8. Dezember 2012

Die Farbe der Welt

Humanist mit Klassenbewußtsein: Jura Soyfer (geboren am 8. Dezember 1912 in Charkow; gestorben am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald) - Fotoquelle: ZPA der KPÖ, Bildarchiv

Anläßlich seines 100. Geburtstags: Leben, Werk und Wirkung des revolutionären Schriftstellers Jura Soyfer

Erich Hackl

Der englische Schriftsteller John Lehmann hat ihn als einen eher schmächtigen jungen Mann beschrieben, »etwas unter mittelgroß«, mit einer weichen Stimme, einem sanften Gesichtsausdruck und einem gewinnenden Wesen. »Aber hinter diesem ruhigen Äußeren verbargen sich, wie mir erst im Laufe unserer Freundschaft klar werden sollte, nicht nur eine subtile Einsicht in seine Mitmenschen, sondern auch Willensstärke und verhaltene Tapferkeit.« Den kommunistischen Funktionär Franz Marek irritierte seine Lebensweise, die in schroffem Gegensatz zur eigenen stand: daß er bis weit in den Tag hinein geschlafen habe, schrecklich unpünktlich gewesen und »allen Röcken nachgelaufen« sei. »Aber was für eine Begabung!« Seine Jugendfreundin Marika Szécsi fand ihn liebenswert wegen seines Charmes, seines Witzes und seiner Ernsthaftigkeit, und ihr späterer Mann, der Chemiker Mitja Rapoport, meinte, niemand sei so schnell wie er bereit gewesen, »seine Schwächen zu bereuen, und zwar so zu bereuen, daß es direkt wieder komisch wurde. Er konnte einem nie etwas übelnehmen, und man konnte ihm kaum etwas übelnehmen, auf jeden Fall nicht für lange.«

Die gute Nachrede galt dem österreichischen Dichter und Dramatiker Jura Soyfer, der in der Nacht auf den 16. Februar 1939, erst 26jährig, im Konzentrationslager Buchenwald gestorben ist. Zweieinhalb Jahre vor seinem qualvollen Ende, im Herbst 1936, hatte er Marika Szécsi einen Brief geschrieben, in dem er sich ein Wiedersehen mit ihr und Mitja als fröhliche Apokalypse ausmalte: »Ich, ca. 50-jährig, längst ein diskreter, taktvoller Schriftsteller, komme in Cincinatti (Ohio) an. Ich habe bei der Überfahrt eine Schiffskatastrophe mit knapper Not überlebt. Dein Mann, hart vom Schicksal getroffen, steht händeringend vor einem niedergebrannten Laboratoriumsgebäude (Millionenschaden in Dollar, 30 tote Assistenten, die umliegenden Stadtviertel durch Explosion zertrümmert); Du bist soeben knapp vor dem Doktorat zum 15ten Male von der dortigen Universität relegiert. In dieser Situation betrat ich Deine Wohnung. Da springen zwei rothaarige Büblein mit großen Ohren an mir empor: ›Da ist ja der Onkel Jura! Kannst Du uns nicht etwas vorblödeln?‹«

»Hoch Nestroy!«

Humor ist, dem Exilforscher Konstantin Kaiser zufolge, die Fähigkeit, sich andere Verhältnisse als die herrschenden vorzustellen. Es ist also nicht verwunderlich, daß der Ernst der Lage und die Vehemenz, mit der er sich ihr stellte, Jura Soyfer fast immer auch Anlaß zum Lachen bot – ob in den satirischen Gedichten, die der Zwanzigjährige in der Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, auf der Seite »Zwischenrufe links« veröffentlichte, oder in den Stücken, die während der austrofaschistischen Diktatur auf den Wiener Kleinkunstbühnen »ABC im Regenbogen« und »Literatur am Naschmarkt« aufgeführt wurden. Sogar sein einziger Roman, der vom Untergang der mächtigen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei Österreichs (SDAP) handelt, ist durchdrungen von Soyfers Fähigkeit, das Lachhafte – lachhaft darzustellen. In seinem Wortwitz und Einfallsreichtum, der raschen Auffassungsgabe, dem schneidenden Spott, dem feinen Gehör für die Nuancen der Wiener Umgangssprache war er Österreichs überragendem Dramatiker Johann Nestroy (1801–1862) ebenbürtig. »Wie müßte ein Theater beschaffen sein, um heutzutage Nestroy in dessen lebendigem Geiste spielen zu können?« fragte Soyfer in einem Aufsatz zum 75. Todestag seines Kollegen, im Mai 1937, um die Frage sogleich umzudrehen: wie dürfte »ein solches Theater auf der ganzen Linie nicht aussehen«. Abschreckendes Beispiel war ihm die Verluderung des Wiener Volkstheaters durch den Prinzipal und Namensgeber des Carltheaters, der mit Drill und allerlei Spektakel wettzumachen versuchte, was seinen Inszenierungen an Tiefe fehlte. Von Nestroy vermeldete hingegen ein Konfidentenbericht der Polizei, die Disziplin habe sich unter seiner Direktion so sehr gelockert, daß ihm mehr aus Kollegialität und Dankbarkeit als aus Schuldigkeit gehorcht werde. »Ein guter Tip«, schrieb Soyfer. »Wie wär’s heutzutage mit einem Versuch, gerade diese Art Disziplin einzuführen? Wie wär’s mit dem Schlachtruf: ›Nieder mit Carl! Hoch Nestroy!‹«

Ungenutzte Jahre

Anders als dieser war Soyfer kein geborener, sondern ein gelernter Wiener. Er ist am heutigen Samstag vor hundert Jahren in Charkow geboren, als Sohn eines jüdischen Industriellen, der mit seiner Familie vor der Oktoberrevolution über Konstantinopel nach Wien floh, der ramponierten Hauptstadt »einer ziemlich kleinen provinziellen Republik von großer Schönheit, die nicht daran glaubte, daß es sie unbedingt geben müsse« (Eric Hobsbawm). Hier wurde Jura, eigentlich Juri, wie eine ganze Generation kunstsinniger und politisch aufgeweckter Jugendlicher, oft jüdischer Herkunft, von der austromarxistisch begründeten Sozial- und Bildungspolitik geprägt.

Sein erstes Gedicht, »An alte Professoren« gerichtet, veröffentlichte er als Siebzehnjähriger im Schulkampf, der Zeitschrift des Verbandes Sozialistischer Mittelschüler. Zur selben Zeit begann er, antikapitalistische Agitprop-Szenen für die Politische Bühne der »Roten Spieler« zu schreiben. In einem Manifest über »Politisches Theater« bekannte er sich mit einer Selbstverständlichkeit, die dem Gros heute schreibender Autoren furchtbar peinlich wäre, zum Agitationstheater als Waffe im Klassenkampf. »Ob das, was wir schaffen, Kunst ist oder nicht, das ist uns gleichgültig. Wir dienen nicht der Kunst, sondern der Propaganda. Mag sein, daß unsere Gesinnung, unsere ethische Kraft uns manches Mal künstlerischem Schaffen nahe bringt.«

Gelegentlich blitzt in Soyfers frühen Texten – alle sind »früh«, da es kein Später gab – etwas auf, das Kaiser zufolge eine Konstante in seinem Wirken darstellt: die Erbitterung über das Versäumte. »Es ist dies eine angesichts der Geschichte der Ersten Republik naheliegende Erbitterung. Die Jahre, die gegeben waren, das bevorstehende Unheil abzuwenden, verstrichen ungenutzt; die inneren Kämpfe, in denen sich die Republik aufrieb, lenkten oft eher von den wirklichen Lebensfragen der Nation ab, statt daß sie jene, die am Herannahen des Unheils interessiert waren, beiseite geschoben hätten.«

Man fragt sich, wie es Soyfer gelingen konnte, diese Erbitterung umzuspeichern, so daß sie zwar durch das Gespinst seiner Sätze drang, aber nicht in Wut oder Resignation umschlug. Da sein Schaffen in Monate, Wochen, auf Tage fiel, die für Europas bürgerliche Demokratien tragische Veränderungen brachten, drohte ihm die Zeit davonzulaufen. »Zeit ist Blut, Genossen!« heißt es im Gedicht »Einheitsfront«, in einem für Soyfer untypischen hämmernden Tonfall. Im Sommer 1932, als es veröffentlicht wurde, tippelte er gerade durch die deutsche Provinz. Seine in der Arbeiter-Zeitung publizierten Chroniken nahmen die »Apokalypse des Dritten Reiches« in kurzen Momentaufnahmen des Naziterrors vorweg. »Die Zukunft Deutschlands ist nicht nur grau, sie ist feldgrau. Die kleinbürgerliche und die großbürgerliche Fraktion des Faschismus, die heute noch in manchem Gegensatz zueinander stehen, werden sich wahrscheinlich auf der Linie der chauvinistischen Außenpolitik, der Aufrüstung, der Kriegsvorbereitung treffen.« Umso schuldhafter erschien ihm die fortgesetzte Spaltung der Arbeiterklasse, für die er »unglückseligen Starrsinn« in beiden Parteien, SPD wie KPD, verantwortlich machte. »Die Arbeiterschaft ist durch und durch revolutioniert«, schrieb er in einem Brief nach Wien, »und es kommen einem Tränen in die Augen, wenn man sieht, wie diese prachtvollen Proleten mit ihrer ganzen Kampf­energie an den Stempelstellen verrecken müssen, weil Wels Wels und Thälmann Thälmann ist.«

Kritik von links

Ein halbes Jahr später war Hitler Reichskanzler, und kurz darauf nahm in Österreich der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß den Rücktritt der drei Nationalratspräsidenten zum Vorwand, um im Wochentakt alle demokratischen Errungenschaften zu zerstören. Statt mit einem Generalstreik reagierte die SDAP im März 1933 mit einer Massenkundgebung, die nicht Demonstration ihrer Stärke war, sondern Ausdruck der Illusion, vom Gegner ernstgenommen zu werden. Sie war geschlagen, ohne sich überhaupt geschlagen zu haben. Davon handelt Soyfers Roman »So starb eine Partei«, den er nach dem endgültigen Versagen der sozialdemokratischen Führung, beim Arbeiteraufstand vom Februar 1934, geschrieben hat. Darüber, ob er den Roman fertigstellen konnte, liegen widersprüchliche Angaben vor. Das Originalmanuskript wurde jedenfalls bei Soyfers Verhaftung im November 1937 von der Polizei beschlagnahmt und später vernichtet; erst nach Jahrzehnten konnte ein unvollständiges Typoskript veröffentlicht werden. Das ist seiner Freundin Helli Ultmann zu verdanken, die eine Abschrift ins französische, dann US-amerikanische Exil mitgenommen hatte.

Überwiegend in erlebter Rede gehalten, bietet der Roman nach Meinung Horst Jarkas das Psychogramm einer zum Betrieb erstarrten Partei. Jarka, Herausgeber des Gesamtwerks und Autor einer kundigen und detailreichen Biographie, hat die wichtigsten Facetten dieses vielschichtigen, atmosphärisch dichten, mitreißend spannenden Prosawerks aufgezählt: »Flucht vor der Entscheidung in revolutionäre Erinnerungen, in Vereinsmeierei und eine Scheuklappenbürokratie, der die pünktliche Zahlung der Beiträge wichtiger ist als Hitlers Machtergreifung, die wiederum mit dem Schlachtruf ›Österreich ist nicht Deutschland‹ kühn in den Wind geschlagen wird; Verbürgerlichung der Funktionäre durch Amt und Würden und Karrieredenken, ihre müde Pensionsreife; die Gläubigkeit aller, für die die Partei die Welt bedeutet; religiös-politische Erlösungshoffnung; die psychologischen Spannungen in einer Kampfgemeinschaft mit ihren Zwischentönen von Kameraderie, Eifersüchteleien, Verantwortung, ja Zärtlichkeit füreinander – das alles wird, wenn auch nicht immer voll ausgearbeitet, in einer Darstellung spürbar, die dem Ineinander von privatem und öffentlichem Schicksal nachgeht, die politischen Ursachen und Auswirkungen des privaten Verhaltens aber in den Vordergrund stellt.«

Erstaunlich ist die analytische Klarheit des Romans, noch erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß Erzählzeit und erzählte Zeit praktisch zusammenfallen. Nicht minder verblüffend ist das Vermögen des blutjungen Autors, die alten, gesetzten Genossen in ihrer ganzen Persönlichkeit – und mit gespaltenem Blick: von innen wie von außen – zu erfassen. Soyfer gehörte zur Linksopposition innerhalb der Partei und wechselte wie Ernst Fischer, wie sein Freund und Studienkollege Marek, wie Tausende andere Jungsozialisten nach dem Februar 1934 zur bis dahin unerheblichen KPÖ.

»So starb eine Partei« ist nach meiner Kenntnis unvergleichlich. Der Roman hat auch keine Nachfolger gefunden, bis heute nicht. Es wäre lohnend, das fortgesetzte Kapitulieren der europäischen Sozialdemokratie, und den mittlerweile fertiggestellten Umbau ihrer Parteien zu Start­rampen für Managerinnen und Konzernberater, literarisch darzustellen. Ich glaube nicht, daß das Thema nur noch zur höhnischen Kabarettnummer taugt. Davon gibt es inzwischen zu viele.

»Ein armer Vorklang nur«

Jura Soyfer wußte, daß er den Roman für die Schublade schrieb. Auch seine zur selben Zeit entstandenen »Mittelstücke« (ins Nummernprogramm einer Kleinkunstbühne eingeschobene zirka fünfzig Minuten lange Stücke) unterlagen der Zensur. Verboten war nicht nur Kritik am austrofaschistischen Regime, sondern nach dem Juliabkommen 1936, zwischen Hitler und Dollfuß’ Nachfolger Schuschnigg, auch am nazideutschen. Soyfer machte Anleihen am Raimund’schen Zauberstück und verlegte die Schauplätze ins All (»Der Weltuntergang«), in einen erfundenen Staat (»Astoria«), in eine untergegangene Stadt (»Vineta«), auf einen fernen Kontinent (»Broadway-Melodie 1492«). So schuf er politische Allegorien, die den Menschen allerdings nicht zum Anschauungsmaterial degradieren. Das merkten auch die Zensoren, die Kürzungen vornahmen oder verlangten. »Astoria« blieb überhaupt verboten.

In seiner Studie »Theater und revolutionärer Humanismus« hat der Essayist Gerhard Scheit davor gewarnt, Soyfers Stücke als Illustrationen der Zeitgeschichte zu verwenden und somit ihre spezifisch poetische Dimension zu mißachten. Ebenso verfehlt wäre es, sie nur auf ihre tagespolitische Aktualität zu prüfen. Denn dieser Dramatiker werfe die epochalen Fragen des menschlichen Seins auf, »von der Entfremdung in der bürgerlichen Gesellschaft über die faschistische Bedrohung bis hin zu möglich erscheinenden sozialistischen Perspektiven«. Trotzdem entlassen einen die turbulenten Stücke und ihr schlagfertiges Personal unweigerlich in die Gegenwart – »Der Lechner Edi schaut ins Paradies« zum Beispiel, in dem ein ausgesteuerter Fabrikarbeiter in einer Zeitreise der Reihe nach alle technischen Erfindungen, zuletzt sogar die Erschaffung des Menschen ungeschehen machen will, weil er sie für seine Arbeitslosigkeit verantwortlich macht. Er agiert wie einer jener Systemkritiker, die den Kapitalismus nicht überwinden, sondern in seiner Entwicklung zurückdrehen wollen, drei, vier Jahrzehnte weit in die Ära des guten alten Wohlfahrtstaates, und dafür dessen Voraussetzungen ändern müssen, und als nächstes die Voraussetzungen der Voraussetzungen ...

Nicht, daß Soyfers Stücke besonders gut ausgingen. Aber sie rauben den Zuschauern nicht den Lebensmut, sie ersparen ihnen vor allem nicht die Einsicht, mit der Edi am Ende des Stücks in die Gegenwart zurückkehrt: »Auf uns kommt’s an.« Auf uns – nicht auf mich allein! Aber es gilt auch Soyfers »Lied des einfachen Menschen«, das vor Überschwang warnt: »Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild / Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt. / Ein armer Vorklang nur zum großen Lied. / Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!«

Als Jura Soyfer Mitte Februar 1938 aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, im Zuge der Amnestie für alle politischen Gefangenen, hatte er noch ein Jahr zu leben. Am 13. März, einen Tag nach der Okkupation Österreichs, wurden er und sein Freund Hugo Ebner beim Versuch, mit Skiern in die Schweiz zu flüchten, an der Grenze festgenommen und ins Polizeigefängnis Innsbruck eingeliefert. Seine letzten Lebensstationen waren Dachau und Buchenwald, wo er sich als Leichenträger mit Typhus infizierte. Er starb, als seine Freilassung aufgrund eines Einreisevisums in die USA bereits genehmigt worden war.

Das »Dachaulied« vom Frühsommer 1938 ist Soyfers letztes erhalten gebliebenes Werk. Sein Leidensgefährte Herbert Zipper hat es vertont und für die Nachwelt bewahrt. Fast verbieten es die Umstände seines Entstehens, dieses Gedicht als das zu bezeichnen, was es in dem ernsten Pathos, der gegenständlichen Sprache, dem mächtigen Rhythmus nun einmal ist: ein Höhepunkt politischer Lyrik. Sein Refrain nimmt die zynische Inschrift über dem Lagertor auf und kehrt sie in der vorletzten Zeile als Drohung gegen die Peiniger: »Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, / Und wir wurden stahlhart dabei. / Bleib ein Mensch, Kamerad, / Sei ein Mann, Kamerad, / Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad: / Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!«

* * *

Jura Soyfer war nie vergessen. Im Exil sammelten die aus Wien vertriebenen Freundinnen und Gefährten seine Manuskripte, probten junge, mit Kindertransporten gerettete Landsleute seine Stücke, druckten seine Gedichte. Solange die Hoffnung auf sozialistische Verhältnisse, auf ein breites antifaschistisches Bündnis andauerte, blieb Soyfer auch im befreiten Österreich gegenwärtig. Der Schauspieler Otto Tausig, der schon im Londoner Exilkabarett »Das Laterndl« an Soyfer-Abenden mitgewirkt hatte, brachte 1947 in Wien einen ersten Auswahlband heraus. Sein Kollege Helmut Qualtinger rühmte Soyfer begeistert als »Österreichs Büchner«. Qualtinger wirkte auch an einer denkwürdigen Inszenierung der »Broadway-Melodie 1492« mit. Mit ihr neigte sich in den frühen fünfziger Jahren Soyfers Präsenz auf Österreichs Kellerbühnen dem Ende zu. Ein großes, repräsentatives Theater – mit »an Fundus, ana Traditiaun und ana Subventiaun«, wie es im Vorspiel zur »Broadway-Melodie« der Portier des Burgtheaters beschreibt – wäre ohnehin der falsche Ort für seine Stücke gewesen. Und den Kalten Kriegern war selbst ein toter Kommunist kein guter Kommunist.

Bezeichnend für die Haltung einer sich durchaus oppositionell verstehenden Neoavantgarde ist eine Briefnotiz des Schriftstellers Konrad Bayer (1932–1964) über den Eindruck, den ein Soyfer-Stück 1956 bei ihm hinterlassen hatte: »›vineta‹ ist von jura soifer (glaube österr. jude) und nicht sehr extravagant. befürchte: gar nicht. du kennst diese tour der halbmodernität. humanistisch etc. schlecht, bemüht sich aber um das gute. beachte: das gute. das ist ja nicht das schlechteste. aber wenn man das wirklich auf klasse baut, wahrscheinlich unerträglich langweilig und mesalliant.« Scheit zu diesem, auch in seiner Blasiertheit, zeittypischen Urteil: »­Soyfer ist gar nicht extravagant – er sucht hingegen nach einer anderen – der bloßen Brüskierung entgegengesetzten – Unmittelbarkeit in der Beziehung zum Publikum, zu den Rezipienten (und findet dabei verschüttete Formen der Volkstheater-Komik). Was Bayer als Halbmodernität moniert, sind die Merkmale einer auf dieser Basis fußenden ernsthaften Auseinandersetzung mit den proletarischen Kunstformen einerseits und der Modernität des französischen Surrealismus andererseits. Und schließlich: Jura Soyfer baut wirklich seinen Humanismus auf eine Klasse.«

Mitte der siebziger Jahre kam es zur Wiederentdeckung Soyfers durch die Politband »Schmetterlinge«. Tausig und Qualtinger standen Pate. 1983 wurde das Jura-Soyfer-Theater gegründet, als Spielstätte des kritischen Volksstücks, elf Jahre später umbenannt, umgemodelt und vergessen. Nur die seit 1988 bestehende Jura-Soyfer-Gesellschaft ließ sich von den kulturellen Auswirkungen der Neuen Weltordnung nicht einschüchtern und förderte unverdrossen die Auseinandersetzung mit dem Werk ihres Namensgebers, vor allem im ost- und außereuropäischen Ausland. Es liegt mittlerweile in über fünfzig Sprachen vor.

Die einheimische Literaturwissenschaft hat es sich hingegen leicht gemacht und Jura Soy­fer, in den Worten ihres Papstes Wendelin Schmidt-Dengler, zum »Außenseiter« gekürt. Die Wortwahl verrät mehr über die Konventionen einer ranggläubigen Germanistik als über seine Bedeutung. Zutreffend ist, daß sich fast alle Soyferianer die längste Zeit am Rand oder außerhalb des etablierten Wissenschaftsbetriebs bewegt haben. Trotzdem haben sie, allein oder im Verein mit freien Theatergruppen, alle Voraussetzungen dafür geschaffen, daß Jura Soyfer als Zeitgenosse erlebt werden kann.

Der Schauspieler Leon Askin, der ihn durch die gemeinsame Arbeit im »ABC« kennengelernt hatte, meinte einmal, Soyfers Traum sei nicht der Traum des Wiener Spießers gewesen. »Die Farbe der Welt, von der Jura Soyfer träumte, war nicht himmelblau.«

Erich Hackls jüngste Veröffentlichung im Diogenes-Verlag: »Familie Salzmann. Erzählung aus unserer Mitte« (Zürich 2010). An dieser Stelle veröffentlichte unser Autor zuletzt einen Beitrag über die literarische und filmische Aufarbeitung der Pinochet-Diktatur in Chile (jW-Thema vom 6.11.2012)

Jura Soyfer: Von der Käuflichkeit der Menschen

Ins Himmelblau die Rohstoffpreise steigen,

Als holde Boten junger Konjunktur.

Der Markt belebt sich schon, und schamhaft zeigen

Sich zarte Triebe börslicher Natur.

Und nur ein Kurs hält mit der Hausse nicht Schritt,

Nur eine Ware geht im Preis nicht mit

Und bleibt die Billigste in jedem Land:

Das ist die Ausschußware, »Mensch« genannt.

 

Der Mensch kommt heutzutag im Durchschnittspreise

Auf zehn Pfund Sterling nur pro Exemplar,

Die Liefrungskosten spart er klugerweise,

Er liefert selbst sich aus mit Haut und Haar.

Ja, er verkauft sich fertig appretiert,

Mit seiner Menschenwürde ausstaffiert,

Und bist du, Käufer, mit den Mitteln knapp,

So kauf sie auf Kredit – und stottre ab.

Und kannst du weder heut noch morgen zahlen,

Kauf ruhig weiter, kauf sie massenweis.

Zahl statt mit Geld mit faulen Idealen,

Der Mensch verschleudert sich um jeden Preis.

Denn seinesgleichen gibt es viel zu viele,

Er weiß es selbst und handelt auch danach

Und kennt den Kurs im großen Börsenspiele;

Der Geist ist billig, und das Fleisch ist schwach.

Die Wartenden:

Die Rechnung stimmt nicht ganz, du Mann vom Fach,

Du überschätzt des Gläubigers Geduld.

Hast du kein Brot für uns, hast du kein Dach,

Stehn fordernd wir vor deinem Rechenpult.

Der Schuldner löst den Wechsel niemals ein.

Die Ware Mensch will nicht mehr Ware sein.

Aus »Astoria« (1937)

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2012/12-08/022.php