20. Oktober 2012

»Die Straße frei« –für Nazis

Hofiert vom Schutz- und Trutzbund, gesponsert von der deutschen Industrie – Nazidelegation beim »Deutschen Tag« in Coburg, Oktober 1922 - Fotoquelle: Bundesbildarchiv

Vor 90 Jahren: Am 14. und 15. Oktober 1922 findet in Coburg der »Deutsche Tag« statt

Manfred Weißbecker

Sommer 1922: Dem sich formierenden Frühfaschismus schien ein Riegel vorgeschoben zu sein, denn unter dem Druck der umfangreichen, ja geradezu stürmischen Proteste gegen die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau (siehe jW-thema, 22.6.2012) waren ein Gesetz zum Schutz der Republik beschlossen und Verbote für einige Verbände ausgesprochen worden. Die davon Betroffenen suchten neue Wege. Sie gründeten Ersatzorganisationen und bemühten sich verstärkt um engeren Schulterschluß im eigenen Lager. Und sie traten mit neuen, noch radikaleren und gewalttätigeren Attacken auf; darin von den staatlichen Behörden wenig behindert, oftmals sogar direkt unterstützt.

Vor allem in Bayern, das die Konservativen als »Ordnungszelle« für das Reich verstanden, hielt die Landesregierung schützend ihre Hand z.B. über den Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund, den damals noch mit rund 200000 Mitgliedern größten und wohl auch aktivsten unter den völkisch-rassistischen Vereinen. Während in Preußen, Thüringen, Sachsen, Hessen und einigen anderen Ländern des Reiches diese Organisation verboten wurde, verweigerten die Bayern die Zustimmung zu allen Maßnahmen, die auf der Grundlage des Republikschutzgesetzes getroffen werden sollten. Völkische und Nazis galten als eine willkommene Unterstützung ihrer eigenen Bestrebungen gegen die Reichsregierung, ihrer partikularistischen und teilweise sogar separatistischen Vorhaben. Ihr Chef, Gustav Ritter von Kahr, lieferte eine – damals schon falsche und verlogene, seither dennoch oftmals verwendete – Begründung: »Gäbe es keinen linksgerichteten Radikalismus, so gäbe es auch keinen rechtsgerichteten nationalistischen …«

Der Reaktion in Bayern schien alles recht und nützlich, was sich für den Kampf gegen die Weimarer Republik, gegen demokratische und sozialistische Bewegungen mobilisieren ließ. Daher hielt sie auch die NSDAP für »notwendig als ausgleichendes Moment gegenüber den Anmaßungen der freien Gewerkschaften«, wie es in einem Bericht der Münchner Polizei hieß. Die Überwachung der Radikalnationalisten erfolge – so eines der verschleiernden Argumente – nur, um das »Überschäumen des jugendlichen Kraftgefühls rechtzeitig verhindern zu können«. Eine andere Aussage kam u.a. aus den Reihen der Deutschen Vereinigung, einer nationalistischen Organisation, in deren Führung katholische Großindustrielle und -agrarier den Ton angaben und die in Opposition zur Zentrumspartei und zur Bayrischen Volkspartei stand. In ihr brachte man zum Ausdruck, was viele dachten: Sie ließ in ihrer Presse verlauten, daß sie in der neuen Partei »gute Ansätze« erkenne. Deutlicher noch hieß es: »Als Werkzeug der Befreiung verspricht sie, gute Dienste zu tun, zur Führung fehlt ihr noch ein Mussolini; und um große Teile der Arbeiterschaft zum nationalen Gedanken dauernd zurückzugewinnen, ist nicht nur ehrliche Begeisterung nötig, sondern noch mehr zielbewußte, systematische, unverdrossene Kleinarbeit, Erziehung von Mann zu Mann.«

»German Days«

Nach dem Ersten Weltkrieg griff der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund für seine antidemokratischen und rassistischen Veranstaltungen ein Modell auf, das zunächst von Auslandsdeutschen praktiziert worden war. Schon seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts trafen sich in den USA und anderen Staaten lebende Bürger deutscher Nationalität zu »German days«. Nun fanden 1920 und 1921 in Weimar und Detmold die ersten beiden »Deutsche Tage« statt, die der Bund sowie die von ihm geleitete Gemeinschaft deutschvölkischer Bünde inszenierten. Um dabeisein zu können, mußten die Teilnahmewilligen zuvor ein sogenannte Blutsbekenntnis abgelegt haben. Erst dann durften sie sich an den Gottesdiensten, Theaterspielen, Rezitationsabenden und Fahnenweihen beteiligen, sich die zahlreichen Reden anhören und zu meist sehr martialisch gestalteten Kundgebungen antreten. Am Rande berieten führende Männer aus zahlreichen völkischen Vereinen über ihren weiteren Kurs. Mit dem Unternehmen »Deutscher Tag« sollte auch versucht werden, eine »Kammer für deutsches Volkstum« zu installieren, gedacht im Grunde als Form einer Alternative zum gescholtenen und diffamierten Parlamentarismus der Weimarer Republik. Allerdings hielten sich die organisationspolitischen Ergebnisse in Grenzen. Es kam keine zentrale Organisation für alle bestehenden völkischen Bünde, Orden und Verbände zustande. Die Pläne scheiterten an konzeptionellen und persönlichen Differenzen.

Erst der dritte »Deutsche Tag« erbrachte ein außergewöhnliches Resultat. Er sollte der bekannteste und folgenschwerste werden. In die fränkische Stadt Coburg (damals oft auch mit »K« geschrieben) wurde dazu eingeladen von Hans Dietrich, der die Funktion eines Gauleiters des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes in Nordbayern ausübte. Zugleich leitete er in Franken den Jungdeutschen Orden und muß als eine zentrale Figur im informellen Netzwerk gesehen werden, das zwischen einem großen Teil der völkisch-nationalistischen und rassistisch-antisemitischen Gruppen entstanden war. Der Ort hatte sich auch angeboten, weil die Völkischen hier in Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha einen Mann besaßen, bei dem Hermann Ehrhardt – Chef der Organisation Consul und verantwortlich für die Morde an Matthias Erzberger und Walther Rathenau – ein und ausging. Der Blaublütige stand wie viele andere auch dem Bund sehr nahe und unterstützte ihn nicht nur finanziell.

Indessen gab bei der Wahl des Ortes wohl eine andere Überlegung den Ausschlag: Man war gewiß, in Coburg einerseits auf Duldung und Unterstützung durch das ausgeprägte bürgerlich-konservative Milieu sowie andererseits auf eine relativ starke Arbeiterbewegung zu stoßen, die es zu provozieren galt, weil man es ihr einmal so richtig zeigen wollte. Die Organisatoren luden auch die Nazipartei ein und verbanden dies mit einem ausgesprochen terroristischen Hintergedanken. Man habe gehofft, so schrieb der Geschäftsführende Vorsitzende des Bundes, Gertzlaff von Hertzberg, am 24. Oktober 1922, die Truppen aus München würden den eigenen Anhängern vorführen, »wie man Stoßtrupps aufzieht und durch eigene Kraft den Mob im Zaume hält«. Führende Kreise des Bundes wollten durchaus auch »eine Art Faszistenbewegung aufbauen (…) und auf diesem Wege fortschreiten«, wie Alfred Roth als Geschäftsführer des Bundes am 3. November 1922 an einen Thüringer Gesinnungsgenossen schrieb. Eine der vielen Reden, die in Coburg gehalten werden sollten, trug folgerichtig den Titel: »Neue Arbeitsmethoden in der völkischen Bewegung« – offensichtlich in radikalisierender Absicht gerichtet gegen die oftmals beklagte »Lauheit und Gleichgültigkeit« der Schutzbund-Anhänger. Die ohnehin geringen Unterschiede, die es in Ideologie und Zielsetzungen zwischen den Völkischen und den noch radikaleren Faschisten gab, ebneten sich mehr und mehr ein. Erstere gerieten zu wirkungsvollen Schrittmachern und Wegbereitern der letzteren.

Rabatte für Nazis

Hitler beantwortete die Einladung nach Coburg prompt. Die Gelegenheit, über den bisherigen Wirkungskreis in der Landeshauptstadt und deren Umfeld hinaus nun auch im Norden des bayerischen Freistaates zu agieren, wollte er sich nicht entgehen lassen. Er verstand auch die Offerte, die etwas verklausuliert ihm persönlich sowie »einigen seiner Herren« galt. Ein Sonderzug wurde geordert für 650 SA-Leute. Zudem dachte der oberste Nazi geschäftstüchtig: Für die Beteiligung seiner Leute forderte er einen »Massenrabatt«. Den gewährleistete ihm der Coburger Organisator unbedenklich und generös: »Gewähre 50 Prozent Ermäßigung auf Teilnehmergebühr – wenn notwendig noch mehr«, telegrafierte Dietrich nach München.

Mit klingendem Spiel wollten die SA-Hundertschaften in Coburg einmarschieren, doch das konnte auf dem Coburger Bahnhofsvorplatz von lautstark protestierenden Arbeitern zunächst verzögert werden. Allerdings erwiesen sich die Nazis, bewaffnet zumeist mit Bergstöcken und Gummiknüppeln, bereits hier und später in anderen Straßen sowie bei nächtlichen Einsätzen und in Aktionen gegen jüdische Bürger als regelrechte Terroristen – sowohl in angewiesener Art als auch in erwünschter Weise. Daß die SA am Sonntag wider alle Abreden mit den Völkischen allein auf die Veste Coburg marschierte, rief bei letzteren zwar eine kleine Verärgerung hervor, doch zeigte man sich recht verständnisvoll. Überhaupt schien alles in den Hintergrund gedrängt, was es an anderen Veranstaltungen im Rahmen dieses »Deutschen Tages« für die rund 4000 Teilnehmer hatte geben sollen. Auch von den beiden Resolutionen, die bei der Abschlußveranstaltung im Coburger Hofbräuhaus verabschiedet wurden, nahm später kaum jemand Notiz – alles stand im Zeichen der »nationalsozialistischen Erfolge«.

Zu diesen trugen auch die örtlichen Behörden bei. Im Vorfeld des Tages hatten sie mit Vertretern von Arbeiterorganisationen Gespräche geführt, um am Ende zu verkünden, Coburg müsse den Völkischen »Gastrecht« gewährleisten. Drohend wurde hinzugefügt, man werde für »Ruhe und Ordnung« sorgen, »notfalls auch gegen die Arbeiter durch Polizeikräfte« vorgehen, sollte die Ruhe durch sie gefährdet werden. Oberregierungsrat Ernst Fritsch setzte die Coburger Arbeiterführer schriftlich von den Sicherungsmaßnahmen der Polizei des Frankenlandes in Kenntnis; die Veranstalter darüber zu informieren, unterließ er allerdings, so daß diese hoffen durften, für sie sei die Straße »frei«!

Polizei gegen Protestierende

Auch als sich die Nazis bei ihren Märschen durch die Stadt nicht an die erteilten Auflagen hielten, erfolgte kein Einsatz der Polizei. Fritsch lud Hitler höflich zu einem Gespräch ein, doch dieser dachte nicht daran zu erscheinen. Auch das blieb folgenlos. Die staatlichen Behörden tolerierten das Verhalten der Faschisten, was in der linken Presse als »Kapitulation der Staatsgewalt vor den Hitler-Gardisten« angeprangert wurde. In ihren offiziellen Stellungnahmen schoben die bayerischen Behörden alle Schuld auf die protestierenden Antifaschisten, gegen die vorzugehen sowohl die Nazis als auch die Polizei gezwungen gewesen wären. Als im Landtag über die Ereignisse debattiert wurde, zeigte vor allem der bayerische Innenminister Franz Schweyer verständnisvolle Sympathie für den Auftritt der Nazis, obgleich ein Augenzeuge den Berliner Behörden einen detaillierten Bericht geliefert hatte, aus dem hervorging, in welchem Maße gerade das Auftreten der SA-Trupps als primäre Ursache der gewalttätigen Auseinandersetzungen anzusehen war und wie passiv sich die Polizei gegenüber den paramilitärisch organisierten Kräften verhalten hatte.

Auch im nachhinein gab es nicht einmal eine Anklageerhebung gegen Hitler und die SA. Das Schöffengericht beim Amtsgericht Coburg verurteilte indessen einige Sozialdemokraten und Kommunisten wegen »gemeinschaftlicher Körperverletzung«, mußte allerdings viele Angeklagte wegen Mangels an Beweisen freisprechen. Was den Beamten Fritsch veranlaßte, seinen Oberen in München mitzuteilen: »Meine persönliche Überzeugung ist die, daß das Strafverfahren anders ausgegangen wäre, wenn am Tage nach der Tat die mutmaßlichen Täter sofort verhaftet worden wären; dies ist damals und bei den späteren Verbrechen des Landfriedensbruchs (sic!) nicht geschehen, und damit war und ist der Verdunkelung Tür und Tor geöffnet.«

Vom Auftritt der eingeladenen, geduldeten und auch bewunderten SA-Schlägertruppen profitierten die Einladenden allerdings nicht. In ihren Deutschvölkischen Blättern meinten sie Ende Oktober 1922 noch, ihr Bund und die NSDAP würden in Bayern »zusammen die deutschvölkische Bewegung« darstellen, und beide sich erfreulich »in ihrem Wesen und Wirken« ergänzen. Man sei gemeinsam »Träger des Kommenden«. Allerdings war in Coburg eher das Ende des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes eingeläutet worden. Nach dem Spektakel und sicher auch beeindruckt vom Erfolg des »Marsches auf Rom«, mit dem sich der Faschistenführer Benito Mussolini Ende Oktober 1922 in Italien an die Macht gebracht hatte, traten zahlreiche Mitglieder des Bundes der NSDAP bei, in deren Reihen viele von ihnen Karriere machen sollten: Artur Dinter, Fritz Sauckel, Martin Mutschmann u.a.m. Auch Dietrich fand bald seinen Platz bei den Nazis. Anläßlich des Coburger »Deutschen Tages« unterstellte sich auch Julius Streicher, der spätere Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes Der Stürmer, mit seiner in Nürnberg wirkenden Deutschsozialistischen Partei der NSDAP. In Coburg entstanden nach dem »Deutschen Tag« Ortsgruppen der NSDAP und der SA. Ihr Führer Franz Schwede, ein früherer Berufssoldat, wurde bereits 1930 als erster Nazi Oberbürgermeister einer Stadt – in Coburg.

Kampf um Köpfe

Das Geschehen in Coburg lieferte auch in anderer Hinsicht erneut einen Beweis: Wie in allen Veranstaltungen derer, die in den frühen Jahren der Weimarer Republik sowohl Kriegsniederlage als auch die Ergebnisse der Novemberrevolution so rasch wie möglich ungeschehen machen wollten, wurden auch in Coburg hauptsächlich nationalistische Gefühle angesprochen und rassistische Vorurteile der Zuhörer hochgepeitscht. Auch das trug dazu bei, daß es regelmäßig zu handgreiflichen Auseinandersetzungen und Gewalttätigkeiten kam. Ihre Initiatoren und Organisatoren kamen zumeist aus rechtskonservativen, völkischen oder faschistischen Parteien und Verbänden. Ihr Ziel: Kampf um die Köpfe und um die Straße. So wurde es damals zwar nicht formuliert (das taten erst die Neonazis), aber für sie standen sowohl menschenfeindliche Propaganda als auch terroristische Aktivität im Vordergrund.

Und tatsächlich: Nicht wenige der Einwohner Coburgs, Bayerns und anderer deutscher Länder zeigten sich durchaus beeindruckt von der vermeintlichen Konsequenz, mit denen soziale und politische Nöte dargestellt wurden, angetan vom pathetischen Stil der Redner sowie vom stets demonstrierten Übermaß an Draufgängertum und Gewaltbereitschaft. Bereitwillig begeisterten sie sich selbst an fanatischen Morddrohungen gegen Andersdenkende, brüllten sie »aufhängen« oder »totschlagen«, wann immer die Versammlungsleiter oder sie selbst dies für richtig hielten. Was mancher zunächst vielleicht als anziehendes »Gaudi« empfunden haben mag, als abwechslungsreiche Politikspielerei, verwandelte sich rasch in blutigen Ernst.

Getragen vom Erfolg in Coburg, begründete Hitler Ende Oktober 1922 in einer für finanzstarke Kreise gedachten und unter bayerischen Industriellen verbreiteten Denkschrift die Notwendigkeit des weiteren Ausbaus der NSDAP. Dieser habe mit »äußerster Schnelligkeit« und auf zwei Ebenen zu erfolgen: An erster Stelle sollten die »Vervollständigung und Vertiefung der Propagandaorganisation« stehen, denn – so Hitler –, was »durch Papierkugeln zu gewinnen« sei, das brauche »nicht durch stählerne gewonnen zu werden«. Zweitens ging es ihm um den »Ausbau der praktischen Machtmittel der Bewegung«, womit in erster Linie die SA gemeint war. Mit deren Hilfe sollte die Arbeiterbewegung bekämpft und »die nationale Wirtschaft in Gang« gehalten werden. Nahezu pedantisch listete Hitler auf, wofür seine Partei dringend Geld benötige. Erforderlich wären u.a. vier Millionen Mark für die Ausstattung von 12 bis 15 Geschäftsstellen, drei Millionen Mark für zwölf Geschäftsführer, über fünf Millionen Mark für Papierbeschaffung, zwei Millionen für die Einstellung von vier Wanderrednern, ferner jeweils acht Millionen Mark zur »Anschaffung und großzügigsten Verbreitung von Flugblättern und sonstigem Propagandamaterial für die kommenden drei Monate«, für den Aufbau einer Kraftwagenstaffel sowie für die Einkleidung der SA. Sein Kostenvoranschlag forderte »zu einem augenblicklich durchzuführenden großzügigen Ausbau der Bewegung 53240000 Mark, das sind in Friedenswährung rund 95000 Mark.«

Spenden vom Kapital

Als Ende 1922 in Deutschland überall rechtsextreme Kräfte ihre Aktivitäten verstärkten und größere Anhängerscharen gewannen, flossen auch für die NSDAP reichlicher finanzielle Mittel aus den Kassen großbürgerlicher Kreise und mittelständischer Unternehmer. Das erlaubte ihr, seit Dezember 1922 den Völkischen Beobachter als Tageszeitung erscheinen zu lassen. Die Spendenbeträge wurden größer, der gesellschaftliche Rang der Spender immer gewichtiger. Zu ihnen gehörte u.a. Ernst von Borsig, der spätere Vorsitzende der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Leiter des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller. Die von ihm bereitgestellten Mittel gelangten über Dr. Valentin Litz, den Direktor der Borsig-Werke in Tegel, an Pöhner, den aktiven Nationalsozialisten ohne Mitgliedsbuch im Münchner Polizeipräsidium. Zu den Großindustriellen, die früh als Finanziers der Partei in Erscheinung traten, zählten in der Folgezeit auch Hugo Stinnes, Generaldirektor der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerk- und Hütten AG, Emil Kirdorf, Gründer des deutschen Kohlensyndikats und Generaldirektor der Gelsenkirchener Bergwerk AG, und Fritz Thyssen, der nach dem Tode seines Vaters 1926 an die Spitze der Vereinigten Stahlwerke AG rückte und einer der mächtigsten Männer des Ruhrgebietes war. Sie interessierten sich ebenfalls bereits seit 1922 für die NSDAP, wobei letzterer im Herbst 1923 mehrere Versammlungen der NSDAP besuchte sowie an Erich Ludendorff und Hitler 100000 Goldmark überwies.

Auch so gestärkt einigten sich, als am 2. September 1923 in Nürnberg der vierte »Deutsche Tag« stattfand, die Beteiligten auf die Gründung des Deutschen Kampfbundes, der zwei Monate darauf als Träger und Organisator des Hitler-Putsches in Erscheinung trat. Die späteren Legendenschreiber der NSDAP motzten den Auftritt ihrer Partei in Coburg zu einem wahren Heldeneinsatz auf, sprachen analog zu Mussolinis »Marsch auf Rom« vom »Marsch auf Coburg« und verklärten diesen zu einem Meilenstein ihrer sogenannten »Kampfzeit«. Als sie zehn Jahre später daran erinnerten, stiftete Hitler das »Coburger Ehrenzeichen«. Es wurde an damalige Teilnehmer verliehen. In der Hierarchie der anderen Abzeichen und Orden rangierte es gleich nach dem »Blutorden«, mit dem Putschisten vom November 1923 und andere »Tote der Bewegung« bedacht wurden. Als die NSDAP eine »20-Jahrfeier des Hitlerzuges nach Coburg« veranstaltete, wurde eine Gedenktafel am Coburger Hofbräuhaus enthüllt. Doch da befand sie sich schon mitten in dem langfristig vorbereiteten und auch mit ihrer Hilfe entfesselten Zweiten Weltkrieg.

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