29. Juli 2011

»Diktatorische Machtbefugnisse«

Geschichte. Vor 90 Jahren: Hitler manövriert sich an die Spitze der NSDAP

Manfred Weißbecker

Gewaltbereitschaft, terroristische Aktionen und Putschversuche gehörten von Anfang an zum Politikarsenal deutscher Faschisten, die sich seit 1919/20 in der NSDAP zu sammeln begannen. Zwar war im März 1920 der Versuch der Herren Kapp und Lüttwitz gescheitert, eine offene Militärdiktatur zu errichten sowie die Ergebnisse des verlorenen Weltkrieges und der Novemberrevolution zu revidieren – dank des Generalstreiks von zwölf Millionen Arbeitern und anderer demokratischer Kräfte. Doch der Gedanke an einen gewaltsamen Sturz der Weimarer Republik nahm in der Vorstellungswelt seiner Initiatoren und Befürworter nach wie vor einen bedeutsamen Platz ein. Dazu trug u.a. bei, daß in Bayern die Reaktion trotz der Niederlage Kapps zufrieden sein konnte: Fast alle Ziele des Putsches hatten sich in ihrem Land erreichen lassen, sozusagen auf kaltem Wege. Das sozialdemokratische Kabinett sah sich massiv unter Druck gesetzt und mußte am 16. März einer rein bürgerlichen Regierung unter dem rechtskonservativen Monarchisten Gustav Ritter von Kahr weichen. Vor allem mit Hilfe der 300000 Mitglieder zählenden bayerischen Einwohnerwehren gelang es, den Freistaat zu einer »Ordnungszelle« Deutschlands zu machen, zu einer Hochburg monarchistisch-partikularistischer Kräfte, zum Schlupfwinkel rechtsradikaler Terrorgruppen und damit auch zur Brutstätte völkisch-faschistischer Organisationen.

Es war vor allem die NSDAP, die von den veränderten Verhältnissen profitierte. Ihr Treiben wurde u.a. vom Münchner Polizeipräsidenten Ernst Pöhner und Wilhelm Frick, dem Leiter der Politischen Polizei, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gedeckt. Auch die neue bayerische Landesregierung hielt schützend ihre Hände über die Partei, empfand sie diese doch als eine willkommene Unterstützung ihrer eigenen, gegen die Reichsregierung gerichteten Bestrebungen sowie ihrer partikularistischen und teilweise sogar separatistischen Vorhaben. Sie bezeichnete die Verhältnisse im Norden Deutschlands als »bereits halb bolschewistisch«, die Reichsregierung in Berlin als eine »verschleierte Sowjetregierung«. Im Mai 1921 empfing Kahr erstmalig eine Delegation der NSDAP, vom Willen geleitet, alle »nationalen Kräfte« gegen die vom Zentrumspolitiker Joseph Wirth geleitete Reichsregierung zu sammeln. Die Aktivitäten der deutschen Faschisten pauschal entschuldigend wie auch gleichzeitig rechtfertigend, begründete Kahr sein Verhalten mit dem Satz: »Gäbe es keinen linksgerichteten Radikalismus, so gäbe es auch keinen rechtsgerichteten nationalistischen …«

Im Rahmen ihrer Vorbereitungen auf einen neuen Putsch richteten sich die Blicke der ­NSDAP-Führer bereits 1920 über die bayerischen Landesgrenzen hinaus. Sie trachteten danach, rechtsextreme Organisationen in Deutschland zusammenführen und unter eigener Regie zusammenzuschließen. Gemeinsam mit Vertretern der 1919 entstandenen völkischen Deutschsozialistischen Partei (DSP) des Ingenieurs Alfred Brunner, der Deutschen Arbeiterpartei Württembergs, der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei und der Nationalsozialen Partei Oberschlesiens nahmen Anton Drexler als Vorsitzender der NSDAP und Hitler als deren Propagandaverantwortlicher am 7. und 8. August 1920 an einer »Zwischenstaatlichen Tagung der Nationalsozialisten des gesamten deutschen Sprachgebietes« sowie am Parteitag einer deutsch-österreichischen Organisation in Salzburg teil. Für die angestrebte Nationalsozialistische Partei des deutschen Volkes – einer über die Grenzen des Reiches hinausgreifenden Organisation – wurde die Bildung einer Kanzlei unter Leitung des Österreichers Walther Riehl beschlossen. Während die NSDAP nach dem euphorisch gefeierten, in Wirklichkeit jedoch unrealen und völlig wirkungslosen Zusammenschluß die österreichischen Gesinnungsbrüder mit Geld und Rednern unterstützte, verstärkten sich die Spannungen zwischen ihr und der Partei XE »Brunner« Brunners.

Erste Krise der Nazipartei

Zwar waren zwischen den beiden Parteien Vereinbarungen über die Abgrenzung der Wirkungsgebiete in Süd- und Nordwestdeutschland getroffen worden, doch das beachteten die Konkurrenten kaum. Differenzen in taktischen Fragen und in der jeweils unterschiedlichen, immer aber demagogischen Hervorhebung des »Nationalen« oder des »Sozialen« verhinderten die beschworene völkische Einheit. Beide Parteien verfolgten das Ziel, die neue Bewegung zu vereinheitlichen, sie zugleich aber unter die eigene Führung zu bekommen. Es war vor allem die Gruppe um Hitler, die jede Fusionsbestrebung ablehnte. Sie strebte nach einer völligen Unterordnung anderer Gruppen unter ihre Partei, weil sie befürchtete, Kompromisse eingehen zu müssen und damit die NSDAP zu schwächen. Den Brunner-Leuten wurde vorgeworfen, sie gäben sich mit der »traditionell gewordenen Kampfesweise von früher […] zufrieden« und hätten sich vollständig »in das sogenannte demokratische Prinzip« verrannt. Natürlich ging es Hitler auch um seinen Platz an der Spitze der Partei, wenngleich er mitunter davon sprach, lediglich ihr »Werbeobmann«, ihr »Trommler« sein zu wollen. Im Grunde funktionierte Hitler damals, wie jüngst der Historiker Ludolf Herbst feststellte, im Rahmen jener Erwartungen, die bayerische Reichswehrführer in ihn gesetzt hatten.

In der ersten großen Krise der Nazipartei gingen im Sommer 1921 vor allem die Ansichten zur Übereinkunft mit der DSP weit auseinander. Trotz einer offiziellen Absage beteiligten sich Drexler und andere Ausschußmitglieder der NSDAP Ende März 1921 am Parteitag der Deutschsozialisten in Zeitz. Sie suchten nach einem Kompromiß, der als Grundlage für eine Vereinigung beider Parteien sowie mit weiteren völkischen Organisationen hätte dienen können. Gleichzeitig meldeten sich Kritiker Hitlers aus den eigenen Reihen zu Wort. In einer »Erklärung des bisherigen revolutionären Ausschusses der NSDAP« wurde gegen den »König von München« gewettert. Eine andere Gruppe gab vor, den »im Laufe der Zeit durch demagogische Schädlinge und diktatorische Streber in die Partei getragenen Geist bekämpfen zu wollen, der dem uns bei anderen Parteien so verhaßten Bonzentum aufs Haar gleicht«.

Als sich Hitler längere Zeit in Berlin aufhielt, wo er vor allem finanzielle Quellen für den in Schwierigkeiten geratenen Völkischen Beobachter zu erschließen suchte, nutzte die Gruppe um Drexler die Gelegenheit, um ihre Auffassungen in der Münchener Organisation durchzusetzen. Sie lud Otto Dickel von der Augsburger Deutschen Werkgemeinschaft, der ebenfalls als ein zugkräftiger Redner galt, zu einer großen Veranstaltung ein. Hier vertrat er die Auffassung, daß der völkische Kampf der Judenherrschaft und nicht so sehr dem Judentum gelte. Er erklärte auch, der Großgrundbesitz sei »an Gefährlichkeit dem Judentum gleich«. Solche Aussagen konnten, ja sie mußten sogar als Kritik sowohl an einigen Punkten des rassistisch-antisemitischen Programms der NSDAP als auch an Hitler empfunden werden. Dickels werkgemeinschaftlichen und von Oswald Spengler beeinflußten »abendländischen« Ideen paßten nicht in das Konzept jener Kreise, die gerade im ersten Halbjahr 1921 die Aktivierung der NSDAP und ihrer terroristisch-demagogischen Methoden zur Gewinnung größerer Anhängerscharen betrieben. So stellten sie ihre Taktik strikt der von Dickel, Drexler und anderen vertretenen Konzeption entgegen. Kompromisse lehnten sie ab – Unterordnung statt Vereinigung, so lautete ihr Motto.

Innerparteilicher Streit

Die innerparteilichen Auseinandersetzungen ergaben sich ebenso aus unterschiedlichen Auffassungen über die von Deutschland in dieser Situation zu betreibende Außenpolitik. Unter dem Druck der Siegermächte hatte die Regierung nach langem Sträuben im Juni 1921 auch in Bayern die Einwohnerwehren auflösen müssen. Nun wurde nach einer Möglichkeit der weiteren Nutzung dieses paramilitärischen Potentials gesucht. Zugleich spitzte sich in Deutschlands wirtschaftlichen und politischen Eliten generell der Streit um die von den Alliierten geforderten Reparationen zu. Realistisch denkende Kräfte zeigten sich bereit, die Zahlungsbedingungen zumindest teilweise zu erfüllen. Sie demonstrierten »guten Willen« und versuchten, mit den Entente-Mächten ein Übereinkommen zu erzielen und diese zum Nachgeben zu bewegen, gestützt auf das drohend gebrauchte Argument, bei einer zu starken Ausbeutung und Ausplünderung der werktätigen Bevölkerung würde in Deutschland die Gefahr einer sozialistischen Revolution gegeben sein. Gegenüber diesen »Erfüllungspolitikern« traten andere dafür ein, die Reparationsforderungen nicht zu erfüllen, selbst wenn daraus chaotische Verhältnisse erwachsen sollten. Angesichts des Londoner Ultimatums der Siegermächte, das die Anerkennung der Reparationen in Höhe von 132 Milliarden Goldmark forderte, demissionierte die vom Zentrumspolitiker Konstantin Fehrenbach geleitete Reichsregierung. Sie machte Anfang Mai 1921 einem Kabinett Platz, dem Joseph Wirth, ein Politiker aus dem linken Flügel des Zentrums, vorstand und das zur »Erfüllung« der alliierten Bestimmungen bereit war.

Die Auseinandersetzungen unter den Herrschenden Deutschlands widerspiegelten sich auch im völkischen Lager. In dieser Situation hätte ein Kompromiß mit der DSP dazu führen können, die extrem rechten Positionen der NSDAP zu schwächen. Hitler – nachdem er zunächst wenig unternommen und nur gelegentlich mit Zornesausbrüchen reagiert hatte – sah sich schließlich veranlaßt, offensiv und provokant zu handeln: Überraschend erklärte er am 11. Juli 1921, nachdem die innerparteilichen Querelen nicht abflauen wollten und keine der beiden Gruppierungen über die andere triumphieren konnte, seinen Austritt aus der NSDAP. Mag dieser Schritt aus Unnachgiebigkeit, aus Enttäuschung über die eigene Ausstrahlungskraft oder als berechnendes Druckmittel erfolgt sein, die NSDAP geriet dadurch in ein Dilemma. Die Drexler-Gruppe wollte Hitler als gewieften Demagogen nicht entbehren, zudem befürchtete sie, er könnte eine neue Partei gründen. Sie gab nach. Hitler zeigte sich daraufhin sofort bereit, seinen Austritt zu revidieren. Jedoch formulierte er am 14. Juli sechs Bedingungen, von deren Realisierung er seinen Wiedereintritt abhängig machte: Der Ausschuß sollte binnen kurzer Zeit von einer außerordentlichen Mitgliederversammlung neu gewählt werden, wobei Hitler für sich den Posten des ersten Vorsitzenden forderte. Die Partei müsse von »fremden Elementen« gereinigt werden, wozu ein eigener Aktionsausschuß einzusetzen sei. Hitlers Forderungen nach »diktatorischer Machtbefugnis« bezogen sich zunächst auf das Recht, einen solchen dreiköpfigen Aktionsausschuß zu benennen. Ferner wollte er festgelegt wissen, daß München der Sitz der Bewegung zu bleiben habe und keine Vereinigung mit anderen Parteien stattfinde. Jede »weitere Veränderung des Namens oder des Programms« sollte nach Hitlers – übrigens völlig unlogischen – Worten »ein für allemal zunächst auf die Dauer von sechs Jahren vermieden« werden.

Nach der Annahme dieser Bedingungen raffte sich der alte, offiziell noch an der Spitze der ­NSDAP stehende Ausschuß doch noch einmal auf und versuchte, dem Propagandaverantwortlichen den Boden für allzu große Ansprüche zu entziehen. Hermann Esser, ein fanatischer Anhänger Hitlers und wie dieser über die Reichswehr zur Partei gekommen, wurde ausgeschlossen. Oskar Körner, der ebenfalls Hitler unterstützte, mußte von seinem Amt als stellvertretender Parteivorsitzender zurücktreten. Am 20. Juli 1921 verbreiteten einige Parteimitglieder das anonyme Flugblatt »Adolf Hitler Verräter?«. Es enthielt zahlreiche Vorwürfe und fragte nach Hitlers »dunklen Hintermännern«. Drexler erbat am 21. Juli sogar von den Beamten der Münchener Polizeidirektion faktisch eine Unterstützung für seine Richtung, die »den gesetzlichen, parlamentarischen Weg einschlage«, gegenüber der Hitlerschen, die nach seinen Worten »die Parteiziele auf revolutionärem Wege unter Anwendung von Gewalt verwirklichen wolle«. Vor der für den 26. Juli angekündigten Gründung einer neuen Partei Hitlers kapitulierte Drexler jedoch endgültig und »versöhnte« sich mit Hitler, wobei der bekannte völkische Dichter Dietrich Eckart zu vermitteln verstanden hatte.

Führerkult und Terror

Am 29. Juli 1921 entsprach eine außerordentliche Mitgliederversammlung im Münchner »Zirkus Krone« Hitlers Forderung und erhob ihn zum Vorsitzenden der NSDAP. Drexler wurde auf den Posten eines Ehrenvorsitzenden abgeschoben. Mit diesen Entscheidungen reagierten die Nazis auf ihre Weise. Sie ergaben sich aus einer zerfahrenen Situation, weniger aus einer von Hitler längst eingeleiteten und planmäßig vorbereiteten Aktion, um sich selbst als »Führer« durchzusetzen. Ihre Folgen gingen jedoch in Umfang und Bedeutung weit über vergleichbare Regelungen anderer politischer Parteien hinaus. Die Tür für den Weg zu einer völlig entdemokratisierten, autoritär geführten und gewaltenthemmten Partei stand offen. Mehr und mehr wurden durch sie wesentliche Elemente des militärischen Führer-Gefolgschaftsprinzips auf eine zivile Organisation übertragen. Die Konsequenz der Entwicklung zu einer diktatorisch geleiteten, jegliches demokratisches Gebaren entbehrenden bürgerlichen Partei lag in der Sache begründet: Wie anders konnte ein terroristisches Regime angestrebt werden als mit einem Diktator, einem Führer, einem »Auserwählten« und möglichst auch von Gott Begnadeten an der Spitze. Und Hitler – zunächst noch bemüht, weitere Auseinandersetzungen zu verhindern – nutzte die ihm zugesprochenen diktatorischen Vollmachten. Sein Ehrgeiz, Geltungsdrang und Machtwillen entsprachen den erstrebten Zielen und prägten in der Folgezeit immer stärker die Entwicklung der NSDAP zu einer faschistischen »Führer«-Partei.

Die innerparteilichen Veränderungen vom Juli 1921 und die allen autoritär-hierarchisch strukturierten Organisationen wesenseigene Tendenz, einen »starken Mann« an ihrer Spitze herauszustellen, ermöglichten das Wirken Hitlers als eines unumstrittenen und allgemein anerkannten »Führers« der NSDAP. Sie bildeten ebenso wie die allgemeinen Führererwartungen jener Zeit einen tragfähigen Boden für eine sich schrittweise steigernde Beweihräucherung und Verherrlichung Hitlers, die sich zu einem schließlich umfassende und teilweise auch makabre Formen annehmenden Kult um ihn auswuchsen. Auch um den nach wie vor in der Partei schwelenden Mißstimmungen begegnen zu können, stellte man die mühsam durchgesetzte Entscheidung als ein Problem von lediglich personeller Natur dar. Hitlers Fähigkeiten und Leistungen in der Partei wurden nunmehr in besonderem Maße hervorgehoben. Als einer der ersten veröffentlichte Eckart bereits am 4. August 1921 im Völkischen Beobachter eine Lobeshymne auf den – alsbald so titulierten – »Chef« der Partei. Ihm ging es dabei weniger um die Person als vielmehr um die Verbreitung seiner Vorstellung von einem neuen »Führer«, einem Diktator, dessen Notwendigkeit und Gestalt er in internem Kreise beschrieb. In untertäniger Euphorie nahm sich – lange bevor Joseph Goebbels zum Prediger des Hitlerkultes avancieren sollte – vor allem Rudolf Heß der selbstgestellten Aufgabe an, Hitler als den neuen »Führer« zu preisen. Nach der Juli-Krise schrieb er: »Seid ihr wirklich blind dagegen, daß dieser Mann die Führerpersönlichkeit ist, die allein den Kampf durchzuführen vermag?«

Unverkennbar dominierten seit 1921, auch als Ergebnis der nunmehr durchgesetzten autoritären Strukturen, Bestrebungen zum Aufbau einer parteieigenen Bürgerkriegstruppe. Ansätze dazu waren schon zuvor erkennbar: Vor und während der Juli-Krise hatte sich Hitler bereits mit einer »Schutz«-Truppe umgeben. Schläger u.a. aus den Reihen des Freikorps Oberland – bezahlt mit einem Tagegeld zwischen 15 und 60 Mark – sollten Veranstaltungen »schützen«. Am 3. August 1921 wurde offiziell die Sport- und Turnabteilung ins Leben gerufen, jene bald als Sturmabteilung (SA) bezeichnete Schlägergarde der NSDAP. Ihr erster Leiter, Hans Ulrich Klintzsch, kam aus jener berüchtigten Marinebrigade II unter Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt, die bereits aktiv am Kapp-Putsch mitgewirkt hatte. Gleich ihm fanden auch andere ehemalige Soldaten in der SA eine neue »Heimat«, nachdem unter dem Druck der Entente die Einwohnerwehren und andere paramilitärische Verbände endgültig aufgelöst worden waren.

Die SA sollte alle jugendlichen Parteimitglieder umfassen. Sie wurde offiziell mit der Aufgabe betraut, den »Saalschutz« für die eigenen Veranstaltungen zu gewährleisten, erwies sich jedoch von Anfang an als Bestandteil jener Vielzahl von Versuchen, die in Deutschland unternommen wurden, um die militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrages zu unterlaufen. Unbekümmert sprach Klintzsch im Völkischen Beobachter vom 14. August 1921 über die Aufgabe der SA, »eiserne Organisation« und »Sturmbock« zu sein. Eine weitere Aufgabe der SA sei es, »Trägerin des Wehrgedankens eines freien Volkes« zu sein. Für Hauptmann Ernst Röhm, den wahrscheinlich bedeutendsten Unterstützer und »Ziehvater« der SA, galt die Politik ohnehin nur als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Jeder SA-Mann hatte sich schriftlich zu verpflichten, »jederzeit bereit zu sein, im Kampfe um die Ziele der Bewegung Leib und Leben einzusetzen« und den »militärischen Vorgesetzten und Führern gegenüber […] unbedingten militärischen Gehorsam« zu leisten.

Formierung und Ausbau der SA wären ohne die eilfertigen Hilfeleistungen von Reichswehr und Freikorps, ohne Unterstützung und Ausbildung insbesondere durch Hermann Ehrhardt (der zugleich den geheimen Bund Organisation Consul aufbaute, aus dem die Mörder von Erzberger und Rathenau hervorgingen), Franz von Epp, Ernst Röhm und andere Reichswehroffiziere nicht möglich gewesen. Erst dadurch konnte sie sich als ein Sammelbecken von Nationalisten, Rassisten und Terroristen großen Anteil an Entfaltung und Aufstieg der NSDAP sowie am Weg Deutschlands in die größte Katastrophe erwerben.

Von Manfred Weißbecker erschien zuletzt (zusammen mit Kurt Pätzold): Geschichte der NSDAP 1920–1945, überarbeitete und erweiterte Neuausgabe, PapyRossa Verlag, 2009

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