7. September 2010

Die »Dunera«-Affäre

Geschichte. Vor 70 Jahren legte in Sydney ein britisches Transportschiff mit über 2000 im Vereinigten Königreich als »feindliche Ausländer« Internierten an

Peter Rau

Heute vor 70 Jahren entlud im Hafen von Sydney auf der anderen Seite der Welt ein zum Truppentransporter umgebautes britisches Frachtschiff seine menschliche Ladung. Die »HMT Dunera« war zwei Monate zuvor in Liverpool ausgelaufen. HMT steht dabei für Hired Military Transport. An Bord hatte das nicht einmal fünf Jahre alte und 1937 an die British Steam Navigation Company übereignete Schiff mehr als 2500 unfreiwillige Passagiere: »feindliche Ausländer«, die zur Deportation in das ferne Australien, die einstige britische Strafkolonie, vorgesehen waren. Doch die meisten von ihnen waren alles andere als dem Vereinigten Königreich feindlich gesonnen, hatten sie doch in ihrer übergroßen Mehrheit gerade erst in den zurückliegenden zwei Jahren – als Flüchtlinge aus Deutschland oder Österreich – Asyl in Großbritannien erhalten. Nun aber waren sie, als Hitlers vermeintliche Spione, den englischen Behörden ein Dorn im Auge, obwohl sie doch meist vor den antisemitischen Ausschreitungen in ihrer Heimat geflohen waren. Lediglich 451 internierte Deutsche und Italiener konnten als »echte« Kriegsgefangene angesehen werden.

Interniert als »enemy aliens«

Hintergrund des rigorosen Vorgehens war die nach dem Einfall der faschistischen Wehrmacht in Polen erfolgte offizielle Kriegserklärung Großbritanniens an Hitler-Deutschland. Die hatte zwar noch keine Konsequenzen für eine praktische Kriegsführung, aber beträchtliche Auswirkungen auf die im Exil lebenden Emigranten. In Großbritannien trat umgehend ein Gesetz in Kraft, demzufolge alle auf der Insel lebenden Deutschen und Österreicher – egal ob Nazi oder Nazi-Gegner – als »enemy aliens«, als feindliche Ausländer, zu behandeln seien. Damit verbunden waren etliche gesetzliche Ausnahmebestimmungen: Aufenthaltssbeschränkungen auf einen Umkreis von drei Meilen vom Wohnort, Ausgangsverbote zwischen 22 und 6 Uhr, Verbot des Besitzes von Fahrzeugen wie von Fahrrädern, von Rundfunkgeräten und Fotoapparaten. Hinzu kam die Verpflichtung, vor extra eingerichteten Tribunalen zu erscheinen. Die hatten nun, nach entsprechenden Befragungen, darüber zu befinden, in welche Kategorie der »feindliche Ausländer« einzustufen sei. Kategorie A bedeutete sofortige Verhaftung und Internierung, Kategorie B unterlag bestimmten Einschränkungen, und nur Kategorie C besagte, der so Eingestufte sei ein Verfolgter des Naziregimes und von der Internierung ausgeschlossen.

Doch diese relative Sicherheit wurde bereits wenige Monate später hinfällig. Nach dem Einmarsch der Nazi-Wehrmacht in Dänemark, der gegen Norwegen gerichteten Operation »Weserübung« und schließlich dem erfolgreichen Westfeldzug der Wehrmacht im Mai/Juni 1940 mit der Kapitulation Frankreichs wähnte sich Großbritannien unmittelbar von einer faschistischen Invasion bedroht. Das hatte auch für die Emigranten der Kategorie C häßliche Folgen. Sie wurden nun, befördert von rechten – und recht einflußreichen – Kreisen im politischen Establishment und namentlich deren reaktionärer journalistischer Gefolgschaft unterschiedslos als »Hitlers fünfte Kolonne« verunglimpft. Das Wort von »intern the lot!« – »Interniert sie alle!« – machte die Runde.

Das Ende der »Arandora Star«

Mitte Juni fanden sich so Zigtausende Emigranten – insgesamt sollen es 27000 gewesen sein –, eskortiert von aufgeputschten Engländern, in Internierungslagern wieder, so auch in Hayton bei Liverpool. Von dort waren in diesen Wochen bereits einige Transportschiffe ausgelaufen in Richtung Übersee. Herumgesprochen hatte sich, daß es nach Kanada gehen sollte – in dort eingerichtete Camps für Kriegsgefangene. Und als Kriegsgefangene galten sie, die Internierten, nun ohne Ausnahme. Der 16jährige jüdische Emigrant aus Berlin wie der 60jährige vor den Faschisten geflohene Handwerker aus Wien oder der Kaufmann aus Breslau. Der »rassisch« verfolgte wie der politische Flüchtling. Die ersten Schiffe waren bereits nach Kanada unterwegs – oder auch nicht mehr: Auf dem Weg dorthin war die »Arandora Star«, ein 1927 vom Stapel gelaufenes Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse, mit anderthalbtausend Deportierten an Bord Opfer eines deutschen U-Boot-Angriffs geworden und am 3. Juli innerhalb von einer Stunde vor der Südküste Irlands gesunken. Nicht einmal die Hälfte der »Passagiere« konnte gerettet werden. Was damals natürlich keiner wissen konnte: Der todbringende Torpedo kam von jenem deutschen U-Boot, das bereits im Oktober 1939 im Hafen von Scapa Flow den Stolz der Royal Navy, das Schlachtschiff »Royal Oak«, auf den Meeresgrund befördert hatte. Der Kommandant von U-47 war in beiden Fällen ein gewisser Günther Prien; der Kapitänleutnant trug fortan den Beinamen »Stier von Scapa Flow«.

Doch davon hatten die rund 2500 Internierten, darunter vielleicht zwei Dutzend kommunistische Emigranten, noch keine Ahnung, die – nur eine Woche nach dem Untergang der »Arandora Star« – im Tagesverlauf des 10. Juli im Hafen von Liverpool an Bord der »Dunera« getrieben wurden. »Getrieben« ist dabei Augenzeugen zufolge eher noch eine arge Untertreibung. Die meisten Schilderungen von Betroffenen fallen weit drastischer aus: »Als wir in Liverpool an Bord gebracht wurden, standen am Fallreep britische Soldaten, unsere Koffer wurden mit Bajonetten aufgeschlitzt, unsere Brieftaschen mit Fotos und den letzten Lebenszeichen der Angehörigen herausgerissen und ins Hafenwasser geworfen. Aufgeputscht von Fremdenhaß und diffusen antideutschen Parolen, bedrohten sie Rabbiner oder junge Emigranten, gleich welcher Couleur. Koffer und Taschen sah ich nicht wieder.« Mit diesen Worten schildert der damals 16jährige Hans Jacobus, der von seinen Eltern 1938 vor den Judenverfolgungen der Nazis in Sicherheit gebracht und mit einem jüdischen Kindertransport auf die Insel evakuiert worden war, Jahrzehnte später diese Stunden.

Auch Klaus Wilczynski, schon seit 1937 in der englischen Emigration, nur knapp drei Jahre älter als Jacobus, wie dieser aus Berlin und ebenfalls jüdischer Herkunft, kam sich mit seinen Leidensgefährten auf der wippenden Gangway vor »wie eine Herde Schlachtvieh für Übersee«. In seinem 2001 erschienenen Buch »Das Gefangenenschiff« schreibt er: »Ein Tritt in den Hintern beschleunigt die Gangart. Nicht stolpern, befiehlt mein Selbsterhaltungstrieb. Und den Koffer schön festhalten. Einer der Soldaten sieht das anders. Er stellt sich mir in den Weg, grapscht nach dem Koffer (…) Obszöne Anfeuerungsrufe der Wachsoldaten an Bord treiben den ständig nachdrängenden Zug erschöpfter, eingeschüchterter Menschen nach einem für sie nicht erkennbaren Schema ins Vorderschiff, nach achtern und in den vorderen Teil des Mittelschiffs. ›Bewegt euch, ihr Bastarde!‹ ›Wird’s bald, ihr dreckigen deutschen Arschficker!‹ schwirrt es uns um die Ohren.« Tief hinein in den Schiffsleib ging es, ein erstes, ein zweites und noch ein drittes Deck hinunter. Die verrammelten Bullaugen ließen kein Tageslicht durch. Hier wurden die Neuankömmlinge erneut gefilzt, verschwanden Uhren, Stifte, Taschenmesser und selbst -tücher in den Taschen der uniformierten Raubritter. Alsbald machte das Wort vom »Taschenschlachtschiff« die Runde.

Emil Elieser Höchster, ein deutscher Jude aus Fürth, der nach dem Krieg in Israel seine zweite Heimat finden wird, gab zu Protokoll: »Die Passagiere wurden wie Gefangene hinter Stacheldraht gehalten. An Bord herrschte drangvolle Enge, die Schlafplätze reichten bei weitem nicht aus, und die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Die Bewacher erwiesen sich als roh und wenig umgänglich. Bei den meisten von ihnen handelte es sich um begnadigte Strafgefangene, die man zur Bewährung freigelassen hatte und die sich bereits bei der Einschiffung hemmungslos an der Habe der Passagiere vergriffen hatten.«

Torpedoattacke von U-56

Bereits in der darauffolgenden Nacht hieß es »Leinen los!«: Der mit einem schwarz-grauen Tarnanstrich versehene und höchstens für 1600 Mann inklusive Besatzung ausgelegte Frachter nahm Kurs auf die Irische See. Auf der Brücke und bei den Wachmannschaften hüllte man sich über das Ziel der Reise in tiefstes Schweigen. Zwei Tage später – die Seekrankheit hatte die meisten der Zwangsreisenden längst voll im Griff – griff Panik um sich. Wilczynski beschreibt die Situation: »Ein heftiger Knall, wie wenn Metall auf Metall schlägt, schreckt mich auf. Der Schiffsleib dröhnt. Tassen und Teller fallen klirrend aus den Regalen auf der Steuerbordseite. Etwas Unheimliches, Gewaltiges, ist gegen die Bordwand geschlagen.« Kurz darauf knallte es erneut. »Dumpfer als beim ersten Mal, entfernter, doch irgendwie noch bedrohlich. Es klingt, als sei der Kiel auf einen schweren Gegenstand aufgestoßen.« Torpedos! Doch das Schiff setzte seine Fahrt fort. »Sollte ein Torpedo es wirklich getroffen haben, so an keiner kritischen Stelle. Es kann so schlimm nicht gewesen sein.«

In der Tat: Das von Oberleutnant zur See Otto Harms kommandierte deutsche U-Boot U-56 war zum Glück für die »Dunera« Opfer der sogenannten Torpedokrise geworden. Nicht zum ersten Mal – auf dem Boot schien ein Fluch zu liegen. Schon im Oktober 1939, im Jahr seiner Indienststellung, hatte U-56, damals noch unter Kapitänleutnant Wilhelm Zahn, ohne Erfolg drei britische Schlachtschiffe attackiert, mußte aber nach etlichen Torpedoversagern abdrehen. Und nun dies: Der erste Torpedo schlug längsseits auf den Rumpf der »Dunera« auf, ohne zu explodieren – wie auch das zweite Geschoß, das unter dem Transporter hinwegflutschte und dabei nur noch leicht dessen Kiel touchierte. Nicht auszuschließen, daß Sabotage in der deutschen Rüstungsindustrie im Spiel war, zumal es bereits im Frühjahr zu einer Häufung solcher Ausfälle gekommen war. Im Stab von Admiral Karl Dönitz, dem Befehlshaber der Hitlerischen U-Boot-Flotte, wurde daraufhin flugs eine »Torpedokrise« deklariert und von unausgereiften Modellen bzw. Konstruktionsfehlern geredet. Von einem Verdacht auf Sabotage war jedenfalls öffentlich nie die Rede.

Den Männern auf der »Dunera« blieb der Schrecken und dem Schiff eine später im Hafen auf der Backbordseite zu besichtigende kräftige Delle im Rumpf. Apropos Hafen: Nach drei Zwischenstopps in den afrikanischen Häfen von Freetown/Sierra Leone, Takoradi/Goldküste (Ghana) und Kapstadt in Südafrika zum Auffüllen der Treibstoff- und Lebensmittelvorräte erreichte das Gefangenenschiff Ende August Fremantle an der australischen Westküste und acht Wochen nach dem Auslaufen in Liverpool am 7. September sein endgültiges Ziel in Sydney. Bis dahin aber hatte sich die – gemessen an der Gesamtzahl von exakt 2542 Internierten – höchst marginale Gruppe der KPD an Bord keineswegs mit ihrem Schicksal, den Unbilden und skandalösen Begleiterscheinungen dieser Reise abgefunden. So versuchten sie – mit Erfolg, wie sich später erweisen sollte –, in den verschiedenen Häfen über einheimische Schauerleute Briefe nach England an die dort verbliebenen Freunde auf den Weg zu bringen. Zum einen, um über ihre mißliche Lage und die Umstände der Internierung an Bord zu informieren; zum anderen, um ihre umgehende Rückkehr nach Europa einzufordern. In Großbritannien hatte ihre widersinnige Deportation inzwischen immerhin heftige Auseinandersetzungen ausgelöst, die bis ins Parlament und in die Regierung hineinreichten. Selbst der im Mai 1940 an die Stelle von Chamberlain getretene Premier Winston Churchill sprach von »einem zu beklagenden und bedauernswerten Fehler«.

Den wenigen Kommunisten an Bord, zu denen der Schriftsteller Max Zimmering, der ehemalige Reichstagsabgeordnete Josef Wiora, die KPD-Funktionäre Wilhelm Bamberger und Herbert Ansbach sowie Anton Ruh, später erster Chef des DDR-Zolls und zuletzt Botschafter in Rumänien, gehörten, ging es darum, gleichermaßen mutlos Gewordene aufzurichten, ihnen Beistand und darüber hinaus, natürlich, Aufklärungsarbeit zu leisten – über den Krieg und seine Ursachen, über den Kampf der Kommunisten gegen den Hitlerfaschismus. Und sie blieben keine einsamen Rufer in der Wüste

Über den kurzen Aufenthalt in ­Fremantle schreibt Wilczynski: »Es ist der 27. August 1940. Statt daß wir an Land gehen, kommen australische Beamte zu allerlei Inspektionen und geheimnisvollen Besprechungen mit den britischen Offizieren an Bord. Auch der Zoll macht seine Runden. Die hygienischen Bedingungen und die allgemeinen Zustände, unter denen sie die Internierten antreffen, versetzen Zöllner und Inspektoren in kaltes Grausen. Noch am selben Tag schreiben sie einen empörten Brief an ihre Vorgesetzten, die ihn, wie wir erst viel später erfahren sollen, nach London weitersenden. Lange dauern die Einreiseformalitäten für das Schiff nicht. Am Vormittag des folgenden Tages geht unsere Reise weiter.«

Am 7. September in Sydney Harbour Bay, genauer gesagt am Passagierkai der Werft 13 im Darling-Hafen der Millionenmetropole, angekommen, war aber noch längst nicht Schluß mit der grotesk-abenteuerlichen Reise. Nachdem bereits in Melbourne rund 350 Internierte aussortiert worden waren – es handelte sich um die kriegsgefangenen Italiener, um die Gruppe der deutschen Nazi-Seeleute sowie um einen Großteil der Überlebenden von der »Arandora Star« – wurden nun die etwa 2000 verbliebenen Internierten von Bord geprügelt. Eskortiert wurden sie von australischen Soldaten, die mit zunehmendem Unverständnis die »Ausschiffung« verfolgt hatten. Erst kopfschüttelnd und schließlich empört reagierten sie auf den Umgang der Engländer mit den Internierten. Denen fielen als erstes der freundliche Ton und die korrekte Sachlichkeit der Australier auf. In bereitstehenden Eisenbahnwaggons wurden die Deportierten ins Landesinnere weiterbefördert. Ihre australischen Begleiter mochten kaum glauben, als ihnen die Gefangenen eröffneten, daß es sich mitnichten um einen Transport von Kriegsgefangenen handelte, den ihnen ihre Vorgesetzten angekündigt hatten.

Lager am Ende der Welt

750 Kilometer westwärts von Sydney endet die Bahnfahrt am nächsten Morgen in Hay, einer Kleinstadt mitten in der Steppe, dem australischen Outback von New South Wales. Nach einem anschließenden, kilometerlangen Fußmarsch erreicht die Kolonne ihr Ziel. »Grelle Scheinwerfer an hohen Masten erleuchten ein von mehrfachem Stacheldraht eingezäuntes Lager taghell. Zaunpfosten werfen ihre langen Schatten auf in Reih und Glied ausgerichtete flache Baracken, über denen an allen Seiten der Einzäunung hölzerne Wachtürme thronen. Ringsum liegt, so weit das Auge reicht, nur Einöde, nichts als Einöde. Ein Lager am Ende der Welt. Endstation einer langen, abenteuerlichen Reise«, heißt es bei Wilczynski.

Das Lager bestand aus zwei in sich geschlossenen, von einem Durchgang voneinander getrennten Abteilungen. Hier bezogen jeweils tausend Mann ihr neues Domizil, bestehend aus je 36 Baracken pro Compound, wie die beiden Lagerteile genannt wurden. Die Baracken ruhten wegen der dringend erforderlichen Luftzirkulation auf kurzen Holzpflöcken, die zum Schutz vor den allgegenwärtigen Ameisen und sonstigem Ungeziefer mit schräg abfallenden Blechkrempen versehen waren. In den mit gewellten Eternitplatten bedeckten Hütten selbst standen jeweils 14 Doppelstockbetten mit Strohsäcken und groben Wolldecken.

Lagerkommandant und Wachmannschaften ließen den Internierten weitgehend freie Hand bei der Organisation und Gestaltung ihres Lagerdaseins. Das begann bei der Besetzung der als attraktiv angesehenen Posten in der Küche und hörte bei der Wahl von Hüttenältesten noch lange nicht auf. »Die Australier schaffen zwar ran, was zum Leben und sinnvollen Zeitvertreib notwendig ist, doch was damit geschieht, überlassen sie allein uns«, beschreibt Wilzcynski die Situation. »Wir müssen kochen oder verhungern, Latrinen reinigen und entleeren oder im Dreck versinken, uns eine Selbstverwaltung, eine Art eigene Obrigkeit schaffen oder im Chaos untergehen, uns zu Sport, Spiel und Lernen organisieren oder stumpf herumsitzen, bis wir durchdrehen. Der indirekte Zwang funktioniert vorzüglich. Wir nehmen das Camp nun wirklich in Besitz.« Ärzte fanden sich, Lehrer und Hochschullehrer hielten Vorlesungen, aus denen schnell eine regelrechte Camp-Universität wurde, und Schauspieler wie Regisseure und Musiker formten allmählich Theater und Orchester, Kabarett und Revue.

Die in den Baracken gewählten Hüttenältesten bildeten das sogenannte Lagerparlament. Dessen Hauptsorge galt neben einem geordneten Zusammenleben im Camp insbesondere der Entlassung aus der Internierung. Man verfaßte gelehrte Petitionen, in denen die Ungerechtigkeit der Internierung von rassischen und politischen Flüchtlingen dargelegt wurde, und appellierte an Rechtsbewußtsein, Humanität und gesunden Menschenverstand. Freunde oder Verwandte in England wurden mit Bitten überhäuft, bei der Regierung, in ehemaligen Betrieben, bei der jüdischen Gemeinde oder den Parteien vorstellig zu werden und sich für die Freilassung und Rückführung der nach Australien Verschleppten einzusetzen.

Dieser Druck führte schließlich auch zum Verzicht auf weitere Deportationen von »enemy aliens« nach Übersee sowie zur schrittweisen Entlassung der im Königreich selbst Internierten. So kam es – unter Federführung des neu ernannten Innenministers Herbert Morrison von der Labour Party – im August 1940 zur Ausarbeitung eines sogenannten White Papers. Diesem zufolge sollten die Entlassungsanträge von einem Sonderkomitee entschieden werden, dem die ehemaligen Hohen Kommissare des Völkerbundes für Flüchtlingsangelegenheiten Neill Malcom und Herbert Emerson sowie zehn Parlamentsmitglieder angehörten.

Der Emissär aus London

Doch zurück zu den im australischen Busch Internierten. Anfang April 1941 erhielt Wilhelm Bamberger ausführliche Antwort auf seinen ersten Brief, in dem er über die Bedingungen in Australien geschrieben hatte. »Auf meine Frage nach den Aussichten für unsere Entlassung heißt es darin: ›Wir glauben, daß die Aussichten ganz gut sind. Major Layton wurde vom Home Office (dem Innenministerium) nach Australien geschickt, um die Personen auszusuchen, die unter eine der Kategorien des White Papers fallen. Diese Personen werden zurückgebracht nach England, wo nach den notwendigen Formalitäten über ihre Entlassung entschieden wird.‹«

Wilczynski notiert: »Wie ein Lauffeuer verbreitet sich im Camp die Nachricht von der Ankunft des Majors aus England. Er ist der Mann mit dem Wunderstab im Tornister, der alle Tore öffnen wird. Glauben wir jedenfalls in unserer Einfalt. Wir haben schon so vieles geglaubt und immer noch nichts gelernt. Der Herr Major, im Zivilstand Börsenmakler, entpuppt sich vorerst als Rekrutenwerber für das Pioneer Corps, eine unbewaffnete Arbeitseinheit der britischen Armee. Im Austausch für eine Verpflichtung bietet er uns die Entlassung nach England an. Von bedingungsloser Freilassung ist keine Rede mehr. (…) Die Begeisterung für das Pioneer Corps hält sich in Grenzen. (…) Ich will einfach, daß die britische Regierung sich nicht durch einen Trick aus der Wiedergutmachung für angetanes Unrecht herauskauft.«

Im Frühjahr 1941 wurde ein Teil der Deportierten aus dem Lager in Hay in ein anderes Camp – nach Tatura im südlich benachbarten Bundesstaat Victoria – verlegt. Dorthin waren zuvor schon die in Melbourne von Bord der »Dunera« gegangenen Internierten gebracht worden. Bald darauf ist auch hier der Besuch von Major Layton angesagt. »Major Layton hat aus London neue Instruktionen seiner Oberen erhalten«, schreibt Wilczynski. »Schub um Schub sollen jetzt zügig Rücktransporte ins Vereinigte Königreich stattfinden. Ohne Bedingungen. Die Liste mit den Namen für das erste Kontingent hat er höchstpersönlich ins Lager gebracht.«

Etwa zeitgleich informierten britische Zeitungen über ein juristisches Nachspiel zu den skandalösen Vorfällen auf der »Dunera«, wie sie von den Internierten selbst publik gemacht worden waren. In einem Pressebericht hieß es dazu: »Der Kriegsminister hat ein Kriegsgerichtsverfahren gegen den kommandierenden Offizier des militärischen Personals an Bord des Dampfers ›Dunera‹ sowie gegen einen Hauptfeldwebel und einen Sergeanten angeordnet. Dies folgt der Untersuchung von Vorwürfen über Mißhandlungen von Internierten an Bord der ›Dunera‹ während einer Reise von England nach Australien.« Wie das Verfahren ausging, ist leider nicht bekannt.

Im Camp selbst beginnen derweil die ersten Vorbereitungen auf die Transporte nach England damit, daß den Rückkehrwilligen neue Bekleidung angeboten wird. Wilczynski: »Jedem steht eine komplette Ausrüstung zu, von der Unterwäsche bis zum Hut. Die auf den ersten Blick umwerfende Großzügigkeit ist auf den zweiten natürlich allein der Tatsache geschuldet, daß wir ja auf der ›Dunera‹ so gut wie alles verloren haben und die britische Regierung uns nach dem Wirbel, den das ausgelöst hat, natürlich so nicht auf die Reise um die halbe Welt schicken kann. Aber lumpen läßt sich London nicht.«

Rückkehr nach Großbritannien

Die ersten rund 40 Internierten haben vermutlich mit einem Schiff der Gesellschaft »Aberdeen & Commonwealth Line« diese Rückfahrt angetreten, der »Largs Bay«, einem mittelgroßen Passagierdampfer von etwa 13000 Tonnen. Über Wellington in Neuseeland und durch den Panamakanal ging es zunächst nach Halifax an der Südostspitze von Kanada. Hier wurde ein Geleitzug zusammengestellt, dessen rund 60 Schiffe unter dem Schutz von einigen Kreuzern und Zerstörern den Atlantischen Ozean überqueren sollten. So geschah es auch, ohne daß die diversen Sicherheitsvorkehrungen an Bord in Kraft gesetzt werden mußten. Während mit dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 der Zweite Weltkrieg einem neuen Höhepunkt zustrebte, erreichte der Konvoi unbehelligt von faschistischen U-Booten die britischen Hoheitsgewässer und steuerte schließlich – vorbei an Nordirland und den Hebriden – den Hafen im schottischen Glasgow an.

Doch auch hier war für die meisten Internierten ihre mehr als ein Jahr währende Odyssee noch nicht beendet. Nur für wenige waren bereits die Entlassungspapiere eingetroffen. Für die anderen hieß für die folgenden Wochen die nächste – und letzte – Station vor der endgültigen Entlassung die in der Irischen See gelegene Isle of Man. Ein weiterer Rücktransport aus Tatura kam dagegen nicht ungeschoren davon. Er wurde im Pazifischen Ozean versenkt, ohne daß es Überlebende gab.

Nicht wenige der nach Großbritannien Zurückgekehrten traten in das Pioneer Corps ein oder dienten direkt in den britischen Streitkräften, als das möglich wurde. Auch die Kommunisten reihten sich wieder in die antifaschistische Front ein. Andere schlossen sich jüdischen Brigaden an und halfen bei der Befreiung vom Faschismus; doch nur wenige von ihnen kehrten auf Dauer in ihre alte Heimat zurück. Emil Elieser Höchster aus Fürth zum Beispiel ließ sich in Palästina nieder und wirkte nach der Gründung des Staates Israel 1948 maßgeblich an dessen Aufbau mit.

Nachtrag

Etwa die Hälfte der über 2000 nach Australien Deportierten blieb allerdings aus freien Stücken auf dem fünften Kontinent. Aus den Reihen dieser überwiegend jüdischen Neusiedler – in Australien achtungsvoll »Dunera Boys« genannt – gingen zum Teil namhafte Wissenschaftler, Künstler, Hochschullehrer und Sporttrainer hervor. An das Schicksal der zumeist schon verstorbenen »Boys« erinnern nicht nur ein in Hay eingerichtetes Museum sowie ein 1990 eingeweihtes Denkmal; auch etliche Bücher und Zeitungsbeiträge wurden ihnen in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewidmet. Und auch heute noch wird des 70. Jahrestages ihrer Landung in Australien gedacht.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/09-07/018.php