21. März 2013

Die Potsdamer Hochzeit

Hitler und Hindenburg am 21. März 1933: Hochzeit zwischen zweitem und Drittem Reich – das Glockenspiel läutet schon wieder - Fotoquelle: jW-Archiv

Heute vor 80 Jahren: In der Garnisonkirche wächst zusammen, was ­zusammengehört

Otto Köhler

Es war ein schwerer Weg, bis Deutschland endlich frei wurde. Und ein langer. Das Dritte Reich, das dem Zweiten folgte, war am 30. Januar 1933 noch lange nicht ausgebrochen. 50 Tage voller harter Arbeit brauchte es noch, bis am 21. März in Oranienburg das erste Konzentrationslager für Kommunisten eröffnet wurde. Und bis zugleich in Potsdam der Segen des Allmächtigen ruhte über dem Händedruck zwischen dem einfachen Gefreiten und dem Feldmarschall. Damit hatte sich das zweite mit dem völlig neuen Dritten Reich vermählt, die Gegenrevolution über das bißchen Republik der Zwischenzeit gesiegt.

Niemand kannte den langen und mühsamen Weg, der in die Garnisonkirche führte, besser als der bedeutende deutsche Schriftsteller Eberhard Wolfgang Möller (»Rothschild siegt bei Waterloo«), der 1938 im Zentralverlag der NSDAP das fundamentale Werk »Der Führer« schrieb. Gedruckt mit einer Halbmillionenauflage, vermittelt dieses kostbare Buch die korrekte Sicht auf den Tag von Potsdam und auf den harten Kampf, den Adolf Hitler führen mußte, bis es endlich soweit war.

Als er sich entschloß, Politiker zu werden, war der alte Feind lange schon wieder da. Möller: »Man hat ein Protokoll und den eingehenden Bericht eines Chronisten, daß der ewige Jude das letzte Mal leibhaftig vor fünfhundert Jahren in Bremen gesehen worden ist.« 1918, als der Dolchstoß gesetzt wurde, kam Ahasver zurück: »In München, der Stadt der Heimatliebe, trat der Heimatlose zum zweiten Male auf. Dort saß er in der Gestalt des Juden Kosmanovsky, genannt Eisner, am Tag der Revolte im Sitzungssaal des Landtages auf dem Platz des Präsidenten (…). Über sein zeitlos uraltes Gesicht, auf dem der trockene Schimmel der Jahrtausende lag, zog sich das dürre Wurzelgestrüpp der Haare und des Bartes, der wie ein Rattennest voll Bröseln, Staub und Filz war.« Eisner bekam, was er verdiente: »Einer sprang ihm (…) auf offener Straße beherzt entgegen, ›ein toller Graf‹, wie der amtliche Bericht sagt, und schoß ihn nieder.«

Indes: »Der ewige Jude, einmal vergeblich aus dem Leben gescheucht, stand überall in neuen Gesichtern auf. Bald hieß er Liebknecht, war ein windiger und dickfelliger Parlamentsschwätzer, bald war er eine krumme ältliche Hexe Rosa Luxemburg mit wüstem strähnigem Haar und einem zu großen bösartigen Kopf.«

Sie wurden erledigt. Aber es hörte nicht auf. 14 Jahre lang mußte der deutsche Mensch gegen den Juden kämpfen: »Rathäuser wurden gestürmt, Rattennester gesäubert, käufliche Lumpen umgelegt, so wie ein Jahr zuvor schon der seifige Hehler Erzberger und der gefühllose Erfüllungsjude Rathenau. Es waren Einzelaktionen, aber sie zeigten, wie es unter der Lava, der schwarzen Schlackenschicht der offiziellen Friedlichkeit kochte und Blasen trieb. Ein Heizer hätte nur zu kommen brauchen, ein entschlossener Hephästos, der die Öfen dieses Vesuvs kunstgerecht gespeist und geschürt hätte, und ein ungeheurer Ausbruch wäre die Folge gewesen. Der Führer sprach das aus. Er wußte, daß er dieser Heizer war.«

Dieser Heizer stand nun, heute vor 80 Jahren, über dem Sarkophag des Großen Friedrich vor dem Feldmarschall, und der wortgewaltige Eberhard Wolfgang Möller, bald schon SS-Obersturmbannführer und Chef der Theaterabteilung im Ministerium für Volksaufklärung, blickte später zurück: »Die Welt sah ferner, daß zwischen dem 30. Januar und dem Tag von Potsdam sich überhaupt erst das vollzogen hatte, was die einen die ›Machtübernahme‹, die anderen die ›nationale Revolution‹ und die dritten den ›Umsturz‹ nannten. Niemand hatte es für möglich gehalten, daß diese ungeheuerliche, völlige Verwandlung überhaupt, und wenige, daß sie so schnell durchgeführt werden könnte. Denn mit dem Regierungsantritt der Führers hatte sich im Grunde, äußerlich gesehen, noch nicht viel geändert.«

Vorwärts mit Gott

Im Innern aber der Macht, die ihm am Vormittag des 30. Januars der Reichspräsident verliehen hatte, änderte sich in den 50 Tagen bis zur feierlichen Trauung Hitlers mit Hindenburg in der Potsdamer Garnisonkirche alles.

»Und nun, meine Herren, vorwärts mit Gott!« befahl der 85jährige Feldmarschall, als er zwischen elf und zwölf das Kabinett Hitler vereidigt hatte. Ein willkommener Befehl: »Gott mit uns« stand auf den Koppelschlössern der kaiserlichen Truppen, der Reichswehr und später auch – mit appliziertem Hakenkreuz – der Wehrmacht. So fand sich der neue Reichskanzler schon am dritten Tag nach seiner Ernennung bei den Generalen der Reichswehr ein. Damals diente der Fahnenjunker Gerhard Wessel – aber das ist ein völlig unmaßgeblicher Hinweis auf etwas allzu Künftiges – im Ulmer Artillerieregiment 5 der Reichswehr. Im Bendlerblock zu Berlin aber, wo die Reichswehrführung den Neuen empfing, fanden die hohen Militärs ihn zunächst noch etwas linkisch und unbeholfen. Aber, was Hitler ihnen zu sagen hatte – alle Achtung!

Schon sein Eingangsstatement entzückte. »Die Demokratie ist eine Utopie, sie ist unmöglich«, sie ist »das Verhängnisvollste, was es gibt«, eröffnete Hitler den Generälen, Demokratie finde »weder in der Wirtschaft noch in der Wehrmacht« Anwendung. Und für den Staat sei sie »erst recht nicht brauchbar«. Sein Ziel sei die »Wiederherstellung der deutschen Macht«. Wegen der »Vergiftung der Welt durch den Bolschewismus« sei die europäische »Herrenrasse« im allgemeinen und diejenige Deutschlands im besonderen aufs höchste bedroht. Rettung gebe es nur durch eine »Ausweitung des Lebensraumes des deutschen Volkes«. Expansion. Krieg.

Und ganz wichtig: »Es kann und darf nur einer befehlen, für diese Idee arbeite ich seit 1918.« Auch das sahen die Generäle ein. Widerstandslos ließen sie sich eineinhalb Jahre später nach Hindenburgs Tod auf den »Führer des deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler« persönlich vereidigen.

Aufbrennen lassen

»Wir gehen an die Arbeit (…) Der bolschewistische Revolutionsversuch muß zuerst einmal aufflammen. Im geeigneten Moment werden wir dann zuschlagen«, steht unter dem 31. Januar 1933 nach einem Gespräch mit Hitler im offiziellen Goebbels-Tagebuch (»Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei«), 1934 ebenfalls vom Zentralverlag der NSDAP veröffentlicht. Die Originalkladde sagt es ganz deutlich: »Kaiserhof mit Hitler. Terror der Roten besprochen. Vorläufig noch keine Gegenmaßnahmen. Erst aufbrennen lassen«.

Eine Woche, bevor es aufbrannte, hatte Hitler noch ein anderes entscheidendes Treffen. Reichstagspräsident Göring hatte in sein Palais gegenüber dem Reichstag eingeladen. Die Herren der Großindustrie waren gekommen, um sich anzuhören, was der neue Reichkanzler ihnen zu sagen hatte (siehe jW-Thema vom 20.2.2013). Das war sehr angenehm. Es sei ein Ding der Unmöglichkeit, so versicherte ihnen Adolf Hitler, daß »ein Teil des Volkes sich zum Privateigentum bekennt, während ein anderer Teil das Privateigentum ableugnet«. Solch ein Kampf zerreiße das Volk, seine Kraft verzehre sich dann völlig und könne »infolgedessen auch nicht nach außen wirken«.

Wir müssen bald zu einer Entscheidung kommen, sagte der Führer. Die Menschen seien »nichts weniger als gleichartig und wenn die Menschen nicht geführt werden, fallen sie in den primitivsten Urzustand zurück«. Das eine konnte er schon versprechen, und die Herren hörten es gern. »Wir stehen jetzt vor der letzten Wahl. Sie mag ausfallen, wie sie will, einen Rückfall gibt es nicht mehr, auch wenn die kommende Wahl keine Entscheidung bringt.« Da dankte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach in aller Namen aber sehr, denn es war »höchste Zeit, endlich einmal in Deutschland Klarheit in den innenpolitischen Fragen zu schaffen«.

Und bevor der ehemalige und künftige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht befahl: »Und nun meine Herren an die Kasse« (über zwei Millionen kamen zusammen), ergriff Gastgeber Göring das Wort, versprach noch einmal, daß die Wahl am 5. März die letzte sicherlich innerhalb von zehn Jahren, voraussichtlich aber in 100 Jahren sei. Und dann sprach der Reichstagspräsident, aus dessen Palais auch noch eine Woche später ein dunkler unterirdischer Gang in den Reichstag führte: »Ohne Zweifel haben wir Nationalsozialisten die meiste Arbeit zu leisten, denn wir müssen mit unseren SA-Leuten in die dunkelsten Quartiere der Großstädte vordringen.«

Und so geschieht genau sieben Tage später ein »unvorhersehbarer Zufall«. Das lehrt der Historiker Hans-Ulrich Thamer in der Bundeszentrale für unsere politische Bildung. Der Reichstag brennt. Am Abend, nach 21 Uhr (siehe jW-Thema vom 27.2.2013). Görings Vertrauter Rudolf Diels, schon bald sein Schwager und Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), hat den unvorhersehbaren Zufall vorhergesehen. An alle Polizeidienststellen im Reich funkt er am Nachmittag, kommunistische Überfälle seien zu erwarten: »Geeignete Gegenmaßnahmen sind sofort zu treffen, kommunistische Funktionäre erforderlichenfalls in Schutzhaft zu nehmen.« Die Anweisung lag gegen 18 Uhr allen Polizeidienststellen vor, pünktlich um 21.05 Uhr brannte der Reichstag (und Springers Welt fälschte 80 Jahre später wieder einmal: Aus »sofort« wurde »nach der Wahl«, also vier Tage später und nicht einige Stunden vorher sollten die Festnahmen beginnen).

Goebbels notiert unter dem 27. Februar in seinem offiziellen Tagebuch zunächst: »Die große Propagandaaktion zum ›Tage der erwachenden Nation‹ ist nun in allen Einzelheiten festgelegt.« Zehn Sätze später widmet er sich dem Reichstagsbrand, der ihn und seinen Führer beim Abendessen mit Musik völlig überrascht habe. »Brandstiftung!«, erkennt er richtig. Es ist die Stiftung des Dritten Reichs.

Heute vor 80 Jahren wurde sie kodifiziert. »Der große Tag von Potsdam wird unvergeßlich sein in seiner historischen Bedeutsamkeit«, schreibt Goebbels am Tag danach in sein Tagebuch. »Hindenburg betritt mit dem Führer zusammen die Garnisonkirche.« Er verliest – »stark und gesammelt« seine Botschaft an den Reichstag und an das deutsche Volk: »Der Ort, an dem wir uns heute versammelt haben, mahnt uns zum Rückblick auf das alte Preußen (…). Möge der alte Geist dieser Ruhmesstätte auch das heutige Geschlecht beleben (…).«

Adolf Hitler antwortet: »Möge uns dann aber auch die Vorsehung verleihen jenen Mut und jene Beharrlichkeit, die wir in diesem für jeden Deutschen geheiligten Raum um uns spüren als für unseres Volkes Freiheit und Größe ringende Menschen zu Füßen der Bahre seines großen Königs.«

Und Goebbels notiert am Abend: »Am Schluß sind alle aufs tiefste erschüttert. Ich sitze nahe bei Hindenburg und sehe, wie ihm die Tränen in die Augen steigen. Alle erheben sich von ihren Plätzen und bringen dem greisen Feldmarschall, der dem jungen Kanzler seine Hand reicht, jubelnde Huldigungen dar.«

Des Feldmarschalls Hand dem Heizer, der die Lava zum Kochen bringt, damit sie die Schlackenschicht der offiziellen Friedfertigkeit endlich durchbricht. Dort in der Garnisonkirche, wo Preußens Könige modern, wo Friedrich im Sarkophag liegt, den sie den Großen nennen, weil er so viele mörderische Kriege geführt hat. Goebbels: »Nun klingen die Trompeten auf, der Reichspräsident steht auf erhöhter Estrade, den Feldmarschallstab in der Hand und grüßt Reichswehr, SA, SS und Stahlhelm, die an ihm vorbeimarschieren. Er steht und grüßt: über all dem liegt die ewige Sonne, und Gottes Hand steht unsichtbar segnend über der grauen Stadt preußischer Größe und Pflicht.«

Ein geschichtlicher Augenblick: »Der Schild der deutschen Ehre ist wieder reingewaschen. Die Standarten mit unseren Adlern steigen hoch. Hindenburg legt an den Gräbern der deutschen Preußenkönige Lorbeerkränze nieder. Draußen donnern die Kanonen.« Und sie werden erst aufhören zu donnern, wenn endlich nach zwölf Jahren die Stalinorgeln bei Potsdam einschlagen.

Joseph Goebbels hatte alles – reichlich wahrheitsgemäß – in sein Tagebuch zum »Tag von Potsdam« geschrieben. Nur den Generalsuperintendent Otto Dibelius – das war nicht recht und rächte sich – hatte er vergessen. Der predigte nach Hindenburg und Hitler voll freudigem Gehorsam aus dem Römerbrief: »Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?«

Hitler konnte nach dem Reichstagsbrand sein neues Parlament in der Garnisonkirche ohne Kommunisten und Sozialdemokraten eröffnen. Deren Abgeordnete wurden mühelos durch die Marschkolonnen von SA, SS, Reichswehr und Stahlhelm ersetzt. Nur die Parlamentarier der bürgerlichen Parteien waren erschienen. Sie fanden sich unter Braunhemden und den überlebenden kaiserlichen Generalen in ihrer alten Uniform wieder. Kronprinz Wilhelm trug das Kleid eines Totenkopfhusaren, Prinz August Wilhelm (»Auwi«) steckte in der braunen Uniform eines SA-Gruppenführers.

Die Weimarer Republik wurde zu Grabe getragen – ein symbolischer Akt: Potsdam statt Weimar, Soldatenkönige statt Goethe. Gleichwohl aber eine Zeremonie des Gottvertrauens, mit der Hitler dem Bürgertum, auch dem liberalen Theodor Heuß – der später der Nachfolgerepublik BRD als Bundespräsident vorstehen sollte –, zwei Tage später das Ja zum Ermächtigungsgesetz abrang. Der Tag von Potsdam, mit dem sich Hitler als legitimer Erbe der Hohenzollerndynastie und der preußischen Soldatentradition einführte.

Am nächsten Tag eröffnete auch das KZ Dachau. Der Völkische Beobachter meldete: »Hier werden die gesamten kommunistischen und sozialdemokratischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen, da es auf die Dauer den Staatsapparat zu sehr belastet, diese in den Gerichtsgefängnissen unterzubringen.«

Stolpes Keim

So wuchs vor 80 Jahren in der »Ruhmeshalle Preußens« einerseits und in den Konzentrationslagern andererseits zusammen, was zusammengehört. Die Garnisonkirche verbrannte 1945, und die Reste wurden 1968 gesprengt. Walter Ulbricht wollte das schäbige Überbleibsel einer unheilvollen Vergangenheit beseitigen, und das war gut so.

Doch dann wucherte in Potsdam – 57 Jahre nach 1933 – etwas zusammen, von dem man nie gedacht hätte, daß es zusammengehört. Manfred Stolpe, der Ministerpräsident des neugeschaffenen Bundeslandes Brandenburg verriet – nein, das ist unfair – er behauptete, was wirklich die Anhänger der »friedlichen Revolution« motiviert hätte: »Als der Turm der Garnisonkirche durch diktatorische Willkür im Jahr des Prager Frühlings stürzte, wurde der Keim in unsere Herzen gesenkt, dieses System nicht auf Dauer zu tragen. Wer unsere Tradition mit Füßen trat, konnte in diesem Lande keine Perspektive haben.«

Die Keime kamen aus einer ehemaligen SS-Kaserne in Pullach und aus einer Bundeswehrkaserne in Iserlohn. Dort arbeitete der Oberstleutnant Max Klaar seit 1985 gläubig an einer Vision, einem Spleen, der eben darum in diesem Deutschland Wirklichkeit werden konnte.

Sechs Jahre später – »ein großer Tag für Potsdam«, so die westdeutsche Verlegerin Friede Springer. An diesem 1. April 1991 ist die Vision lästige Realität geworden: Es gibt ihn wieder, den Lärm des neugegossenen Glockenspiels der alten Garnisonkirche. Jede halbe Stunde bimmelt da laut und aufdringlich »Lobe den Herren« abwechselnd mit »Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab«. Genauso wie schon 1933 für Hitler und Hindenburg die große Stunde schlug. Wiedereingerichtet hat die patriotische Ruhestörung der erwähnte Max Klaar, inzwischen Oberstleutnant im Verteidigungsministerium. Ziel seines Manövers: die »Rechristianisierung« der heidnischen Ossis. In »aller Klarheit«, soll das Gebimmel – das wünscht der Herr aus dem Verteidigungsministerium – den ostdeutschen Eingeborenen endlich wieder verdeutlichen, »wo oben und wo unten« ist.

»Üb immer Treu« – vom BND

»Ich bin für den Wiederaufbau der Garnisonkirche«, erklärte die Bundeskanzlerin, die aus dem Osten kam, »weil ich möchte, daß sie mit ihrer wechselvollen Geschichte zu einem Gedenk- und Denkort, zu einem Ort des Dialogs und der Besinnung wird.« Angela Merkel hat Recht. Da gibt es tatsächlich allerlei Besinnliches. Zwei Jahre vor jener »friedlichen Revolution«, die es der Bundeswehr ermöglichte, in die DDR einzumarschieren, die NVA zu entwaffnen und schließlich in Potsdam das ruhestörende Glockenspiel wiederaufzubauen, entstand in Iserlohn diese Urkunde:

»Dem Fallschirmjägerbataillon 271 wurde am Tag der Deutschen Einheit 1987 das wiederhergestellte POTSDAMER GLOCKENSPIEL in die treuhänderische Obhut übergeben. Das Bataillon möge das Geläut in Ehren pflegen, bis unser Deutsches Vaterland nicht mehr gewaltsam geteilt ist. Alsdann soll es die Glocken nach Potsdam stiften, dies ist ihr endgültiger Bestimmungsort. Das POTSDAMER GLOCKENSPIEL wurde damit zum Symbol für die Sehnsucht der Deutschen nach Wiederherstellung ihrer staatlichen Einheit in Freiheit. Mögen seine Melodien und ›Üb immer Treu und Redlichkeit‹ unser Volk begleiten auf dem Weg zu einem Deutschland der Einigkeit, des Rechtes und der Freiheit. So helfe uns Gott! Gegeben am 17. Juni 1987 im Jahr des 750jährigen Bestehens der Städte Iserlohn und Berlin. Im Namen der Spender: Gerhard Wessel – Generalleutnant a.D.«

Wessel, Gerhard? Wer? Richtig: Nachfolger von Reinhard Gehlen als Präsident des Bundesnachrichtendienstes in der ehemaligen SS-Kaserne von Pullach. Er ist der erwähnte Fahnenjunker aus der Reichswehr, der noch in Ulm stationiert war, als anno 33 seine Vorgesetzten sich Hitlers Eroberungspläne im Osten hocherfreut vortragen ließen. Im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion war Wessel schon Stellvertreter und im April 1945 Nachfolger von Reinhard Gehlen, dem Leiter der Spionageabteilung »Fremde Heere Ost«. Mit ihm trat er zum US-Geheimdienst über. Sie bildeten die »Organisation Gehlen«, dem Hans Globke unterstellten späteren Bundesnachrichtendienst (BND) (siehe jW-Thema vom 13.2.2013). Zur Unterminierung Ostdeutschlands hatte die Organisation Gehlen schon mit großem Eifer und vielen SS-Verbrechern beigetragen, lange bevor es dort ein Ministerium für Staatssicherheit gab. Zwischendurch war Wessel im »Amt Blank« am Aufbau der Bundeswehr beteiligt, wechselte zum Ständigen Militärausschuß der NATO und wurde von 1968 bis 1978 als Gehlens Nachfolger Präsident des BND.

Wer neben dem einstigen BND-Chef noch das Potsdamer Glockenspiel mitfinanzierte, ist in der Urkunde nicht vermerkt. Noch 1987 erschien in Koblenz die von – damals – Oberleutnant Max Klaar herausgegebene 68-Seiten-Broschüre: »Das Potsdamer Glockenspiel in Iserlohn. 17. Juni 1987. Tag der Deutschen Einheit«. Dieser Tag war mit einer Rekrutenvereidigung und der Übergabe des Potsdamer Glockenspiels an das Fallschirmjägerbataillon 271 verbunden. Das war ein Verein (»Klagt nicht, kämpft«) mit makaber preußischen Riten. Ralf Scholz von dieser Truppe postete am 16. November 2008: »Zum heutigen Volkstrauertag ein Glück ab auf unsere verstorbenen Kameraden.«

Es ist ein Programm. In Berlin wird das Schloß wiederaufgebaut, in dem Wilhelm II. sein Zweites Reich ins Ende führte. In Potsdam machen sich die Nachfolger von BND-Chef Wessel und Oberstleutnant Klaar an die Rekonstruktion der Preußischen Garnisonkirche, in der Hindenburg und Hitler gemeinsam das Dritte Reich eröffneten. Und die Familie Siemens – durch den Führer reicher geworden – spendete letztes Jahr eine Million. Der Wiederaufbau ist unumgänglich, denn der deutsche Soldat kämpft wieder, überall auf der Welt.

Kundgebung der Bürgerinitiative »Potsdam ohne Garnisonkirche« am heutigen 21. März, 17 Uhr, vor dem Rechenzentrum in der Breiten Straße in Potsdam

BU 10: Hitler und Hindenburg am 21. März 1933: Hochzeit zwischen zweitem und Drittem Reich – das Glockenspiel läutet schon wieder

BU 11: Friedrich Zwo raubte sein Preußen zusammen, Bismarck schuf durch Korruption und Krieg das ­Deutsche Reich, und Hindenburg hat schließlich Hitler gefreit

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/03-21/008.php