25. Februar 2014

Die Lektion von Jelabuga

Aus der Antifaschule: Otto Rühle - Fotoquelle: jW-Archiv

In sowjetischer Kriegsgefangenschaft wurde Otto Rühle (1914–-1969) zum Antifaschisten, in der DDR zum Bildungsforscher – - eine Gedenkveranstaltung in Greifswald

Michael Polster

Anläßlich des 100. Geburtstags von Otto Rühle (1914–1969) hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung am Donnerstag zu einer Veranstaltung in Greifswald geladen, wo Rühle in den 60ern ein Bildungsforschungsinstitut leitete. Nahezu 60 Gäste waren gekommen, um aus berufenem Munde mehr über den Lebensweg des Jubilars zu erfahren, der 1943 in Stalingrad im Rang eines Oberleutnants in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten war. Rühles Sohn Hellmut, selbst Professor, spannte einen großen Bogen vom Vermächtnis seines Vaters in die Gegenwart. Grundlage war dessen 1967 veröffentlichter Lebensbericht, der in der DDR mehrere Auflagen erlebte und in der UdSSR in russischer Übersetzung erschien.

Otto Rühle kam Ende Januar 1943 als Oberzahlmeister eines Feldlazaretts in Gefangenschaft. Einige Wochen später erlebte er im Lager Jelabuga an der Kama, was er nach eigener Aussage nie für möglich gehalten hätte. Sowjetische Ärztinnen und Pflegerinnen widmeten sich unter Einsatz ihres Lebens vom Fleckfieber bedrohten deutschen Offizieren. Dies habe »eine tiefe Bresche in die antisowjetische Sperrmauer« seines Denkens geschlagen, schrieb Rühle später, und nannte seinen autobiographischen Bericht »Genesung in Jelabuga«. Allmählich wuchs er in diesen Wochen, wie er selbst sagte, in die antifaschistische Bewegung hinein.

1935 war der Sohn eines Postbeamten nach Abschluß der Höheren Verwaltungsschule in Stuttgart NSDAP-Mitglied geworden. 1941 hatte er sich als Zahlmeister einer Sanitätskompanie an der Besetzung Frankreichs beteiligt. Im Offizierslager Jelabuga gelangte er zur Einsicht, »im guten Glauben einer schlechten Sache« gedient zu haben, und trat noch 1943 dem Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) bei. Mehr als drei Jahre lang besuchte er die Antifaschulen in Krasnogorsk und Talizi, wurde im Anschluß selbst Lehrer für Antifaschüler und legte damit den Grundstein für seine weitere Entwicklung. Im November 1947 kehrte er nach Deutschland zurück, mit zwölf dicken, vollgeschriebenen Heften im Handgepäck, Titel: »Begegnung mit der Wahrheit« – die Grundlage seines späteren autobiographischen Berichts.

Nach seiner Entnazifizierung als »Mitläufer« ging Rühle 1948 nach Dessau in Sachsen-Anhalt. Dort war einer seiner Antifalehrer, Bernhard Koenen, 1. Sekretär der SED-Landesleitung. Rühle übernahm die Leitung der Landesverwaltungsschule und wurde 1950 Gesundheitsminister in der Landesregierung Sachsen-Anhalt. 1953 habilitierte er sich in Leipzig mit dem Thema »Der betriebliche Krankenstand – ein gesellschaftliches Problem«. 1957 ging er an die Uni Greifswald, wo er von 1960 bis 1962 Ordinarius für Ökonomik der Landwirtschaft war und ab 1963 Leiter des Rubenow-Institutes für Bildungsforschung.

Der Lektion von Jelabuga blieb Rühle auch in der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Offiziere (AeO) verpflichtet. Auf deren Gründungsversammlung bedauerte er 1958 den Mangel an Berichten früherer Offiziere über ihre Kriegserlebnisse und ihre Arbeit im NKFD. Am 6. April 1969 starb Rühle mit 55 Jahren an den Spätfolgen eines schweren Verkehrsunfalls.

Im Wünsche-Verlag gab Rühles Sohn Hellmut mit Reinhold Busch 2007 eine kommentierte Neuauflage von »Genesung in Jelabuga« heraus. Viele Fußnoten, ein Personenregister, ein Literaturverzeichnis und eine »politische Biographie« aus heutiger Sicht, verfaßt von Hellmut Rühle, sollen »den Lebensbericht und die darin teilweise anonym agierenden Personen der Zeitgeschichte dechiffrieren«, ihn als Dokument der Nachkriegsgeschichte präsentieren. Der Versuch des Sohnes, das darzustellen, was in den Antifaschulen der sowjetischen Kriegsgefangenenlager »nicht gelehrt wurde«, erschöpft sich in Formulierungen des Zeitgeistes und erreicht leider nicht die Tiefe der Betrachtungen des Vaters. Bei der Veranstaltung zu Rühles 100. in Greifswald ergab sich daraus für die Anwesenden keine Initialzündung für eine Diskussion.

Aus dem leidenschaftlichen Werk »Genesung in Jelabuga« erfährt auch der heutige Leser vieles über die Motive der Gründergeneration der DDR, in der Antifaschismus und Friedenswille Staatsdoktrin waren. Vor das letzte Kapitel hat der Verfasser Worte von Marx und Engels gesetzt: »Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muß man die Umstände menschlich bilden« (aus: »Die heilige Familie«). Sie könnten für sein gesamtes Leben stehen.

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