19. April 2014

Die »Wende von Salerno«

Konnten die Abschaffung der Monarchie nicht verhindern: König Vittorio Emanuele III. und Pietro Badoglio im Sommer 1943 - Fotoquelle: picture-alliance / United Archives/TopFoto

April 1944: Die italienischen Kommunisten traten in die Regierung Badoglio ein

Gerhard Feldbauer

Am 22. April 1944 trat die Italienische Kommunistische Partei (IKP) zusammen mit den anderen Parteien des Comitato di Liberazione Nazionale (CLN, dt.: Komitee der nationalen Befreiung), also Sozialisten, Aktionisten, Christdemokraten und Liberale, in die nach dem Sturz des »Duce« im Juli 1943 von dem vorherigen Mussolini-Marschall Pietro Badoglio gebildete Regierung ein. Den Vorschlag dazu hatte IKP-Generalsekretär Palmiro Togliatti, der am 27. März aus dem Exil in der UdSSR nach Italien zurückgekehrt war, unterbreitet (siehe auch jW 22.3.2014). Nach dem Regierungssitz in der südlich von Neapel gelegenen Stadt benannt, ging das Ereignis als »Wende von Salerno« in die Geschichte ein. Gegen beträchtlichen Widerstand der eigenen Parteibasis, aber auch von Sozialisten (ISP) und Aktionisten (PdA) hatte Togliatti argumentiert, daß nur so ein breites, gegen Nazideutschland gerichtetes antifaschistisches Bündnis entstehen könnte. Das dann gebildete Kabinett charakterisierte Togliatti als eine »Regierung der nationalen Einheit« bzw. als »nationaldemokratische Kriegsregierung«. Das bewahrheitete sich vor allem durch den Zulauf, den die Partisaneneinheiten danach auch aus den Reihen früherer Mussolini-Soldaten erhielten. Die Partisanenarmee wuchs auf über 200000 Kämpfer an, fast ebenso stark die örtlichen Einheiten der »Gruppen der Patriotischen Aktion« (GAP). Die Wehrmacht mußte gegen sie im Frühjahr 1944 bereits 15 Divisionen einsetzen.

Togliatti wurde oft vorgeworfen, er habe mit dem Regierungseintritt einen riskanten Kompromiß geschlossen, weil der König, der mit der Berufung Mussolinis zum Ministerpräsidenten 1922 maßgeblich den Machtantritt des Faschismus gefördert und diesen über 20 Jahre lang mitgetragen hatte, vorher nicht seinen Rücktritt erklärt, sondern ihn nur unverbindlich angekündigt hatte. Die IKP setzte bei ihrem Vorgehen auf ihre starke Position in der Resistenza (dem bewaffneten Widerstand) und deren maßgeblicher Vertretung, dem CLN, in dem sie zusammen mit der ISP und PdA ein Übergewicht besaß, auf dessen Grundlage die Linken nunmehr auch die neue Regierung dominierten. Die IKP übernahm zwei Ministerposten: Togliatti zunächst ein Ressort ohne Geschäftsbereich (später wurde er Justizminister), Fausto Gullo das Landwirtschaftsministerium, das entscheidend für die Kämpfe der Landarbeiter und landarmen Bauern war, die in Süditalien die Ländereien der geflohenen faschistischen Latifundistas besetzt hatten, was dann durch ein Dekret legalisiert wurde.

Mit dem Regierungseintritt war die »Wende von Salerno« noch nicht abgeschlossen. Der zweite Schritt erfolgte am 4. Juni 1944 nach dem Einmarsch der alliierten Truppen in Rom, das sich bereits unter der Kontrolle des Militärausschusses des CLN befand. Jetzt erntete die IKP eigentlich erst die Früchte ihres kompromißbereiten Vorgehens. Gemäß einer Forderung des CLN hätte der König abdanken müssen. Da keine Einigung über die Beseitigung der Monarchie zustande kam, wurde als neuer Kompromiß, auch das wiederum auf Initiative der IKP, die Ernennung von Kronprinz Umberto zum Statthalter vereinbart und die Entscheidung über die Staatsfrage auf ein Referendum nach Kriegsende vertagt.

Mit der Abdankung des Königs wurde auch Badoglio zum Rücktritt gezwungen und der Liberale Ivanoe Bonomi zum Ministerpräsidenten berufen. Seine Ernennung erfolgte durch das CLN, nicht durch den Statthalter. Damit hatte das frühere Königshaus seine Funktion, das Staatsoberhaupt zu stellen, eingebüßt. Die Alliierten akzeptierten diese erstmals geübte Praxis, nach der auch weiterhin verfahren wurde. Sie stimmten ebenso der Entscheidung der Regierung Bonomi zu, das CLN in Norditalien in den noch von ihnen besetzten Gebieten als Organ mit Regierungsvollmachten einzusetzen. Damit waren die reaktionären Pläne des Königshauses und der Rechten in den bürgerlichen Parteien zur Konservierung der faschistischen Machtpositionen, die vor allem Großbritannien unterstützte, gescheitert. Churchill äußerte in einem Telegramm an Stalin am 11. Juni 1944 seinen Unmut über die Ablösung Badoglios, den er »den einzig kompetenten Mann, mit dem wir es zu tun hatten«, nannte. Er sei durch einen »Haufen überalterter und gefräßiger Politiker« ersetzt worden, die nun versuchten, »die italienischen Ansprüche durchzusetzen«.

Mit der »Wende von Salerno« schien de facto jener Blòcco stòrico entstanden zu sein, der in Gramscis antifaschistischer Bündnispolitik einen zentralen Stellenwert einnahm, und zwar in größeren Dimensionen, als es sein theoretischer Begründer im Auge hatte. In Salerno entstand jedoch eine Allianz, die sich in erster Linie gegen die deutschen Okkupanten richtete, für welche die Mussolini-Faschisten nur noch Erfüllungsgehilfen waren. Die Stoßrichtung gegen Hitlerdeutschland ermöglichte die Einbeziehung großbourgeoiser Kreise und der Monarchie in das nationale Bündnis und erleichterte es vielen Soldaten und Offizieren der früheren Mussolini-Armee, sich der Resistenza anzuschließen. Die IKP betonte ihren grundsätzlich antifaschistischen Standpunkt, nach dem die Nachkriegsordnung »die Liquidierung all dessen beinhalten« müsse, »was an reaktionären und faschistischen Kräften verbleibt«. Togliatti folgte jedoch der Linie Stalins, der im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung der Antihitlerkoalition erklärt hatte, »die Frage der sozialistischen Revolution nicht aufzuwerfen« (vgl. Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933–1943, Berlin 2000). Da er diese Perspektive nicht als grundsätzliche Aufgabe der Nachkriegsordnung formulierte, provozierte der IKP-Chef damit die Kritik der Parteibasis.

Es waren vor allem die Kader, die in der Illegalität, und zwar vornehmlich unter den Arbeitern in den Industriegebieten des Nordens, den Widerstand gegen das Mussolini-Regime organisierten. Sie bezweifelten, daß mit großbürgerlichen Kreisen ein Bündnis für die Zeit nach dem Sieg über den Faschismus möglich sei, weil diese sich gegen eine »proletarische« Alternative wenden würden. Die Mailänder Führung der IKP, an deren Spitze Luigi Longo und der Verantwortliche für Militärfragen, Pietro Secchia, standen, kritisierte, daß beim Eintritt in die Badoglio-Regierung der Kampf gegen die deutsche Besatzung zum ausschließlichen Ziel der Resistenza erklärt wurde. Auch wenn man in Betracht zieht, daß sich in dieser Argumentation eine Tendenz zur Unterschätzung oder sogar zur Negation der Notwendigkeit des Kampfes um zunächst demokratische Veränderungen zeigte, waren das Befürchtungen, die sich nach dem Sieg über den Faschismus bewahrheiteten.

Großkapital beugte sozialistischer Perspektive vor

Während die IKP sich mit einer Herausstellung ihrer sozialistischen Perspektive zurückhielt, taten die führenden Industriekreise, die aus Angst, in die Niederlage Nazideutschlands hineingezogen zu werden, den Sturz Mussolinis mitgetragen hatten, alles, um ihre Machtpositionen für die Zeit nach dem Krieg zu sichern. Ein Beispiel dafür war die Haltung Giovanni Agnellis, Besitzer des größten privaten Industrie- und Rüstungskonzerns FIAT. Während Agnelli im September 1943 zu den in Süditalien gelandeten Amerikanern überlief, schickte er seinen Generaldirektor Vittorio Valletta in das von der Wehrmacht besetzte Norditalien zur Konzernzentrale nach Turin. Dort hielt dieser für die Nazis die Kriegsproduktion aufrecht, unterdrückte den Widerstand der Arbeiter dagegen und sorgte bis Kriegsende für höchstmögliche Profite. Dem Rat Agnellis folgend nahm Valletta zwar nicht einen von Mussolini angebotenen Ministerposten an, tat aber sonst alles, um das deutsche Besatzungsregime und dessen Statthalter Mussolini zu stützen. Das hatte zur Folge, daß das CLN Valletta auf die Liste der faschistischen Kriegsverbrecher setzte. Gleichzeitig traf Vallettas Stellvertreter in Turin, Giancarlo Camarana, bereits Ende 1944 in Bern mit dem Chef des Office of Strategic Services (Vorläufer der CIA), Allen Dulles, zusammen, um die Nachkriegsexistenz von FIAT zu regeln. Daraus ergab sich dann auch, daß amerikanische Besatzungsoffiziere Valletta im April 1945 vor der Festnahme durch ein Kommando der Partisanenarmee, das die Konzernzentrale in Turin besetzte, retteten und in Sicherheit brachten.

Quelle: Gaetano Grassi: Verso il Governo del Popolo. Atti e Documenti del CLNAI 1943/1946 (Für eine Regierung des Volkes. Maßnahmen und Dokumente des Nationalen Befreiungskomitees für Norditalien), Mailand 1977

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