24. Februar 2014

»Die Verlierer«

Protest gegen die »Erneuerung« genannte Abwicklung an der Humboldt-Universität in Berlin im Winter 1990, am ­Megaphon der Theologie-Professor und Rektor Heinrich Fink - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1217-312 / Grimm, Peer / CC-BY-SA

Spät und schwach erwachendes Interesse: Ein Buch über den »Erneuerung« genannten Rausschmiß von Wissenschaftlern aus der Humboldt-Universität

Kurt Pätzold

Leider hat der Autor dieser Buchfassung seiner Dissertation in deutscher Sprache kein Vorwort vorangestellt. Sonst wüßte der Leser wohl, was den Niederländer, der das Ende seines Arbeitslebens als eine Art Wissenschaftsorganisator vor Augen hat, veranlaßte, sich für die Anfertigung einer wissenschaftlichen Monographie gerade dieses Thema zu wählen. Im Text klärt er das dann doch auf: Er hat in Darstellungen über das Ende der DDR-Universitäten eine Konzentration auf die Wandlung der Institutionen angetroffen, worüber die betroffenen Menschen vernachlässigt, ja ignoriert worden seien. Das wollte er ändern und die Lücke füllen. Das tut er nur zu einem Teil, denn sein Interesse begrenzte sich auf die Profes­sorenschaft aus DDR-Zeit und läßt die Masse der am Lehrprozeß Beteiligten, die sogenannten Angehörigen des Mittelbaus, außer Betracht. Ein Vorwort erhielt das Bändchen »Jenseits der Utopie. Ostprofessoren der Humboldt-Universität und der Prozeß der deutschen Einigung« dennoch. Es stammt von Heinz-Elmar Tenorth, Erziehungswissenschaftler, der sich 1991 an die Humboldt-Universität berufen ließ und dort lehrte, bis er 2010 in den Ruhestand trat. Der zählt sich, und der Einband des Buches hebt das hervor, zu denen, die das Schicksal der Ostprofessoren »einfach ignoriert haben«, wiewohl die doch gezwungen gewesen seien, »mit der deutschen Einigung (…) ihr wissenschaftliches Leben neu zu ordnen«. Diese wohlgesetzten Worte werden vor allem diejenigen mit Genuß lesen, die bis dahin für ihre Arbeit auf den Zugang zu Laboratorien angewiesen waren und zu Geräten, die sie anders als Kaffeemaschinen nicht zu Hause stehen haben. Aber auch jene, die beispielsweise, um an ihre Quellen zu gelangen, Reisekosten aufbringen müssen, die ihre Arbeitslosengelder nicht hergeben. Nun aber, schreibt Tenorth erleichtert, gäben die Ergebnisse der Studie des Mannes aus dem Nachbarland die Chance, die Biographien »endlich zur Kenntnis zu nehmen«.

Allerhand Ungeklärtes

Das wiederum ist eine starke Übertreibung, denn von den mehr als 300 aus dem Korpus der Professoren Entlassenen einstigen Humboldtianer hat der Autor mit exakt zehn Personen gesprochen. Nach welchem Prinzip er die auswählte, muß erraten werden. Deren Namen bleiben ungenannt, und es wird auch nicht informiert, ob die Betreffenden das wünschten oder der Fragende sich so entschied. Die Angaben über die Fachzugehörigkeit sind unpräzise. Ob der Forschende eine größere Zahl zur Mitwirkung ansprach und sich Aufgeforderte seinem Ansinnen verweigerten, wird nicht mitgeteilt. Ungeklärt bleibt auch, ob dem Verfasser der Zugang zu staatlichen und Privatarchiven verwehrt wurde oder ob er ihn nicht gesucht hat. Von gedruckten Memoiren der Betroffenen, folgt man dem Literaturverzeichnis, wurde nur in einem Ausnahmefall Gebrauch gemacht. Deren Verfasser arbeitete nicht an der Universität, sondern an der Akademie der Wissenschaften und gehörte zeitweilig zu einer Kommission, die über das Verbleiben oder das Ausscheiden von Universitätsmitarbeitern mitentschied. Der Autor nennt die aus der Universität mit Gründen oder unter Vorwänden Entfernten »die Verlierer«. In dieser Verallgemeinerung ist das falsch. Und er meint, daß sie alle mit Verbitterung auf das ihnen Geschehene zurückblicken und dieses Gefühl auch ihre Wahrnehmung und Beurteilung trübe. Merkwürdig, daß er auf eine nicht so kleine Gruppe von Einstigen nicht stieß, die, vorgebildet durch das Wissen, wie es bei Konterrevolutionen zugeht, das Vorgehen der westdeutschen Vereiniger als normal ansahen. In diesem Falle wurden die Prinzipien einer bürgerlichen Gesellschaft – und zwar, wie es neuerdings heißt, eins zu eins, also ohne Einschränkung – auf das angeschlossene Gebiet übertragen. Wer verdächtig war, dabei zu stören oder auch nur nicht kräftig, womöglich sich rehabilitierend, mitzumachen, hatte zu weichen. Die demagogisch »Erneuerung« genannte Behandlung der ostdeutschen Universitäten zielte auf eine pluralistische Hochschule minus marxistische Theorie und minus sozialistische Lehren und Überzeugungen. Dabei sind den Lenkern bei ihrem Vorgehen keine wesentlichen Fehler unterlaufen.

Karrierewege

Das Dasein der »Verlierer« während der zwei inzwischen vergangenen Jahrzehnte hat den Autor nicht interessiert. Ob jene Möglichkeiten fanden, ihre wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen oder thematisch neu zu bestimmen, hat er in den Gesprächen nicht erfragt, sich darüber auch in Bibliotheks­katalogen nicht kundig gemacht. Das Versprechen, »Wendebiographien« zu erzählen, ist uneingelöst, versteht man darunter nicht nur die Darstellung der unmittelbaren Folgen des Agierens der neuen Machthaber. Und da sind die sozialen ausgelassen, zu denen die Information über die Höhe der Arbeitslosengelder oder der Vorruhestandsrenten und der Zwang zur Aufgabe nicht mehr bezahlbarer Wohnungen gehört haben würden. Gleichermaßen gleichgültig war dem Forscher offenkundig, ob seine »Verlierer«, wie eingeschränkt auch immer, einen Platz in der Gesellschaft gefunden haben und einnehmen. Da wäre er dann auf jene gestoßen, die nach ihrem Scheitern nicht aufgaben und, bitter belehrt, der Idee treu blieben, die sie leitete und die sie diese Gesellschaft nicht als die beste aller denkbaren ansehen läßt. Und sich nach Peter Hacks sagen: Heute nicht, morgen – vielleicht – doch. Der Verfasser hat sich noch zwei weitere Gruppen von »Ostwissenschaftlern« sortiert. Die »Aufsteiger« und die »Überlebenden«. In der ersten faßt er die meist jüngeren Wissenschaftler zusammen, die in der DDR ausgebildet wurden und ihre Karriere an der Humboldt-Universität schon begonnen hatten, Lehrstühle aber nun erst beziehen konnten, nachdem sie von ihren Vorgängern »freigemacht« worden waren. Die zweite umfaßt jene, die gleichsam davongekommen waren, sei es, daß für die in der DDR schon das Sprichwort anwendbar war »Dem Herrgott keine Kerze und dem Teufel kein Schüreisen«, sie da eine unauffällige Existenz führten, sei es, daß sie tatsächlich auf ihrem Karriereweg benachteiligt wurden, sei es, daß ihnen ein Zufall half oder ein westlicher Geheimdienst, der für den einen oder die andere gutgesagt haben mag. Diese »Überlebenden« hatten vor ihrer Befragung lange genug unter den neuen Verhältnissen gearbeitet und vermochten diese mit den alten zu vergleichen. Was der Autor dabei erfuhr und aufschrieb, besitzt keinen Neuigkeitswert. Auf welchen Feldern die DDR-Hochschule der jetzt existierenden überlegen, auf welchen gleichwertig, auf welchen auch unterlegen war, hat sich herumgesprochen und zu umstrittenen Antworten auf die Frage geführt, ob die »Erneuerung« nun geglückt sei oder nicht. Und ob nicht eine Chance verpaßt wurde, von den Universitäten in der Alt-BRD den Ballast abzuschütteln, den sie mit sich schleppen. Die solcher Vergleiche Fähigen haben durch ihre Zeugnisse, unausgesprochen, die Frage aufgeworfen, ob die heute amtierenden Professoren sich rechtens eigentlich im Wortsinn noch Hochschullehrer nennen können.

Räuberpistolen

Die Vorzüge, die der Autor dem Universitätsleben in der DDR nachsagt, werden ihn keinen Verdächtigungen aussetzen. Unter den anonymen Zeugnissen, die er aus seinen Gesprächen druckt und kommentiert, scheint ihm eins besonders teuer. Kommt er darauf doch an drei Stellen seines Textes, der generell von Wiederholungen strotzt, zurück. Ein Informant, der an der Humboldt-Universität hauptberuflich Angestellter der Sozialistischen Einheitspartei war, hat ihm in geschwätziger Breite erzählt, daß zu seiner Ausstattung und der eines engen Kreises seiner Kollegen eine persönliche Waffe, eine Pistole, gehörte. Dies kommentiert der Autor so: »Wenn es nötig gewesen wäre«, hätte er »seine Pistole (…) geholt, um seine Kollegen und Studierenden zu zwingen, der Parteilinie zu gehorchen«. Das sei aber nicht nötig gewesen. Sie hätten offenbar ohnehin gefolgt, denn die Partei »dominierte die Berufspraxis der Professoren vollständig«. Derlei Räuberpistole wird von einem Staat erzählt, dessen Armee, als die Bewohner einen anderen Staat auf den Straßen verlangten und durchsetzten, keinen einzigen Schuß abgab. Es ist nicht die einzige. An anderer Stelle schreibt der Autor, Druckgenehmigungen wurden »gelegentlich auch erst erteilt, wenn die Professoren im Gegenzug ihre Partner, Kinder, Studierenden oder Kollegen im In- und Ausland ausspionierten und darüber geheime Berichte für die Stasi anfertigten«. Der Präsident der Humboldt-Universität ging kein Risiko ein, als er den Autor des Bandes zur Präsentation seines Buches Unter die Linden einlud. Die »Verlierer« waren nicht zu Tische gebeten. Einladungen erforderlich.

Adriaan in’t Groen, Jenseits der Utopie. Ostprofessoren der Humboldt-Universität und der Prozeß der deutschen Einigung, Metropol Verlag, Berlin 2013, 191 Seiten, 19 Euro

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