29. Juni 2013

Die Rottenknechte

Das Minensuchboot M 612 im Mai 1945: Elf Matrosen wurden »wegen militärischen Aufruhrs« standrechtlich erschossen - Fotoquelle: jW-Archiv

Ein Verbrechen, seine Geschichte und seine Enthüllung in der Jungen Welt 1967

Hugo Braun

Vor 46 Jahren enthüllte die Junge Welt in einer aufsehenerregenden Serie die Geschichte von dem Massaker an einer Gruppe kriegsmüder deutscher Matrosen, die noch nach der Kapitulation für Norddeutschland, Dänemark und die Niederlande dem Wahn des Hitler-Nachfolgers Karl Dönitz und seiner Marineführung zum Opfer fielen. Diese meinte, es könne nun mit den Westmächten weiter gegen die Sowjetunion gehen. DDR-Star-Regisseur Frank Beyer (»Nackt unter Wölfen«, »Spur der Steine«, »Jakob der Lügner«) machte daraus 1971 einen vielbeachteten fünfteiligen Dokumentarfilm für den Deutschen Fernsehfunk. Dieses Zeitdokument ist seit kurzem als DVD unter dem Titel »Rottenknechte« in die Buchhandlungen gekommen. Einer der Dokumentaristen, der Düsseldorfer Journalist Hugo Braun, schildert die zentrale Handlungsepisode und erinnert sich an die krimireife Recherche zu Zeiten des Kalten Krieges.

Kapitulation mißachtet

5. Mai 1945, Mitternacht. In der einsamen Möllebucht, anderthalb Kilometer nördlich der dänischen Hafenstadt Sönderborg, liegt der Minensucher M 612 vor Anker. Gefaßt steht der Maschinenmaat Heinrich Glasmacher im Bug. Bordscheinwerfer tauchen den blonden Matrosen im blauen Rollkragenpullover in ein fahles Licht. »Es lebe Deutschland!« ruft er mit unsicherer Stimme. Dann bricht er im Feuer des Exekutionskommandos zusammen. Hastig befestigen zwei Matrosen die schweren Grundgewichte an den Füßen des Toten und werfen ihn schweigend über Bord – zu seinen zehn Kameraden, die gleich ihm in dieser Stunde auf dem deutschen Kriegsschiff »wegen militärischen Aufruhrs« erschossen worden waren.

Doch seit 16 Stunden schon hätten hier im Norden alle Waffen schweigen müssen. Um acht Uhr war die Teilkapitulation in Kraft getreten und waren alle Kriegshandlungen verboten (siehe jW-Thema vom 20.5.2005). So setzten die mitternächtlichen Salven im Alsensund zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark den blutigen Schlußpunkt unter die einzige geschlossene Erhebung einer deutschen Marineeinheit gegen ihre Führung im Zweiten Weltkrieg.

Vor dem Auslaufen hatte die Mannschaft des Minensuchboots M 612 noch eine Durchhalterede des Chefs der 12. MS-Flottille, Kapitänleutnant Reinhard Ostertag, über sich ergehen lassen müssen: »Wir machen weiter trotz alledem. Wir sind jetzt das Freikorps Dönitz!« Er wurde später Flottillenadmiral der Bundeswehr und Kommandeur der Marineschule Mürwik.

Als am Morgen des 5. Mai entgegen den Kapitulationsbedingungen der Alliierten ein Befehl zum Auslaufen nach Kurland erging und die Hoffnungen auf eine baldige, unversehrte Heimkehr schwanden, setzte die Mannschaft unter der Führung des Maschinenmaats Heinrich Glasmacher in einem präzise geplanten Überraschungscoup die Offiziere fest und machte sich mit den Schiff auf den Weg nach Hause. Unterwegs veranlaßten zwei Schnellboote die Rückkehr nach Sönderborg. Dort wurde der Minensucher von Schnellbooten mit geöffneten Torpedoklappen umringt und von einem Offizierskommando besetzt.

Kurz darauf kam das Kriegsgericht an Bord. Augenzeugen bezeichnen die Verhandlung des Gerichts des Führers der Minenschiffe als pure Farce. Elf Matrosen wurden kurzerhand »wegen militärischen Aufruhrs« zum Tode verurteilt, vier weitere zu Zuchthausstrafen. Der Gerichtsherr und Führer der Minenschiffe, Hugo Pahl, bestätigte die Urteile umgehend und befahl ihre sofortige Vollstreckung. Die Erschießungen begannen spätabends um 23.35 Uhr. Zu zweit wurden die Delinquenten in den Bug geführt. Als letzter starb Heinrich Glasmacher allein.

Offiziere straffrei

Für die verantwortlichen Marineoffiziere war dieser brutale Mord an den elf jungen Matrosen auch noch Jahre nach dem Krieg eine »soldatische Handlung«. Der Exekutionsoffizier Kapitänleutnant Merkel enthüllte in einer richterlichen Vernehmung im Jahre 1946 in Hamburg den wahren Grund für diese Todesurteile. Er sprach von der Disziplin, die auch nach der Kapitulation aufrechterhalten werden mußte: »Ich bin mit mehreren LKW von Sönderborg nach Neukirchen gefahren, um den Troß des Stabes einsatzbereit gegen die Russen zu halten.« Und im Jahre 1967 rechtfertigte auch der Gerichtsherr, der ehemalige Kapitän Hugo Pahl, die Todesurteile, deren sofortige Vollstreckung er angeordnet hatte, mit den Worten: »Wir alle, von oben bis unten, Offiziere und Mannschaften, waren damals der Meinung, daß wir gemeinsam mit den Westmächten gegen den Osten weiterkämpfen sollten. Das war unsere einzige Chance gegen den Kommunismus, und das war auch das große Bestreben von Dönitz.«

Auch die Justiz in der Bundesrepublik sah das ähnlich. In der Abweisung eines Wiederaufnahmeverfahrens mit dem Ziel eines Freispruchs durch Angehörige eines der Opfer befanden die Richter des Landgerichts Lüneburg im Jahre 1969: »Die Verhängung der Todesstrafe beruht jedenfalls auf keinem Rechtsfehler.« Auch seien »die wesentlichen Verfahrensvorschriften beachtet worden«. Ein Freispruch wäre ohnehin nicht in Frage gekommen.

In der damaligen DDR nutzte die politische Führung den Widerstand der Matrosen von M 612 zur Pflege sozialistischer Militärtradition. So wurden per Tagesbefehl des Verteidigungsministers und in einem spektakulären militärischen Zeremoniell drei Minenräumboote der Volksmarine nach den erschossenen Matrosen benannt, die aus Ostdeutschland stammten. – In der Bundesrepublik tat man sich hingegen weiterhin schwer mit diesem Teil der Vergangenheitsbewältigung.

Spurensuche: Ein Kriminalfall im Kalten Krieg

Es war Anfang 1967 im Presseclub in der Berliner Friedrichstraße. Gerhard Stuchlik, Autor bei der Jungen Welt, war auf eine heiße Spur gestoßen. Da seien Matrosen erschossen worden noch am Tage nach der Kapitulation im Mai 1945, und ihre Mörder seien in der Bundesrepublik zu finden. Er überreichte dem in der BRD lebenden Journalisten Hugo Braun einen vergilbten Zettel, der in altmodischer Sütterlin-Schrift einige Namen enthielt. »Die meisten der Toten stammen aus dem Westen, drei sind von uns. Mach was draus, die Täter leben bei euch.« Die deutsch-deutsche Grenze war dem DDR-Journalisten bei seinen Recherchen im Wege.

Der erste Schritt der Spurensuche war erfolgreich. Im winzigen Dorf Dreilingen in der Lüneburger Heide war Heinrich Kölle noch voller Zorn auf die Schuldigen am gewaltsamen Tod seines Bruders Gustav. Er konnte die Liste der Erschossenen ergänzen.

Traurig war der Besuch im rheinischen Neuss bei den Eltern von Heinrich Glasmacher, dem Anführer des Matrosenaufstands. Sie hatten noch einen zweiten Sohn in diesem Krieg verloren, den sie für ein Verbrechen hielten und deshalb den Widerstand ihres Sohnes Heinrich rechtfertigten. Heinrich Glasmacher war in der katholischen Jugend groß geworden, und in seinem Elternhaus hatte die Naziideologie keinen Platz. Eine amtliche Nachricht vom Tode ihres Sohnes haben die Eltern nie erhalten.

Auch der Sohn des Feuerwerkshauptgefreiten Helmut Nuckelt aus Essen hat erst durch die Journalisten von den grausamen Umständen um den Tod seines Vaters erfahren. »Grüßt mir Frau und Kind« hatte der Gefreite seinen Kameraden auf dem Weg zum Erschießungskommando zugerufen. Diese letzten Worte seines Vaters erreichten ihn nun erst durch den recherchierenden Journalisten.

Dann führte die Suche ins dänische Sönderborg. Schon am Hafen wies jemand den Weg: Der Fischer Henry West hatte sieben der elf toten deutschen Matrosen geborgen. Sie waren in Uniform, an Händen und Füßen gefesselt. In sieben Totenscheinen beurkundete der Kreisarzt Dr. Sebbessen den Tod von »unbekannten deutschen Marinesoldaten. Todesursache Hinrichtung«.

Der ehemalige Matrosengefreite Franz-Josef Schulte gab in seiner Bäckerei neben dem erzbischöflichen Palais in Paderborn die genaueste und ausführlichste Schilderung dieser einmaligen Widerstandsaktion in der deutschen Kriegsmarine und ihres blutigen Ausgangs. Im Teil II des Dokumentarfilms kommt er ausführlich zu Wort.

Im jW-Shop ist die fünfteilige Serie auf 2 DVD erhältlich: Frank Beyer (Regie): Rottenknechte, DDR-Fernsehen 1971, Laufzeit: 330 Minuten, 19,99 Euro

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/06-29/007.php