26. Oktober 2013

Die Salò-Republik

Williger Befehlsempfänger der Nazis: Mussolini ordnete sich ohne jedwede Entscheidungsbefugnis über den Pseudostaat den deutschen Besatzern unter (1944) - Fotoquelle: Bundesarchiv Bild 101I-316-1175-16

Nach Mussolinis Sturz kreierte Hitler am 25. Oktober 1943 eine Marionettenrepublik. Der »Duce« wurde ihr Gauleiter

Gerhard Feldbauer

Italien war am 8. September 1943 aus der faschistischen Achse ausgeschieden und Nord- und Mittelita­lien wurde durch die Wehrmacht besetzt. Es gab zunächst, wie ­Joseph Goebbels in seinen Tagebüchern festhielt, die Absicht, Norditalien dem »großdeutschen Reich« einzuverleiben und die Reichsgrenze bis nach Venetien vorzuschieben. Hitler »begnügte« sich dann mit der Okkupation und der Einsetzung eines Marionettenregimes, um den Anschein einer Fortexistenz des Bündnisses zu erwecken.

Schon in der Nacht zum 9. September kündigten die nach Deutschland geflohenen Parteigänger des italienischen »Führers« Benito Mussolini die Bildung einer »faschistischen nationalen Regierung« an. Zu dieser Zeit bereitete SS-Sturmbannführer Otto ­Skorzeny unter dem Decknamen »Eiche« ein Kommandounternehmen zur Befreiung des von den Putschisten um Marschall Pietro Badoglio gefangengenommenen »Duce« vor. Mit der Operation hatte Hitler ihn bereits unmittelbar nach Mussolinis Sturz beauftragt. Skorzenys Agenten spürten den Aufenthaltsort des Gefangenen auf, der sich zunächst auf der Sträflingsinsel Ponza in der Seefestung La Maddalena auf Sardinien befand. Am 27. August wollte Skorzeny ihn bereits mit Schnellbooten befreien, erfuhr aber in letzter Minute, daß der Gefangene in ein Berghotel auf dem 2000 Meter hohen Gran Sasso in den Abruzzen nordöstlich von Rom abtransportiert worden war. Dort gelang es Skorzeny am 12. September, mit einem zwölfköpfigen Kommando die Wachen zu überwältigen und Mussolini in einem Fiesler-Flugzeug »Storch« nach Rom zu fliegen.

»Sozialer« neuer Staat

Am 15. September traf der gestürzte Diktator in Deutschland ein und gab zunächst nur die Neukonstituierung seiner Partei als eine faschistisch-republikanische bekannt. Am 23. September kehrte er in das von der Wehrmacht besetzte Italien zurück und bildete eine neue Regierung. Erst einen Monat später, am 25. Oktober, proklamierte er einen Stato Nazionale Repubblicano d’Italia, der am 1. Dezember 1943 in Repubblica Sociale Italiana – RSI (Italienische Sozialrepublik) umbenannt wurde. Die Namensänderung erfolgte auf der Grundlage der Entscheidungen des vom 14. bis 16. November in Verona tagenden Kongresses der als Partito Fascista Repubblicano wiederhergestellten Partei.

Mit der Benennung des Rumpfstaates als Republik kehrte Mussolini zu der 1922 bei der Machtergreifung fallengelassenen Forderung nach der Republik zurück und entsagte der Monarchie. Anknüpfend an die bei der Parteigründung 1919 verfolgte Demagogie eines »linken Faschismus« durch Mussolini als früheres Mitglied der Sozialistischen Partei wurde die soziale Demagogie neu belebt, so durch die Verkündung der Abschaffung des Kapitalismus und die »Sozialisierung« der Betriebe. Die Repubblica Sociale wurde als »ein Produzentenstaat« dargestellt, in dem die Arbeit »das Hauptprinzip der Wirtschaft und die Basis des Staates« sei. Für die Leitung der Wirtschaft wurden ein »Zentralausschuß für Sozialisierungsfragen« und ein »kooperatives Wirtschaftsministerium« angekündigt. Das Programm sollte die barbarischste Etappe der faschistischen Herrschaft in Italien unter dem Okkupationsregime der Hitlerwehrmacht verschleiern.

Kriegsminister wurde Marschall Rodolfo Graziani, der im Februar 1937 als Gouverneur und Vizekönig des als Kolonie eroberten Äthiopien in Addis Abeba 30000 Menschen ermorden ließ. Er reorganisierte die faschistische Miliz, deren Mitgliederzahl mit 100000 angegeben wurde. Für die italienische SS, die Camicie nere (Schwarzhemden), wurden 20000 Mann angegeben.

Entsetzliches Morden

Das Hitlerregime hielt weiter an weitreichenden Konsequenzen gegenüber Italien fest. Nach Kriegsende sollte, wie General Edmund Glaise von Horstenau in seinen Erinnerungen über ein Gespräch mit dem 1946 als Kriegsverbrecher hingerichteten Chef des Oberkommando der Wehrmacht, Feldmarschall Wilhelm Keitel, notierte, »dieser lächerliche, aufgeblasene italienische Imperialismus liquidiert« werden. Wie der renommierte Militärhistoriker der BRD Gerhard Schreiber in seinem Buch »Deutsche Kriegsverbrechen in Italien« (München 1996) schrieb, wurde in Hitlers Umgebung offen davon gesprochen, daß Europa nach dem Sieg von »Deutschland beherrscht« wird, die besiegten Länder »waschechte Kolonien« werden, die Bündnisstaaten »konföderierte Provinzen«. Selbst Mussolini wurde als Regierungschef der RSI bereits wie eine Marionette behandelt und von den Hitler-Größen intern als »Gauleiter von Italien« tituliert. Angesichts dieses Status der RSI waren nicht einmal die faschistischen Regimes in Spanien und Portugal bereit, sie anzuerkennen. Auch der Vatikan verzichtete darauf, einen Nuntius zu entsenden. Die Pläne, wie mit dem besetzten Italien verfahren werden sollte, zeugten nach der kriegsentscheidenden Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad von jeder Verkennung des militärischen Kräfteverhältnisses und einem anhaltenden Größenwahn.

Die Pseudorepublik mit Regierungssitz in Salò am Gardasee existierte als ein reines Marionettenregime, völlig der Herrschaft Hitlerdeutschlands unterworfen. Mussolini und der Rest seiner Salò-Faschisten ordneten sich trotz der ihnen bekanntermaßen zugewiesenen »minderwertigen« Rolle widerspruchslos unter. In der Außenpolitik, in militärischen Fragen, der Wirtschaft und sogar der Verwaltung hatte Mussolini keinerlei Entscheidungsbefugnisse, noch nicht einmal ein Mitspracherecht. Wichtige Operationsgebiete im Nordosten waren von Anfang an direkt den Gauleitern Hitlers in Kärnten und Tirol unterstellt.

In der Salò-Republik führten Wehrmacht, SS, SD, Gestapo und Sicherheitspolizei mit ihren italienischen Erfüllungsgehilfen – den Camicie nere und der Miliz – gegen die italienische Bevölkerung einen grausamen und erbarmungslosen Krieg. Für Geiselerschießungen, das Niederbrennen von Dörfern, Mord und Folter stehen als Beispiele die Ardeatinischen Höhlen bei Rom (335 durch Genickschuß ermordete Geiseln), die Gemeinde Marzabotto (1830 viehisch umgebrachte Bewohner) oder der Fall des SS-Henkers von Mailand, Hauptsturmführer Theodor Saevecke (verantwortlich für die Ermordung von über 2000 Juden und Widerstandskämpfern). Wie Schreiber festhielt, wurden in der Salò-Republik durchschnittlich – ohne die gefallenen Partisanen und regulären Soldaten einzubeziehen –, täglich 165 Kinder, Frauen und Männer jeden Alters umgebracht.

Der barbarische Terror unter dem Besatzungsregime machte auch vor italienischen Militärs und Mitgliedern der Königsfamilie nicht halt. Um sich an Vittorio Emanuele III. zu rächen, ließ Hitler dessen Tochter Marfalda von Savoyen in die deutsche Botschaft in Rom locken und festnehmen. Sie wurde in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, wo sie ums Leben kam.

Sündenbock Italien

Der Übertritt Italiens auf die Seite der Antihitler­koalition diente Hitler dazu, Italien zum Sündenbock für das sich abzeichnende Scheitern seiner abenteuerlichen Aggressionsziele zu stempeln. Dabei hatte er noch im Juli 1941 in seinen »Monologen im Führerhauptquartier 1941–1944« im »Duce« sein »Vorbild« und »eine ganz große Persönlichkeit« gesehen, und gemeint, das Braunhemd wäre »vielleicht nicht ohne das Schwarzhemd« entstanden.

Nun schrieb der »Führer« in seinem »Politischen Testament«, bei den »romanischen Völkern« paare sich »effektive Ohnmacht mit lächerlicher Anmaßung«, was für Deutschland »zum Verhängnis« geworden sei. Hatte er bei Kriegsbeginn auf den Eintritt Italiens gedrungen und von Mussolini die Entsendung eines italienischen Hilfskorps an die Ostfront gefordert, für das ihm 230000 Mann zu wenig waren, so äußerte er jetzt: » (…) hätten doch die Italiener ihre Pfoten aus diesem Krieg gelassen«.

Die Italiener blieben auch in der Salò-Republik »rassisch minderwertige Verbündete« und wurden intern als »Esseri Inferiori« (niedere Wesen) bezeichnet. Das Rassenpolitische Amt der NSDAP wandte sich gegen deutsch-italienische »Mischehen«, da sie die »Reinhaltung deutschen Blutes« gefährdeten. Nach dem Krieg sollten selbst an der Seite der Wehrmacht kämpfende Italiener nicht als Frontsoldaten, sondern nur als »Arbeiter in deutschen Diensten« eingestuft werden.

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