19. Juli 2013

Direkt ins »Dritte Reich«

Schriftsteller und rechter Stichwortgeber: Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925) prägte mit ­seinem Buch »Das dritte Reich« den gleichnamigen Begriff (undatierte Porträtaufnahme)

Arthur Moeller van den Brucks theoretische Erneuerung des Konservatismus wies unmittelbar in den Faschismus. Das zeigt eine neue Studie von Volker Weiß. Trotzdem stehen seine Ideen bei heutigen Jungkonservativen hoch im Kurs

Thomas Wagner

Der Name Arthur Moeller van den Bruck ist eng verknüpft mit dem Titel seines bekanntesten Buchs: »Das dritte Reich« (1923). Doch in welchem Zusammenhang stehen die Ideen des schon am 30. Mai 1925 durch eigene Hand aus dem Leben geschiedenen Schriftstellers mit jenem politischen Gebilde, daß die Nazis zehn Jahre später in Deutschland errichtet haben? War er ein Wegbereiter oder ein konservativer Gegner Adolf Hitlers? Seine heutigen Bewunderer im Umfeld der Wochenzeitung Junge Freiheit und des Instituts für Staatspolitik stellen ihn in dieselbe Ahnenreihe wie die Männer des 20. Juli um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Doch resultierte deren unbestritten mutige Widerstandstat ebenso wenig aus einem demokratischen Geist wie das Werk des Journalisten, Schriftstellers und reisenden Bohémiens, der manchem literarisch Interessierten auch als Herausgeber der Werke Dostojewskis bekannt ist. Der Literaturwissenschaftler Volker Weiß führt in seiner Dissertation, 2012 unter dem Titel »Moderne Antimoderne. Arthur Moeller van den Bruck und der Wandel des Konservatismus« im Ferdinand Schöningh Verlag als Buch veröffentlicht, den Nachweis, daß Moeller zu den wichtigsten intellektuellen Stichwortgebern jener antidemokratischen Elite gehörte, die der ihr verhaßten Weimarer Republik schließlich das Grab schaufelte.

Nationalistische Ästhetik

Dabei war Moellers bis heute anhaltende Bedeutung für die radikale Rechte kaum abzusehen, als der am 23. April 1876 in ein bürgerliches Elternhaus hineingeborene junge Mann im Jahr 1894 das Gymnasium in Düsseldorf ohne Abschluß verließ. Er fand Anschluß in Künstler- und Literatenkreisen und begann, auf der Basis einer Erbschaft, das Leben eines Bohémiens zu führen. Doch der für neue Strömungen in den Künsten aufgeschlossene Schriftsteller entwickelte recht bald den Ehrgeiz, den imperialistischen Geltungsdrang des Kaiserreichs kulturtheoretisch zu flankieren. Im Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises wurde der spätere Autor von rechten Grundlagentexten wie »Der Preußische Stil« (1916) und »Das Recht der jungen Völker« (1919) zu einer wichtigen Stimme der »ästhetischen Opposition« gegen die wilhelminische Gesellschaft. Er bemühte sich, Elemente der ästhetischen und der technischen Moderne in die Erneuerung der Nationalkultur einzubringen, um dem deutschen Führungsanspruch auf diese Weise weltweit Geltung zu verschaffen. So sollte beispielsweise die Architektur avantgardistische Elemente und eine vermeintlich germanische Tradition in einem monumentalen Nationalstil miteinander verbinden.

Als einer der ersten deutsche Publizisten begeisterte sich Moeller für eine neue Kunstströmung aus Italien: den Futurismus. Weil er den vorherrschenden konservativen Begriffs- und Werterahmen in mancherlei Hinsicht verließ, kann er in den Augen von Volker Weiß als Protagonist »einer alternativen Moderne von rechts« (S. 14) verstanden werden, die den bürgerlichen Humanismus und Universalismus des 19. Jahrhunderts durch »eine metaphysische Trias aus Rasse, Raum und Volk« (S. 122 f.) zu ersetzen trachtete. Moellers Schriften brachten Veränderungen einer sich schon im Kaiserreich kapitalistisch modernisierenden Gesellschaft zum Ausdruck, die den traditionellen, an aristokratischer und kirchlicher Herrschaft orientierten Konservatismus zu Anpassungsleistungen zwangen. Er und seinesgleichen verstanden sich als Jungkonservative, die den alten Adelskonservatismus überwinden wollten, um ein zeitgemäßes, eher auf Prinzipien, denn auf vererbte Standesrechte begründetes Regime der Ungleichheit zu errichten. Neu gebildete nationalistische Verbände halfen bei der selbstorganisierten Integration großstädtischer Massen. »Die Entwicklung einer modernen radikalen Rechten wäre ohne die Popularisierung der Weltanschauung und Formierung der Massen, wie sie in den patriotischen Organisationen geleistet wurde, nicht möglich geworden« (S. 97).

»Preußischer Sozialismus«

Das Proletariat hatte einen festen Platz im Weltbild des Jungkonservatismus, der eine nationale Synthese von Führung und Gefolgschaft anstrebte. Moeller machte sich in Reaktion auf die Oktoberrevolution für einen »Deutschen« oder »Preußischen Sozialismus« stark. Er und andere seiner Mitstreiter glaubten, in der Kriegsökonomie der zum Ende des Krieges diktatorisch agierenden 3. Obersten Heeresleitung »die ideale Synthese aus autoritärem Staat und militärisch formierter Volksgemeinschaft gefunden zu haben« (S. 190). Die Eigentumsverhältnisse wollten die Verfechter des »preußischen Sozialismus« allerdings nicht antasten. Ebenso wenig wie diejenigen Jungkonservativen, die einem sozialdarwinistischen Verständnis von Wirtschaft anhingen und zu einer kompletten Deregulierung der ökonomischen Sphäre tendierten. Beide Richtungen betrachteten die Unterschiede zwischen Arm und Reich, oben und unten als natürliche oder gottgewollte Ungleichheit.

Dennoch war die Rede vom Sozialismus für Leute wie Moeller wichtig. Sie gebrauchten den Begriff als eine rhetorische Waffe im Kampf um die gesellschaftliche Hegemonie. Er selbst brachte es zu wahrer Meisterschaft in der Übung, den progressiven Kräften ihre zentralen Begriffe zu entwenden. Die von der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung abgelehnten Bestimmungen des Versailler Vertrags nutzte er als Steilvorlage, um die soziale Frage mittels eines eigentümlichen Kunstgriffs in eine nationale Frage zu verwandeln. Die unterdrückten Klassen seien durch die unterdrückten Völker abgelöst worden. »Es gibt nach wie vor nur den einen Unterschied zwischen Menschen, der in dem Unterschied von Ausbeutern und Ausgebeuteten liegt. Aber dieser Unterschied wird nach dem Frieden von Ver­sailles von den einzelnen Menschen auf ganze Nationen übertragen sein. Es bleibt dem Sozialismus nur übrig, sich von einem Klassensozialismus in einen Völkersozialismus zu übertragen« (Moeller, zitiert nach Weiß, S. 191).

Elitäres Netzwerk

Als sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Republik konstituierte, veränderte sich für den Jungkonservatismus zunächst vor allem eines: Zum ersten Mal sah er sich nicht mehr als Frischzellenkur für ein den modernen Zeiten gegenüber zu unbewegliches Establishment, sondern als unversöhnlicher Gegner der Staatsverfassung selbst. Die Beseitigung der Demokratie wurde zum Hauptziel jener elitären Zirkel, denen das Etikett »Konservative Revolution« von dem spät bekennenden Faschisten Armin Mohler (1920–2003) insofern zu unrecht angeheftet wurde, als ihr Streben buchstäblich konterrevolutionär war. Wenn Moeller van den Bruck in der Darstellung von Volker Weiß als Vertreter eines »heroischen Realismus« erscheint, der für das anvisierte Ziel einer Erneuerung des Deutschen Reiches »statt auf eine konservative Entschleunigung auf eine revolutionäre Beschleunigung« (S. 13) setzte, dann bedient er sich einer metaphorischen Ausdrucksweise.

Moeller stand im Mittelpunkt eines Elitennetzwerks, das systematisch auf den Sturz der Weimarer Republik hinarbeitete. Mit finanzieller Unterstützung der deutschen Industrie schickten sie sich an, wie Moeller an seinen Mitstreiter Heinrich von Gleichen-Rußwurm schrieb, »die Parteien von der Seite der Weltanschauung her zu zertrümmern« (zitiert nach Weiß, S. 25). Zu diesem Zweck riefen sie bereits 1919 die jungkonservative Ring-Bewegung ins Leben, als deren Zentrum ein entschieden antidemokratischer Thinktank fungierte: der Juniklub. »Der Kern des Klubs bestand hauptsächlich aus Intellektuellen, die aus den politischen Verbänden der Rechten und der christlichen Gewerkschaftsbewegung kamen und sich meist auch journalistisch betätigten. Als namentliche Mahnung an die Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Juni 1919 und als Gegengründung zum republikanischen Berliner Novemberklub konstituierte sich der Kreis gegen Jahresmitte endgültig als Juniklub. Als Sitz des Klubs wurden Ende 1920 Räumlichkeiten im Haus des Deutschen Schutzbundes für das Grenz- und Auslandsdeutschtum in der Berliner Motzstraße 22 bezogen. Dem Kreis angegliedert waren die Redaktion der ab dem 7. Januar 1920 von Eduard Stadler herausgegebenen Zeitschrift Gewissen und das Politische Kolleg« (S. 227). Stadler war daneben der Kopf der Antibolschewistischen Liga, ab Februar 1919 Liga zum Schutz der deutschen Kultur. Diese wurde von der deutschen Schwerindustrie sowie dem Medienunternehmer Alfred Hugenberg massiv unterstützt und agierte in einem Netzwerk von Vorfeldorganisationen der Freikorps. Zwar war die Auflage des Gewissens eher klein, doch die Mitglieder hatten beste Verbindungen zu den großen Medien des Landes. »Mittels dieser Kontakte und aufgrund der eigenen Medien und Kommunikationsstrukturen der Ring-Bewegung verfügte der Jungkonservatismus über effektive Multiplikatoren« (S. 228).

Moeller und einige andere seiner Mitstreiter waren während des Ersten Weltkriegs für die staatliche Kriegspropaganda tätig gewesen und nutzten ihre dort gesammelten Erfahrungen zur Formierung der öffentlichen Meinung nun gegen die Weimarer Republik. Am 12. Dezember 1924 gründete Heinrich von Gleichen-Rußwurm mit dem Deutschen Herrenklub (DHK) den Nachfolger des Juniklubs und leitete damit die zweite Phase des Jungkonservatismus ein. »Ziel der neuen Vereinigung war der Brückenschlag zwischen dem altkonservativen Establishment und den jungkonservativen Neuerern, wobei das gehobene Ambiente des DHK das Milieu sozial homogen halten und so die Verständigung erleichtern sollte« (S. 236). In staatspolitischer Hinsicht sollte der DHK wesentlich erfolgreicher sein als der Juniklub. Gewaltsame Umsturzpläne wurden ersetzt durch eine Strategie der gezielten Einflußnahme auf politische Entscheidungsträger. Mittels verfassungsrechtlicher Reformen sollte der demokratische Staat in ein autoritäres Regime mit einem starken Mann an der Spitze verwandelt werden. Dazu wurden staatspolitische Ideen weiterentwickelt, die bereits im 19. Jahrhundert entstanden waren.

»Volkskaiser« und Bonapartismus

Unter dem Einfluß des französischen Bonapartismus, der die persönliche Herrschaft auf das Plebiszit des Volkes gründete, hatte die der römischen Antike entlehnte Idee eines Volkstribuns im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis in die Sozialdemokratie hinein Anhänger gefunden. Mittels eines modernen Cäsaren, so hofften etwa Ferdinand Lassalle oder Moses Hess, ließe sich die Monarchie überwinden. Die Idee, Herrschaft auf die breite Zustimmung des Volkes zu gründen, beflügelte aber auch die Gegenseite bei ihrem Versuch, ein zeitgemäßes Monarchieverständnis zu etablieren. Statt auf die dynastische Herkunft wurde nun vermehrt auf die vermeintliche Volksnähe des Kaisers verwiesen, um dessen Herrschaftsanspruch zu legitimieren. Es entstand die Idee einer vom Volk gestützten Monarchie, die auf den zunächst als »Jugendkaiser« gefeierten Wilhelm II. projiziert wurde. Tatsächlich hatte sich Wilhelm II. zu Beginn seiner Regentschaft als sozialpolitischer Modernisierer dargestellt. Mit Hilfe der Medien inszenierte er sich den Massen gegenüber als Führer der Nation und war deshalb »vom Aspekt der Repräsentation her auf der Höhe der Zeit« (S. 55). Als die Novemberrevolution 1918 die Monarchie in Deutschland beendete, war ein Großteil der männlichen Bevölkerung so sehr an das militärische Prinzip von Führung und Gefolgschaft gewöhnt, daß die »Entkoppelung des Führertums vom Prinzip der adligen Geburt« (S. 59) weiter voranschreiten konnte. Die vermeintlich alle Klassenunterschiede überwindende »Kameradschaft der Schützengräben« wurde eine wichtige Denkfigur im Repertoire des Nationalismus.

Die zum Ende der Weimarer Republik in jungkonservativen Kreisen entwickelten Pläne zum Umbau der Republik in einen autoritären Staat knüpften an solche Ideen an. Sie versuchten eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sich der monarchische Gedanke in ein modernes Konzept transformieren läßt, das den Anforderungen einer Industriegesellschaft auf kapitalistischer Grundlage gerecht wird. Durch die Stärkung der Autorität des Reichspräsidenten, die Beschneidung der Kompetenzen des Reichstags, die Errichtung eines Oberhauses sowie durch Wahlrechtsreformen sollte der Einfluß sozialer orientierter Parteien eingeschränkt, die Wirtschaft vor staatlichen Eingriffen geschützt und ein vermeintlich natürliches Konzept politischer Führung etabliert werden. Die heute im Umfeld der Jungen Freiheit, des Instituts für Staatspolitik (IfS), der Zeitschriften wie der Sezession, der Blauen Narzisse oder des am 1. Juli gegründeten Zentrums für Jugend, Identität und Kultur (siehe jW vom 8.7.2013) agierenden Rechts­intellektuellen verkleiden die gleichen staatspolitischen Ideen als Ruf nach mehr Demokratie. Die Direktwahl von Politikern vom Bürgermeister über den Parlamentarier, den Ministerpräsidenten bis zum Bundespräsidenten soll den Einfluß der Parteien zurückdrängen und jenes unmittelbare Verhältnis von Volk und politischen Führern herstellen, das schon den Weimarer Antidemokraten am Herzen lag. Die Ausschaltung von Gewerkschaften und sozial orientierten Parteien soll den politischen Funktionsträgern ein ungehindertes Durchregieren im Sinne der Kapitalinteressen ermöglichen. Mit bürgerlichen Parteienkritikern wie dem Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim und dem gut vernetzten ehemaligen BDI-Chef Hans-Olaf Henkel hat die demokratisch drapierte Rechte dafür Bündnispartner gefunden.

Diese bedient sich jungkonservativer Ideen schon deshalb gern, weil sie nicht durch die Nazi­ideologie kontaminiert erscheinen. Schließlich wurden sie von den Offizieren um Stauffenberg geteilt, die ihren Putschversuch gegen Hitler mit dem Leben bezahlten. Richtig daran ist, daß sich neben Anhängern der Nazibewegung auch deren spätere Gegner mit Autoren wie Moeller van den Bruck verbunden fühlten. Doch die konservative Gegnerschaft, die in einigen Fällen mit großem persönlichen Mut verbunden war und im Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 mündete, speiste sich nicht aus fortschrittlichen Ideen. Bei diesen Jungkonservativen stand der Nazifaschismus »aufgrund seiner Massenbindung vielmehr im Verdacht demokratischer Tendenzen« (S. 325).

Hitlers »Etappengefährte«

Es ist das Verdienst von Volker Weiß, die in rechtskonservativen Kreisen gerne bemühte Legende einer unüberbrückbaren Distanz zwischen Jungkonservatismus und Nazifaschismus am Beispiel Arthur Moeller van den Brucks widerlegt zu haben.1 Es hat weniger mit substantiellen politischen Differenzen zu tun, daß dieser kein glühender Anhänger Adolf Hitlers wurde. Sondern damit, daß die NSDAP zu seinen Lebzeiten noch eine relativ kleine Gruppe war, deren Hauptwirkungsbereich sich auf Bayern beschränkte, während er selbst in Berlin agierte. Er ist deshalb richtig bezeichnet eher »Etappengefährte« (S. 271) denn Gegner der frühen Nazibewegung. Ein Augenzeuge erinnert sich 1932 in der rechten Zeitschrift Die Tat, wie Moeller und seine Gefährten in der Motzstraße auf den gescheiterten Putschversuch Hitlers vom 9. November 1923 reagierten: »Da saßen in der Motzstraße die jungen Leute zusammen und warteten mit brennendem Herzen darauf, daß die Münchner Erhebung zum Ausgangspunkt für das gesamte nationale Deutschland werden sollte. In schneller Folge spielte sich dann der Zusammenbruch ab. (…) Es ist schwer, die hoffnungslose Niedergeschlagenheit zu schildern, die die jungen Menschen damals überfiel. (…) Nur einer stand bei ihnen, hatte Verständnis für ihre Niedergeschlagenheit, überlegte mit ihnen, packte kräftig zu und entwarf ein Zukunftsbild in leuchtenden Farben: Moeller« (zitiert nach Weiß, S. 267).

Zwar war man in jungkonservativen Kreisen in späteren Jahren nicht bereit, Hitler einen Führungsanspruch zuzugestehen, doch als Teil der anvisierten »nationalen Revolution« waren er und seine Gefolgschaft hoch willkommen. Die Auseinandersetzungen zwischen den Jungkonservativen – die teils zur Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) neigten – und den Nazifaschisten in der Endphase der Republik und im Vorfeld des Kabinetts Hitler gehen weniger auf ideologische Differenzen denn auf »Konflikte um den Führungsanspruch« (S. 270) zurück. An die Macht gelangt, akzeptierten die Nazis Moeller zwar überwiegend als einen geistigen Vorkämpfer, waren jedoch zugleich darum bemüht, seinen Beitrag herunterzuspielen. Denn als Straßenkämpfer hatte sich der Intellektuelle in ihren Augen nicht bewährt. Joseph Goebbels schrieb schon am 30. Dezember 1925 in sein Tagebuch: »Lektüre: das dritte Reich von Moeller van den Bruck. Erschütternd wahr. Warum stand er nicht in unseren Reihen?« (zitiert nach Weiß, S. 299)

Fest steht, daß Moellers Kampfgefährten aus der Ring-Bewegung einen wichtigen Anteil bei der Entwicklung von Strategien hatten, mit denen man der verhaßten Demokratie den Todesstoß versetzen wollte. Neben den Direktoriumsmitgliedern des Deutschen Herrenklubs, Franz von Papen und Heinrich von Gleichen-Rußwurm, unterstützten jungkonservative Strömungen wie die Volkskonservativen oder der Tat-Kreis nebst angeschlossen Publikationsorganen die Zerstörung der Republik. Die Machtübertragung an die Nazis resultierte aus dem »vorhergehenden Zusammenspiel alt- und jungkonservativer Kräfte zur Ausschaltung der Weimarer Republik und preußisch-zentralistischer Reformierung des Reiches« (S. 262). Die durch Moellers Schriften popularisiere Formel vom »Dritten Reich«, das Deutschland zu neuer Größe führen wurde, fand Eingang in die Propagandasprache der Nazibewegung. Das alles aber hält seine heutigen Verehrer nicht davon ab, sein Andenken hochzuhalten. Die Wochenzeitung Junge Freiheit hat »bereits zwei Spendenkampagnen für die Pflege von Moellers Grabstätte auf dem Friedhof in Berlin-Lichterfelde durchgeführt« (S. 370).

Anmerkung

1 Schade nur, daß er die von Historikern in der DDR geleistete Arbeit fast beiläufig als unzureichend abtut. Diese habe zwar recht darin getan, den Begriff des Faschismus nicht nur auf die NSDAP zu beschränken, aber aufgrund ihres »monokausalen Ansatzes« nicht vermocht, das historische Gesamtphänomen des Faschismus zu erfassen. Die von Weiß zum Ausdruck gebrachte Distanz ist dazu geeignet, einen kritischen Dialog zwischen Forschern eher zu behindern als zu befördern. Das ist umso bedauerlicher, als konkrete Fallstudien wie die seine dazu geeignet wären, die bisher in historisch-materialistischer Perspektive gewonnenen Erkenntnisse um wichtige Aspekte zu erweitern.

Volker Weiß: Moderne Antimoderne - Arthur Moeller van den Bruck und der Wandel des Konservatismus. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2012, 548 Seiten, 68 Euro

Thomas Wagner schrieb zuletzt am 22.4.2013 auf diesen Seiten über das Buch »Die Mehrheitsentscheidung« des Althistorikers Egon Flaig.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/07-19/011.php