14. März 2014

»Die Lüge einrammen«

Rassenkampf statt Klassenkampf: Die Losung ist gegen den revolutionären Arbeiter gerichtet, der sich statt dessen ­»ursprünglich« als germanischer Krieger verstehen soll (Bildpostkarte von 1914) - Fotoquelle: dpa-picture alliance/akg-images

»Unvergifteter Lesestoff« für die »Volksgemeinschaft« sollte her. Krieg und Rassismus waren in der literarischen und politischen Propaganda seit 1890 Leitbegriffe

Wolfgang Beutin

In dem zur Zeit diskutierten Bestseller des australisch-britischen Historikers Christopher Clark findet sich die Behauptung, Europa sei vor 1914 »allem Anschein nach in eine Phase der Entspannung« eingetreten. Sollte das ganz allgemein zutreffen, so gilt es jedenfalls nicht für die ideologische Sphäre. In deutschsprachigen Veröffentlichungen – akademischen, belletristischen, journalistischen – sind Kriegsahnungen häufig, der kommende Weltenbrand ist oft unbezweifelte Gewißheit. In seinem Buch »Wenn ich der Kaiser wär’« (1912) forderte Daniel Frymann (Pseudonym des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes Heinrich Claß), wenn auch verspätet, nunmehr die Inkraftsetzung der ursprünglichen schärferen Fassung des Sozialistengesetzes von 1878 und die »Unterdrückung der sozialistischen Presse«. Durch »gemeinnützige Gesellschaften« sei »die Herausgabe billigster Tageszeitungen in die Wege« zu leiten, »um das Volk mit unvergiftetem Lesestoff zu versorgen«. Zweck: » (…)wir müssen den ›Kampf um die Seele des Volkes‹ aufnehmen«. »Unvergiftet« hieß hier eine Lektüre, die im wesentlichen zweierlei beabsichtigte: im Inneren Unterstützung einer strikt rassistisch fundierten Politik, die einen ganzen Katalog von Zwangsmaßnahmen gegen Deutsche jüdischen Glaubens vorsah, dazu »entschlossene Kampfpolitik gegen die Polen« im Deutschen Reich und eine diktatorische Regierung für das aufsässige Reichsland Elsaß-Lothringen; und jenseits der Grenzen: »tätige äußere Politik (…), sagen wir ruhig aggressive (…).« Auf diese Weise müsse das Reich »Land erwerben«. Doch um welchen Preis? »Jede Ausdehnung in Europa ist von vornherein nur durch siegreiche Kriege herbeizuführen (…).«

In der Weimarer Republik kam in der Öffentlichkeit die Frage auf, ob man nicht eine »Notwendigkeit« der deutschen Politik, nämlich »grenz- und auslandsdeutsche Fragen«, der Bevölkerung in »feuilletonistischer und novellistischer Form« nahebringen solle, am besten auch gleich den Schulkindern. Der Theaterkritiker Paul Fechter befand, belletristische Schriften seien günstige »Werbemittel für lebendige Teilnahme (…) ein ausgezeichnetes Mittel, gerade über die Massenschmackhaftigkeit der dabei entstehenden Erzeugnisse die Masse mit Anteil am Dasein der Deutschen draußen zu infizieren.« (Das Verbum »infizieren« läßt erahnen: die Masse soll mit Erregern verseucht werden.) Die Deutschen »draußen« – Fechter benennt Kärnten, die »Ostmark« und Südtirol – aber bildeten in der Absicht der herrschenden Eliten die Speerspitzen einer »tätigen äußeren, sagen wir ruhig aggressiven« Politik. Wie die aussah – dafür lieferte Konrad Henlein das Modell, nationalistisch-faschistischer sudetendeutscher Parteiführer, seit 1939 Reichsstatthalter im Reichsgau Sudetenland.

In der Ära seit etwa 1890 konnte man den deutschen »Propagandaapparat« in bedrohlicher Betriebsamkeit registrieren. Als seine zwei fatalen Basisideologeme fungierten dann mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch der Rassismus, als dessen Kern der Antisemitismus wirkte, und das Postulat der Unentbehrlichkeit des Krieges. Während seiner amerikanischen Vortragsreise 1936/37 informierte der deutsche Schriftsteller Ernst Toller in vielen Reden über die Wirkungsweise von Hitlers Lügen und die der faschistischen Agitation: »Ein bestimmter Typus Mensch glaubt an das, was er glauben will, gleichgültig, ob das Geglaubte vernünftig oder unvernünftig ist. Darum ist ja Aufklärung so schwierig, darum wird jede Propagandalüge, jedes Wort dieses falschen Messias für eine heilige, göttliche Offenbarung gehalten. Deshalb ist der ganze deutsche Propagandaapparat nicht aufgebaut darauf, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen, sondern die gerade notwendige Lüge in die Seele einzurammen.«

Bis kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nämlich bis in das Jahr 1944, erschienen in immer neuen Auflagen die »Deutschen Schriften« des Göttinger Universitätsprofessors Paul de ­Lagarde (1827–1891), worin der sein persönliches außen- wie innenpolitisches Programm präsentierte. Im Innern Deutschlands wünschte er die Diktatur bei Abschaffung aller Freiheiten, nach außen den Eroberungskrieg. Ausgangsfeststellung war die Erforderlichkeit des Krieges: »Aber der Krieg muß da sein, die Fahnen müssen wehen, die Trompeten geblasen werden.« Durch Expansion sollten die Deutschen – von ihm gerne als »Germanen« tituliert – »Mitteleuropa« gründen, nachdem durch Drohung, Gewaltanwendung und Krieg die geplanten Ziele erreicht worden sind: darunter »die Herstellung eines von seinen Juden gesäuberten Polens«. Bereits 1853 schlug er die Ausweisung europäischer Juden überall auf dem Kontinent vor, insbesondere »die Verpflanzung der polnischen und österreichischen Juden nach Palästina«. Vor allem forderte er die Zurückdrängung des Zarenreichs um »einige fünfzig Meilen nach Mittelasien«. Das wäre, da eine Meile damals 7,5 Kilometer entsprach, eine Ostverschiebung um 375 Kilometer multipliziert mit x. In dem deutschtümelnden Horrorwerk dieses Autors finden sich Zeugnisse für das verheerende Vorhaben der Aufteilung und Ausschlachtung Rußlands, wie sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der konservativen Partei in Preußen erwogen wurden.

Gegen deren Pläne wandte sich Bismarck mit Schärfe, als sie an ihn herangetragen wurden. In seinen »Gedanken und Erinnerungen« sprach er sich gegen die »Denkschriften« aus, in denen es hieß: Preußen habe die Rolle »als Vorkämpfer Europas« zu ergreifen, »die Zerstücklung Rußlands« zu betreiben, dem Zarenreich die Ostseeprovinzen mit Einschluß von Petersburg sowie das »Gesamtgebiet der Republik Polen in ihrer größten Ausdehnung« zu entreißen und »die Zersetzung des Überrestes durch Teilung« zu vollenden.

Rassenkampf statt Klassenkampf

Verband sich bereits in den von Bismarck kritisierten »Denkschriften« sowie in der bellizistischen Publizistik und Trivialliteratur schon sehr früh die Kriegstreiberei mit dem Rassenvorurteil, so festigte sich dies Junktim Jahrzehnt für Jahrzehnt. Das ist an zahlreichen Veröffentlichungen aus dieser Ära nachzuvollziehen.

Es läßt sich sogar an einem einzigen Ausdruck erweisen, dem Lexem »Rassenkampf«. Im Dezember 2013 erinnerte der Historiker Klaus Wernecke daran, daß 1913 in der Deutschen Arbeitgeber-Zeitung, im Zusammenhang mit dem »Schlagwort vom Kampf der Slawen und Germanen« die folgende Sentenz stand: »Nicht Klassenkämpfe, die Marx und seine Anhänger wollen, sondern Rassenkämpfe machen den wichtigsten Inhalt der Geschichte aus.« 17 Wörter als Essenz einer kompletten »Weltanschauung« mit drei Säulen: 1. »Rasse« als höchster Begriff der historischen Prozesse; 2. die quasinaturgesetzliche Imagination von »Rassen« als einander verfeindete; 3. der Ersatz der Lehre von Marx durch den Rassenwahn. Dem Rassismus fällt somit die Aufgabe zu, künftige Kriege zu legitimieren. Vorgesehen sind die Mißhandlung und sogar Ausrottung kleinerer Nationen anderer »Rassen«, vor allem aber die Zertrümmerung Rußlands.

20 Jahre vor der Entfachung des Weltenbrands Nummer eins hieß es in den Blättern des Alldeutschen Verbands (1894): »Der alte Drang soll wieder lebendig werden. Nach Osten und Südosten müssen wir Ellbogenraum gewinnen, um der germanischen Rasse diejenigen Lebensbedingungen zu sichern, derer sie zur vollen Entfaltung ihrer Kräfte bedarf, selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken (…) ihr für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten.« Weitere 20 Jahre später war der Rassismus längst etabliert und von den höchsten Instanzen des Reichs aufgenommen worden, den Kaiser eingeschlossen. Das belegt etwa eine der Randnotizen Wilhelms II. (1912): »Cap. 2 der Völkerwanderung ist geschlossen. Cap. 3: kommt der Kampf der Germanen gegen Russo-Gallien um ihre Existenz. Das kann keine Conferenz mehr lindern, weil das keine große politische, sondern eine Rassenfrage ist. (…) Denn es handelt sich um Sein oder Nichtsein der germanischen Rasse in Europa.«

Die Vorstellung vom Wesen des Krieges, die hier zum Vorschein kommt, leitet sich von einer Anthropologie und einer Geschichtssicht ab, wie sie nach 1848 entwickelt wurden. Deren einflußreichster Urheber, dessen Sichtweisen in vielen Ländern Fuß faßten, war Joseph Arthur Graf de Gobineau (1816–1882). Sein mehrbändiges Werk, womit er dem Rassismus ein pseudowissenschaftliches Fundament zu verleihen dachte, ist der »Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen« (Essai sur l’inégalité des races humaines, 1853/55). In Deutschland sprach der Gobineau-Übersetzer und -Apostel Ludwig Schemann von der »Größe einer Cultur, deren innerste Seele das Germanenthum gewesen« sei. Da dies inzwischen aber von der Mehrzahl der europäischen Nationen preisgegeben worden sei, falle dem Reich eine solitäre Rolle zu: »Bleibt für unser Hoffen vor Allem unser Deutschland, nicht das auf Zeiten in die Grenzen eines Reiches eingedämmte, sondern jenes Alldeutschland, das, von der unwiderstehlichen Bewegung des Jahrhunderts, welche die Völker immer mehr nach wenigen großen Gruppen einander gegenüberstellt, mit fortgerissen, Ernst damit gemacht hat, die Nationalität auf die Race zu begründen (…).« Auch dieser Verfasser verband den Rassismus mit der Idee der Expansion Deutschlands (»nicht in die Grenzen eines Reiches« eingedämmt!). Die Verbrechen des deutschen Faschismus in den zwölf Jahren seiner Herrschaft belegen, was es besagt, »die Nationalität auf die Rasse zu begründen«.

Herrschaftsinstrumente

In der Forschung zur Trivialliteratur gab es einen markanten Höhepunkt im Gefolge der sogenannten APO, der außerparlamentarischen Opposition, und Studentenbewegung um 1970. Damals verwarf Rudolf Schenda den Begriff, um ihn durch folgende Definition zu ersetzen: »Die massenhaft verbreiteten Lesestoffe«. Diese seien aber »Herrschaftsinstrumente, die teils didaktisch, indoktrinierend, teils therapeutisch, beruhigend operieren«.

Wer waren deren Hersteller in der Spanne vom Kaiserreich bis 1945? Neben Gelehrten wie dem Professor für Recht und Rechtsgeschichte Felix Dahn, Journalisten wie dem Germanisten Ludwig Ganghofer und allerlei Schreibenden aus verschiedenen Berufen, dazu nicht wenigen Frauen eine weitere große Gruppe: ehemalige Offiziere. Ein seinerzeit erfolgreicher Autor, Rudolf Stratz (1864–1936), einstmals Offizier im Darmstädter Leibgarde-Regiment, berichtete in seinen Erinnerungen unter dem Titel »Schwert und Feder« (1925): Aus dem Offizierkorps sei eine beachtliche Menge von Schriftstellern hervorgegangen. Er benannte Ernst von Wildenbruch vom Ersten Garderegiment, Georg von Ompteda von den Großenhainer Husaren, Joseph von Lauff, einen Fußartilleristen in Köln u.a.

1913 veröffentlichte ein österreichischer Exhaupt­mann, Rudolf Hans Bartsch, seinen Roman mit dem harmlos klingenden Titel: »Die Geschichte von der Hannerl und ihren Liebhabern«. In einer Anrede an einen ihrer politisch einflußreichen Galane bemerkt darin die Titelfigur über die Offiziere der österreichischen Armee: Diese seien »deine oder anderer großer Herren Werkzeuge. Aber das Leben, das freieste, frischeste, kühnste Leben haben doch sie in Händen.« Wer den Krieg braucht, braucht das Lob seiner Werkzeuge. So zieht sich das Lob des Krieges und der Krieger jahrzehntelang durch die deutschsprachige Buchproduktion (z.B. von Ernst Jünger, Bruno Brehm, Edwin Erich Dwinger). »Henrik Herse« war das Pseudonym von Friedrich Hahn, einem SS-Obersturmführer, von dem 1939 der Roman: »Die Schlacht der weißen Schiffe« erschien. Darin kehrt mit dem Schlüsselwort »das neue Reich« die alldeutsche Phantasie Schemanns wieder, mit den bekannten zwei Elementen: dem rassistischen sowie dem bellizistischen: »Ein nordisches Reich, davor die anderen sich sollen beugen lernen!«

Antisemitismus

Der Rassismus in Form des Antisemitismus nahm in der Dichtung seinen Anfang um 1815. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Verneinung der Ehe zwischen jüdischen und nichtjüdischen Liebesleuten. In dem Erfolgsbuch »Ivanhoe« (1819) von Walter Scott steht der Held, Wilfred von Ivanhoe, zwischen zwei Mädchen, der Lady Rowena und der bezaubernden Jüdin Rebecca. Obwohl stärkere Liebe ihn mit Rebecca verbindet, schließt er die Ehe mit der Lady. Der konservative Autor bediente sich dabei eines Tricks: Die Aussage, zwischen Christen und Juden klaffe eine unüberwindbare Kluft, legt er Rebecca in den Mund: » (…) uns trennt ein Abgrund. Unsere Erziehung und unser Glaube verbieten uns, ihn zu überschreiten«. Sie wird mit ihrem Vater England verlassen, denn dies sei »kein sicherer Aufenthalt für die Kinder meines Volkes«. Ein deutscher Verfasser historischer Romane, Carl Spindler, Scott-Nachahmer, übernahm 1827 in seinen mehrbändigen Roman: »Der Jude« die Figurenkonstellation. Auch sein Held, Dagobert, steht zwischen zwei Mädchen, der etwas farblosen, weniger geliebten Regina und der liebenswürdigen Jüdin Esther, entscheidet sich aber für die erste, während Esther verzichten muß. Wiederum operiert ein konservativer Autor mit dem Trick: Die Jüdin selbst muß die Unmöglichkeit ihrer Verbindung mit dem Christen verkünden. Der Übertritt zum Christentum durch den Taufakt würde nichts nützen (wohinter sich die rassistische Parole verbirgt: einmal Jüdin, immer Jüdin). Spindler läßt Esther »einsehen«, »hätte sie auch erschlichen durch die Taufe das Bürgerrecht in diesem Hause«, sie wäre »dennoch immer darin geblieben (…) eine Fremde«. Gleich Rebecca wählt sie die Auswanderung. Die Infamie der Autoren besteht darin, den Verzicht und das Exil als selbstbestimmte Handlungsweise der Frauen erscheinen zu lassen. In Wahrheit sind beide das Opfer des Tuns der Menschen, die ihnen die Selbstbestimmung nahmen.

In anderen Schriften tritt der Rassismus auffälliger hervor. In dem Roman »Ein Kampf um Rom« von Felix Dahn streitet der junge Hildebrand mit aller Tapferkeit auf römischer Seite gegen die Goten, bis ihn diese gefangennehmen. Er wird vor ein Sondergericht gestellt, wo er protestiert: »Ich bin Römer, kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin, die edle Cloelia. (…) Tötet mich, ihr könnt es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.« Dem tritt sein Großvater, der alte Waffenmeister Hildebrand, entgegen: »Elender! (…) du bist eines gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du, schon dafür zu sterben.« Er verurteilt den Enkel zum Galgen und läßt das Urteil ausführen, was er mit der Warnung begleitet: »So geh’ es jedem, der seines Volks vergißt.« Hier herrscht ein menschenfeindliches Verständnis von »Volk«. Das wird bereits im ersten Kapitel deutlich, in dem Dahn seinen Begriff »Volksliebe« als Leitprinzip vorstellt: »Sie bleibt allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen, darinnen alle andre Glut erloschen«. Erloschen sein soll insbesondere der Begriff der Menschenliebe, wie er in der Literaturgeschichte bei Lessing, Herder und Heinrich Heine aufscheint, und so ist Dahns Prinzip ein Anschlag auf den Humanismus der deutschen Klassik.

In seinen oben schon erwähnten Überlegungen zur Zeit der Weimarer Republik, die Massen zu »infizieren«, wollte Paul Fechter in erster Linie Dahns Roman den breiten Bevölkerungsschichten aufnötigen, besonders den Heranwachsenden. Weshalb? Um der Propagierung der darin enthaltenen Geschichtssicht willen (der Germanomanie): Es sei eines der wichtigsten Bücher, »weil immer noch eines der besten und sichersten Mittel (…), in jungen Menschen den Grund zu einer lebendigen Beziehung zu unsrer deutschen germanischen Vergangenheit zu legen«. Zugleich ist es ein Buch, in dem der Autor den »Griff nach der Weltmacht« in historischer (germanischer) Verkleidung vorwegnimmt: »Vom Nordland geht alle Kraft aus – dem Nordvolk gehört die Welt.« In einem eingefügten Lied wird der »Hammergott« Thor gepriesen: »Wir sind von des Hammergottes Geschlecht / Und wollen sein Weltreich erben.« Um ein solches ging es tatsächlich – allerdings das der Briten.

Dehumanisierung und Krieg

Was ist mit Kriegen, die wegen Landraubs geführt werden, um der Wegnahme fremden Landes willen? Dahn singt das Hohelied des Stärkeren und der Gewalt. Ein gotischer Knabe befragt zweifelnd seine Mutter Rauthgundis, ob der Vater Witichis ein »Räuber« sei. Sie beruhigt ihn: » (…) es ist nicht wahr. Gestohlen hat’s der Vater nicht. Aber offen genommen, weil er besser war und stärker als die Welschen. Und alle starken Helden haben’s immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am allermeisten.« Wie klar herauszuhören, eignet der Bezeichnung der Italiener als »Welschen« eine eindeutig pejorative Tönung (in dem Roman durchgängig).

Ist bei Dahn die Apologie des Krieges in eine weit zurückliegende Vergangenheit versetzt, in die Zeit der Völkerwanderung und gotischen Landnahme, so in Bartschs »Hannerl«-Roman von 1913 ganz konkret in die Gegenwart – die vor dem ersehnten Weltkrieg: »In dem sind wir alle einig. Wir müssen den Krieg haben.« Deutsche Offiziere rühmen die österreichischen Soldaten: »Mit denen zusammen reißen wir Europa in Fetzen (…).« Das Zerfetzen bleibt allerdings nicht das letzte Wort. Denn in schattenhaftem Umriß wird eine Neuschöpfung, das »Mitteleuropa« der deutschen und österreichischen Kriegsbefürworter sichtbar: »ein Riesenreich von der Nordsee bis an die Adria – bis nach Saloniki vielleicht.« (Unverkennbar vom Umfang der späteren EU.)

Selbst der trivialen Bergsteigererzählung, der man in dieser Hinsicht wohl eine gewisse Arglosigkeit zuschreiben möchte, konnte eine Funk­tion bei der Kriegsvorbereitung zukommen. Georg Freiherr von Ompteda veröffentlichte im Jahre 1909 seinen Roman »Excelsior!« mit dem Untertitel »Ein Bergsteigerleben«. Darin wird von einem jungen Alpinisten berichtet, der sein Leben der Kletterei widmet, unter Ausschluß der Frauenliebe. Wenn einer der Kameraden abstürzt, wird Omptedas Sprache kriegerisch: »Er fiel für uns.« In einer Trauerrede, gegen Schluß des Buchs, enthüllt der Autor die Absicht, die er verfolgte: »Er sagte immer, wir Deutsche sollten unsere Jugend erfüllen mit männlichem Geist, für die Kriege, die uns nicht erspart bleiben werden. Dazu seien die Berge das beste Erziehungsmittel. Denn der Wille ist es, der Männer schafft. Der Wille, Kameradschaft und Treue zu halten.«

Einer der meistgelesenen Trivialautoren war auch Joseph von Lauff, ein Freund Wilhelms II. Er legte 1932 seine Autobiographie vor: »Spiegel meines Lebens«, worin er mit Blick auf das Ende des Weltkrieges die deutsche Armee feierte: »Wir sind nicht besiegt! Auf allen Schlachtfeldern, gegen eine zehnfache Übermacht blieben wir Herren, nicht Knechte, den Stahlhelm über, den Sturmriemen untergezogen (…).« Was demnächst (erneut) kam, sah er nicht voraus, und so klagte er denn 1932: »Die blutsfrohe Volksgemeinschaft ist von uns genommen. (…) Das deutsche Volk (…) mit dem zersetzenden Schlagwort ›Nie wieder Krieg‹ gräbt es sich höchsteigen die Grube.«

Kurze Zeit, nachdem jene Zeilen gedruckt worden waren, trat jene »blutsfrohe Volksgemeinschaft« dennoch wieder auf den Plan und etablierte sich mitnichten als frohe, jedoch als blutigste, die in der Geschichte der Menschheit jemals erschien. Nicht mit der Beherzigung des Schlagworts »Nie wieder Krieg!« grub sie sich »höchsteigen« die Grube, sondern mit dessen Verachtung. Sie verfiel dem Zorn so vieler anderer Nationen, ehe es der Antihitlerkoalition mit Aufbietung aller Kräfte, nach großen Mühen und durch Hinopferung zahlreicher Kämpfer gelang, dem wüsten Treiben jener »blutsfrohen« Eroberer und Henker Einhalt zu gebieten.

Wolfgang Beutin ist Literaturwissenschaftler und Privatdozent an der Universität Bremen.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/03-14/019.php