17. September 2010

Die Drachensaat geht auf

Aus den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 geht die NSDAP als stärkste bürgerliche Partei hervor

Manfred Weißbecker

Im Jahr nach dem berüchtigten »Schwarzen Freitag« vom Oktober 1929 – da waren in der Wallstreet New Yorks die Börsenkurse beängstigend tief gefallen und hatten einem Paukenschlag gleich den Ausbruch der schon in vielen Symptomen erkennbaren Weltwirtschaftskrise verkündet – erlebte das Deutschland der Weimarer Republik eine tiefgreifende Wende sowie eine politische Katastrophe sondergleichen. Beides war Ausdruck und Ergebnis der Tatsache, daß in den Reihen der ökonomisch und politisch Mächtigen sich mehr und mehr radikale Kräfte durchsetzten und Kurs auf eine andere Republik genommen hatten. Sie forcierten die Beseitigung der ungeliebten parlamentarischen Demokratie, betrachteten ein sozialdemokratisches Mitregieren als überflüssig und suchten nach einer Stärkung des bürgerlich-konservativen Lagers. Zu einem offensichtlichen Wendepunkt geriet bereits der März 1930, als ein »Hindenburg«-Kabinett die Regierung des Sozialdemokraten Hermann Müller ablöste; der nach den Regeln des Parlamentarismus entstandenen großen Koalition folgte damit ein autoritär geschaffenes Kabinett. An dessen Spitze berief der Reichspräsident den konservativen Zentrumspolitiker Heinrich Brüning, diktiert vom Bestreben, einen rigorosen Abbau der Sozialleistungen sowie neue Formen präsidialer Herrschaft durchzusetzen. Für die Bewältigung der Weltwirtschaftskrise war an »Einsparungen« gedacht. Diese betrafen – wie unter kapitalistischen Verhältnissen nicht anders zu erwarten – in erster Linie die Ärmsten der Armen.

Als eine Mehrheit des Reichstages am 18. Juli 1930 gegen eine Reihe von Notverordnungen der Brüning-Regierung stimmte, löste Hindenburg das Parlament auf. Wieder einmal mußten die Artikel 48 und 25 der Weimarer Verfassung dafür herhalten. Andere Artikel dieses Grundgesetzes blieben indessen unberücksichtigt: Niemals hätten dieselben Notverordnungen nach dem Nein des Parlaments wieder in Kraft gesetzt werden dürfen, doch genau das tat die Regierung. Mit Recht sprachen Kritiker von einem »Staatsstreich«, woran auch Brünings Bemerkung nichts zu ändern vermochte, er wolle nicht den Parlamentarismus abschaffen, sondern ihn etwas verändern, um ihn »retten« zu können.

Gegen Versailler Vertrag

Zum Kurswechsel gehörte auch ein zunehmend unkritischeres Verhältnis konservativer und rechtsliberaler Kräfte zu jener neuen Partei, die rechts von ihnen ganz offen den Kampf gegen alle Ergebnisse der Novemberrevolution, gegen die Weimarer Republik und für eine Revision der Ergebnisse des Ersten Weltkrieges auf ihre Fahnen schrieb. Es mehrte sich die Zahl der lokalen und regionalen Bündnisse rechter Organisationen mit den Nazis; da wurden Antifaschisten behindert, und da flossen auch mehr Gelder in die Kassen der NSDAP. Vor allem deren Aufnahme in die organisierten Reihen der Gegner des Young-Planes1 hatte sie »salonfähig« gemacht. Den nationalistisch-antidemokratischen Parteien und Verbänden schien sie ein nützlicher Bündnispartner zu sein, auch mit ihrer Hilfe wollte man alle Wirtschaftsprobleme allein durch das Brechen der »Knechtschaft von Versailles« gelöst sehen.

In keiner Weise fühlten sich die Regierenden bedroht von den wachsenden Erfolgen der Nazipartei. Dabei hatte diese bei der Landtagswahl vom 8. Dezember 1928 zum ersten Mal die Zehn-Prozent-Hürde überspringen, in Coburg bei Kommunalwahlen sogar eine absolute Mehrheit erringen können. Bei den sächsischen Landtagswahlen vom 22. Juni 1930 fielen ihr 240000 Stimmen mehr zu als zuvor. Sie erreichte einen Anteil von 14,4 Prozent, während für die KPD nur 11000 Wähler mehr als zuvor votierten und die SPD sogar 54000 verlor. Ihr zunehmender Einfluß zeigte sich noch deutlicher an Universitäten und Hochschulen, ebenso an Gymnasien und Oberrealschulen. Sie erntete hier, was die in ihrer Mehrheit konservative, teils stockreaktionäre, parteipolitisch zu einem guten Teil deutschnational orientierte Professoren- und Lehrerschaft an nationalistischen, revanchistischen und rassistischen Ideen gesät hatte. 1929 erhielt der NS-Studentenbund an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg bei den Wahlen der Allgemeinen Studentenausschüsse 38 Prozent, an der Tierärztlichen Hochschule Berlin 30 Prozent der Stimmen. Ein Jahr später verbuchte er sogar 66,6 bzw. 50 Prozent der Wähler, abgejagt den konkurrierenden Rechtskräften und vor allem den waffentragenden Verbindungen.

Parteien im Wandel

Nach der Auflösung des Reichstages begann ein erbitterter Wahlkampf. Die in der Regierung vertretenen Parteien gaben vor, gegen jeden Radikalismus auftreten zu wollen. Im Auge hatten sie indessen nur die beiden Arbeiterparteien. Zwar rechnete man auch mit einem gewissen Zuwachs für die NSDAP, doch der wurde als relativ klein und unerheblich eingeschätzt. In demagogischer Manier erklärte Brüning am 31. August 1930 in Trier, es könne »keinem verantwortlichen deutschen Staatsmann in den Sinn kommen, das deutsche Volk »in Abenteuer irgendwelcher Art zu verstricken«.

Mit dem Vorwurf des Abenteurertums waren allerdings eher die parteipolitischen Querelen in den eigenen Reihen gemeint. In der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) rumorte Widerstand gegen den Kurs des Parteivorsitzenden Alfred Hugenberg, dem die Zerstörung der Weimarer Demokratie nicht rasch und nicht gründlich genug erfolgte. Verfechter großagrarischer Interessen und eines behutsameren antiparlamentarischen Weges sahen dadurch vor allem die »Osthilfe« gefährdet, mit der großagrarische Betriebe in den preußischen Provinzen jenseits der Elbe entschuldet und saniert werden sollten. Von den 63 Abgeordneten schieden unmittelbar nach der Auflösung des Reichstages 27 aus der Partei aus und schlossen sich am 23. Juli zu einer neuen Partei, der Konservativen Volkspartei zusammen. Vorbehalte gegen ein Bündnis mit der NSDAP richteten sich gegen deren »radikale agitatorische Überspitzung«, formulierte Kuno Graf von Westarp, der allerdings auch keine Schwächung, sondern eine »Gesundung der nationalsozialistischen Bewegung« erhoffte.

Auch in der Deutschen Volkspartei, die nach dem Tod ihres Vorsitzenden Gustav Stresemann entscheidend den Sturz der großen Koalition bewirkt hatte, zeigte sich die Parteiführung zerstritten. Ende Juli 1930 gab die Deutsche Demokratische Partei bekannt, sie wandele sich gemeinsam mit einigen Gruppen aus dem Umfeld des Jungdeutschen Ordens zur Deutschen Staatspartei um; das Wort »demokratisch« verschwand schlicht und einfach aus ihrem Namen. So eher mit sich selbst beschäftigt und um die Durchsetzung der Notverordnungen bemüht, ließ man alle Gefahren außer acht, die von der erstarkenden NSDAP ausgingen. Die völlige Fehlbeurteilung der politischen Lage zeigte sich auch im sorglosen Umgang mit einer Denkschrift, die 1929/30 im preußischen Innenministerium ausgearbeitet wurde und zu dem Ergebnis kam, die ­NSDAP sei eine »staats- und republikfeindliche, hochverräterische Verbindung«. Die Reichsregierung meinte jedoch zurückhaltend, zur Frage von deren Legalität oder Illegalität sich nicht äußern zu können. Auf wirksame Aktionen gegen die Nazipartei, die auch von Mitgliedern und Anhängern erwartet wurden, hoffte sie vergebens. Hingegen bewegte das Zentrum und andere konservative Parteien vor allem, die beabsichtigten sozialpolitischen Maßnahmen so zu konkretisieren, daß sie ihren linken Gegnern keinen »bedenklichen Agitationsstoff« bieten würden. Brüning strebte ein Ermächtigungsgesetz an, da parlamentarische Mehrheiten für weitere Notverordnungen zwar notwendig, aber nicht zu erwarten waren. Auch an Wahlrechtsänderungen wurde im Kabinett gebastelt. Allein die Themen, die in den Ministergesprächen mehrfach zur Debatte standen, sprechen Bände: Osthilfe, Reform der Arbeitslosen- und der Krankenversicherung, Maßnahmen zur »Verhütung unwirtschaftlicher Preisbindungen«, Einführung einer »Bürgersteuer«, Senkung der »Industriebelastung«, Erhöhung von Agrarzöllen, z.B. des Erbsenzolls von vier auf 20 Mark, Handelsverträge u.ä. m. Im Kabinett hieß es mit dem Blick auf den Wahlkampf: »Dieser ganze Verordnungsinhalt müsse gerechtfertigt werden mit der Devise: Aufrechterhaltung (sic!) der Arbeitslosenversicherung und Maßnahmen zur Ermöglichung der Beschäftigung der Arbeitslosen.«

Warnende, ja geradezu beschwörende Stimmen vor dem, was eine erfolgreiche NSDAP mit sich bringen würde, kamen vor allem aus den Reihen von SPD und KPD. Doch über die eigenen Anhänger hinaus wurden sie nur von wenigen vernommen. Beide Parteien sahen in den Hakenkreuzlern die größte Gefahr. Sie warnten vor dem Faschismus und erreichten bei Großveranstaltungen mit dem Motto »Nie wieder Krieg«, z.B. am 1. August 1930 in Berlin, mehrere zehntausend Menschen; die eine fand allerdings im Lustgarten, die andere auf dem Winterfeldtplatz statt. Von antifaschistischer Gemeinsamkeit keine Spur, im Gegenteil: Beide nutzten jede Gelegenheit, sich gegenseitig zu beschuldigen. Da diffamierten die einen die anderen als »Sozialfaschisten«, jene wiederum die anderen als »rotlackierte Nazis«. Demokraten und Pazifisten, die wie Carl von Ossietzky in Die Weltbühne vom Februar 1930 den »Rotkoller« der Herrschenden erkannt hatten, zeigten sich vom realitätsfernen Verhalten der Arbeiterparteien enttäuscht.

Die NSDAP gestärkt

Die Auflösung des Reichstages kam niemandem gelegener als den Nazis. Man werde, so verkündete Hitler am 2. August in einem Artikel des Illustrierten Beobachters mit dem Titel »An der Wende des deutschen Schicksals«, ein Vielfaches gegenüber der bisherigen Zahl an Stimmen erhalten. Diese Hoffnung war nicht unbegründet: Die NSDAP verbuchte einen erheblichen Zulauf an Mitgliedern. Auch dadurch wuchsen ihre finanziellen Mittel, wovon auch der Ankauf des Barlowschen Palais im Zentrum Münchens zeugte, das nach seinem Umbau den Namen »Braunes Haus« erhielt. Wiederholte Aufrufe an Mitglieder und Gönner, Erwerb und Einrichtung dieses verschämt »Zentralheim« genannten Palastes finanzieren zu helfen, sollten auch vertuschen, daß es schließlich vor allem eine aus einem Darlehen hervorgegangene Spende Fritz Thyssens war, die dem Zentralapparat der Faschistenpartei zu feudaler Residenz und höherer Funktionstüchtigkeit verhalf. In dem Schwerindustriellen besaß die NSDAP eine ihrer verläßlichsten Stützen im Ruhrgebiet, wo traditionell die Deutschnationalen gefördert wurden. Auch Thyssen, nach früherer Mitgliedschaft im Zentrum noch Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, nahm im September 1931 am NSDAP-Parteitag teil und blieb bis Anfang 1932 deren Stadtverordneter in Mülheim/Ruhr. Viele folgten ihm, wenn sie dies auch zumeist nicht derart demonstrativ taten.

Ihren Wahlkampf führte die NSDAP zum einen gegen die beiden großen Arbeiterparteien, zum anderen aber gegen die bürgerlichen Parteien. Hitler sprach vom »Elend«, das der Marxismus dem deutschen Volke aufgeladen habe: »Sozialdemokratie und Kommunismus haben gemeinsam Deutschland in dieses namenlose Unglück gestürzt, beide müssen vernichtet werden«, las man am 9. August im Illustrierten Beobachter. Ihre Wahlstrategen zimmerten eine Anklage zugleich gegen ihre unmittelbaren Konkurrenten: Das Bürgertum, das mit der Pest des Marxismus paktiere, das »sie schützt und deckt, verdient den gleichen Weg zu gehen«. Alle wurden als »Novemberverbrecher« und »Systemparteien« beschimpft. Plakate zeigten »saufende Minister« und »feiste Bonzen«. Bestechungsskandale, in die Beamte verwickelt waren, wurden weidlich ausgebeutet, um das »verkommene« Gemeinwesen anzuprangern. Es müsse durch einen »sauberen« Staat ersetzt werden. Alle diese Attacken mobilisierten und dirigierten unausgegorene Gedanken, appellierten viel stärker aber noch an enttäuschte und verletzte Gefühle. Den vorgetäuschten Antikapitalismus nahm die wachsende Gefolgschaft hin, ohne zu bemerken, wie sorgsam vermieden wurde, die Ausbeutergesellschaft insgesamt anzugreifen. Einzelne Politiker und deren Parteien erschienen als die Alleinschuldigen am Massenelend. Ihre Beseitigung und Ersetzung durch eine von Hitler geführte Regierung sollte als Ausweg erscheinen. Doch wohin? Auch dafür bot man eine »positive« Wendung des Schicksals an: »Raumerweiterung« und Durchsetzung »deutscher Grundwerte« in der Welt. Man dürfe nicht von »Brüderlichkeit« oder »Nie wieder Krieg« faseln, denn das sei zu allen Zeiten nur »ein faules Lügengewäsch« gewesen, hieß es im Illustrierten Beobachter vom 16. August 1930.

Zu der rund 34000 Veranstaltungen umfassenden Wahlkampagne der Nazis gehörte auch ein immer rabiateres Vorgehen gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Die in Uniform und in Zivil auftretenden Schlägertrupps verübten Anschläge auf das Eigentum von Arbeiterorganisationen, überfielen politische Gegner mit Revolvern, Hieb- und Stichwaffen. Demonstrativ bekannten sich SA-Führer zum individuellen Terror. Zugleich perfektionierte die NSDAP auch Organisation und Technik ihres öffentlichen Auftretens. In Städten mietete sie die größten Versammlungshallen und verstand es meist, sie berstend zu füllen, so daß häufig Übertragungen per Lautsprecher ins Freie oder in benachbarte Säle notwendig wurden. Auch dadurch gewann die Öffentlichkeit den Eindruck, dieser Partei würden die Massen unaufhaltsam zuströmen. SA-Trupps, die vor den Rednerbühnen aufzogen, suggerierten Jugendlichkeit, Kraft und Geschlossenheit und standen bereit, jeden Zwischenrufer aus dem Saal zu prügeln. Systematisch wurde die Bevölkerung der Kleinstädte und des platten Landes bearbeitet. Die NSDAP schickte geübte Parteiredner auch in entlegene Gebiete. Manche von ihnen waren in der seit dem 1. Juli 1929 ins Leben gerufenen Rednerschule vorbereitet worden, nach deren Besuch sie eine parteiamtliche Anerkennung erfuhren. Sie hatten ein festgelegtes Pensum von Einsätzen zu bestreiten, und ihre Dienste wurden nach jedem Einsatz auch finanziell belohnt.

»Bindet den Helm fester«

Der Nachwelt blieben die Reichstagswahlen vom 14. September 1930 in Erinnerung, weil sie jener bislang seit ihrer Gründung kaum wirkungsmächtigen faschistischen Partei, die sich demagogisch selbst als »nationalsozialistisch« bezeichnete, einen ersten immens großen Erfolg brachten: Ihr Stimmenanteil erhöhte sich von den mageren 2,6 Prozent – erreicht im Mai 1928 – auf 18,3 Prozent. Die größten Zugewinne verbuchte sie in Nord- und Ostdeutschland. In Schleswig-Holstein stieg ihr Anteil von vier sogar auf 27 Prozent, auch in Ostpreußen, Pommern, in der Provinz Hannover und Mecklenburg erreichte sie über 20 Prozent. Nahezu sechseinhalb Millionen Wähler votierten für sie.

Die NSDAP durfte sich im Lichte eines Wahlergebnisses sonnen, das als Sensation empfunden wurde und sie in Deutschland zur zweitstärksten Partei und unter den bürgerlichen Parteien sogar zur stärksten machte. Sie verfügte jetzt über 107 Sitze im höchsten deutschen Parlament, 95 mehr als bis dahin. Profitiert hatte sie sowohl von den Schwächen aller anderen Parteien, von den allgemein verwendeten nationalistischen Parolen und ihren eigenen sozialpolitischen Verheißungen, aber auch von einer sehr hohen Wahlbeteiligung. Zahlreiche Jugendliche hatten sich ihr zugewandt, auch solche aus proletarischen Kreisen. Die rechten bürgerlichen Parteien erlitten hingegen herbe Verluste. Die DVP ging von 8,7 Prozent zurück auf 4,5 Prozent, die DNVP von 14,2 Prozent auf 7,0 Prozent. Auch die Sozialdemokratie sank um 5,3 Prozentpunkte, obgleich sie immer noch mit 24,5 Prozent stärkste Partei war. Die Kommunisten hatten sich um 2,5 Prozentpunkte verbessert und kamen jetzt auf 13,1 Prozent. Allein die großbürgerlich-katholische Zentrumspartei, die unter einer neuen Führungsspitze eine betont konservativ-nationale Politik betrieb, und die Bayerische Volkspartei (BVP) konnten ihren Wählerstamm bewahren.

Als der neue Reichstag am 13. Oktober 1930 eröffnet wurde, kam es sofort zu einem Eklat: Die 107 Abgeordneten der NSDAP erschienen alle in brauner Parteiuniform und verstießen damit provokativ gegen das in Preußen geltende Uniformverbot. Dennoch brauchten sie eine Strafverfolgung nicht zu befürchten, da dazu ihre politische Immunität hätte aufgehoben werden müssen. Damit nicht genug. An diesem Tag erlebte Berlin pogromartige Ausschreitungen. Jüdisch aussehende Passanten wurden von SA-Leuten beschimpft und verprügelt, dem Kaufhaus Wertheim wurden die Schaufensterscheiben eingeworfen.

Im Reich und auch im Ausland wuchsen Befürchtungen vor einem erneuten Putsch der ­NSDAP, zumal sie die Parole verbreitete: »Nach dem Sieg – Bindet den Helm fester!« Doch anders als noch im Herbst 1923 bemühte sich ihre Führung zugleich, den das Image von Unzuverlässigkeit und illegitimem Verhalten gegenüber Bündnispartnern loszuwerden. Eine demonstrative Gelegenheit dazu ergab ein Prozeß vor dem Leipziger Reichsgericht, der vom 23. September bis zum 4. Oktober 1930 gegen drei ehemalige Reichswehroffiziere stattfand, die in Kontakt mit SA-Führern versucht hatten, im Heer nationalsozialistische Zellen zu bilden. Hitler konnte als »Zeuge« eine zweistündige Rede über die angebliche vollkommene Legalität der Methoden und Ziele seiner Partei halten. Obwohl dem obersten Gericht der Republik haufenweise Dokumente vorlagen, durch welche die hochverräterische Tätigkeit der NSDAP bewiesen wurde, ließen die Richter Hitler behaupten, seine gesamte Partei lehne eine gewaltsame Beseitigung der Verfassung ab. Die SA sei ohne militärischen Charakter, waffenlos und lediglich als Schutztruppe gegen »links« bestimmt. Wenn in seiner Bewegung von »Revolution« gesprochen werde, dann wäre ein geistiger Prozeß gemeint. Als Hitler darauf eine oft zitierte Stelle aus den regelmäßig erscheinenden Nationalsozialistischen Briefen vorgehalten wurde, wonach er selbst drohend angekündigt hatte, daß im Kampf um die Macht Köpfe in den Sand rollen würden, gab er dem zynisch die Auslegung, der Henker werde erst nach dem Sieg seiner Bewegung und dann auf der Grundlage von Urteilen eines Staatsgerichtshofes in Aktion treten.

 Wie zehn Jahre zuvor (siehe jW-Thema vom 5.6.2010) signalisierte auch die Reichstagswahl vom 14. September 1930 die große Gefahr politischer Veränderungen zugunsten republik- und demokratiefeindlicher Kräfte. Ihr Ergebnis und noch mehr der letztlich wohlwollende, förderliche Umgang konservativer Kreise mit den ärgsten Feinden von Republik und Demokratie markierten einen bedeutsamen Schritt hin zur Zerstörung der Weimarer Republik.

 1 Der Young-Plan, benannt nach dem US-amerikanischen Finanzmann Owen D. Young, war der letzte der Reparationspläne, die die Zahlungverpflichtungen des Deutschen Reichs auf Grundlage des Versailler Vertrags regelten. Er wurde 1929 in Paris ausgehandelt und sah Reparationen in Höhe von 34,05 Milliarden RM vor, zahlbar bis 1987/88 bei 5,5 Prozent Zinsen – d. Red.

Aus den Quellen:

Wolfgang Abendroth (Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung, Heilbronn 1997, S. 249)

»Die Notverordnungen sind nach der Weimarer Reichsverfassung durch diesen Reichstagsbeschluß vom 18. Juli aufgehoben. Daraufhin löst der Reichskanzler den Reichstag auf – das kann er nach der Verfassung – und ordnet Neuwahlen an, die im September 1930 stattfinden. Aber er tut ein weiteres, was nun eine noch groteskere Verhöhnung der Weimarer Reichsverfassung war. Er proklamiert die Notverordnungen mit leichten Korrekturen ganz einfach neu und setzt sie abermals in Kraft. Das widerspricht nun auch dem einfachsten Wortlaut der Weimarer Reichsverfassung, denn diese Notverordnungen sind ja vorher vom Reichstag aufgehoben worden, also darf er nicht dieselben Inhalte in neuen Notverordnungen wiederholen. Es war also ein glatter Staatsstreich.«

Aus Hitlers Grundsatzrede vom 10. August 1930 in Kiel:

»Jedes Volk hat den Anspruch, der seinem Geist und Wesen entspricht. Sein Geist und sein Leben umreißt die mögliche Forderung an das Leben von vornherein. Ich kann weitergehen und kann sagen, ich sehe den einzelnen Menschen an. Vor mich hin tritt der erblich Belastete, der Tuberkulöse. Sie haben nicht dieselben Ansprüche zu stellen wie ein vollständig Gesunder. So ist es auch bei den Völkern. Und wenn ich mir nun den Wert des deutschen Volkes ansehe, dann kann ich sagen, es gibt kein Volk, das mehr Recht besitzt, Anforderungen an das Leben zu stellen wie das deutsche Volk. Was hat unser Volk der Welt nicht alles gegeben. Seit 2000 Jahren können wir die Geschichte unseres Volkes verfolgen. Und nimmt man alles weg, was der deutsche Genius der Welt geschenkt hat, Denker, Dichter, deutscher Erfindungsgeist, so ist die Welt mit einem Schlage entsetzlich verarmt.«

Zwei Tage nach der Wahl schrieb der sozialdemokratische Vorwärts:

»Eine Bolschewistengefahr gibt es für Deutschland nicht. Eine Faschistengefahr ist vorhanden (…) Der Faschismus hat am 14. September den Kommunismus weit überflügelt. Er hat aber nicht nur mehr Anhänger, sondern er ist auch besser diszipliniert und verfügt über viel stärkere Hilfsquellen. Die unter Hugenbergs Führung stehende deutschnationale Rechtspartei sympathisiert offen mit ihm, und auch sonst verfügt er im Großbürgertum, in der zahlungsfähigen ›Wirtschaft‹ über zahlreiche stille Bundesgenossen.«

Carl von Ossietzky (»Die Blutlinie«, in: Die Weltbühne, 21. Oktober 1930)

»Man darf die Hitler-Bewegung nicht allein nach den Zivilmäulern der Feder und Strasser beurteilen, man muß vor allem auf ihre militärischen Fäuste schauen. Die Organisationen sind gespickt mit Offizieren aus der Freikorpsepoche (…) Ein einziger konsequent zu Ende geführter Ehrhardt- oder Roßbach-Prozeß hätte uns den ärgsten Zauber der neuen Hitler-Macht

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/09-14/017.php