27. Januar 2014

Die Revolution erzieht

Der polnischen, russischen und deutschen Arbeiterklasse fest verbunden: Rosa Luxemburg

Aus »Gesammelten Werken«: »Freiheitskämpfe der Vergangenheit und Gegenwart«. Rede von Rosa Luxemburg am 17. März 1905 in Leipzig

In diesen Tagen erscheint im Karl Dietz Verlag Band sechs der »Gesammelten Werke« von Rosa Luxemburg. In diesem befinden sich 270 Texte aus der Zeit von 1893 bis 1906, die nachweislich bzw. sehr wahrscheinlich von Rosa Luxemburg verfaßt bzw. gestaltet worden sind. Aufgenommen wurden alle noch nicht in den Bänden eins bis fünf der »Gesammelten Werke« veröffentlichten Arbeiten, die mit Rosa Luxemburg unterschrieben sind bzw. für die sie von den Redaktionen der sozialdemokratischen Presseorgane und in Berichten der Polizei als Rednerin oder Autorin benannt wird. jW veröffentlicht, um wenige Textpassagen und einige Fußnoten gekürzt, vorab eine Rede vor sozialdemokratischen Arbeitern aus Anlaß des Jahrestages der bürgerlichen Revolution von 1848 vor dem Hintergrund der Russischen Revolution. Der Text erschien erstmals in der Leipziger Volkszeitung vom 25. März 1905.

Heute oder vielmehr morgen feiern wir die 57. Wiederkehr der deutschen Revolution, und wir feiern sie mitten in einer Revolution in Rußland. Aber gerade bei der Zusammenstellung der wichtigsten Momente in der vergangenen deutschen Revolution mit der heutigen russischen Revolution können wir uns am besten den Riesenschritt zum Bewußtsein bringen, den die internationale Revolution in der Zwischenzeit gemacht hat. Es besteht zwischen beiden Revolutionen eine merkwürdige Wechselwirkung. Das Zarentum hat 1848 eine verhängnisvolle Rolle gespielt; es war der sicherste Hort der Reaktion, und Karl Marx hat in seiner Neuen Rheinischen Zeitung, in der er die damalige Bewegung vom Standpunkt der linksradikalen Demokratie betrachtete, die Forderung des Kriegs mit dem zaristischen Regiment zum Grundton seiner Politik gemacht. Und Marx hatte recht, wenn er das deutsche Bürgertum vor die Alternative stellte: Entweder werdet ihr euch die Wiederkehr des Feudalismus gefallen lassen müssen, vielleicht gemildert durch einige bürgerliche Einrichtungen, oder ihr müßt die Revolution nach Osten tragen. Diese Stimme ist eine Stimme in der Wüste geblieben, nicht nur hat die deutsche Bourgeoisie dem Zarentum keinen Krieg erklärt, nein, schon am Tag nach der Revolution begann in Deutschland eine rücksichtslose Herrschaft der russischen Knute. Dieser Einfluß des Zarentums dauerte so lange, daß wir noch in letzter Zeit interessante Blüten erlebt haben, so den Königsberger Prozeß.1 Dieser Prozeß wird in der künftigen Geschichte der russischen Revolution ein denkwürdiges Moment des Verfalls sein. Freilich nicht nur des russischen, sondern des allgemeinen Verfalls; es hat sich dort ein Stück internationaler Fäulnis und speziell deutscher Fäulnis offenbart. Es war ein Wiederaufleben der heiligen Allianz. Das Ende war, daß der Königsberger Prozeß dazu führte, die scheußliche Allianz des offiziellen Deutschlands mit dem russischen Knutenregiment aller Welt zu zeigen: die deutschen Gerichte degradiert zu einer Exekutivbehörde der russischen Polizei, die deutschen Hochschulen zu Tummelplätzen russischer Spitzel, die deutschen Zollämter zu Unterabteilungen der russischen Gendarmerie, die Herren Minister Schönstedt und Hammerstein zu Kommissären des russischen Zarenregiments. (…)

Geistiger Verfall

Damals stand vor der ganzen Welt das offizielle Deutschland der furchtbaren Lächerlichkeit und Demütigung preisgegeben, so daß sogar wir »vaterlandslosen« Gesellen über die deutsche Schmach erröten mußten. Und wie verhielt sich damals der deutsche Liberalismus, die deutsche öffentliche Meinung? Es erhob sich keine einzige Stimme der Entrüstung; damals war die Sozialdemokratie die einzige Partei, die den Mut hatte, überall auf diese Schmach und Selbstentmannung hinzuweisen. Freilich als der Königsberger Prozeß der deutschen Reaktion nur eine bodenlose Erniedrigung seiner eignen Urheber gebracht hatte, als diese neue Auflage der heiligen Allianz zusammenbrechen mußte, hat der deutsche Liberalismus das Wort gefunden. Und jenes Verhalten der deutschen Liberalen, der deutschen Bourgeoisie im Königsberger Prozeß hat sich auch jetzt wieder bei der russischen Revolution gezeigt. Auf den ersten Blick möchte man fast erstaunt sein, wenn man so viele scharfe Kritik des Zarismus liest. Aber jeder Kenner der bürgerlichen Psychologie weiß sehr gut, daß hier nichts andres vorliegt als einfach eine Enttäuschung über die dem Zarismus bereitete Niederlage. Solange der Zarismus als eine zuverlässige Schutztruppe der Reaktion erschien, solange war der Liberalismus zu jeder Preisgabe seiner Würde bereit, und erst als es sich zeigte, daß dieser starke Koloß tatsächlich auf sehr schwachen Füßen stehe, war auch der deutsche Liberalismus bereit zur Entrüstung. Aber auch jetzt noch findet man, wenn man diese Kritiken verfolgt, das Bedauern über die Niederlage des russischen Zarismus. Es wäre so schön gewesen, wenn der Zar an jenem 22. Januar, als die Arbeiter vor das Schloß wallfahrten2, auf seine Ratgeber in den Mosse- und Scherlblättern3 gehört hätte, wenn er zu den Arbeitern hinausgezogen wäre und einige Worte geredet hätte, die das Volk, den großen Lümmel, nach Hause geschickt hätten. Es war ja immer nur ein »Mißverständnis«, wenn eine Revolution ausbrach, in Wirklichkeit war die Unfähigkeit der Vertreter des Zarismus schuld. Es hat noch kein Regiment gegeben, das so hirnlos, so gewissenlos gewesen wäre wie die Diebesbande, die jetzt an der Spitze der russischen Regierung steht. Lassalle hat einmal in einer seiner Reden an die Arbeiter gesagt: »Die herrschende Reaktion hat viel bessere Diener als Sie, meine Herren!« Das war eine Zeitlang richtig; die herrschenden Klassen können sich ihre Diener gut bezahlen; sie haben die bestbezahlten Diener. Es gilt dieses Wort auch noch für die Vertreter des Ancien régime vor der Französischen Revolution. Das Königtum konnte noch solche Männer wie Turgot und Necker ans Ruder stellen. Wenn wir an diese Leute denken, so müssen wir sagen: Damals war noch in der Regierung eine Schar von Männern vorhanden, die Talent und Wissen repräsentierte. Aber damit steht es in der Geschichte schlimmer und schlimmer; je mehr der Klassengegensatz sich entwickelt, je mehr sich alle Illusionen zerstreuen, um so weniger finden die herrschenden Klassen tüchtige Kräfte. Talent, Charakter und Geist fliehen ins Lager der Revolution. Wir sind in Deutschland von dem Fürsten Bismarck auf den schönen Bernhard mit dem Grübchen im Kinn und dem Büchmann unter dem Arm gekommen.4 Und wie ist es mit den Parteiführern geworden? Im Zentrum dominierte nach Windthorst der Pygmäe Lieber und jetzt der Zwerg Bachem. Ebenso beim Freisinn: statt Johann Jacoby Eugen Richter. Ebenso bei den Nationalliberalen. Dasselbe sehen wir in andern Ländern: Wir brauchen uns nur an Crispi, die Nasi in Italien und die Jammergestalten zu erinnern, die an der Spitze des offiziellen Frankreichs stehen. Der geistige Verfall der Regierungsmänner in Rußland ist aber beispiellos in der Geschichte. Und wir können uns wirklich fragen: Wie kommt es, daß das russische Regime sich so lange erhalten konnte, daß die russische Revolution als ein so verspäteter Nachzügler gekommen ist? Es ist damit ebenso gegangen wie mit der katholischen Kirche: Es war die Anpassungsfähigkeit an die kapitalistische Entwicklung, die dieser Macht eine solche Dauer gegeben hat. Damit ist das ganze Rätsel gelöst.

Kronprinzenliberalismus

Schon vor 50 Jahren hat ein blutiger Krieg die Existenz des Zarismus in Frage gestellt. Allein, damals gab es keine Klassen, die seine Erbschaft hätten antreten können, und Rußland selbst war noch gänzlich unentwickelt. Allein, bald hat es dieses Rußland, das noch ganz in den Banden des Feudalismus und des russischen Zarismus schmachtete, verstanden, in wenigen Jahren seine Grenzen dem Zufluß der kapitalistischen Ausbeutung zu öffnen. Die sechziger Jahre sind in der russischen Geschichte als eine Periode der liberalen Reformen ausposaunt worden. Damals wurde manches getan, um das mittelalterliche Rußland zu einem modernen Staat umzubilden. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft und damit die Grundlage für eine großartige Ausbeutung geschaffen. Der Zarismus sagte zu der Bourgeoisie: Bereichert euch! In den siebziger Jahren begann eine noch intensivere Entwicklung, so daß in den achtziger Jahren bereits eine physische Degeneration der Arbeiterschaft bemerkbar wurde. Hinter den Mauern eines raffinierten Schutzzollsystems wuchs die russische Industrie und machte so riesige Profite, daß ihre westeuropäi­schen Kollegen mit Neid auf diese Entwicklung sahen. Die Eisenindustriellen, die Baumwollindustriellen hatten solche Profite aufgehäuft, daß sie die halsbrecherischsten Kunststücke machen mußten, um die Bilanz zu verschleiern. Aber nicht verschleiern ließ sich das gänzliche Verkommen des russischen Bürgertums, das gänzliche Fehlen eines Liberalismus. Wir teilen ja nicht mehr die Illusionen, mit denen der Liberalismus zur Welt kam. Die heilige Dreieinigkeit von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hat sich ja längst, wie Karl Marx gesagt hat, entpuppt als die Dreieinigkeit: Infanterie, Kavallerie, Artillerie, und hinter dem schönen, großartigen Brillantfeuerwerk der bürgerlichen Phrasen ist längst die Klassenherrschaft der Bourgeoisie mit all ihren Scheußlichkeiten hervorgetreten. Aber das relative historische Verdienst des bürgerlichen Liberalismus, solange er revolutionär war, bestand darin, die Volksmasse zum politischen Kampf gegen die Reaktion erzogen zu haben. Noch im »Kommunistischen Manifest« sahen Marx und Engels in der politischen Zusammenfassung der Arbeiter in der ersten Zeit nicht das Werk ihrer eigenen Klassenbewegung, sondern das Werk der Bourgeoisie, die es im eigenen Interesse nötig hat, die Volksmassen zu schulen und sie gegen ihren Feind, den Feudalismus, zu führen. Auch in Deutschland hatte die Bourgeoisie, so feige sie war, doch die deutsche Arbeiterschaft bis zu einem gewissen Grade gegen das feudale Regiment aufzustacheln, zu gruppieren und zu organisieren gewußt. Nichts Ähnliches haben wir in Rußland. Es gibt zwar auch in Rußland einen sogenannten Liberalismus. Aber diese Spezies war der sogenannte Kronprinzenliberalismus, der von Gott in seinem Zorn geschaffen worden ist, um den Liberalismus recht verächtlich zu machen. Der russische Liberalismus hat mit einer fortschrittlichen, modernen bürgerlichen Klassenbewegung nichts zu tun, sein Träger ist nicht das industrielle Bürgertum, sondern der Adel. In Rußland ist der Adel in seinen mittleren Schichten viel aufgeklärter und gebildeter als die Bourgeoisie. Nicht als ob er ein Stürmer und Dränger wäre; seine Opposition ist vielmehr im letzten Grunde genommen von reaktionärem als von fortschrittlichem Charakter. Er wird gehegt von freihändlerischen Tendenzen; er ist die Opposition einer Klasse, die sich durch die hohen Schutzzölle beschwert fühlt. Der Adel sieht es nicht gern, wenn er die landwirtschaftlichen Maschinen und Werkzeuge, die Produkte der Industrie, um das Dreifache bezahlen muß. Dazu kommen noch die Interessen der in den Händen des Adels liegenden Selbstverwaltung, die auf Schritt und Tritt durch das plumpe bürokratische Polizeiregime geschurigelt wird, und die liberalen Interessen der städtischen bürgerlichen Intelligenz. Aus allen diesen Elementen wird jene lose Schicht zusammengesetzt, die man in Rußland Liberale nennt. Aber gerade dadurch, daß dieser Liberalismus eine adlige und intellektuelle Opposition und nicht eine kapitalistisch-bürgerliche Bewegung ist, hat er die politische Erziehung und Aufrüttelung der Arbeiterklasse versäumt. Der Liberalismus in Rußland hat nur das einzige Verdienst, daß er von Zeit zu Zeit, wenn ein revolutionärer Anlauf gegen den Absolutismus von sozialistischer Seite unternommen wurde, aufzuatmen wagte, ohne jedoch einmal den Willen zu einer Tat zu finden.

Terror aus Verzweiflung

Die Erziehung der Arbeiter blieb von Anfang an ein Werk der Sozialdemokratie Rußlands. Das kann nicht genug mit Nachdruck hervorgehoben werden; denn wir sehen jetzt in Rußland das erste Beispiel in der Geschichte der neuen Zeit, daß die politische und geistige Erziehung der Arbeiterklasse einzig auf das Konto der Sozialdemokratie kommt. Die heutige russische Revolution ist – insofern überhaupt bewußtes Eingreifen und politische Vorarbeit bei Revolutionen eine Rolle spielen – das Werk der Sozialdemokratie Rußlands.

Es war dies eine außerordentlich schwierige Aufgabe, und wir sehen auch, daß es ungeheuer schwer war, den sozialistischen Gedanken durch alle Irrwege zu führen. Im ersten Anfang erschien der russische Bauer als die berufene Klasse, um die sozialistische Revolution zu machen. Ende der siebziger Jahre entsteht eine Partei, die den Beruf hatte, ins Volk zu gehen, die Bauern aufzuklären, sich dort niederzulassen und die Bauern zum Kampfe gegen den Absolutismus zu rufen. Allein diese Bewegung der siebziger und achtziger Jahre war nur ein großer Mißerfolg. Nachdem die Sozialisten sich überzeugt hatten, daß es keine Macht der Erde gebe, die diese Bauern zu einer Revolution zu erziehen imstande wäre, haben sie den verzweifelten Entschluß gefaßt, durch den Terror den Absolutismus aus dem Wege zu räumen und dann das Volk zur Entscheidung seiner Geschicke zu rufen. Auch dies war ein Fehlschuß. Nachdem es den russischen Terroristen gelungen war, sogar den Zaren aus dem Wege zu räumen, erfolgte bald der Katzenjammer, und es stellte sich heraus, daß die Befreiung der Arbeiterklasse auch in Rußland nur das Werk der Arbeiterklasse sein könne. Aber auch diese Aufgabe erschien wieder als eine schier unlösbare Aufgabe. Das gänzliche Fehlen aller politischen Rechte, der Zustand, daß auf jedem Wort, ja auf dem geringsten Versuch, schwere, lange Kerkerstrafe, wenn nicht die Todesstrafe stand, schien jede Verbreitung der revolutionären Ideen auf diesem ungeheuren Gebiet unmöglich zu machen. Der russische Absolutismus hat es nicht verschmäht, auch aus der schmutzigsten Quelle, der nationalen Zwietracht, zu schöpfen; er hat Judenhetzen arrangiert, hat die Mohammedaner gegen die christlichen Armenier aufgehetzt, um den Kampf gegen sich selbst zu einem Kampfe innerhalb der Arbeiterklasse zu verwandeln. Nach 1872 gab es einen ganzen Sturm von Judenhetzen, und damals waren es sogar russische Arbeiter, die sich einreden ließen, der Jude allein sei die Ursache ihrer Unterdrückung. Auch die Verhetzung der Polen war ein Mittel, um den Absolutismus zu retten, ebenso der Armenier, der Finnländer, womit aber nur erzielt wurde, daß die Arbeiter aller dieser Nationalitäten einsehen und sich sagen mußten, wie Berta im Wilhelm Tell:

Es ist ein Feind, vor dem wir alle zittern,

Und eine Freiheit macht uns alle frei!

Klassenkampf als Tatsache

Hier hat nun die Sozialdemokratie Rußlands eingegriffen, hat überall die Unterdrückten vereinigt, sie hat ihr Werk getan, so daß wir bereits in den neunziger Jahren ganz andere Formen des Klassenkampfes in Rußland erlebten. So 1896 den Riesenstreik in Petersburg, wo eine reine ökonomische Frage die russischen Arbeiter veranlaßte, sich auf dem Wege des Streiks alle möglichen Vorteile zu erzwingen. Und in den neunziger Jahren sehen wir auch eine intensive sozialdemokratische Bewegung. Die Revolution, die wir jetzt sehen, hat eigenartige Formen angenommen, wie überhaupt jede Revolution die Formen annimmt, die ihrem jeweiligen Bedürfnis entsprechen, und auch der Zufall spielt eine Rolle. Derselbe Gapon5, der am 22. Januar mit dem Kreuz voran die Arbeiter zum Zaren führen wollte, hat anderntags erklärt: »Wir haben keinen Zaren mehr.« Eine solche rasche Erziehung erleben wir niemals in ruhigen Zeiten. Freilich diese Erziehung war bezahlt mit 2000 Leichen und 6000 Verwundeten, mit gemordeten Frauen, Kindern und Greisen. Die bürgerlichen Klassen haben eine heillose Angst vor der sozialen »Heugabel-Revolution«. Es hat sich aber auch hier herausgestellt, daß nicht das Volk, sondern die Reaktion zum Mord gegriffen hat, daß die Opfer nur auf seiten der russischen Proletarier gefallen sind. Die bürgerliche Klasse behauptet, daß die Sozialdemokratie den Klassenkampf säe und predige. Es hat sich in 24 Stunden gezeigt, daß der Klassenkampf nicht eine Erfindung ist, sondern eine Tatsache, die im Empfinden der bürgerlichen Gesellschaft steckt. Wir sehen jetzt durch ganz Rußland das Streikfieber gehen. Die polnischen Arbeiter haben nach dem 22. Januar erklärt: Das ist Fleisch von unserem Fleisch, was dort ermordet worden ist, und haben den Generalstreik proklamiert. Einen so absoluten Generalstreik haben wir noch nicht erlebt, und zwar ohne daß je zuvor eine Agitation für den Generalstreik stattgefunden hätte. Es war der intensivste Widerstand, der dem Zarismus geleistet werden konnte. Jetzt haben wir alle möglichen partiellen Streiks, die sich auf alle Branchen verpflanzten; sogar Angestellte, Beamte, die Dienerschaft, die Hausknechte, die Schutzleute streikten. Die ganze bürgerliche Gesellschaft ist plötzlich in zwei Lager gespalten; zahlreiche Beamtenkategorien haben erst jetzt entdeckt, daß auch sie Proletarier sind. So hat diese Revolution den Boden eines proletarischen Klassenkampfes, was wir weder bei der Märzrevolution noch sonst bei einer Revolution erlebt haben. Dies ist die beste Garantie dafür, daß die Revolution fortleben und nicht ruhen wird, bis der letzte Rest des Absolutismus vertilgt ist. Wir wissen, daß 130 Millionen Einwohner zur Bauernschaft gehören; aber bereits jetzt haben wir Nachrichten von Erhebungen in den Bauernschaften. Diese Revolten sind dort eine ständige Erscheinung. Bestand doch die russische Bauernbefreiung darin, daß man den Bauern die schlechtesten Bodensorten gab, und zwar gegen Kauf. Die russische Regierung streckte das Geld vor, und der russische Bauer befand sich in den Händen der russischen Regierung. Sie haben bis heute noch nicht die Schuld getilgt. Bei vielen Bauern betrug diese Summe das Zwei- bis Dreifache ihres Einkommens. Als Folge stellte sich das Abschwärmen der russischen Bauern in die Industrie ein; zahlreiche Bauern wurden Industriearbeiter. Die russischen Bauern haben durch Hungersnot gelernt, was die Herrschaft des Zaren bedeutet. Heute ist diese Bauernschaft nichts anderes als eine Reserve der sozialen Revolution.

Es bleibt uns also zur Entscheidung über die Ansicht der Russischen Revolution nur noch die Frage, wie sich das russische Militär verhalten wird. Bisher hat sich dieses Militär ziemlich schmachvoll benommen; die russischen Horden haben sich nicht geweigert, auf das wehrlose Volk zu schießen. Ich glaube aber trotzdem, daß ein Umschwung eintritt, und ich erblicke eine Gewähr dafür in der Niederlage des Zarismus im Fernen Osten. In keinem Krieg ist bisher die eine Seite so konsequent geschlagen worden wie in diesem Kriege. Wie kommt es denn, daß Rußland es fertigbringt, eine Schlappe nach der andern zu erleiden? An dem russischen Soldaten liegt es nicht. Die Frage ist auch nicht aufgeklärt durch den bloßen Hinweis auf die im Heere herrschende Korruption. Die Korruption ist nichts als ein Zwillingsbruder des Militarismus selbst. Diese Korruption war auch in Frankreich, sie besteht auch in Deutschland. Wichtiger ist jener psychologische innere Verfall des Heeres, der sich immer bei einer verfallenden Gesellschafts- oder Regierungsform einstellt. Die Kluft zwischen Volk und Regierung bricht die innere Kraft auch des Heeres. Und die Schlappen der Zarenarmee im Felde sind das Symptom einer geistigen Verfassung im Militär, die bald auch zu seinem Versagen im Innern führt. Schon hat ein Regiment sich geweigert, auf das Volk zu schießen. Und bald wird die Zeit kommen, wo das russische Militär in seinem großen Teil dieselbe Antwort geben und die russische Revolution siegen wird. Und mit der weiteren Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft auch bei uns im Westen wird über kurz oder lang die Zeit kommen, wo das Militär auch hier dieselbe Antwort geben wird, wenn man es gegen das Volk senden wird, in dem Augenblick, wo wir eine Revolution auf deutschem Boden erleben. (…)

Anmerkungen

1 Vom 12. bis 25. Juli 1904 fand in Königsberg ein Prozeß gegen neun deutsche Sozialdemokraten statt, die wegen des Transportes illegaler, gegen den Zarismus gerichteter Schriften nach Rußland angeklagt wurden. Karl Liebknecht als einer der Verteidiger entlarvte vor allem die Zusammenarbeit der preußischen und russischen Geheimpolizei. Zusammen mit Hugo Haase, Ernst Fleischmann und weiteren Rechtsanwälten erreichte er, daß das Gericht am 25. Juli 1904 die neun Angeklagten von der Anklage des Hochverrats und der Zarenbeleidigung freisprechen mußte. Drei Angeklagte wurden wegen »Geheimbündelei« verurteilt.

2 Gemeint ist der Beginn der russischen Revolution, als am (9.) 22. Januar 1905 in St. Petersburg 140000 Arbeiter zum Winterpalais mit einer Bittschrift zogen, in der sie den Zaren um die Verbesserung ihrer Lebenslage ersuchen wollten. Die Demonstranten, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden, wurden auf Befehl des Zaren mit Gewehrsalven empfangen, über 1000 Menschen wurden getötet und etwa 5000 verwundet. Dieses Blutvergießen löste eine Welle von Proteststreiks und Bauernunruhen in ganz Rußland aus.

3 Gemeint sind das Berliner Tageblatt aus dem von Rudolf Mosse 1867 gegründeten Verlag und der Berliner Lokal-Anzeiger, der seit 1883 in dem von August Scherl gegründeten Verlag erschien.

4 Gemeint ist Bernhard Fürst von Bülow, von 1900 bis 1909 Reichskanzler.

5 Der russisch-orthodoxe Prieser Georgi Gapon entstammte einer jüdisch-ukrainischen Bauernfamilie, konvertierte früh zum Christentum und wirkte als Gefängnispfarrer. 1903 hatte er die Versammlung der Russischen Fabrikarbeiter in St. Petersburg ins Leben gerufen, die von der Geheimpolizei Ochrana unterwandert wurde. Dem Demonstrationszug der Petersburger Arbeiter am (9.) 22. Januar 1905 war er mit einer Bittschrift an Zar Nikolaus II. vorangeschritten, der die friedlich Demonstrierenden zusammenschießen ließ.

Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke - Band 6, 1893 bis 1906. Karl Dietz Verlag, Berlin 2014, 992 Seiten, 49,90 Euro * Herausgegeben und bearbeitet von Annelies Laschitza und Eckhard Müller. Mit einem Vorwort von Annelies Laschitza.

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