12. Mai 2014

Die Schlacht von Leuna

Erst am 12. Mai 1944 griffen 800 Bomber der 8. U.S. Air Force das Hydrierwerk in Leuna an. (Aufnahme vom 8.4.1945 mit US-Kampfflugzeugen eines anderen US-Geschwaders) - Fotoquelle: u.s. air force/wikimedia.org/ puplic domain

Nach langem Zaudern begannen US-Bomber vor 70 Jahren das zu zerstören, was den Krieg Hitlers erst ermöglicht hatte

Otto Köhler

Er war ein guter Nationalsozialist, wohnte mit Frau und drei Kindern in der Reichshauptstadt und vertraute der Vorsehung: »Schon ab Herbst 1943 und noch mehr im Frühjahr 1944 ging ich nach dem letzten Anruf, wenn sicher war, der Angriff galt wieder einmal Berlin, befriedigt in den Luftschutzkeller, mit der makabren Feststellung: ›Gottlob, wir sind es wieder einmal.‹ Denn ich wußte, daß im Gegensatz zu den Angriffen auf die Treibstoffwerke etwas tödlich Bedrohendes bei Angriffen auf Berlin selbst im ungünstigsten Fall nicht eintreten konnte. Der Seufzer der Erleichterung, wenn es so kam, war daher echt, und sogar meine Frau brachte Verständnis dafür auf, wenn sie sagte: ›Du denkst ja immer nur an deine Hydrierwerke‹.«

Ja, Gott der Herr hatte seinem Schützling Hans Kehrl viel Glück beschert. Am 22. November 1943 kamen während eines Luftangriffs auf Berlin 3500 Menschen um, und es wurden 400000 obdachlos gemacht. Auch Kehrls Arbeitsplatz im Reichswirtschaftsministerium (RWM) war zerstört. »Traurig« ging der Leiter der Hauptabteilung Industrie durch die Räume, in die er im Februar 1938 »mit so viel Elan und großen Hoffnungen« eingezogen war. »Vom RWM aus war ich tätig geworden für den Anschluß Österreichs, des Sudetenlandes und des Protektorats«, erinnert er sich in seinen 1973 erschienenen Memoiren (»Krisenmanager im Dritten Reich«). Und noch 1940 hatte er gehofft, daß aus dem »unsinnigen« Krieg der »Anfang einer Einigung Europas hervorgehen« könnte – Merkels Deuropa durfte der 1984 Verstorbene nicht mehr erleben.

Kurz nachdem Kehrls Ministerium 1943 ausgebrannt war, wurde – »Gottlob« – nicht Leuna, sondern seine Villa in Berlin teilweise beschädigt. Schon einen Tag später, schließlich war Kehrl Chef des Rohstoffamtes unter Rüstungsminister Albert Speer, war alles wieder aufgebaut. Die Frau lebte noch, die beiden Söhne waren unterwegs. Der eine als Flakhelfer, der andere bei der »Partisanenbekämpfung«. Und die damals achtjährige Tochter Annemarie war – trotz der Anrufung Gottes durch ihren Vater, der lieber seine Hydrierwerke überleben lassen wollte als seine Familie – ebenfalls noch davongekommen (ich, 1943 auch acht, habe die ersten beiden Angriffe auf Schweinfurt – hinterher von der Schule durch die zerstörten Straßen vorbei an Leichen nach Hause stolpernd – auch überlebt. Gottlob?).

Später hatte Kehrl noch einmal unverschämtes Glück. Am 7. Mai 1944, in einem Tagesangriff auf Berlin werfen 2000 Bomber ihre tödliche Last ab. Doch dann, heute vor 70 Jahren, kam die Katastrophe: »Am späten Abend des 12. Mai 1944 erreichte mich ein Telefonanruf, daß Bomberverbände, von denen man angenommen hatte, daß sie im Anflug auf Berlin seien, abgedreht hätten und sich offenbar in Richtung auf Leuna und Leipzig bewegten. Die angreifenden Verbände, die unter starkem Jagdschutz kämen, wurden auf über 1000 schwere Bomber geschätzt.«

Der Anfang vom Ende

Nicht viel später kam ein neuer Anruf: Leuna wurde bombardiert, aber auch Böhlen bei Leipzig, Zeitz und Lützkendorf – alles Hydrierwerke der Interessengemeinschaft Farben, die Treibstoff herstellten. Der Schaden sei groß, günstigstenfalls würden sämtliche Werke auf geraume Zeit stilliegen. Um Mitternacht rief Rüstungsminister Speer bei Kehrl an, fragte, wie er die Lage einschätze: »Wenn die Angriffe so weitergehen, bedeutet der heutige Tag den Anfang vom Ende.« Speer stimmte zu und sagte: »Wir müssen so schnell wie möglich zum Führer.« Doch das dauerte.

Kehrls erste Bestandsaufnahme ergab: Von 20 Werken der Hydrierung und Synthese mit einer theoretischen Gesamtkapazität von 374000 Tonnen pro Monat, waren fünf Werke mit einer Leistung von insgesamt 145000 Tonnen vollkommen ausgefallen. Noch bevor Kehrl als Speers rechte Hand die Gesamtplanung über Rohstoffeinsatz und Steuerung der Industrie- und Rüstungsproduktion im Nazireich übernahm, hatte er 1942 in einer Rede vor Panzergeneralen erläutert, wie unentbehrlich die Werke des I.G.-Farben-Konzerns sind: »Das elementare Problem der Kriegsführung ist: Sprengstoff an den Feind zu bringen. Für Sprengstoff braucht man in erster Linie Stickstoff, der von uns synthetisch erzeugt werden muß, und für die Mobilität braucht man Treibstoffe, Schmierstoffe und Reifen für Kraftfahrzeuge und Flugzeuge. Für die Reifenerzeugung sind wir fast ausschließlich auf chemisch-synthetisch erzeugtes Buna angewiesen, nachdem die Vorräte an Naturkautschuk verbraucht sind. Und bei Treibstoffen in Form von Vergaserkraftstoff oder Flugbenzin sind wir zu etwa 75 Prozent auf unsere Eigenerzeugung in ­Hydrier- und Syntheseanlagen angewiesen. Um diese drei Produkte beziehungsweise Produktgruppen kreisen daher unsere rüstungswirtschaftlichen Gedanken seit Jahren. Denn sie bestimmen letztlich den Rahmen, in dem moderne Waffen von uns eingesetzt werden können« (siehe auch jW-Thema vom 5.10.2013).

Das alles produzierte die I.G. Farben, der im lukrativen Rüstungsgeschäft des Ersten Weltkrieges entstandene Zusammenschluß von Bayer, BASF, Hoechst und kleineren Chemiebetrieben. 1995 bezeugte der Historiker Bernd Greiner: »Ohne die I.G. Farben wäre Hitlers Kriegsmaschine nicht in Gang gekommen. Ob Flugzeuge, Brandbomben, Handgranaten, Maschinengewehre oder Fotopapiere, nirgends fehlte das einschlägige Markenzeichen. Die I.G. lieferte 100 Prozent des synthetischen Kautschuks und knapp die Hälfte des synthetischen bzw. hochoktanigen Benzins – eine vom militärischen Standpunkt unschätzbare Leistung, da Deutschland von ausländischen Zulieferern weitgehend unabhängig wurde; 100 Prozent des Methanols, 100 Prozent der Schmieröle, 95 Prozent der Giftgase und des Nickels, 90 Prozent aller für die Rüstung benötigten organischen Zwischenprodukte, 90 Prozent der Kunststoffe, 88 Prozent des Magnesiums, 84 Prozent der Sprengstoffe und so weiter und so fort auf einer Liste von 43 kriegswichtigen Produkten. Seit Hitlers Machtübernahme stieg die Umsatzkurve steil an und wies 1939 das Doppelte des Jahres 1927 aus.«

Abgemacht worden war das schon sieben Monate vor der Machtübergabe an Hitler. Am 25. Juni 1932 suchten zwei Abgesandte der I.G. Hitler in München auf. Der Interessengemeinschaft stand – nach fast 14 Jahren Frieden oder wenigstens Nichtkrieg – das Wasser bis zum Hals. Sie hatte in Leuna Millionen in ein Hydrierwerk investiert, das Benzin aus Kohle herstellte. Doch der Weltmarktpreis für Benzin aus Öl betrug nur ein Viertel von dem des synthetischen Kraftstoffs. Kurz: Die Pleite stand vor der Tür. Die I.G.-Leute machten Hitler klar, daß er in einem kommenden Krieg auf Treibstoffe aus dem eigenen Land angewiesen sei, und der meinte: »Die technische Durchführung muß ich Ihnen überlassen. Dafür sind Sie da. Unser Weg aber deckt sich.«

Wenige Tage später beschloß die I.G.-Führung, die verlustreiche Produktion von synthetischem Benzin fortzusetzen, koste es auch zunächst, was es wolle. Der Benzinvertrag vom Dezember 1933 (siehe jW vom 14.12.2013) führte sie sicher in die Profitzone. Als Vertrauensmann von Hermann Göring – es war eher umgekehrt – übernahm I.G.-Vorstandsmitglied Carl Krauch die Ausarbeitung des Vierjahresplans. Er bereitete Hitlers Geheimrede vom August 1936 vor: »Ich stelle damit folgende Aufgabe: I. Die deutsche Armee muß in vier Jahren einsatzfähig sein. II. Die deutsche Wirtschaft muß in vier Jahren kriegsfähig sein.« Und die Kriegsfähigkeit verlief dank Krauchs Vorbereitung entsprechend der Produktpalette der Interessengemeinschaft bis hin zu den Reifen für Militärfahrzeuge aus I.G.-Buna. Hitler durfte aufsagen: »Die Frage des Kostenpreises dieser Rohstoffe ist ebenfalls gänzlich belanglos, denn es ist immer noch besser, wir erzeugen in Deutschland teurere Reifen und können sie fahren, als wir kaufen theoretisch billige Reifen, für die das Wirtschaftsministerium aber keine Devisen bewilligen kann.«

Der Russe soll ausbluten

Später, im so geplanten Krieg, hatte Hitlers bester Freund Albert Speer zusammen mit seinem Rohstoffkommissar Hans Kehrl versucht, durch Plünderung der Ressourcen anderer Länder, Krauch und seiner I.G.-Synthesewirtschaft mehr und mehr Kompetenzen zu entziehen. Am 29. Oktober 1942 – drei Wochen vor der Einkesselung Stalingrads – frohlockte Speer auf einer Sitzung der »Zentralen Planung« für Treibstoff und Stickstoff, daß das billige Öl vom Kaukasus bald die teure Hydrierung überflüssig machen würde. Wunschdenken.

Jetzt aber war alles verloren. An eben diesem 12. Mai 1944, da US-Bomber mit ihren Angriffen auf Leuna und die anderen Hydrierwerke nahezu die Hälfte der deutschen Benzinproduktion zerstörten, wurde Sewastopol als letzte Stadt der Krim von der Roten Armee zurückerobert (rechtzeitig bevor sie von den Deutschen, wie geplant, als »Hauptstadt des Gotengaus« in Theoderichshafen umbenannt werden konnte). Nahezu aus der gesamten Ukraine vertrieb die Rote Armee die Wehrmacht. Seit dem Sieg über die Deutschen bei Stalingrad hatten die Sowjettruppen mehr und mehr ihr Land befreit. Aber unter schwersten Opfern. Die Deutschen lieferten ihnen brutale Abwehrschlachten, sie waren mit ihren Panzern und Flugzeugen immer noch mobil.

Warum eigentlich? Warum hatten die US-Amerikaner nicht längst schon Leuna und die anderen deutschen Hydrierwerke lahmgelegt, die die Mobilität der deutschen Kampftruppen aufrechterhielten? Damit sie die Russen vernichten und ihr Land zerstören konnten? Es war zweckmäßig, daß der Russe umkam: »Ein schneller Zusammenbruch Deutschlands, selbst wenn er mit der geballten Kraft alliierter Bombenströme machbar gewesen wäre, lag«, so stellte 2004 der Wissenschaftliche Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamts in Potsdam, Rolf-Dieter Müller, fest, »wohl kaum im Interesse der Westalliierten.« Die Russen sollten beim Kampf gegen die Naziwehrmacht ausbluten. Müller weiter: »Auch wenn der Gedanke zynisch klingen mag: Es war durchaus im alliierten Interesse, daß die Wehrmacht in den folgenden zwölf Monaten über genügend Kampfkraft verfügte, um die Rote Armee auf dem Weg nach Westen zu bremsen und zu verschleißen.« Darum dauerte und dauerte es, bis sich die Westalliierten mit 800 Bombern der 8. U.S. Air Force zum ersten großen Schlag gegen Leuna, gegen die Hauptschlagader des deutschen Krieges entschlossen.

Sie kamen nicht umhin. Dreieinhalb Wochen später, am 6. Juni, wollten die Westalliierten endlich mit der Invasion in der Normandie die von Stalin immer wieder geforderte zweite Front eröffnen. Jetzt war es gut und richtig, wenn den Deutschen das Flugbenzin für ihre Jäger und Bomber und der Sprit für ihre Panzer und Kübelwagen ausging.

I.G.-Verbündete in den USA

Die Rote Armee verschleißen. Deshalb mußte nach dem Sieg von Stalingrad das Vernichtungslager Auschwitz immer noch zwei Jahre warten, bis die letzten schon todgeweihten Sklavenarbeiter doch noch von den Sowjets befreit werden konnten. Hunderttausende Männer, Frauen, Kinder waren zuvor noch in Auschwitz vergast worden, nur weil die US-Luftflotte sich geweigert hatte, wenigstens die Bahnlinien nach Auschwitz zu zerstören.

Das von Antisemiten durchsetzte War Departement weigerte sich immer wieder in – so der Hamburger Historiker Bernd Greiner – »allen der englischen Sprache möglichen (Ausrede-; O.K.)Varianten (…): Die Flugzeuge würden für kriegsentscheidende Einsätze andernorts gebraucht; man dürfe nicht zur falschen Zeit und am falschen Ort das Leben amerikanischer Soldaten aufs Spiel setzen; die vorgeschlagenen Angriffe hätten kaum Aussicht auf Erfolg; sollten sie wider Erwarten doch gelingen, bliebe zu bedenken, ob man dadurch die Deutschen nicht zu einer noch blutigeren Rache anstacheln würde.«

Staatssekretär John J. McCloy wies seinen persönlichen Sekretär an, ihn mit solchen Anfragen nicht mehr zu behelligen: »Kill it!« McCloy, ehemals Rechtsberater der I.G. Farben in den USA, setzte später als US-Hochkommissar im Adenauer-Staat schleunigst die in Nürnberg verurteilten I.G.-Verbrecher auf freien Fuß. Dann wurde er Vorstand bei Mercedes-Benz in Nordamerika und Gründer der heute noch ungeheuer tragfähigen »Atlantikbrücke« für die »Freundschaft zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten«. Vorstandsvorsitzender der nach dem leidenschaftlichen Judenfeind und Hitlerfreund benannten Ford-Foundation war McCloy auch. Und natürlich gab es – auch ohne McCloy – Rücksichten. Im Januar 1940 schrieb der »American Rohm & Hass«-Konzern an den Vorstand der I.G. Farben: »Wir werden zum Status quo ante zurückkehren, sobald wieder normale Bedingungen eingekehrt sind.«

Das war kein Problem. Selbst die Nazis erachteten eine enge Zusammenarbeit von I.G. Farben und US-Konzernen wie Standard Oil als kriegswichtig. Diese Kooperation, die die Aufteilung des Weltmarkts einschloß, wurde noch nach dem Anschluß von Österreich im März 1938, nach dem Überfall auf die Tschechoslowakei im Oktober 1938, ja sogar noch nach dem Blitzkrieg gegen Polen und dem Kriegseintritt Frankreichs und Englands fortgesetzt – in freundschaftlichem Geist. Die Interessengemeinschaft und Standard Oil trafen – mit Wissen und Billigung des NS-Regimes – Vorsorge für den Fall, daß die USA in den Krieg gegen Nazideutschland eintreten.

Der 1986 von Karl-Heinz Roth herausgegebene OMGUS-Bericht (»Ermittlungen gegen die I.G. Farben«) enthüllt ein ganzes System von Tarnfirmen, mit dem dieses Unternehmen über neutrale Staaten wie die Schweiz und Schweden die Welt, insbesondere Lateinamerika, aber auch die USA, überzog. Der Bericht, der aufgrund der I.G.-Akten von Finanz- und Kartellspezialisten der US-Militärregierung erarbeitet wurde, macht deutlich, wie die Überfallkommandos der I.G. auf den Fersen der einmarschierenden Truppen in die Konkurrenzbetriebe eindrangen und sie ausplünderten. Hier arbeitete ein Weltkonzern. Und er ließ arbeiten. Sein Plan zur wirtschaftlichen »Neuordnung« Europas war sorgfältig abgestimmt mit dem militärischen Eroberungsprogramm der Nazis und ihrer Wehrmachtsgeneräle.

Warum aber hatten die US-Ermittler es so eilig, daß sie schon im September 1945 schnell ihre bisherigen Ergebnisse vorlegten? Roth gab in seinem Nachwort eine verblüffende Erklärung: Innerhalb der US-Besatzungsbehörden lieferten sich zwei Fraktionen einen erbitterten Kampf: die Wirtschafts- und die Finanzabteilung. Hinter ersterer standen das Kriegs- und das Außenministerium, hinter letzterer der Finanzminister Henry Morgenthau. Die Wirtschaftsabteilung bestand aus Männern der Wallstreet, Freunden Deutschlands, von denen einige mit den US-Tarnfirmen der I.G. Farben verbunden waren. Sie sahen es als ihre Hauptaufgabe an, die Proklamation Morgen­thaus gegen die Konzerne des Nazireichs und für eine radikale Umstrukturierung der deutschen Volkswirtschaft zunichte zu machen, was ihnen dann auch mit der Etablierung Ludwig Erhards zum Wirtschaftsguru gelang.

Morgenthau und die Linkskeynesianer in seiner Umgebung – Keynes war damals der führende Wirtschaftstheoretiker der westlichen Welt – hatten, schreibt Roth, »ein genaues Bild von der volkswirtschaftlichen Situation Deutschlands gegen Kriegsende. Sie gingen davon aus, daß der Rüstungsboom der NS-Zeit die strukturellen Ungleichgewichte gigantisch verschärft hatte: einer bankrotten Landwirtschaft sowie unterkapitalisierten Konsumgüterindustrie und Bauwirtschaft standen überkapitalisierte Großunternehmen der Chemie-, Elektro- und Stahlindustrie gegenüber, die sich die volkswirtschaftlichen Ressourcen und Masseneinkommen angeeignet hatten. Dieses katastrophale Ungleichgewicht wollten sie abbauen, und nur hier sahen sie die Chancen für eine dauerhaft abgerüstete Friedenswirtschaft. Zusätzlich sollte die Abtragung und Verteilung der Überkapazitäten der Großindustrie an die geplünderten Nachbarländer einen europäischen Wiederaufbau ermöglichen, in dem kein Land diskriminiert wurde, schon gar nicht die Staaten, in denen die Naziökonomie besonders verheerend gewütet hatte.«

Bollwerk Deutschland

Nichts da. Nach Roosevelts Tod warf Nachfolger Harry S. Truman das Steuer für die Deutschlandpolitik herum. Zum Militärgouverneur für die US-Zone ernannte er General Lucius D. Clay, den er selbst schon als »Faschisten« bezeichnet hatte. Und Außenminister wurde James ­Byrnes, der mit seiner berühmten Stuttgarter Rede von 1946 offiziell den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion eröffnete und die Versöhnung mit den einst die Nazis tragenden Schichten begann. Gekrönt wurde das Ganze schließlich mit der schon erwähnten Ernennung des einstigen I.G.-Beraters John McCloy zum Hochkommissar für die Bundesrepublik Deutschland.

Morgenthau hatte so etwas längst kommen sehen, er trat im Juli 1945 zurück. Das aber war das Signal für die Linkskeynesianer aus seinem Ministerium zu einem letzten Aufbäumen gegen die Wirtschaftsleute, die Deutschland wieder zum Bollwerk gegen den Kommunismus ausbauen wollten. Sie brachten in aller Eile ihren Bericht über die I.G. Farben heraus. Und während die Wirtschaftsleute längst wieder eng mit den führenden Männern der Interessengemeinschaft kollaborierten, setzte Morgenthaus verlorene Schar aufgrund ihres eindrucksvollen Reports über die Taten der I.G.-Leute einen Kriegsverbrecherprozeß gegen sie durch. Das Urteil erging einen Monat nach Beginn der Berliner Blockade, natürlich mit Freisprüchen und so milden Strafen, daß sie, wie einer der Ankläger später sagte, auch einen Hühnerdieb erfreut hätten. Die I.G.-Nachfolger Bayer, BASF und Hoechst, die ihre Führungspositionen mit den verurteilten Kriegsverbrechern besetzten, waren, jeder für sich, größer als einst die gesamte I.G. Farben.

1945 war die U.S. Army bis nach Leuna vorgedrungen. Als sie das mitteldeutsche Gebiet um Leipzig aufgrund der alliierten Vereinbarungen wieder räumen mußten, nahmen die Amerikaner mit der Aktion »We take the brain« aus den Betrieben erfahrene deutsche Wissenschaftler, Konstrukteure und Techniker – oft gegen deren Willen – mit. Der Historiker Klaus-Dietmar Henke schreibt dazu: »Die Werke der I.G. Farben in Bitterfeld und Leuna blieben ebenfalls nicht verschont; aus letzterem wurde fast die gesamte Spitze, 28 hochkarätige Spezialisten, abtransportiert.«

Nur Hans Kehrl, der Leuna mehr liebte als Frau und Kind, wurde zunächst nicht wiederverwendet. Er kassierte in Nürnberg 15 Jahre Gefängnis. 1951 wurde er dank der Gnade des einstigen I.G.-Beraters McCloy wieder auf freien Fuß gesetzt und zum »Wirtschaftsberater« in der Bayer-Stadt Leverkusen ernannt. »Warum die verwundbarsten Stellen unserer Kriegsproduktion – Treibstoff-, Stickstoff- und Buna-Werke – konsequent angegriffen wurden, war mir damals zunächst noch unerfindlich«, schreibt er auf Seite 326 seiner Memoiren. Er jedenfalls gab sich auch am 12. Mai 1944, nach der Schlacht von Leuna nicht geschlagen. Schon im März hatte Kehrl die Planung für das »Siegesprogramm« abgeschlossen: Er setzte auf eine totale Mobilisierung der Bevölkerung, die nur noch eine letzte Anstrengung vollbringen müsse, um den »Endsieg« zu erreichen – so etwas war nach der Zerstörung von Leuna zu viel verlangt, zumal der oberste Chef lahmte. Das stellte sich schon bald, am 26. Juni 1944, heraus.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/05-12/039.php