll man den Krieg mitmachen und ihn unterstützen? Damit würde man eine Situation schaffen, die – gemessen an Ideologie und Praxis der in einer Internationale vereinten sozialistischen Bewegungen – paradox ist und als Konsequenz deutsche und französische, italienische und österreichische Arbeiter auf den Schlachtfeldern und in den Schützengräben aufeinanderhetzt: also das gerade Gegenteil zum Internationalismus, das gerade Gegenteil zur Lehre des europäischen Sozialismus. Oder soll man den Krieg ablehnen und ihn boykottieren, gegen die Regierungen kämpfen, die ihn gewollt haben? Damit würde man sich außerhalb des hymnischen Chors der »heiligen Einheit« stellen und sich mit dem Vorsatz, konsequent zu bleiben und den Krieg vielleicht zu verhindern, in eine sicherlich schwierige Position begeben.

Das war das essentielle Dilemma der Sozialisten. (…) Im Falle der sozialistischen Bewegung wurde das Problem jedoch in weltweitem Maßstab wahrgenommen, weil sie internationalistischen Charakter trug. So verursachte der Krieg in der Tat bei allen sozialistischen Parteien eine dramatische Debatte, von innerparteilicher Selbstzerfleischung bis – so bei den meisten – hin zu substantieller Kapitulation vor der Staatsräson.

Wir können nur einen summarischen Überblick über diese politischen Bewegungen und ihre Debatten geben, wie sie sich in den Monaten vor und unmittelbar nach dem 4. August 1914 entwickelt haben. An dieses Datum erinnert man sich gleichsam sinnbildlich, weil an diesem Tag, nachdem alle Kriegserklärungen ausgetauscht und alle Ultimaten abgelaufen waren, der Reichstag mit all seinen parlamentarischen Gruppierungen vor der endgültigen Forderung steht, für die Kriegskredite zu stimmen und somit die kaiserliche Regierung zu ermächtigen, aus dem Staatshaushalt die Mittel für den Krieg und das Heer aufzuwenden. Alle Parteien, einschließlich der Sozialisten, votieren für die Kriegskredite.

Die Auseinandersetzung hat die Sozialisten vor und nach diesem fatalen Datum zerrissen. Vorher in der Frage, wie es zu verhindern sei, daß dieser Punkt überhaupt erreicht werde; danach durch die wechselseitigen Beschuldigungen und den Streit, der sich immer mehr verschärfte. Wie war die Situation in den verschiedenen europäischen Ländern? Wir gehen naturgemäß von Deutschland aus, weil es das bedeutsamste Land ist. Die enorme deutsche Sozialdemokratie hat die anderen sozialistischen Parteien den politischen Kampf gelehrt und ist im Parlament so stark vertreten, daß sie tatsächlich die im Gang befindliche Operation, die parlamentarische Absegnung der bereits gefällten Entscheidung für den Krieg, gefährden oder zumindest maßgeblich behindern könnte.

Ihre Abgeordneten stimmen jedoch geschlossen für die Kriegskredite, so auch Karl Liebknecht, der sich bei dieser ersten Abstimmung – und nur bei dieser einen im August – der Parteidisziplin beugt und gegen seine Überzeugung abstimmt. Erst später, angesichts der Verwandlung des Blitzkrieges in einen Stellungs- und Grabenkrieg, werden die Sicherheiten ins Wanken geraten und wird sich die Haltung einer Minderheit ändern. Nun wird sich eine Vorstellung allmählich Bahn brechen, deren Urheber vor allem Liebknecht und Rosa Luxemburg sind. Die Vorstellung nämlich, daß der Hauptfeind des deutschen Volkes im eigenen Land stehe und durch die deutsche Regierung verkörpert werde. Diese Losung ist ganz gewiß nicht einfach durchzusetzen. Sie sprengt die »heilige Eintracht« des »Burgfriedens« und propagiert eine Parole, die offensichtlich an Hochverrat grenzt und somit der Strafverfolgung unterliegt. Und genau dies geschieht dann auch. Man geht ein hohes Risiko ein, wenn man darüber aufzuklären versucht, daß es die Regierung selbst ist, die sich kriminell verhält, und daß sie es ist, die gegen das Volk handelt, indem sie es in den Krieg führt. (...)

Für die internationale sozialistische Bewegung war es jedenfalls ein tödlicher Schlag, daß sich die deutsche Partei, Meisterin des Sozialismus, wie beschrieben verhalten hat. Es war unvermeidlich, daß die von den deutschen Sozialisten getroffene Entscheidung auf die übrige Bewegung ausstrahlte, und zwar, daran muß stets erinnert werden, in schizophrener Weise. Die anderen Sozialisten imitieren nämlich das »patriotische« Verhalten der deutschen und ziehen in den Kampf gegen sie. Das Paradoxe ist, daß damit gerade dasjenige Subjekt nachgeahmt wird, gegen das man sich anschickt, in den Schützengraben zu steigen. Das ist die Tragödie, die der europäische Sozialismus durchgemacht hat.

Erinnert sei vor allem an Frankreich, weil es mehr oder weniger das andere große europäische Land mit sozialistischer Tradition ist (...). In Frankreich ist das chauvinistische Element in der sozialistischen Partei stark, ungeachtet der Tatsache, daß (ihr Kopf Jean – d. Red.) Jaurès selbst gegen den Krieg ist. Er versucht, den Weg in den Abgrund zu blockieren. Auch noch Wochen nach dem Attentat von Sarajevo setzt er sich für ein internationales Treffen ein, das wenigstens die französischen und deutschen Sozialisten zu einer gemeinsamen Haltung bringen soll. Hugo Haase, ein angesehener Vertreter der deutschen Sozialdemokratie und einer ihrer beiden Vorsitzenden, kommt nach Paris, um mit Jaurès zu sprechen und eine gemeinsame Linie des Widerstands gegen den Weg in den Krieg zu finden. Drei Jahre später wird Haase zu den sozialistischen Abgeordneten gehören, die sich von der Mehrheit absetzen und eine sich gegen den Krieg wendende »Unabhängige Sozialdemokratische Partei« gründen. Sein Treffen mit Jaurès sollte zumindest ein gemeinsames Kommuniqué des Widerstands gegen das Hineinschlittern in den Krieg erbringen. Doch Jaurès wird von einem jungen französischen Nationalisten ermordet, der ihn mitten in Paris am 31. Juli 1914 niederschießt. Durch diesen Verlust ist die französische sozialistische Partei enthauptet und der einzigen herausragenden Persönlichkeit beraubt, die sich dem Krieg entgegenstellen würde. Nun gibt es kein Zögern und kein Halten mehr für einen verhängnisvollen Wettlauf beider Parteien, der französischen wie der deutschen, vor den Karren ihrer jeweiligen Regierung gespannt.

Mussolini wechselt das Lager

(...) Schauen wir nun auf Italien. Italien ist aus zwei Gründen in einer Situation sui generis vor allem deshalb, weil es sich nicht im Krieg befindet. Wiewohl der Dreibund (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Königreich Italien – d. Red.) ein ziemlich enger Käfig ist mit Klauseln, die die italienische Regierung zwingen könnten, in den Krieg einzutreten, haben sich Dinge ereignet, die eine italienische Neutralitätserklärung legitimieren. (…)

In Italien sind nicht nur die Sozialisten, die im Parlament als kämpferische Minderheit vertreten sind, aber eben doch als Minderheit, sondern auch Giovanni Giolitti als mächtigster Vertreter der führenden Kraft, der liberalen Partei, gegen den Krieg. Giolitti hält es für Wahnsinn, sich in den Konflikt einzumischen. Und der geachtete Ministerpräsident, Eroberer Libyens 1912, der einer ganzen Epoche der italienischen Geschichte den Namen gegeben hat, hat großen Einfluß auch beim König, dem jungen Vittorio Emanuele III., der nach der Ermordung seines Vaters Umberto I. 1900 auf den Thron gelangt war. Der junge König kann es sich nicht leisten, die Meinung Giolittis, im Vergleich zu ihm ein Gigant und eine Persönlichkeit von Weltrang, nicht zur Kenntnis zu nehmen. In Italien ist Giolittis Wort absolut maßgebend. Die Kräfte aber, die den Kriegseintritt wollen und den Krieg als »Welthygiene« verherrlichen, verschaffen sich lautstark Gehör. Doch noch haben sie nicht das Gewicht, den König zu einem solchen Entschluß zu nötigen.

Während der Neutralität haben wir es also mit einer Situation zu tun, in der die italienischen Sozialisten es leicht haben, ihren Internationalismus zu verkünden. Ihre Auffassung ist, daß der Krieg ein Verbrechen darstelle und das Proletariat nicht dazu bewegt werden dürfe, gegen die Proletarier anderer Länder zu kämpfen. Durch die spezifische Situation Italiens ist man also im Vorteil und kann eine Haltung beziehen, die in Einklang steht mit der der sozialistischen Minderheiten in Deutschland und Frankreich, die den Krieg ablehnen, aber nicht ins Gewicht fallen.

So finden sich die italienischen Sozialisten auf derselben Wellenlänge wie ein anderer Protagonist der europäischen sozialistischen Bewegung, die russischen Bolschewiki unter der Führung von Lenin und Sinowjew nämlich. Sie sind nur eine kleine Gruppe, stellen aber innerhalb der verbotenen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands die Mehrheit – Bolschewiki heißt nichts anderes als »Mehrheitler«. Der Zar bzw. seine Regierung haben die sozialistische Bewegung als zumindest moralisch Verantwortliche für die Revolution von 1905 und als umstürzlerisches Potential aufs schärfste verfolgt. Die Bolschewiki sind somit illegal, ihre Führer ins Ausland gezwungen, und sie nehmen eine radikal internationalistische Haltung ein. Die schüchternen sympathischen italienischen Sozialisten wie Turati und andere sind sich also mit Lenin und den Bolschewiki in der Gegnerschaft zum Krieg einig, wie unterschiedlich ihre Positionen sonst auch sein mögen.

Besonders ein herausragender italienischer Sozialistenführer, Benito Mussolini, drängt entschieden auf Neutralität und auf absolute Ablehnung des Abenteuers, sich auf einen Krieg einzulassen. Mussolini war einige Monate zuvor, Anfang Juni 1914, auch Protagonist der Roten Woche gewesen, als die gewerkschaftlichen Aktionen in eine vorrevolutionäre Situation umgeschlagen waren. Er ist also einflußreicher Parteiführer und außerdem Direktor des Parteiorgans Avanti (...): »Entweder akzeptiert die Regierung diese Notwendigkeit (sich aus dem Krieg herauszuhalten, die absolute Neutralität, wie es damals hieß – d.Verf.), oder das Proletariat wird sie mit allen Mitteln zu erzwingen wissen. (...) Nicht einen Mann, nicht einen Groschen für den Krieg, um welchen Preis auch immer.« So die Position des Direktors des Avanti und geachteten Vertreters der Partei, Benito Mussolini. Sie gibt treffend, falls wir so wollen, in extremer und äußerst harter Form das diffuse, sagen wir, Gefühl und Empfinden wie das Denken der ganzen Partei wieder.

Was nicht nur die Zeitgenossen, sondern auch noch die Historiker, die sich am Bild dieser Figur versuchen, konsterniert, ist ihr plötzlicher Wechsel ins interventionistische Lager nur wenige Monate später; ein Wechsel, der zugleich ihren Bruch mit der italienischen sozialistischen Partei markiert. Mussolini gründet nun den Popolo d’Italia als eigenes Presseorgan und startet eine Kampagne für den Kriegseintritt in Einklang mit Gabriele D’Annunzio, der nationalistischen Partei und den kriegstreiberischen Militär- und Wirtschaftskreisen des Landes.

Dieser Frontenwechsel ist auch Geburtsakt so vieler Dinge, die da noch kommen sollen. Das gilt zum Beispiel schon für die Art und Weise, wie im Mai 1915 der Kriegseintritt erfolgt, nämlich durch die Mobilisierung der Straße und gegen den Willen des Parlaments. Dies war gleichsam ein Staatsstreich des Königs, sein erster, noch vor dem Marsch auf Rom im Oktober 1922. Der Mai 1915, die berühmten »strahlenden Maitage«, sind ein De-facto-Staatsstreich, der Italien in jenes Abenteuer stürzt, das dann der Ursprung des Faschismus sein wird. Dessen Wiege ist der Krieg.

Wie ist dieser unvorhergesehene Frontwechsel zustandegekommen? Darüber ist viel diskutiert worden, Dokumentationen aller Art wurden erstellt, die biographische Darstellung Mussolinis kreist hauptsächlich um dieses Schicksalsjahr 1914/15. Ein vielleicht nicht ganz unbedeutendes Detail soll aber dennoch in unser Dossier aufgenommen werden. Wir reden von einem Vorgang, von dem wir durch eine Person wissen, die Mussolini sehr nahegestanden hatte, eine anarchistische Agitatorin namens Maria Rygier. Sie hat 1928 in Brüssel eine sehr polemische Schrift mit dem Titel »Mussolini, Informant der französischen Polizei« veröffentlicht, die in Italien nach dem Faschismus wieder aufgelegt wurde.

Im wesentlichen dokumentiert Rygier, daß die französischen Geheimdienste Mussolini, der aus politischen Gründen aus Italien exiliert war, während eines seiner Aufenthalte in Frankreich angesprochen, gekauft und bezahlt hatten. Da Frankreich ein vitales Interesse daran hatte, daß sich Italien vom Dreibund löste, ist die plötzliche Konversion des Ultrainternationalisten und Sozialisten Mussolini zur Sache des Krieges möglicherweise dem Umstand geschuldet, daß seine französischen Kontaktleute in jenem Moment in ihm den Mann sahen, der die italienische öffentliche Meinung für den Krieg gewinnen konnte. Mussolini, ein einzigartiger Agitator, verstand es meisterhaft, die Öffentlichkeit dahin zu steuern, wohin er sie haben wollte.

Labour auf seiten Ihrer Majestät

Wir haben den britischen Teil noch im dunkeln gelassen. Die englische Labour Party befindet sich im selben Dilemma wie die sozialistischen Bewegungen des Kontinents, mit einem Unterschied: Sie ist keine Partei marxistischen Ursprungs, sondern hat ihre eigene Tradition. Darüber hinaus hat sie im Kontext der englischen Politik dieser Monate nicht mehr mit dem immergleichen gegnerischen Lager zu tun, den Konservativen, sondern mit einer Koalitionsregierung unter liberaler Führung, der ein ehemaliger Exponent Labours angehört. Dieser ist kein Überläufer und kein Renegat. Vielmehr hat er sich von seiner Partei entfernt und eine unabhängige Position bezogen, die in hohem Maß seiner politischen Persönlichkeit, seiner Weltanschauung gerecht wird, und ist in die Regierung eingetreten. In dem Moment, wo England sich nach viel Unsicherheit entschlossen hat, in den Krieg einzutreten, sieht sich die Labour Party einer Regierung gegenüber, mit der sie denkbar eng »befreundet« ist. Allein schon dies bringt die Partei in eine einzigartige Lage.

Dazu kommt noch ein spezieller Faktor des englischen Schachbretts. England führt nämlich einen heimlichen inneren Kolonialkrieg in Irland. Erst nach dem Weltkrieg wird das Problem in offener, dramatischer Form aufbrechen und in einen auf irischem Boden geführten Krieg münden. Doch bereits jetzt stellt das unruhige Irland einen Stachel im Fleisch und eine Bewährungsprobe für die gesamte englische Politik dar, für alle politischen Kräfte, Labour eingeschlossen. Die Sozialisten flankieren also, außer einer verschwindenden Minderheit, aus diversen außen- wie innenpolitischen Gründen die Regierung Ihrer Majestät, und dies nicht nur in der Frage des Kriegseintritts. Die Entscheidung fällt also für die Kriegsbeteiligung, ohne daß es darüber bei Labour eine Debatte gegeben hätte, die derjenigen in den Parteien auf dem Kontinent vergleichbar gewesen wäre. (...)

Die falsche Entscheidung

Daß der deutsche Fall zentral ist, darf von uns nicht übersehen werden, so wenig, wie es den Zeitgenossen entgangen ist. Sie konnten nicht unberührt bleiben von der konsternierenden Entscheidung, die einem Mord an der sozialistischen Internationale gleichkam: sich zu spalten, indem man sich vor den Karren der jeweiligen nationalen Regierungen spannen ließ. Schon die Zeitgenossen nahmen die neue Qualität und das Gewicht dieser Entscheidung wahr und wiesen, sicher nicht zu Unrecht, den deutschen Sozialisten die Hauptverantwortung zu, allein schon deshalb, weil sie parlamentarisch am stärksten und am besten vertreten waren. (…)

Die europäischen Sozialisten hatten im Juli/August 1914 ihren großen Moment. In diesem Moment hätten sie die richtige und entscheidende Wahl treffen können und trafen doch die falsche. Das Tragische dabei besteht darin, daß für diesen Fehler alle bezahlt haben, nicht nur die Parteimitglieder, sondern alle Bürger der verschiedenen am Krieg beteiligten Nationen, denn die getroffene Wahl erleichterte den Ausbruch wie auch die Verschärfung des Konflikts enorm. Europas Sozialisten hatten sozusagen zwei Wege wie Herakles in der berühmten Fabel des Xenophon: einer war die Anpassung, der andere der Boykott. Boykottieren hieß Widerstand leisten, mit sehr hohem persönlichem Risiko, bis hin zum Einsatz des Lebens: eine mörderische Wahl. (...)

Aber warum diese Entscheidung? Hier hilft uns die bittere Polemik von Edmond Las­kine (...): Warum haben die deutschen Sozialisten, ohne offen mit ihrer Vorgeschichte zu brechen, sich für ein solches Verhalten entschieden? Tatsächlich sieht er den Dingen auf den Grund: Es war eine imperialistische Wahl, die sie trafen, denn sie versprachen sich von einem eventuellen Sieg einen großen ökonomischen Vorteil, eine weitere Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung im gesamten Deutschen Reich. Für eine größere Prosperität also, mit eng egoistisch-nationalem Blick auf das Stückchen Welt, dem sie angehörten, ergriffen sie Partei für einen Krieg, der den Wohlstand des deutschen Volkes auf Kosten der Unterlegenen gemehrt hätte. »Sozialchauvinismus« nannte man dies, und genau das war es auch: Der kurzsichtige Blick allein auf eine Bereicherung – mehr Kolonien, mehr Ausbeutung von Bodenschätzen, Handelsvorteile –, die ein militärischer Sieg dem deutschen Proletariat angeblich bringen würde. Es bekäme im Durchschnitt bessere Lebensbedingungen, und das würde zum Gedeihen und zum künftigen Wahlerfolg der deutschen sozialdemokratischen Partei beitragen.

Hier wird deutlich, wie die Geschichte eines fortschreitenden Sicheinfügens in die bestehende Ordnung, des Dazugehörens zu den Stützpfeilern der kapitalistischen Gesellschaft, vor die Alternative zum Krieg gestellt, unvermeidlich zum Hang für die schlechtere Option führt, die Option nämlich, die deutsche Wirtschaft zu stärken, um so zu breiter gestreutem Wohlstand und folglich zu besseren Erfolgschancen für die Partei zu gelangen.

Scheitern in Zimmerwald

Trotz all dieser ungünstigen Voraussetzungen gab es aber zwei Versuche, die Marschrichtung umzukehren. Der erste war die internationale sozialistische Konferenz von Zimmerwald in der Schweiz, angeregt von Italienern und Russen, neben den Schweizern, deren Land jedoch strukturell neutral war, weshalb sie nicht das Problem hatten, sich für oder gegen den Krieg entscheiden zu müssen. Vom 5. bis 8. September 1915 kam diese Konferenz zusammen. Sie wurde ein Fehlschlag. Für die russische Partei traten sowohl Lenin als auch Sinowjew auf, für die von ihr getrennte menschewistische Minderheit Martow und Axelrod, für die deutsche Partei nur Vertreter der Minderheit. Der wichtigste Protagonist, der sich einem Impuls zur Kriegsbeendigung wahrscheinlich nicht einfach hätte entziehen können, die offizielle deutsche Sozialdemokratie also, nahm nicht teil. Die Repräsentanten der deutschen Opposition vertraten vielleicht Auffassungen, wie sie die Gegenseite erhofft hatte, hatten aber hinterher nicht das Gewicht, um in der eigenen Partei eine solche Linie durchzusetzen.

Das war also die verpaßte Chance Mitte 1915, als ein Kompromißfriede noch möglich schien oder zumindest von verschiedenen Seiten erhofft wurde. Das Scheitern der Konferenz von Zimmerwald bedeutete auch das Ende aller noch bestehenden Hoffnungen auf Frieden.

Daß eine solche Konferenz einige Monate später in einem anderen Ort der Schweiz, Kienthal, noch einmal versucht wurde, zeigte nur, daß ein immer weniger entscheidender Teil der sozialistischen Bewegung sich weiterhin nicht mit diesem unaufhaltsamen Abgleiten abfinden wollte. Aber auch die Konferenz von Kienthal war ein Mißerfolg. Danach gab es bis Kriegsende keine Gelegenheiten mehr für ein solches Treffen der – wie auch immer sich voneinander unterscheidenden– Antikriegskräfte.

Auf den Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal waren die Russen, genauer: die Bolschewiki, im wesentlichen der Agitation halber vertreten. Über die Möglichkeit, die Konferenzen könnten ein operatives Resultat haben, hatten sie keine Illusionen. Und trotzdem waren sie besonders wichtige Beobachter, weil sie beide Male mit Lenin und Sinowjew eine höchstrangig besetzte Delegation entsandt hatten.

Die Position der Russen, vor allem Lenins, verdient in diesem Kontext eine Erläuterung. Sie hatten sich nie als Pazifisten aus Prinzip gezeigt. Im Gegenteil, Lenin war bei der Demaskierung abstrakter, moralisierender Verhaltensweisen immer sehr deutlich gewesen. Er hatte vom ersten Moment an eine Intuition, die sich besonders unter praktischem Gesichtspunkt als glücklich erwies. Die russische Partei befand sich nicht in der Lage, irgend einen legalen Kampf im eigenen Land zu gewinnen. Sie hatte keinerlei Interesse daran, den vom Zaren gewollten Krieg zu unterstützen, weil sie im Tausch dagegen keinerlei Gegenleistung, keine Prämie, keine Verbesserung der Situation erhalten hätte. Lenin war deshalb zu Recht überzeugt, daß der Krieg für die konkrete soziale Situation des Russischen Reichs ein außergewöhnlicher Sprengsatz sein und eine revolutionäre Krise auslösen könne. So bestand das Vorgehen der russischen Sozialisten in ihrer bolschewistischen Mehrheitsfraktion darin, den Sturz des Zaren bei gleichzeitiger Beendigung des Kriegs zu propagieren. Sie haben von Anfang an eine revolutionäre Propaganda entfaltet und waren, was die beiden Optionen angeht, die sich der europäischen sozialistischen Bewegung boten, die einzigen, die sofort die zweite in diesem Sinn ins Werk setzten. Nur kurze Zeit später erwies sich diese als erfolgreich. (...)

Wie es ausging

Es ist schwierig, im chronologischen Rahmen des ersten Kriegsjahres zu verbleiben, doch ist dieses zugleich ein sehr gutes Observatorium, um die Entwicklungslinien zu betrachten, das, was noch kam und in nuce 1914 schon da war.

Deshalb wollen wir kurz darüber nachdenken, was danach geschah. Der Krieg war – wiewohl die unterschiedlichsten politischen Kräfte in verantwortungsloser und abenteuerlicher Art und Weise und ohne Rücksicht auf die Konsequenzen an ihm beteiligt waren – die Keimzelle der radikalen Veränderung des europäischen Kontinents und seiner politischen Physiognomie. Und er war auch Keimzelle, Wiege und Nährboden der autoritären und später faschistischen Rückentwicklung. Sie bezog ihre Impulse genau aus dem Konflikt und seinen Folgen. (...)

Die autoritäre Wende beginnt in Wirklichkeit genau mit dem Anfang des Krieges. Mit dem Krieg setzt man die Politik außer Kraft und geht zu einem anderen Typ der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten über. Das ist das Entscheidende. (...)

Redaktionell gekürzte Fassung aus dem in diesen Tagen erscheinenden Buch: Luciano Canfora, August 1914. Oder: macht man Krieg wegen eines Attentats?, Übersetzung aus dem Italienischen von Christa Herterich, Broschur, 118 Seiten, 9,90 Euro (auch im jW-Shop erhältlich)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/08-10/007.php