16. Oktober 2013

Die Völkerschlacht

Franzosenhaß als Hinterlassenschaft: Ende Mai 1924 demonstrierten Burschenschafter für die Eingliederung des Saargebietes und der Pfalz ins Deutsche Reich zum Völkerschlachtdenkmal in Leipzig - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 102-00424 / CC-BY-SA

Vor 200 Jahren: Die Niederlage Napoleons bei Leipzig entschied den Befreiungskrieg, der zur Geburtsstunde des deutschen Nationalismus wurde

Kurt Pätzold

Wer den elektronischen Katalog der Berliner Staatsbibliothek mit der Eingabe »Völkerschlacht Leipzig« befragt, erhält 72 Angebote. Zu den ältesten gehört ein Gedicht auf die Schlacht aus dem Jahre 1813. Das jüngste ist der Roman »Löwenstadt« von Erich Loest. Dazwischen findet sich eine Vielzahl von Publikationen, in denen der Verlauf der Schlacht oder einzelne ihrer Episoden geschildert werden. Das soll hier nicht erneut geschehen.

Krieg mimen

Dieser Tage wird in Leipzig die Völkerschlacht nachgespielt, bei der zwischen dem 16. und dem 19. Oktober 1813 – geschätzt – 100000 Soldaten umkamen. Dazu kleiden sich Männer in bunte Uniformen, die jenen der Kriegsteilnehmer von einst »nachempfunden« sind, benutzen altertümliche Handwaffen, feuern aus ebensolchen Kanonen, fechten zu Pferd. Das historische Gelände, auf dem all das stattfindet, verwandelt sich in eine Bühne für Laiendarsteller, die nach sorgfältiger Regie oder eigenem Gutdünken agieren: Vordringen, zurückweichen oder auch getroffen zu Boden stürzen. Diesmal, am 200. Jahrestag des historischen Geschehens, wird, so ist anzunehmen, das Getümmel noch wilder. Es hatten sich seit Monaten schon 5000 Darsteller angemeldet. Das stellte die Veranstalter vor große logistische Aufgaben, und so hatten sie sogar ein Pferdelager einzurichten.

Bereits 2012 hatte es eine Generalprobe gegeben, zu der sich eine kleinere, aber doch auch eine vierstellige Zahl an Mimen eingefunden hatte. Eine Reporterin befragte zwei von ihnen – einen aus Polen und einen aus Frankreich –, warum sie derlei veranstalteten und was sie dazu und dabei bewege. Die Antworten der beiden waren nahezu gleich: Sie seien stolz, befriedigt, ja glücklich darüber, daß heute zwischen den Europäern, anders als zwei Jahrhunderte zuvor, friedliche Zustände herrschten. Merkwürdig, daß sie dieses Empfinden dadurch ausdrücken, daß sie sich, von einer imaginären Kugel getroffen, in den Dreck fallen lassen und verwundet oder mausetot spielen. Da die Journalistin freundlich war, hat sie die beiden nicht in Verlegenheit gebracht mit der Nachfrage, ob sie ihrer Freude nicht vielleicht andere Ausdrucksformen geben könnten.

Manche meinen, diese Krieg mimenden Männer hätten in ihrer Kinderzeit zu wenig Räuber und Gendarm gespielt. Das kann sein. Fest steht hingegen, daß derlei Spektakel keine deutsche Spezialität ist. Es findet weithin statt: In Polen zur Nachstellung der Schlacht bei Tannenberg/Grunwald im Jahre 1410, in den USA in Erinnerung an die Kämpfe des Bürgerkrieges in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts – nicht jedoch an den Atombombenabwurf von 1945.

Weniger spektakuläre Formen der Erinnerung bieten seit langem Ausstellungen. Auch sie verzichten meist weder auf gruselige noch auf komisch anmutende Zeugnisse. Die eine Exposition, »Helden nach Maß – 200 Jahre Völkerschlacht«, ist derzeit in Leipzig zu sehen, die andere, für die sich die Veranstalter den Titel »Blutige Romantik« ausgedacht hatten, im Militärhistorischen Museum in Dresden. Zu den Dresdener Exponaten gehören Uniformstücke, der Schädel eines getöteten französischen Soldaten, ein Nachttopf mit dem Bild Napoleons, eine eiserne Bratpfanne. Dieses Küchenutensil stammt aus der Kampagne, in der Metall gegen Metall, Gold gegen Eisen getauscht werden sollte. Außerdem gehören dazu Zeugnisse der späteren Vermarktung des Ereignisses, wie Spielzeugteile, mit denen Kinder das 1913 in Leipzig errichtete Denkmal nachbauen konnten. Anspruchsvoller und reicher ist die Ausstellung aus dem Fundus des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Diese wurde, wegen der nicht über Deutschlands Grenzen hinausreichenden Enge der Fragestellung und der Vernachlässigung des Lebens der Bevölkerung in der Besatzungszeit und während des Krieges, scharf kritisiert. Wer weder in Leipzig noch in Dresden, noch in Berlin wohnt und nicht reisen will, kann die dazugehörigen informativen Kataloge erwerben.

Auch in diesem Jahr gehören zum Begleitprogramm rund um den Jahrestag Vorträge und Konferenzen. Deren Teilnehmer gehen wiederum Fragen nach, die schon in früheren Zeiten gestellt wurden. Da wird geforscht, ob und wie aktuelle Geschichtsbilder den tatsächlichen Ereignissen angemessen sind, sich welche Verzeichnungen zum Zwecke dieses oder jenes Mißbrauchs im Umlauf befinden und was uns das unverfälschte Ereignis denn zu sagen hätte.

Zunächst: Die Völkerschlacht bei Leipzig oder eine ähnliche auf deutschem Boden ist nicht denkbar, ohne die Niederlage Napoleons im Jahr zuvor in Rußland. Er hatte sie bei dem Versuch erlitten, das Zarenreich gewaltsam unter seine Herrschaft über Europa zu bringen. Ebenso unvorstellbar ist sie ohne den Befehl der russischen Militärführer, nicht an der Grenze des eigenen Landes halt zu machen. Der Entschluß, die Gegner, oder was von ihnen übriggeblieben war, aus Mitteleuropa zu vertreiben, bedeutete, mit der Armee weiter nach Westen, also zunächst auf preußisches Gebiet, vorzudringen. Diese Vorgeschichte, eine Conditio sine qua non, wird in jüngst verbreiteten Darstellungen deutlich marginalisiert. Das Vorgehen ist nicht so sehr auf Unkenntnis, sondern wohl mehr auf die sich auch auf den einstigen Antisowjetismus gründende Russophobie in Teilen der Bundesbürgerschaft zurückzuführen oder trägt dieser zumindest Rechnung.

Mit dem russischen Vordringen auf preußisches Gebiet verbindet sich zudem ein Ereignis, das dem preußischen König Unbehagen und dessen augenblickliche herbe Reaktion verursachte: Der eigenmächtig getroffene Entschluß des Generals Ludwig Yorck – der später der von Wartenburg (und nicht von Tauroggen) hieß – die Fronten zu wechseln, Napoleon die weitere Gefolgschaft zu versagen und den Schritt hin zum preußisch-russischen Zusammengehen gegen den »Franzosenkaiser« zu tun. Er tat dies im Bewußtsein, keine königliche Billigung zu besitzen und wider seinen obersten Befehlshaber zu handeln.

Das geschah am vorletzten Tag des Jahres 1812 und war gleichzeitig der Beginn des Befreiungskrieges. Dessen militärischen Höhe- und Wendepunkt bildet die Leipziger Schlacht. Yorcks Tat wäre allein Grund genug, sich an die so lange zurückliegenden Geschehnisse zu erinnern. Jedenfalls solange ein deutscher Staat existiert, der eine Armee besitzt, die zu kriegerischen Unternehmen entsandt wird, die Einsätze heißen und die von Generalen kommandiert werden. Jedoch – es sind der Gründe mehr.

Nicht länger Untertanen

Also weg von dem einen Manne, der Rückhalt im Offizierkorps wie in den Mannschaften besaß, hin zu den Massen der Bürger des Königreichs Preußen. Diese litten seit Jahren unter der napoleonischen Besatzung. Außerdem konnte ohne deren Teilnahme dem Treiben schwerlich ein Ende gemacht werden. Diese Masse erfuhr im Jahr 1813 durch König Friedrich Wilhelm III. eine deutlich veränderte Behandlung. Ob die unter dem Druck seiner Berater entstandenen oder auch durch neu gewonnene Einsichten Seiner Majestät selbst bedingt war, soll hier nicht interessieren. Als der Monarch am 17. März 1813 einen Aufruf zum Kampf gegen Napoleon erließ, wurden in dessen Text nicht Untertanen angesprochen, sondern »mein Volk«. Und schon eine Woche zuvor, am 10. März – die Kriegserklärung war noch nicht erfolgt – unterzeichnete der König das Dekret, mit dem der Orden Eisernes Kreuz gestiftet wurde. Es bestimmte zudem, daß ihn jeder Soldat erhalten könne. Das bedeutete eine weitere Neuerung, wurden bis dahin Orden doch einzig an Feldmarschälle, Generale und Offiziere verliehen. Und schließlich, auch dies, bevor die Schlachten entbrannten, ordnete Friedrich Wilhelm III. an, daß der im Kriege umgekommenen (es hieß wie schon davor und bis heute beschönigend: gefallenen) Soldaten auf Tafeln in den Kirchen des Landes ehrend zu gedenken sei. Die drei königlichen Entschlüsse bezeugen ein Gespür dafür, daß die alten Zeiten vorbei waren. Nun mußte man darauf bedacht sein, auf neue Weise das Volk nach dem Willen der Herrschenden zu lenken.

Zurück nach Leipzig und in den Herbst des Jahres 1813. Der Grund dafür, daß es in und um die sächsische Handels- und Universitätsstadt zur bis dahin größten Schlacht der Weltgeschichte kam, liegt in Plänen und Entschlüssen Napoleons. In Rußland gescheitert, hatte er, zurückgekehrt nach Paris, binnen kurzem eine neue Armee formiert. Diese war Kanonenfutter, aus dem kriegsmüden französischen Volk gepreßt, und besaß, zusammen mit den Truppenkontingenten aus deutschen und anderen Staaten, bei weitem nicht die Qualität jener, mit der er im Juni 1812 Richtung Moskau aufgebrochen war.

Diese neue Streitmacht war im Frühjahr 1813 nach Sachsen vorgerückt und der französische Kaiser folgte ihr mit dem Plan, die russischen Armeen an der Elbe oder an der Weichsel zu schlagen. So gedachte er in einem zweiten Anlauf nach Rußland zu gelangen. Das war – betrachtet man das veränderte Kräfteverhältnis – eine abenteuerliche, ja illusionäre Vorstellung. Die Russen, inzwischen mit den Preußen vertraglich verbündet, verfügten über eine kampfgewohnte Streitmacht, die der französischen auch in der Zahl der Soldaten überlegen war. Die russischen Truppen wurden verstärkt durch die verbündeten Schweden unter dem Oberkommandierenden Jean Bernadotte, eines ehemaligen Generals Napoleons, der später in dem nordeuropäischen Staat als Karl XIV. Johann den Thron bestieg. Zudem war sicher zu erwarten, daß sich dem Bündnis alsbald die Habsburger anschließen würden. Napoleon konnte dieses Kräfteverhältnis nicht ignorieren, glaubte aber, er könne dennoch durch Willensstärke und überlegene Klugheit siegen.

Da die zaristischen Armeen nicht bereit waren, sich wie im Jahre zuvor zunächst zurückzuziehen, sondern sich mit Preußen und Österreichern zum Kampfe stellten, wurde Sachsen zum wichtigsten Schlachtfeld des Befreiungskrieges und blieb es. Zunächst gewann Napoleon mehrere Gefechte. Freilich keine, die den Siegen bei Austerlitz in Mähren, wo er 1805 eine österreichisch-russische Koalition schlug, oder bei Jena und Auerstedt gleichkam, wo er 1806 das preußische Heer vernichtete und jeweils Kriege entschied. Seine Gegner und deren Truppen blieben, wiewohl auf Schlachtfeldern unterlegen, in Takt und kampffähig.

Das bewiesen im August und September 1813 die Kämpfe bei Großbeeren und Dennewitz in Brandenburg, die den französischen Plan zunichte machten, Berlin erneut zu erobern (siehe jW-Themaseiten vom 23.8.2013). Gleichzeitig siegten die von Gebhard Leberecht von Blücher geführten Truppen am niederschlesischen Flüßchen Katzbach und zwangen die Franzosen zum Rückzug auf sächsisches Gebiet. Napoleon sah sich angesichts der erlittenen Niederlagen bei den Vorstößen nach Norden und Osten und dem Heranrücken der Heere der Verbündeten vor der Entscheidung, seinen Offensivplan aufzugeben und den Rückzug zu befehlen oder sich zum Kampfe zu entschließen und auf eine Schlacht zu hoffen, in der er triumphierend wieder Herr der Gesamtlage würde. Aufgeben war seine Sache nicht, so kam es zur Völkerschlacht, eine Bezeichnung, die sie angesichts des Massenaufgebots der Kämpfenden – insgesamt etwa eine halbe Million – bald danach erhielt.

Deutsche auf beiden Seiten

In deutschen Geschichtsbildern galt die Schlacht als der mächtige Ausdruck und glorreiche Auftakt einer nationalen Erhebung. Letztere habe schließlich alle ihr entgegenstehenden Hindernisse überwunden und 1871 mit einem weiteren militärischen Sieg über Frankreich in den deutschen Nationalstaat (minus Österreich) geführt. Nichts galt dafür mehr als Beweis als Ernst Moritz Arndts »Lieder für Teutsche«. Eines, verfaßt 1813, fragte, was denn des Deutschen Vaterland sei. Nur drückte sich darin mehr ein Ruf und Appell aus, denn die Wirklichkeit und das Massenbewußtsein. Am wenigsten kann dafür die Völkerschlacht stehen. Sie fand auf dem Boden Sachsens statt, dessen Herrscher noch immer ein Gefolgsmann Napoleons war. Außerdem standen den russisch-preußisch-österreichischen Truppen sächsische und weitere Kontingente aus den Rheinbundstaaten unter dem Befehl des »Franzosenkaisers« gegenüber.

In und um Leipzig kämpften also ebenfalls Deutsche gegeneinander. Auch wenn viele davon im Verlauf der Schlacht aus den napoleonischen Reihen in die der Sieger überliefen. Sachsens König Friedrich August I. wurde, Strafe für seinen fehlenden Patriotismus ebenso wie Ausdruck preußischer Begehrlichkeiten auf dessen Territorium, ein Gefangener der Alliierten. Er blieb bis Anfang 1815 in einem komfortablen Gefängnis, das Schloß Friedrichsfelde, das heute Teil des Berliner Tierparks ist.

Erst nach der Schlacht und mit dem Rückzug der französischen Truppen westwärts und über den Rhein suchten und vollzogen die deutschen Herrscher in München, Kassel, Stuttgart und Karlsruhe den Anschluß an die Verbündeten. Nur Bayern hatte das schon Anfang Oktober getan. Dessen Truppen versuchten gar gemeinsam mit österreichischen, den französischen bei Hanau den Weg zum und über den Rhein zu verlegen. Dabei handelten sie sich eine Niederlage ein, verschafften aber ihrem König ein Argument, das sich bei der bevorstehenden Entscheidung über die Nachkriegswelt ins Feld führen ließ.

Zu den zählebigen Geschichtsbildern von den Ereignissen des Jahres 1813 gehört das vom geschlossen aufstehenden Volk, das zu den Waffen eilte. Zusätzliche Verbreitung erhielt es durch Joseph Goebbels 1943 nach der verlorenen Stalingrader Schlacht, als er tönte: »Nun, Volk, steh auf und Sturm, brich los«. Schon die unterschiedliche Teilnahme deutscher Truppen bei der Schlacht von Leipzig beweist, daß von solcher Massenbewegung zwischen Ostpreußen und Baden nicht die Rede sein kann. Aber unbestritten gab es beim Aufstand gegen die napoleonische Herrschaft in Preußen Enthusiasmus, insbesondere unter der Jugend, und da wiederum unter der studentischen.

Die Entschlossenheit der Kämpfenden und derer, die sie unterstützten, wurzelte nicht zuletzt in den Erfahrungen der Besatzungsjahre, in denen die Eindringlinge vor allem den Bauern, der Mehrheit der Bevölkerung, die Vorratsräume leer gefressen hatten und zusätzlich wüteten, wenn sie da nichts vorfanden. Zornig und haßerfüllt wollten die Beraubten und Gedemütigten die Besatzer außer Landes jagen. Zahlreich waren folglich Preußen auch dem Aufruf gefolgt, den Krieg finanzieren zu helfen (»Gold gab ich für Eisen«). Doch mit der zweckvoll von mehreren Regimes in Deutschland verbreiteten Verallgemeinerung wird übertrieben, wenn behauptet wird, daß allerorten jauchzende Kriegsbegeisterung herrschte. Als 1813 die allgemeine Wehrpflicht in Preußen ausgerufen und im Jahr darauf zum Gesetz erhoben wurde, eilten keineswegs alle Männer freudig zu den Waffen. Die Menschen, die vielfach aus eigenen Erfahrungen wußten, was Krieg bedeutete, wollten ein Ende der Schrecken. Und kein Geringerer als Blücher schrieb seiner Frau in einem Kriegsbrief, wie sehr er das Morden satt hatte.

Ein Faktor, der Weiterblickenden die Begeisterung für den Kampf gegen Napoleon dämpfte, waren Zweifel, was auf dessen Niederlage in deutschen Landen folgen und ob sich nicht die Restauration gesellschaftlicher und politischer Zustände durchsetzen werde, nach denen es die Mehrheit nicht zurückverlangte. Was würde am Ende wogegen getauscht werden? Einer, der sich und in einem Gespräch dem Jenaer Geschichtsprofessor Heinrich Luden diese Frage stellte, war Johann Wolfgang von Goethe. Zweifel an ihrer Berechtigung waren nach dem endgültigen Sieg über Napoleon nicht nur in Frankreich mit der Rückkehr der Bourbonen beseitigt. Die definitive Antwort gaben der Wiener Kongreß und die Karlsbader Beschlüsse. Der Befreiungskrieg, wiewohl er auch dazu erklärt wurde, hatte sich nicht als Freiheitskrieg erwiesen. Nicht alle bedauerten diesen Ausgang: Es gab Jubel, als der sächsische König nach Dresden zurückkehrte, und ebenso in Kassel, wo zu denen, welche die Rückkehr des regierenden Fürsten feierten, auch die Gebrüder Grimm gehörten.

Doch in der Geschichte geht nichts ganz verloren. Das gilt auch für die im Kriege auflebende Hoffnung, die Zustände – und nicht nur die politischen – gründlich zu ändern und die Einheit Deutschlands zu schaffen. Sie wurde und blieb ein Erbe des antinapoleonischen Kampfes, das eine Minderheit antrat.

»Schlagt ihn tot!«

Zu den Hinterlassenschaften der französischen Besatzungszeit und des antinapoleonischen Krieges gehörte ein abgrundtiefer Franzosenhaß, die Nachbarn im Westen wurden Erbfeinde genannt. Diesen Haß zu verbreiten und sie zu pflegen, dazu hatten Preußen, Dichter vor allem, in vorderster ideologischer Front beigetragen. Was sie schrieben, das war nicht wie Theodor Körners Gedichte erst im Feuer des Kampfes formuliert worden. Vieles entstand teils schon während der Besatzungsjahre, die auf den Frieden von Tilsit 1807 folgten.

Eine der widerlichsten Äußerungen lieferte Heinrich von Kleist, sie geriet ihm, der 1811 starb und den Krieg so nicht mehr erlebte, zur Ode »Germania an ihre Kinder«. Mit ihr rief er jeden »deutschen Mann« zu den Waffen, den Tag der Rache beschwörend. Darin heißt es gegen die hier »Franken« genannten Franzosen: »Alle Triften, alle Stätten / Färbt mit ihren Knochen weiß: / Welchen Rab’ und Fuchs verschmähten, / Gebet ihn den Fischen preis; / Dämmt den Rhein mit ihren Leichen«, woran sich der Chor mit der wohl meist zitierten Passage des Gedichts ausschließt: »Eine Lustjagd, wie wenn Schützen / Auf die Spur dem Wolfe sitzen! / Schlagt ihn tot! Das Weltgericht / Fragt euch nach den Gründen nicht!« Der Vergleich des Krieges mit einer lustigen Jagd auf das Getier im Walde wird sich später in Körners Lied »Lützows wilde Jagd« auf die Lützower und deren Kampf gegen die »fränkischen Schergen« wiederfinden.

Der deutsche Nationalismus wurde nicht in einer Revolution geboren, sondern in einem Kriege, und diese Lieder und Gedichte gehören zu seinen Geburtsurkunden. Welch ein Abstand zu jenem Vers aus dem französischen Kriegslied, das später zur Nationalhymne, der Marseillaise, wurde. In ihr wird den Soldaten am Tage vor einer Schlacht zugerufen, diejenigen zu schonen, die nicht aus eigenen freien Stücken gegen sie kämpfen.

Damit wären wir bei dem Kapitel, von dem 200 Jahre nach dem Ereignis, hierzulande vor allem die Rede sein könnte. Und das aus dem Bewußtsein heraus, daß die europäische Wirtschafts- und Finanzkrise wie ähnliche Vorgänge vorher prompt nationalistische Gesinnungen, auch alte Vorurteile aktiviert, wieder belebt oder neue erzeugt hat. Nicht, daß sie den Ausdruck in abgewandelten Forderungen von einst fänden und es statt »Nach Paris« nun »Nach Athen« heißen würde. Doch es genügen jene Haltung, die einen zweiten Platz der Deutschen, und sei es in einem Fußballsta­tion, bereits für eine demütigende Niederlage hält, und mehr noch Klischees, wonach die Deutschen fleißig, »die Anderen« faul seien, wonach »wir« zahlen und »die anderen« kassieren, um gegen nationalen Hochmut mobil zu machen. Und daß Nationalismus nie ein deutsches Monopol war und er auch heute weithin jenseits der Grenzen anzutreffen ist, kann keine Rechtfertigung für die heimische Ausgabe sein. Aber eine Herausforderung zu gemeinsamer internationaler Anstrengung. Das wäre doch eine Alternative zu dem alljährlichen Kriegsrummel in Leipzig.

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