21. Juni 2012

Die ukrainische Sache

Rücksichtslose Landnahme: Der Reichskommissar für die Ukraine, Gauleiter Erich Koch (mit erhobenem Arm), samt Nazi-Entourage bei der Ausfahrt (Gebiet Rowno, Frühjahr 1942) - Quelle: jW-Archiv

Der deutsche Imperialismus unterstützt prowestliche Kräfte in der Ukraine bereits seit rund 100 Jahren. Ursache war schon im Ersten Weltkrieg das Berliner Bemühen, den Einfluß Rußlands so weit wie möglich zurückzudrängen

Jörg Kronauer

Der »Erfinder der Ukraine« ist Paul Rohrbach mit Sicherheit nicht gewesen. Den zweifelhaften Beinamen hatten dem Mitarbeiter der »Zentralstelle für Auslandsdienst« im Auswärtigen Amt politische Gegner zur Zeit des Ersten Weltkriegs verliehen. Zugegeben, Rohrbach hatte damals viel mit der Ukraine zu tun, die es als eigenständigen Staat noch gar nicht gab, die es nach seiner Auffassung aber geben sollte. Und tatsächlich entwickelte sich Rohrbach zu einem hingebungsvollen Ukraine-Aktivisten, dessen Tätigkeit die deutsch-ukrainischen Beziehungen anhaltend prägen sollte. Noch heute führt ihn die ukrainische Botschaft in Berlin in einem kurzen Abriß über die Geschichte des Verhältnisses zwischen Deutschland und ihrem Staat ausdrücklich auf, was seiner bedeutenden Rolle durchaus entspricht. Aber »Erfinder der Ukraine« – dieser Titel käme denn doch nicht Rohrbach, sondern vermutlich eher einigen Protagonisten der ukrainischen Nationalbewegung zu, die im Laufe des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts nach und nach erstarkte.

Der Gedanke, man könne der ukrainischen Nationalbewegung zu einem eigenen Staat verhelfen, erhielt für Rohrbach und für seine Kollegen im Auswärtigen Amt mit Beginn des Ersten Weltkriegs Überzeugungskraft. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte Rohrbach, ein im Zarenreich geborener Baltendeutscher, noch Sympathien für ein deutsch-russisches Bündnis gehegt. Dies änderte sich im Laufe der Zeit; spätestens der Kriegsbeginn setzte seinen alten Kooperationswünschen ein Ende. Das Auswärtige Amt entwickelte in seiner »Zentralstelle für Auslandsdienst« Konzepte, die geeignet sein sollten, den Kriegsgegner Rußland zu schädigen und nach einem gewonnenen Krieg die deutsche Hegemonie über die Territorien des damaligen Zarenreichs zu sichern. Paradigmatisch formuliert hatte die Grundgedanken dazu ein Kollege Rohrbachs in der »Zentralstelle«, der Zentrumspolitiker Mat­thias Erzberger. In seiner Kriegszieldenkschrift vom 2. September 1914 forderte er ehrgeizig, »Rußland sowohl von der Ostsee als auch vom Schwarzen Meer abzuschließen«. Das Mittel der Wahl sei die »Befreiung der nichtrussischen Völkerschaften« im Zarenreich »vom Joch des Moskowitertums und Schaffung von Selbstverwaltung im Innern der einzelnen Völkerschaften«. Rußland zerschlagen, den Teilgebieten Autonomie oder gar Eigenstaatlichkeit zusprechen – das nannte man vornehm »Dekompositionstheorie«. Wer das zerlegte Rußland kontrollieren sollte, war für Erzberger klar: »Alles dies unter militärischer Oberhoheit Deutschlands, vielleicht auch mit Zollunion.« Das klang größenwahnsinnig, aber man führte schließlich eine Kriegszieldiskussion.

»Erziehung zum Nationalismus«

Die Idee, Minderheiten zur Rebellion gegen das Zarenreich zu veranlassen, wurde vom Auswärtigen Amt schon früh operativ angegangen. Wichtige Vertreter des »Bundes zur Befreiung der Ukraine« etwa wurden bereits im ersten Kriegsjahr finanziell unterstützt. Bald darauf begann Berlin auch, mit Hilfe des »Bundes« die ukrainischsprachigen Soldaten unter seinen russischen Kriegsgefangenen indoktrinieren zu lassen: Exil­ukrainer begannen in den Gefangenenlagern, Leseunkundige zu alphabetisieren, und verpaßten ihnen Geschichtsunterricht. »Erziehung zum Nationalismus« hat der Historiker Frank ­Golczewski die Maßnahme genannt. Ukrainische Offiziere wurden schließlich sogar paramilitärisch ausgebildet, um bei passender Gelegenheit auch bewaffnet intervenieren zu können. Unumstritten war das alles damals nicht: So mancher deutsche Diplomat hielt eine Festlegung auf die »ukrainische Sache« für illusionär, für zu teuer oder gar für verkehrt. Dennoch startete Berlin weitere Maßnahmen zur Unterstützung der ukrainischen Nationalbewegung. Die Koordinierung oblag der eigens eingerichteten »Zentralstelle für Auslandsdienst« im Auswärtigen Amt. In ihr wurden, schreibt Golczewski, der die Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen von 1914 bis 1939 materialreich aufgearbeitet hat1, die deutschen Propagandaaktionen in Sachen Ukraine zusammengefaßt.

Paul Rohrbach hat sich damals ausdrücklich zu den politischen Absichten geäußert, die er in und mit der »Zentralstelle« verfolgte. Allgemein plädierte er wie Erzberger für die »Zerlegung des russischen Kolosses in seine natürlichen, geschichtlichen und ethnographischen Bestandteile. Die Teile sind Finnland, die Ostseeprovinzen, Litauen, Polen, Bessarabien, die Ukraine, der Kaukasus und Turkestan.« Oft nutzte er bei öffentlichen Auftritten das Bild, »daß Rußland sich auseinandernehmen läßt wie eine Apfelsine« und daß dabei »bei gehöriger Vorsicht durch keinen Riß und keine Wunde ein Tropfen Saft zu fließen braucht«. Ganz besonders kümmerte sich Rohrbach um die Ukraine, gelegentlich bei PR-Veranstaltungen vor großem Publikum. »Ohne die Ukraina ist Rußland nicht Rußland, hat es kein Eisen, keine Kohle, kein Korn, keine Häfen! (…) Alles große Leben in Rußland muß versiegen, wenn ein Feind die Ukraina packt«, schrieb er in seinem 1916 erschienenen »Weltpolitischen Wanderbuch«. Rohrbach war ein prominenter Publizist; man kann davon ausgehen, daß seine Schrift durchaus wahrgenommen wurde. Die Bedeutung der Ukraine müsse man sich zunutze machen, verlangte er in dem Werk: »Wenn aber der Tag kommt, wo Rußland das Schicksal herausfordert, und dann hat zufällig dort, wo bei uns die Entscheidungen getroffen werden, jemand soviel Kenntnis von den Dingen und soviel Entschlossenheit, daß er die ukrainische Bewegung richtig loszubinden weiß – dann, ja dann könnte Rußland zertrümmert werden.« PR-wirksam preßte der Mitarbeiter des Auswärtigen Amts das Konzept in eine Parole: »Wer Kijew hat, kann Rußland zwingen!«

Plünderungsstrategien

Die Konzepte Rohrbachs und der »Zentralstelle« wurden Anfang 1918 aus der Schublade geholt, als das Deutsche Reich – in einer Position der militärischen Stärke gegenüber dem revolutionären Rußland – in zwei Verträgen das Moskauer Reich zu zerschlagen begann. Noch vor dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk, der im März 1918 Rußland aufgezwungen wurde, schloß es im Februar 1918, gleichfalls in Brest-Litowsk, ein Abkommen mit der Ukraine. Diese hatte zuvor als Staat nicht wirklich existiert, wurde also gleichermaßen mit ihrer Anerkennung als Vertragspartner durch das Deutsche Reich zum staatlichen Subjekt erhoben. Im ersten ukrainischen Staat regierten daher faktisch die Deutschen; ihr starker Mann in Kiew war General Wilhelm Groener, vom 28. März bis zum 26. Oktober 1914 Chef des Generalstabs der Heeresgruppe Eichhorn/Kiew. Groener formte die Ukraine zur Kornkammer Deutschlands, während sich deutsche Industrielle mit der ökonomischen Durchdringung des Landes zu befassen begannen. Man wünsche die »ungehinderte Ausfuhr von Eisenerzen« und »Manganerzen«, verkündeten etwa einflußreiche Wirtschaftsbosse am 5. März 1918 in Berlin. Pläne für den Bau von Eisenbahnverbindungen und für die Nutzung der ukrainischen Häfen für den Export wurden erstellt. Mit Billigung durch Groener brachte sich am 29. April 1918 der Großgrundbesitzer Pawlo Skoropadski per Umsturz in Kiew an die Macht. Sein reaktionäres Regime stieß auf wachsenden Widerstand; Kämpfe verarmter Bauern gegen die deutschen Besatzungstruppen folgten. Als Paul Rohrbach, der erfahrene Ukraine-Spezialist aus der »Zentralstelle« des Auswärtigen Amts, im Mai 1918 die Ukraine inspizierte, da mußte selbst er, der entschlossene Befürworter der ukrainischen Eigenstaatlichkeit, zugeben, »die national-ukrainischen Verhältnisse« seien durchaus noch »unfertig«.

Die Politik, die Rohrbach und die »Zentralstelle« während des Ersten Weltkriegs verfolgten und kurz vor Ende des Krieges mit der Gründung der Ukraine zu krönen versuchten, ist paradigmatisch für die deutsche Ukraine-Politik in den kommenden Jahrzehnten geblieben: Ukrainische Nationalisten wurden unterstützt, gegen Rußland bzw. die Sowjetunion in Stellung gebracht und nach ihrer Inthronisierung in Kiew als Verbündete in Anspruch genommen. Rohrbach selbst hat auch nach dem verlorenen Krieg und der Konsolidierung der Sowjetunion nicht von der Ukraine gelassen. Bereits im Frühjahr 1918 hatte er mit Zustimmung des Auswärtigen Amts die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft gegründet – damals noch, um die unter deutschem Protektorat gegründete Ukraine »zivilgesellschaftlich« zu unterstützen, ein höchst moderner Gedanke. Im Dezember 1918 – die meisten waren aus naheliegenden Gründen mit gänzlich anderen Dingen beschäftigt – brachte er die erste Nummer der Monatszeitschrift Die Ukraine heraus, die als Organ der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft diente. Darin schrieb er, man müsse unbedingt verhindern, daß die Ukraine wieder Rußland fest eingegliedert werde – denn dann sei sie für die deutsche Wirtschaft verloren. Wenig später bemühte sich ein langjähriger Mitstreiter Rohrbachs in puncto Ukraine, Axel Schmidt, mit einer neuartigen Argumentation um Unterstützung für die gemeinsame Sache. Seine Gedanken wiesen bereits in die Zukunft, in die spätere Zeit der Systemkonfrontation. Jede Kooperation mit Lenin müsse ausgeschlossen werden, erklärte Schmidt. Vielmehr sei die Sowjetunion entschieden zu bekämpfen; dazu aber gelte es, auf die Eigenstaatlichkeit der Ukraine zu setzen: »Das Spiel im Osten ist nur mit dem ukrainischen Trumpf zu gewinnen.«

Ein Kolonialinstitut

Rohrbach hatte seine große Zeit in Sachen Ukraine während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar danach. In den Jahren der Weimarer Republik und vor allem zur Nazizeit wurden andere wichtiger: Emigranten aus der Sowjetunion, die ihren Kampf für die Eigenstaatlichkeit der Ukraine im Exil in Westeuropa fortsetzten. Zu ihnen gehörte Pawlo Skoropadski, der 1918 in Kiew in Kooperation mit den Deutschen die Macht an sich gerissen hatte und gemeinsam mit ihnen fliehen mußte; er unterhielt auch weiterhin enge Kontakte zu Reichswehrkreisen und zum Auswärtigen Amt. Größere Bedeutung als er erlangte sein Außenminister aus dem Jahr 1918, Dmitro Doroschenko: Er wurde 1926 Gründungsdirektor des Ukrainisch-Wissenschaftlichen Instituts (UWI) in Berlin. Das UWI hatte nicht zuletzt deshalb Bedeutung, weil erhebliche Teile des ukrainisch-nationalistischen Exils der Bildungsbourgeoisie entstammten und ein Wissenschaftliches Institut daher für sie als Kristallisationspunkt gut geeignet war. Da diejenigen unter den ukrainischen Nationalisten, die demokratisch gesinnt waren, sich in größerer Zahl für Frankreich als Exilland entschieden hatten, sammelten sich am UWI vor allem rechtsgerichtete Kreise. In Berlin lehrte unter anderem Wjatscheslaw Lipinski, ein einflußreicher exilukrainischer Ideologe; seine Vorstellungen von einer aus der Sowjetunion herausgelösten Ukraine liefen auf einen diktatorischen Staat mit faschistoiden Elementen hinaus.

Die deutschen Ukraine-Aktivitäten umfaßten bereits damals auch gewalttätige, sogar militärische Elemente. Die Reichswehr unterstützte die Ukrainska Vijskova Orhanizacija (UVO, Ukrainische Militärische Organisation), einen Zusammenschluß ehemaliger Soldaten und anderer Milizionäre, der Sabotageakte und Überfälle im wiedergegründeten Polen durchführte – Polens Südosten, vor allem Lwów (heute Lwiw, einst Lemberg), wurde ja von ukrainischen Nationalisten ebenfalls für ihre eigenen Staatsbildungspläne beansprucht. In geheimen Programmen bildete die Reichswehr bewaffnete Kämpfer der UVO aus, unter anderem 1923 in München. Im November 1927 war die UVO, die sich dem Ukraine-Experten Golczewski zufolge zur reinen »Terror- und Spionageorganisation« entwickelt hatte, an einer großen Konferenz ukrainischer Nationalisten in Berlin beteiligt, die schließlich zur Gründung einer schlagkräftigen Organisation führen sollte – zur Gründung der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN).

Die OUN, die das ukrainische Exil in einer schlagkräftigen Organisation bündeln sollte, wurde Anfang Februar 1929 nach den Berliner Vorarbeiten in Wien offiziell ins Leben gerufen. Man hatte Wien als Ort des Gründungstreffens gewählt, um den deutschen Einfluß auf die neue Organisation nicht allzu deutlich werden zu lassen. Polnische Diplomaten, die die Zusammenkunft sehr sorgfältig beobachteten, kamen in ihrer Analyse allerdings zu dem Schluß, daß 24 der 30 Teilnehmer von deutschen Stellen »unmittelbar abhängig« seien und der frisch installierte OUN-Chef Jewhen Konovalec sich mit Berlin eng abgestimmt habe. Konovalec erklärte unmittelbar im Anschluß an seine Ernennung zum OUN-Chef, Ziel seiner Organisation sei »die Liquidierung des Moskowitischen Imperiums, wie auch des polnischen historischen Imperialismus« – alles ganz im Sinne Berlins. Dabei fokussierte die OUN ihre Aktivitäten in den ersten Jahren auf Polen. Unter anderem ermordeten OUN-Terroristen am 15. Juni 1934 den polnischen Innenminister Bronisaw Pieracki. Wegen des Attentats wurde unter anderem ein gewisser Stepan Bandera verurteilt – zunächst zum Tode, dann zu lebenslanger Haft. Für ihn wurden die Nazis zu Befreiern; sie holten ihn nach dem Einmarsch der Wehrmacht aus dem Knast (siehe hierzu auch die jW-Schwerpunktseite vom 9. Juni).

Kollaboration mit den Nazis

Bei Kriegsbeginn im September 1939 machten sich die ukrainischen Nationalisten zum zweiten Mal nach 1918 Hoffnungen, gestützt auf die Deutschen ihren eigenen Staat zu errichten. Zunächst nahm eine von der OUN koordinierte ukrainische Einheit am Überfall auf Polen teil; 1941 waren OUN-Trupps dann am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt. Berüchtigt sind die Massaker, die sie gemeinsam mit den Deutschen im okkupierten Lwów verübten; Tausende Menschen, darunter zahlreiche jüdischen Glaubens, wurden bestialisch ermordet. In die Mordtaten war auch OUN-Anführer Bandera involviert, der am 30. Juni 1941 in Lwów den ersehnten ukrainischen Staat ausrief – was allerdings die Deutschen diesmal nicht tolerierten: Die Nazisrassisten gestanden ihren slawischen Kollaborateuren anders als das Kaiserreich keinerlei Eigenständigkeit als Gegenleistung für die antisowjetischen Hilfsdienste mehr zu. Bandera wurde festgenommen und bald ins KZ Sachsenhausen verschleppt, aus dem er erst im September 1944 entlassen wurde. Während er interniert war, begingen die OUN und die von ihr kontrollierte Ukrainische Aufstandsarmee (Ukrajinska Powstanska Armija, UPA) zahlreiche Massaker in den okkupierten ukrainischen Gebieten, darunter auch Morde an Jüdinnen und Juden. »Unsere Miliz führt jetzt gemeinsam mit den deutschen Organen zahlreiche Verhaftungen von Juden durch«, meldeten OUN-Milizionäre am 28. Juli 1941 nach Berlin: »Vor der Liquidierung verteidigen sich die Juden mit allen Methoden.« Verknüpft mit derlei Mordaktionen, versuchte die OUN nach der gescheiterten zweiten Staatsgründung zumindest auf lokaler und regionaler Ebene staatsähnliche Strukturen in den deutsch besetzten Gebieten zu schaffen. Diese Art von Ordnungstätigkeit ließen die Nazis, weil sie ihnen die mörderische Besatzungstätigkeit erleichterte, auch durchaus zu.

Im Kalten Krieg

Wie im Ersten Weltkrieg scheiterten die ukrainischen Nationalisten gemeinsam mit ihren deutschen Verbündeten auch im Zweiten; und nach Kriegsende entwickelten sich die Dinge ebenfalls ganz ähnlich wie ein Vierteljahrhundert zuvor. Zahlreiche ukrainische Kollaborateure zogen mit der abrückenden Wehrmacht in Richtung Westen ab und gingen ins Exil – viele in die Bundesrepublik, wenngleich einige dann noch in die Vereinigten Staaten weiterzogen. Einer von denen, die in der Bundesrepublik Zuflucht fanden, war OUN-Anführer Stepan Bandera. Er lebte in München, das sich bald zum Zentrum ukrainischer Exilnationalisten entwickelte, und wurde dort 1959 ermordet. Auf dem Münchener Waldfriedhof ist sein Grab heute noch zu sehen. In München nahm 1948 auch die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft ihre Tätigkeit wieder auf, die Paul Rohrbach 1918 gegründet hatte. 1952 ernannte sie Rohrbach zu ihrem Ehrenpräsidenten. Dieser äußerte sich 1952 in der Zeitschrift der Gesellschaft (Ukraine in Vergangenheit und Gegenwart, herausgegeben ebenfalls in München) zu ihren strategischen Aufgaben. Man kann die alte Dekompositionstheorie aus den Zeiten des Ersten Weltkriegs in seinem Artikel über »Die ukrainische Frage« leicht wiedererkennen.

Rohrbach beklagte darin nach längeren historischen Ausführungen die neue Systemkonfrontation und suchte nach Wegen, sie zugunsten des Westens zu entscheiden. »Gibt es gar kein Mittel, dem ›Kalten Krieg‹ zu begegnen, in dessen Führung Moskau, wie wir alle wissen, eine solche Meisterschaft und Hartnäckigkeit beweist?«, fragte er rhetorisch, um sogleich seine Antwort zu liefern: »Von diesem Mittel haben wir eben gehört: Entbindung der zentrifugalen Kräfte innerhalb der Sowjetunion!« Nichts Neues im Westen seit dem Ersten Weltkrieg. »Die stärkste dieser zentrifugalen Kräfte ist das nationale Bewußtsein des ukrainischen Volkes mit seinem Willen zu eigner Staatlichkeit«, fuhr Rohrbach fort und erläuterte: »Wenn dies Bewußtsein unter den Nationalitäten, daß man sie kennt, daß man ihnen wohl will, (…) sich unter ihnen verbreitet, so wird das zu einer fortschreitenden inneren Erschütterung der Sowjetmacht führen und vielleicht eines Tages, wenn andere günstige Umstände hinzutreten, zu ihrem Zusammenbruch.« Eine besondere Rolle komme der Ukraine zu, meinte der altgediente Stratege: »Die Führung dabei würde dem ukrainischen Volke gehören.« Die Äußerungen tätigte er zu einer Zeit, zu der im Westen der Sowjetunion immer noch Teile der UPA ihren Krieg für die ukrainische Eigenstaatlichkeit fortführten – wie der US-Historiker Christopher Simpson nachgewiesen hat, mit tatkräftiger Unterstützung der CIA, die dazu ihrerseits alte ukrainische Nazikollaborateure einspannte.2

Endlich am Ziel

Rohrbach habe der Ukraine »als getreuer Mentor zur Seite« gestanden – »bis zu seinem letzten Atemzug«, schrieb die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft anläßlich seines Todes am 19. Juli 1956. Über seine »Bedeutung« sei man sich völlig »im klaren, denn wir wissen, daß sein Lebenswerk dazu bestimmt ist, einst eine neue Ära zwischenstaatlicher Beziehungen herbeizuführen, wozu sein Eintreten für die Ukraine als erster Angelpunkt zu betrachten ist«. 35 Jahre später war es so weit: Die Ukraine verkündete im Zerfallsprozeß der Sowjetunion am 24. August 1991 ihre Eigenstaatlichkeit; als eine der ersten Regierungen erkannte die bundesdeutsche sie und die anderen Staaten, die aus der zerfallenden Sowjetunion hervorgingen, in aller Form an. Rohrbachs »Dekompositions«-Wünsche waren Jahrzehnte nach seinem Ableben in Erfüllung gegangen. Rußland ist entsprechend geschwächt, wenngleich es in der Ukraine auch weiterhin starke Kräfte gibt, die sich für eine enge Zusammenarbeit Kiews mit Moskau aussprechen – Kräfte, die sich gegenwärtig um Staatspräsident Wiktor Janukowitsch gruppieren. Daß Berlin nicht ihn, sondern eher prowestliche Kräfte wie die nun inhaftierte Exministerpräsidentin Julia Timoschenko unterstützt, um den inzwischen fast hundertjährigen Kampf um die Ukraine endgültig für sich zu entscheiden, das setzt nur die alte Politik der unterschiedlichsten deutschen Regierungen fort.

Dabei kann Deutschland heute noch auf die Tradition der alten Kollaborateure bauen, von denen nicht wenige die Jahrzehnte der Systemkonfrontation im bundesdeutschen Exil verbrachten. Ein Beispiel: Slawa Stetsko. 1920 geboren, wurde sie Ende der 1930er Jahre Mitglied der OUN und war während des Krieges als Sanitäterin bei der UPA aktiv. Nach dem Krieg heiratete sie im Münchener Exil den vormaligen OUN-Kämpfer Jaroslaw Stetsko, der 1946 den bereits 1943 von der OUN gegründeten Anti-Bolshevik Bloc of Na­tions neu organisierte. Slawa Stetsko übernahm die Leitung der antikommunistischen Kalte-Kriegs-Organisation nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahr 1986. Als die Umstände es 1991 dann wieder zuließen, kehrte sie in die Ukraine zurück und wurde dort Gründungsvorsitzende des Kongresses Ukrainischer Nationalisten (KUN), mit dem sie die bis dahin weiterbestehenden, zuletzt von ihr selbst geführten OUN-Strukturen in eine reguläre ukrainische Partei transformierte. Slawa Stetsko starb 2003 in München. Zu dieser Zeit war der KUN bereits Teil des Wahlbündnisses Blok Nascha Ukrajina von Wiktor Juschtschenko, des damaligen Favoriten des Westens in der ukrainischen Polit-Szenerie. Die prowestlichen Parteien der Ukraine können bis heute vor allem im Westen des Landes auf Wahlerfolge zählen, in der Region um Lwiw also, in der die OUN einst ihre Hochburgen hatte und in der Stepan Bandera bis heute als Held gefeiert wird. Die Unterstützung der Weimarer Republik und Nazideutschlands für die Kollaborateursstrukturen zahlt sich bis heute aus.

1 Frank Golczewski, Deutsche und Ukrainer, 1914–1939, Schöningh, Paderborn 2010

2 Christopher Simpson: Blowback. America’s Recruitment of Nazis and Its Effects on the Cold War, New York 1988

Jörg Kronauer ist Sozialwissenschaftler, freier Journalist und Redakteur bei german-foreign-policy.com. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt über den Stand der deutsch-französischen Beziehungen (jW-Thema vom 23.5.2012)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/06-21/020.php