14. Mai 2014

Die Befreiung der Krim

Vor den weitgehend zerstörten Hafenanlagen der Festung Sewastopol feiern Sowjetsoldaten im Mai 1944 ihren Sieg - Fotoquelle: Jewgeni Chaldej/ Aus: Heinz Krimmer, Ernst Volland (Hrsg.): Jewgeni Chaldej: Kriegstagebuch. Das Neue Berlin, Berlin 2011

Vor 70 Jahren wurden die deutschen Faschisten wieder von der zur russischen Sowjetrepublik gehörenden Halbinsel im Schwarzen Meer vertrieben. Sie hatten sie zwischen 1942 und 1944 besetzt

Peter Rau

Die Überschrift mag aktuell andere Assoziationen hervorrufen. Dieser Tage werden manche dabei vermutlich zuerst an den Mitte März erklärten Beitritt der seit 1954 zur Ukraine gehörenden Schwarzmeerhalbinsel mit ihren derzeit 2,3 Millionen Einwohnern zur Russischen Föderation denken. Dennoch dürfte bei dem Referendum auch die Erinnerung an die Befreiung der Krim von der deutschen Okkupation vor genau sieben Jahrzehnten keine unwichtige Rolle gespielt haben. Immerhin haben sich jene Jahre und Ereignisse tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Daher hat bei einer Beteiligung von etwa 82 Prozent der Stimmberechtigten am 16. März 2014 eine überwältigende Mehrheit (über 96 Prozent) pro Rossija votiert.

So ließe sich – neben den eindeutig profaschistischen Tendenzen in der Westukraine, die in Kiew ihren beängstigenden Ausdruck fanden, und den von dort ausgehenden Gefahren – der Ausgang der Volksabstimmung am ehesten erklären. Mit vergleichbaren Fremdbestimmungen hat die Bevölkerung der Krim in ihrer vieltausendjährigen Geschichte schließlich einschlägige Erfahrungen.

Ein historischer Exkurs

Die Halbinsel am Nordrand des Schwarzen Meeres – mit knapp 27000 Quadratkilometern fast so groß wie das heutige Bundesland Brandenburg – war von jeher aufgrund ihrer geographischen Lage ein begehrtes Ziel fremder Eroberer. Im Altertum von Griechen und Skythen bevölkert, geriet die Krim noch im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung unter römischen Einfluß. Im Zuge der Völkerwanderung siedelten im dritten Jahrhundert u. Z. Goten auf der Halbinsel, 200 Jahre später folgten ihnen Hunnen und Tataren. Im Gefolge des Mongolensturms im 13. Jahrhundert, der die sogenannte Goldene Horde bis weit nach Osteuropa führte, entwickelte sich die Krim zu einem bedeutsamen internationalen Handelsplatz. Um 1430 entstand, gestützt auf eine Nebenlinie der Mongolenkhane, das Khanat der Krimtataren, das große Teile der heutigen Ukraine unter seine Kontrolle brachte, ehe es einige Jahrzehnte später als Vasallenstaat unter osmanische Vorherrschaft geriet.

Erst nach dem russisch-türkischen Krieg von 1768 bis 1774 wurde die Krim zu einem Teil Rußlands. Dessen Herrscherin Katharina II. (Regierungszeit von 1762 bis 1796) erhob am 8. April 1783 formell »von nun an und für alle Zeiten« den Anspruch des Zarenreiches auf die Halbinsel. Im selben Jahr begann der Ausbau von Sewastopol zum Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, der noch einmal im Krimkrieg 1853 bis 1856 gegen eine von Franzosen und Briten unterstützte türkische Streitmacht schwer umkämpft war. Nachdem bereits im 18. Jahrhundert Zehntausende Krimtataren ins Osmanische Reich geflohen waren, folgten ihnen bis in die 1880er Jahre hinein weitere Emigranten dieses vorwiegend islamisch geprägten Turkvolkes, von dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht einmal mehr 200000 Menschen auf der Halbinsel verblieben waren.

Mit der russischen Oktoberrevolution von 1917 begann auch auf der Krim eine neue Zeitrechnung. Allerdings nur im Prinzip. Zwei, drei Monate nach Errichtung der Sowjetmacht in Rußland wurden sowohl in Kiew wie auf der Schwarzmeerhalbinsel Sowjetrepubliken ausgerufen. Proklamiert nach dem vom II. Sowjetkongreß noch 1917 beschlossenen Recht der Nationen auf Selbstbestimmung und Souveränität, war ihrer Unabhängigkeit als ukrainische bzw. taurische Sowjetrepublik – diese umfaßte neben der Krim auch einen Teil der Schwarzmeerküste bis zum Unterlauf des Dnjepr (russischer Name, ukrainisch: Dnipro) – zunächst kein langes Dasein beschieden.

Konterrevolutionäre und nationalistische Kräfte gewannen hier wie auch in anderen Landesteilen bis hin nach Sibirien und dem Fernen Osten vorübergehend die Oberhand. Gestützt auf Generale der alten zaristischen Armee wie Anton Denikin, Alexej Kaledin, Lawr Kornilow und Pjotr Krasnow, Alexander Koltschak oder Pjotr Wrangel versuchten sie, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Hochwillkommene Hilfe bis hin zu umfangreichen Waffenlieferungen und Truppenkontingenten erhielten sie dabei von Frankreich, Großbritannien, den USA, Japan und weiteren imperialistischen Staaten. Auch das kaiserliche Deutschland war wenigstens bis zum Ende des Ersten Weltkrieges im Herbst 1918 mit von der antisowjetischen Partie. Seine Armee hatte noch im März vorübergehend die gesamte Ukraine und die Krim besetzt. Im Frühjahr 1919 eroberten Truppen der Ententemächte weite Teile der Südukraine inklusive der Halbinsel.

Nachdem die imperialistischen Hauptmächte schon Ende 1917, Anfang 1918 eine Wirtschaftsblockade gegen Sowjetrußland verhängt hatten, gingen sie mehr und mehr dazu über, den Schulterschluß mit der inneren Konterrevolution herzustellen. Deren Kräfte allein hätten, zersplittert, wie sie waren, kaum dazu ausgereicht, einen langwierigen Krieg gegen die Sowjetmacht und ihre entstehende Rote Armee zu führen. Die war immerhin im Verlauf des Jahres 1918 auf ein Millionenheer angewachsen und hatte inzwischen den Kampf zur Vertreibung der Interventen von der Krim und aus der Ukraine aufgenommen.

Hierhin hatte sich ein Teil der ursprünglich 150000 Mann starken Denikin-Armee im Frühjahr 1920, geführt von Baron Pjotr Wrangel, zurückziehen können. Im Sommer rüstete die Konterrevolution im europäischen Teil Rußlands zu einem letzten großen Schlag. Die Armee des polnischen Pilsudski-Regimes begann Ende April eine neue Offensive gegen die ukrainische Metropole Kiew. Deren Eroberung am 7. Mai war jedoch kein bleibender Erfolg beschieden. Blieben noch Wrangels Weißgardisten. Dessen Truppen waren Lenin zufolge »besser mit Kanonen, Tanks und Flugzeugen ausgerüstet als alle anderen Armeen, die in Rußland gekämpft haben«. Sie wurden schließlich in Nordtaurien, dem nördlich der Krim gelegenen Gebiet, zum Kampf gestellt und mußten sich unter schweren Verlusten auf die Halbinsel zurückziehen, hinter die als uneinnehmbar geltenden Verteidigungsanlagen auf der Landenge von Perekop. Doch das half ihnen nicht mehr. Am 7. November 1920 überwanden Vorausabteilungen der Roten Armee den sogenannten Türken- oder Tatarenwall sowie das von Seen und Sümpfen durchzogene, für unpassierbar gehaltene Gebiet des Siwasch im Norden der Halbinsel. Bis zum 17. November war die gesamte Krim frei. Damit waren – obwohl im Fernen Osten die Kämpfe noch bis ins Jahr 1922 andauerten – »die wichtigsten und entscheidenden Kräfte der äußeren und inneren Konterrevolution vernichtet«, wie sowjetische Historiker bilanzierten.

Wie im gesamten europäischen Teil Rußlands, in der Ukraine, in Belorußland und in Transkaukasien konnte auch die Bevölkerung auf der Krim aufatmen und sich dem Aufbau der neuen Gesellschaft widmen. Zu den im Rahmen Sowjetrußlands entstehenden neuen Teilrepubliken gehörte im Oktober 1921 auch die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) der Krim1, deren Territorium im Unterschied zur fast vier Jahre zuvor ausgerufenen Taurischen Sozialistischen Sowjetrepublik auf die Halbinsel beschränkt blieb.

Jeder Fortschritt in der 1922 enstandenen UdSSR lag vor allem den westlichen Feinden des Sowjetsystems naturgemäß schwer im Magen. Trotz diplomatischer Anerkennung etwa durch Frankreich, Großbritannien und eine Reihe weiterer Länder in den Jahren ab 1924 und trotz der in diversen bilateralen Verträgen festgeschriebenen friedlichen Koexistenz trachteten sie weiterhin nach Restauration der vorrevolutionären kapitalistischen Verhältnisse. Dem deutschen »Nationalsozialismus«, sprich: Faschismus, blieb es vorbehalten, solchen Hoffnungen entsprechende Taten folgen zu lassen. Am 22. Juni 1941 war es soweit.

Das Unternehmen »Barbarossa«

Der Überfall des wortbrüchigen Hitlerdeutschlands auf einer Frontlänge von nahezu 4000 Kilometern zwischen der Barentssee und dem Schwarzen Meer folgte im wesentlichen dem im Dezember 1940 beschlossenen, streng geheim gehaltenen Operationsplan »Barbarossa«. Der sah vor, »Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen«. Dazu traten an jenem 22. Juni in den frühen Morgenstunden 190 voll aufgerüstete Divisionen mit etwa 5,5 Millionen Soldaten zum Angriff an. Gegen diese Übermacht hatten die in den westlichen Militärbezirken stationierten Sowjettruppen keine Chance, zumal sie der Überfall weitestgehend unvorbereitet traf. Innerhalb weniger Wochen konnte die Hitlerwehrmacht mit ihren finnischen, rumänischen und ungarischen Verbündeten weit ins Landesinnere vorstoßen. Bis zum 10. Juli waren ihre drei Heeresgruppen im Norden rund 500, im Zentrum nahezu 600 und im Süden etwa 350 Kilometer vorgerückt. Dennoch zeichnete sich da bereits ab, daß aus einem raschen Sieg im bisher gewohnten Blitzkriegsmodus nichts werden würde.

Die Hauptstoßrichtungen der Wehrmacht zielten auf Leningrad, über Belorußlands Metropole Minsk auf Moskau sowie über die ukrainische Hauptstadt Kiew auf das »wehrwirtschaftlich wichtige Donezbecken«, wie es im »Barbarossa«-Plan hieß, und letztlich auf die kaukasischen Erdölquellen. Damit verglichen war die Krim naturgemäß nur ein Nebenkriegsschauplatz. Allerdings für beide Seiten nicht ohne strategische Bedeutung. Nachdem noch am 10. August 1941 die sowjetische Luftwaffe von der Krim aus einen spektakulären Bombenangriff gegen in Rumänien gelegene Ziele unternommen hatte, erklärte Hitler im selben Monat die Schwarzmeerhalbinsel zu einem »Flugzeugträger der Sowjetunion«, dessen Potential für deren »Kampf gegen die rumänischen Ölfelder« rasch auszuschalten sei. Daraufhin rüstete die Heeresgruppe Süd, deren Spitzen inzwischen bereits einige hundert Kilometer weiter ostwärts ans Asowsche Meer, Richtung Rostow am Don, vorgedrungen waren, umgehend zum Angriff auf die Krim.

Der begann im Oktober mit der durch ein rumänisches Gebirgskorps verstärkten 11. deutschen Armee unter dem Befehl des späteren Generalfeldmarschalls Erich von Manstein. Nach zehn Tagen erbitterter Kämpfe auf der sieben Kilometer breiten Landenge von Perekop und in den Sümpfen des Siwasch verkündete das OKW, das Oberkommando der Wehrmacht, am 29. Oktober: »Zugang zur Halbinsel Krim erzwungen«. Wenige Tage später wurden Simferopol, die Hauptstadt der ASSR, sowie Feodossija erobert und bei Jalta die südliche Küste erreicht. Das am 16. November eingenommene Industriezentrum von Kertsch im Osten der Halbinsel mußten die Okkupanten jedoch bald wieder, wenn auch nur für einige Monate, räumen. Gegen die im Südwesten gelegene Festung und Hafenstadt Sewastopol indes rannten sie noch über ein halbes Jahr vergeblich an. Erst lange, nachdem die dort stationierten Flottenverbände den Hafen Richtung Ostküste des Schwarzen Meeres verlassen hatten, konnte das OKW die erneute Besetzung von Kertsch (am 15. Mai) und schließlich den Fall von Sewastopol melden. Am 4. Juli 1942 hieß es, »die ganze Krim ist fest in deutsch-rumänischer Hand«. Das sollte sich jedoch als großer Trugschluß erweisen.

Ungebrochener Widerstand

Trotz des Besatzungsterrors, mit dem neben den anderen okkupierten Landesteilen die Faschisten auch die Halbinsel überzogen, gab sich die Bevölkerung längst nicht geschlagen. Oft von versprengten Sowjetsoldaten geführt, entstanden Partisanenabteilungen. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne wurde im Untergrund der Widerstand organisiert. Bei Kertsch etwa setzten rund 10000 Rotarmisten aus Bergwerksstollen heraus den Kampf fort. Auf der anderen Seite nahmen die Okkupanten blutige Rache – nicht nur an der nach Zehntausenden zählenden jüdischen Zivilbevölkerung. Schon im April 1942 war die Krim »frei von Juden« gemeldet worden. Viele Einwohner wurden zur Zwangsarbeit verurteilt oder auch deportiert. Wer sich dem verweigerte, dem drohte der Tod. Nach der Befreiung entdeckte Massengräber mit Zigtausenden darin verscharrten Leichen zeugten davon.

Andererseits mußte Manstein, bis August 1942 deutscher Befehlshaber auf der Halbinsel, konstatieren: »Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß auf der Krim eine weitverzweigte Partisanenbewegung bestand, die seit längerer Zeit vorbereitet worden war.« Einer in der DDR erschienenen Darstellung über den Partisanenkrieg in Europa zufolge zerstörten die Widerstandskämpfer nach unvollständigen Angaben im Kriegsverlauf »48 Lokomotiven, 947 Waggons, zwei Panzerzüge, 112800 Meter Telefon- und Telegraphenleitung, 13 Panzer, drei Panzerspähwagen, 1940 Kraftwagen, 211 Geschütze«. Erbeutet wurden u. a. rund 200 Kraftwagen sowie Traktoren, 17 Geschütze und fast 6000 Handfeuerwaffen. Alles in allem führten die Krim-Partisanen über 1500 Schläge gegen die vom Gegner genutzte Infrastruktur und 25 größere Gefechte.

Die Rückeroberung der Halbinsel

Diese Kampfkraft hatte im Kalkül der sowjetischen Führung ihren berechtigten Platz, als Ende 1943 im Oberkommando der Streitkräfte die Pläne zur Befreiung der Krim konkrete Gestalt annahmen. Nach der ersten empfindlichen Niederlage der Faschisten vor Moskau zum Jahresende 1941, erst recht nach ihrer bei Stalingrad erzwungenen Kapitulation im Januar/Februar 1943 setzte die Rote Armee ihre Offensive nahezu unvermindert fort. Dazu gehörte nicht nur die Vertreibung der deutschen Truppen aus den zwischenzeitlich von ihnen besetzten Gebieten im Kaukasus, sondern auch die noch 1943 begonnene Befreiung der Ukraine. Im Zuge ihrer Herbst-/Winteroffensive 1943/1944 rückte dabei die Rückeroberung der Krim mehr und mehr ins Visier der sowjetischen Armeeführung.

Ohnehin hatte man in Moskau trotz aller Schwierigkeiten an den Fronten das Geschehen auf der Halbinsel nie aus dem Auge verloren. Für deren Stellenwert spricht allein schon die Tatsache, daß Alexander Wassilewski, der Chef des Generalstabes, sich seit Anfang 1944 als Vertreter des Hauptquartiers im Stab der für den Angriff vorgesehenen Front2 aufhielt. Bereits im Dezember 1943 waren mit Marschall Kliment Woroschilow, dem früheren langjährigen Verteidigungsminister, und Generaloberst Sergej Schtemenko als Chef der Operativen Verwaltung des Generalstabes zwei weitere hochrangige Vertreter des Oberkommandos in den neuerlichen Brückenkopf bei Kertsch entsandt worden, um die Operationen koordinieren zu können.

Dieser Brückenkopf war Anfang November dem Gegner von Einheiten der sogenannten Selbständigen Küstenarmee zwischen der Küste des Asowschen Meeres und dem Stadtrand von Kertsch abgerungen worden. Er war etwa zehn bis zwölf Kilometer breit und sechs Kilometer tief und sollte zu einem Ausgangspunkt der sowjetischen Angriffe auf die deutsche 17. Armee werden. Die hatte schon Wochen zuvor ihren letzten Brückenkopf am Fluß Kuban auf der Kertsch gegenüberliegenden Taman-Halbinsel aufgeben und sich über die rund zwei Seemeilen, also knapp vier Kilometer breite Meerenge zwischen den beiden Halbinseln auf die Krim zurückziehen müssen. Ebenfalls im November sollten durch die von Norden her angreifenden Verbände der von Armeegeneral Fjodor Tolbuchin befehligten 4. Ukrainischen Front die gegnerischen Divisionen von ihren Landverbindungen abgeschnitten werden. Dazu waren bereits bei Perekop sowie in den Sümpfen des Siwasch, dem sogenannten Faulen Meer im Nordosten der Krim, die entsprechenden Ausgangsstellungen bezogen worden.

Während die drei anderen, weiter nördlich operierenden ukrainischen Frontgruppen längst den Dnjepr überschritten hatten und bereits zur Befreiung der Westukraine rüsteten, blieben indes erste Versuche, aus diesen Stellungen heraus noch im Dezember die tiefgestaffelte Verteidigung der Wehrmacht zu überwinden, erfolglos. »Der Gegner klammerte sich an die Krim wie ein Ertrinkender an den Strohhalm«, notierte etwa Wassilewski in seinen Memoiren. Immerhin konnte die von Generaloberst Erwin Jaenecke kommandierte 17. Armee mit ihren fünf deutschen und sieben rumänischen Divisionen – insgesamt über 230000 Mann, etwa 3600 Geschütze und Granatwerfer sowie rund 200 Panzer und Sturmgeschütze – allein fünf dieser Großverbände im Norden konzentrieren, während drei Divisionen zur Verteidigung von Kertsch sowie vier rumänische zur Küstensicherung und zur Partisanenbekämpfung eingesetzt waren. »Solange die Faschisten die Krim beherrschten, bedrohten sie die in der südlichen Ukraine kämpfenden sowjetischen Truppen im Rücken und erschwerten den Einsatz der Schwarzmeerflotte«, heißt es dazu in der sechsbändigen Sowjetgeschichte des Großen Vaterländischen Krieges.

Das machte auf sowjetischer Seite die Heranführung weiterer Reserven und eine noch gründlichere Angriffsvorbereitung erforderlich. Schließlich sorgten weit mehr als 450000 Rotarmisten mit nahezu 6000 Geschützen und Granatwerfern sowie 560 Panzern und Selbstfahrlafetten für ein klares Übergewicht der Kräfte. Wegen starker Stürme über dem Asowschen und dem Schwarzen Meer und der dem Winter folgenden Schlammperiode verzögerten sich im Norden die Vorbereitungen der zum Sturmangriff vorgesehenen und um ein Panzerkorps verstärkten zwei Armeen. Marschall Wassilewski meldete am 31. März nach Moskau: »Die 4. Ukrainische Front ist angriffsbereit. (…) Wir schlagen vor, in Richtung Kertsch zwei bis drei Tage nach Beginn der Operation von Perekop zu beginnen.«

Am 8. April war es schließlich soweit: Der überraschend aus den Sümpfen des Siwasch vorgetragene Angriff traf die Faschisten weitgehend unvorbereitet; sie hatten ihn eher an der Landenge von Perekop erwartet. Die dortige Verteidigung der Deutschen konnte so innerhalb weniger Tage gewissermaßen von hinten her aufgerollt werden. Während am Abend des 10. April die Küstenarmee in die Kämpfe eingriff und bereits am nächsten Morgen Kertsch und tags darauf Feodossija im Südosten unter ihre Kontrolle brachte, konnten die vom Norden heranrückenden Rotarmisten nach Dschankoi auch Jewpatorija im Westen und Simferopol im Zentrum der Halbinsel befreien. Am 15. April erreichten sie den äußeren Verteidigungsring der Besatzer um Sewastopol.

Der allerdings erwies sich, wie erwartet, als äußerst stark befestigt und eben darum schwer zu überwinden. Nach erforderlichen Umgruppierungen der Kräfte und dem Einsatz sämtlicher der Front zur Verfügung stehenden Verstärkungsmittel bis hin zu den Einheiten der inzwischen herangeführten Schwarzmeerflotte und den Kräften der 4. Luftarmee gelang in den ersten Maitagen der erhoffte Durchbruch. Am 11. Mai hieß es in der Prawda: »Sewastopol im Sturm genommen. Damit ist der letzte Widerstandsherd der Deutschen auf der Krim liquidiert.« Während in der fernen Hauptstadt den Siegern bereits der übliche Salut galt, wurden am Kap Chersones im äußersten Südwesten der Halbinsel die dorthin geflüchteten Reste der faschistischen Truppen am 12. und 13. Mai vernichtend geschlagen. Einen Tag danach war die Krim wieder vollständig in sowjetischer Hand.

Heldenstädte damals und heute

Wassilewski, der bis zuletzt den Verlauf dieser Schlacht vor Ort verfolgte, resümierte: »250 Tage lang hatten die deutsch-faschistischen Truppen Sewastopol in den Jahren 1941/1942 belagert. Wir benötigten nur 35 Tage, um ihre starken Befestigungen zu brechen und sogar nur drei Tage, um die Verteidigung bei Sewastopol zu überrennen, die weit stärker war als unsere im Jahr 1942.« Selbst die westlichen Alliierten der Sowjetunion zollten dem Sieg ihres Verbündeten auf der Krim ihren Respekt. »Die Einnahme von Sewastopol hat gezeigt«, schrieb etwa die einflußreiche britische Zeitung Evening Standard, »daß es keine noch so starke Festung mit einer furchteinflößenden Garnison gibt, die nicht bei entsprechender Vorbereitung und Findigkeit eingenommen werden könnte.«

Nicht ohne Grund gehörte Sewastopol daher zu den ersten »Heldenstädten der Sowjetunion«. Neben Leningrad, Odessa und Stalingrad war der Festung auf der Krim dieser symbolische Ehrentitel bereits vor dem Ende des Krieges, am 1. Mai 1945, verliehen worden. Zum 20. Jahrestag des Sieges über den Faschismus wurden die Festung Brest sowie Kiew und Moskau damit geehrt, gefolgt von Kertsch und Noworossijsk (1973), Minsk (1974), Tula (1976), Murmansk und Smolensk (1985). Heute bekennen sich indes neben Wolgograd, dem früheren Stalingrad, nur noch Sewastopol und Kertsch sowie das russische Tula zu dieser Auszeichnung.

1 Die ASSR der Krim hatte bis 1945 Bestand. Wegen der Kollaboration vieler Krimtataren mit den Nazis wurde sie nach dem Krieg in ein autonomes Gebiet der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik umgewandelt, das seinerseits im Jahr 1954 vom damaligen Kremlchef Nikita Chruschtschow der Ukrainischen SSR überlassen wurde.

2 Die »Fronten« der Roten Armee im Krieg waren als Gliederungsbezeichnung vergleichbar mit den Heeresgruppen der Wehrmacht.

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