26. Mai 2012

»Dienst am Volkstum«

Deutsches Propagandaplakat zur Volksabstimmung in Oberschlesien (1921) - Quelle: Wikipedia

29. Mai 1922: Pfingsttagung des revanchistischen »Deutschen Schutzbundes«

Manfred Weißbecker

An den Pfingsttagen finden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Bundesrepublik Deutschland Treffen von einzelnen Landsmannschaften und den Verbänden derer statt, die im Ergebnis des Krieges ihre Heimat verlassen mußten und sich als »Vertriebene« bezeichnen.

Für solche Pfingsttreffen gibt es Vorläufer: Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution war mit dem »Deutschen Schutzbund« eine Organisation entstanden, deren Mitglieder sich 1920 erstmalig und bis 1930 in jedem Jahr zur Pfingstzeit trafen, zumeist in grenznahen Städten Deutschlands oder Österreichs. Er vereinte als ein Kartellverband rund 120 sogenannte grenz- und auslandsdeutsche Verbände, die zum Teil schon vor 1918 existiert hatten.

»Schutz« – mit diesem Begriff erreichte die Arbeit für die im Ausland lebenden Deutschen, seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts vor allem vom Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) organisiert, nach 1918 eine wesentliche Erweiterung. Laut Versailler Friedensvertrag hatte Deutschland Gebiete an andere Staaten abtreten müssen, deren Wiedergewinnung den Herrschenden der Weimarer Republik als ein unumstößliches, wenngleich nicht sofort erreichbares Ziel galt. Erst müsse »das deutsche Schwert wieder geschmiedet« sein, äußerte 1919 Hans Steinacher, der zwischen 1933 und 1937 den VDA zu leiten berufen war. Die Deutschen in den nun nicht mehr zum Reich gehörenden Gebieten sollten einen »Selbstbehauptungskampf« führen und darin tatkräftig unterstützt werden, letzteres möglichst unter dem Schild von Nichtregierungsorganisationen. Auseinandersetzungen mit den Siegermächten wären dem Reich zu ersparen, dachte man.

Es war dann auch der VDA, der die Gründung des Deutschen Schutzbundes initiierte und zugleich seinen Chef zu dessen Vorsitzenden machte: Franz von Reichenau, einen kaiserlichen Gesandten a.D. Den Posten eines zweiten Vorsitzenden besetzte Generalstabsmajor Wilhelm Freiherr von Willisen, Organisator abenteuerlicher Grenzschutzaktionen paramilitärischer Verbände, die sich gegen die praktische Umsetzung der Pariser Friedensverträge richteten. Die Mitwirkung zahlreicher Militärs an der Arbeit des Bundes brachte diesem bald den Ruf ein, eine »Versorgungsanstalt für ehemals aktive Offiziere« zu sein.

Neuordnung Europas

Als Verfechter völkischer Denkweisen und einer nationalistischen Interpretation der Heimatliebe gab der Schutzbund an, Attacken gegen deutsche Minderheiten verhindern sowie »fremdnationale Ausdehnungsgelüste« abwehren zu wollen. Dies sei auch Aufgabe jener Deutschen, die in anderen Ländern leben. Sie hätten dort die deutsche Sprache und Kultur zu behüten sowie als Irredenta zu wirken. Der früher geforderte »Dienst für das Vaterland« wandelte sich so in einen »Dienst am Volkstum«. Der Bund wollte das »einigende Band« sein, das alle Deutschen »ohne Rücksicht auf Staatsangehörigkeit und Wohnstatt im Hinblick auf ihr Volkstum miteinander und dem Mutterland« verknüpft. Das waren Formulierungen, die zwar berechtigte Anliegen vermuten ließen, doch bewußt weiter gefaßte Intentionen verbargen. Heimatgefühle und Vaterlandssinn sahen sich mit nationalistischem Sinn gefüllt und so letztlich auch für revanchistisch-expansionistische Langzeitstrategien genutzt.

Den führenden Außenpolitikern und Militärs Deutschlands war klar, ihr Anliegen auf weite Sicht nur militärisch erreichen zu können. Dementsprechend forderte der Schutzbund die »Erhaltung des Rohstoffes, der Substanz des kommenden Großdeutschen Staates« (sic!), ferner die »Aufzucht von Trägern eines den Block des aufgeschlossenen deutschen Siedlungsgebietes in Mitteleuropa umfassenden großdeutschen Staates«, außerdem die »Schaffung einer das gesamte über die Welt verstreut siedelnde deutsche Volk erfassenden Kulturgemeinschaft«. Man sprach von einer angestrebten »Neuordnung Europas«. In dieser Hinsicht besteht eine frappierende Übereinstimmung mit der Zielstellung deutscher Faschisten, hieß es doch im Parteiprogramm der NSDAP unter Punkt 1 kurz und bündig, man fordere ein »großdeutsches Reich aller Deutschen«. Zwar strebte der Schutzbund nicht nach faschistischen Verhältnissen, seine Anliegen sind jedoch sehr wohl dem deutschen Faschismus dienliche, ihn fördernde und bestärkende gewesen.

Das Pfingsttreffen des Schutzbundes fand 1922 in Ostpreußen statt, das durch einen sogenannten Korridor, der Polen den Zugang zur Ostsee ermöglichte, vom übrigen Reichsgebiet getrennt war. Über vier Tage erstreckten sich die Veranstaltungen in den Städten Allenstein, Marienberg, Königsberg und Pillau. Wie die Zeitschrift Volk und Heimat berichtete, sei überall großes Klagen über die »Insel«-Situation der Ostpreußen laut geworden. Obwohl ganz im Sinne der polenfeindlichen Außenpolitik der Regierenden handelnd, gab man sich dennoch einen unpolitischen Anstrich: Die eigene Arbeit liege »abseits von jeder parteipolitischen Betätigung«, es gehe lediglich um die deutsche »Volks- und Kulturgemeinschaft«.

Der Geschäftsführer des Deutschen Schutzbundes, Karl Christian von Loesch, sprach zur Eröffnung des Treffens zu »Entdeutschung und Abwehr«. Überall werde versucht, das Deutschtum zu vernichten, überall sei die Lage der grenz- und auslandsdeutschen Stämme katastrophal. Für nichts Geringeres als für die Zukunft der deutschen Nation müsse gesorgt werden, für eine Volksgemeinschaft über die bestehenden Grenzen des Reiches hinaus. Daß es nicht bei einer »Abwehr« der Gefahren bleiben sollte, macht auch ein Vers deutlich, der in jener Zeit oft zitiert wurde: »Was sind Worte, was sind Reden? / Schöne Klänge, die verfliegen. / Was sind Taten? Hammerschläge, / Die zuletzt das Eisen biegen.«

Zugleich offenbarte dieses Pfingsttreffen einen Wandel in der praktischen Tätigkeit des Bundes. In den »heroisch« genannten Kämpfen von 1920/21 um die Abstimmungen über die Zugehörigkeit einiger Gebiete entweder zum Deutschen Reich oder zu dessen Nachbarstaaten (Dänemark, Polen, Frankreich, Belgien) hatte der Bund u.a. den bürokratischen Apparat für diese Wahlen teils organisiert, teils unterstützt, finanzielle »Spenden« eingetrieben, Kurierdienste aufgebaut sowie für den Transport jener Abstimmungsberechtigten gesorgt, die es vorgezogen hatten, nach dem Krieg außerhalb der betreffenden Gebiete zu leben.

Kampf um die Köpfe

Danach, als sozusagen alle Messen gesungen waren, stellte der Bund die »geistige« Arbeit in den Vordergrund. Es begann, formuliert in der Sprache von Rechtsextremen unserer Zeit, ein »Kampf um die Köpfe«.

In der Regie des Bundes erschien eine Vielzahl »aufklärender« Publikationen, die sich zunehmend einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben versuchten. Die Werke von Max Hildebert Boehm, Arthur Moeller van den Bruck, Heinrich von Gleichen-Russwurm, Hugo Grothe, Karl Christian von Loesch, Eduard Stadtler u.a.m. wurden massenhaft verbreitet. Allein von April 1923 bis März 1924 wurden 121895 Broschüren, 497287 Flugblätter, 14534 Prospekte, 3500 Plakate und zirka 5000 »Länderraubkarten« verbreitet. In großen Auflagen erschienen Deutsche Briefe, Schutzbundbriefe, die Grenzdeutsche Rundschau, Kleine Schriften zur Bevölkerungspolitik, Taschenbücher u.a.m. Zugleich beteiligte sich der Schutzbund an der Schaffung von Lehrstühlen und Institutionen. Verlangt wurde der Aufbau eines neuen Wissenschaftszweiges. Wie wenig Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens eingehalten wurden, zeigt sich beispielsweise in der Behauptung, das zersplitterte Dasein von rund 34 Millionen Deutschen im Ausland sei einzig und allein auf die Pariser Friedensverträge zurückzuführen; allein neun Millionen davon lebten schon vor dem Krieg in den USA – nach späteren Angaben von Nazis sollen es sogar 20 Millionen gewesen sein. De jure löste sich der Deutsche Schutzbund am 11. Mai 1936 auf. Sein Geist wirkte weiter.

Aus den Quellen: »Gemeinschaft des Blutes«

Aus dem Programm des Deutschen Schutzbundes:

»Der DSB ist überparteilich und überkonfessionell. Er ist eine ganz unstaatliche Organisation rein privaten Charakters, sammelt die Vertreter der Grenz- und Auslandsdeutschen bzw. vertritt eher wie eine Gesandtschaft die Interessen der Grenz- und Auslandsdeutschen beim Auswärtigen Amt, anderen Behörden und sonstigen innerdeutschen Einrichtungen (...) Der DSB kämpft seinen Kampf auf geistigem Gebiete; nach außen gegen fremde Völker, soweit sie durch Propagandalügen und Gewalttätigkeiten zum Schaden des deutschen Volkes wirken, nach innen gegen Gleichgültigkeit, Unverständnis, Trägheit und Entartung (…) Er wirkt innerhalb des eigenen Staatsgebietes für die Gesundung des nationalen Instinkts und Gedankens und für seine Reinigung.«

Franz von Reichenau über den »völkischen Selbstschutz« (1919):

»In dem Augenblick, in dem wir unseren bisherigen Staat verlieren (sic!, M.W.), gewinnen wir unser Volk, d.h. wird uns zur lebendigen Gewißheit und Klarheit, daß neben der Gemeinschaft des Reiches eine Gemeinschaft des Blutes und des Stammes besteht, die uns mit unseren Volksgenossen vereinigt.«

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