20. Januar 2012

Dokument des Terrors

Die Villa am Wannsee, in der der bürokratische Apparat der Naziministerien auf die »Endlösung der Judenfrage« ausgerichtet wurde - Quelle: Wikipedia

Geschichte. Vor 70 Jahren: Die Konferenz am Wannsee am 20. Januar 1942

Kurt Pätzold

Nürnberg, eben noch »Stadt der Reichsparteitage«, wurde 1945 zur Stadt der Prozesse gegen die Spitze der Machthaber in Nazideutschland, die wegen ihrer Verbrechen gegen den Frieden und gegen die Menschlichkeit angeklagt wurde. Auf das Gerichtsverfahren gegen die sogenannten Hauptkriegsverbrecher, gegen Hermann Göring und andere, folgten zwölf weitere Verfahren vor US-amerikanischen Gerichtshöfen. Eines ging unter dem Namen »Wilhelmstraßenprozeß« (nach dem Ort des Berliner Regierungsviertels) in die Justizgeschichte ein. Auf der Anklagebank saßen hohe Beamte des Auswärtigen Amtes und weiterer Ministerien. Zum Juristen- und Spezialistenstab, der die Anklage vorbereitete, gehörte Robert M. W. Kempner. Er erzählte später, die Geschichte der Entdeckung jenes Dokuments, das zu den sensationellsten Funden im Beutegut der Siegermächte gehörte, so: In Berlin seien Fahnder mit der Sichtung des papiernen Nachlasses dieses Amtes befaßt gewesen. Dessen Chef, Joachim von Ribbentrop, war nach dem gegen ihn ergangenen Urteil im Hauptprozeß im Oktober 1946 bereits am Galgen geendet. Als gegen ihn verhandelt wurde, war überdeutlich geworden, daß das von ihm geleitete Amt im System der Verbrechen des Regimes eine besonders aktive und folgenschwere Rolle gespielt hatte. Also trieb Kempner die in Berlin mit der Sichtung der Akten Befaßten an, die ihre Aufmerksamkeit insbesondere den Beständen der Politischen Abteilung zuwenden sollten. Im März 1947 erhielt er telefonisch die Kunde, daß da »etwas gefunden« worden sei. Dann schildert er in seinen Erinnerungen unter dem Titel »Ankläger einer Epoche« den sich an diese Mitteilung anschließenden Wortwechsel: »›Was ist das?‹ ›Protokoll einer Konferenz.‹ Ich sage: ›Wo war denn das?‹ ›Am Wannsee, 20. Januar 1942.‹ ›Kommen Sie herüber! Fliegen Sie los!‹«

Als Kempner das Papier, das sich in einem Ordner mit der Aufschrift »Endlösung der Judenfrage« befand, vor sich und gelesen hatte, was dem in Freiburg im Breisgau geborenen jüdischen Deutschen, der 1935 aus dem Nazireich geflüchtet war, nicht schwerfiel, rief er erst seine Mitarbeiter zusammen. Dann rannte er in das Zimmer von Telford Taylor, dem Juristen, Brigadegeneral und Stellvertreter Robert Jacksons im Prozeß gegen die sogenannten Hauptkriegsverbrecher, der dessen Nachfolger geworden war und ließ für ihn den Text übersetzen. Allen war das Außergewöhnliche des Moments klar.

Eine unglaubliche Geschichte

Wie im Blick auf andere Papiere aus der Hinterlassenschaft des Naziregimes lautete die erste Frage, wie es um seine Echtheit stehe. Daran konnte nach Herkunft und Fundort kein Zweifel sein. Dann war zu klären, ob die Niederschrift den Verlauf des Treffens exakt wiedergab oder ob sein Verfasser, aus welchem Interesse auch immer, die Wirklichkeit durch Hinzufügungen oder Auslassungen »korrigiert« hatte. Das ließ sich definitiv nur klären, wenn ein Teilnehmer, der sich zu erinnern bereit war, darüber aussagen würde. Jedoch vermochte sich auch aus Vergleichen mit anderen Dokumenten darüber Auskunft gewinnen lassen, wie verläßlich der Text überlieferte, was am Beratungstisch wirklich gesagt worden war.

Und dennoch und ungeachtet aller Indizien, die für die Echtheit des Dokuments sprachen, hatten die ersten, die es lasen, Schwierigkeiten, sich eine Zusammenkunft von mehr als einem Dutzend Männer in einer Villa an einem See vorzustellen, die darüber berieten, was zu tun und zu lassen wäre, um Millionen Menschen auszurotten: die Juden Europas, solche, die sich schon im Zugriffsbereich der faschistischen Eroberer befanden und andere, die nach dem »Endsieg« auf dem Kontinent ergriffen werden sollten.

Heute, nachdem die Geschichte dieses beispiellosen Verbrechens in einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Literatur dargestellt ist, die meterlange Regalreihen füllt, da von ihm in Museen in vielen Ländern und Erdteilen Zeugnisse zu sehen sind, Dokumentar- und Spielfilme in vielen Sprachen hergestellt wurden, Romane und Gedichte von den Opfern handeln und ihnen Gedenkorte geschaffen wurden, ist es schwer, sich vorzustellen, in welchem Grade die historische Vorstellungskraft Kempners und seiner Mitarbeiter beansprucht war, als sie als erste lasen, daß und wie an einem Vormittag über die Vernichtung von Millionen Juden gesprochen worden war – nicht anders als würden Pläne zur Steigerung der Produktion irgendwelcher Kriegswaffen erörtert.

Der Aufenthaltsort oder das Ende des Mannes, der die Geschichte der Entstehung und Funktion dieses Papiers, eines Exemplars von etwa 30 (ein zweites wurde nie gefunden), kompetent hätte aufklären können, war bis dahin nicht ermittelt worden. Tatsächlich hatte der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt, überlebt; er war unter falschem Namen jedoch in der Lüneburger Heide untergetaucht. Von ihm war nach diesem 20. Januar kein Wortprotokoll angefertigt worden, sondern – wie er Jahre später in Jerusalem bestätigte – aufgrund seiner Notizen eine Niederschrift, die ihre Endfassung vor dem Versand erst nach einem Plazet Reinhard Heydrichs erhalten hatte. Festgehalten waren darin der Inhalt der wesentlichen Passagen aus der einleitenden Rede Heydrichs sowie die von Teilnehmern gemachten Bemerkungen während der anschließenden Aussprache. Wie üblich enthielt das Papier die Aufzählung aller Teilnehmer.

Nächst seiner Echtheit und Verläßlichkeit gab das Dokument weitere Fragen auf. Dazu gehörten: Warum hatte diese Zusammenkunft überhaupt stattgefunden? Was war ihr Zweck? Denn im eigentlichen Sinne zu beschließen war von den Teilnehmenden nichts mehr. Zum einen wäre diese Runde dafür nicht kompetent gewesen. Zum anderen war das Judenmorden bereits in Gang gesetzt, mußte also eine Entscheidung darüber nicht mehr getroffen werden. Dennoch ist, gleichsam untilgbar, bis heute immer wieder zu lesen und zu hören, am Wannsee sei der »Holocaust« beschlossen worden. Die Legende bezeugt, daß Publizisten bequemerweise von einander abschreiben, statt sich in sach- und fachkundiger Literatur zu beraten. Sie befriedigt offenbar aber auch das weitverbreitete Bedürfnis, Ereignisse von Gewicht wie eben die Entscheidung, die den Übergang von der Judenvertreibung zum Judenmord bezeichnet, an einen Tag, eine Stunde und einen Ort zu binden. Das ist in diesem Falle schwierig und trotz aller forschenden Anstrengungen einer internationalen Historikerschaft nicht gelungen.

Unstrittig hingegen war bereits zu Zeiten der Entdeckung des »Wannsee-Protokolls«: Mit dem Überfall auf die UdSSR im Juni 1941, also bereits mehr als ein halbes Jahr vor dieser Konferenz, hatten Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes und des SD, die unter Heydrichs oberstem Kommando standen, begonnen, die Juden im Baltikum, in Belarus und in der Ukraine systematisch zu töten. Allein in Kiew waren im September 1941 an zwei Tagen mehr als 33000 Juden der Stadt umgebracht worden. Und seit Dezember rollten im eroberten Reichsgau Wartheland von der Ortschaft Kulmhof (polnisch: Chelmno) Lastwagen mehrere Kilometer in einen nahe gelegenen Wald. In deren Aufbauten wurden die darin zusammengepferchten Juden während der Fahrt durch die eingeleiteten Motorabgase qualvoll erstickt.

Die »Endlösung«

Vor diesem Wissen stellte sich die Frage, was die an den Wannsee Geladenen von diesen Verbrechen wußten, bevor Heydrich zu sprechen anfing. Für die Teilnehmer aus dem SS-Apparat war nicht zweifelhaft, daß sie bis in die Einzelheiten über Ziel und Methoden des mörderischen Handwerks informiert waren, das ihre Untergebenen verrichteten. Von den anderen mochte das nicht durchweg gelten. Doch jeder wußte spätestens seit im Oktober 1941 die Deportation von Juden aus den Städten im Reichsgebiet begonnen hatte, auch in Berlin, daß die Judenpolitik eine neue Stufe erreicht hatte, in der das Leben ihrer Opfer nichts mehr galt. Als Heydrich endete, waren jedoch die Wissenslücken aller geschlossen.

Die kein Mißverständnis lassenden Worte sind in der Niederschrift so festgehalten: »Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten. (…) Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen (…).«

Die Wortmeldungen nach Heydrichs Rede waren an Zahl gering. Niemand stellte eine Frage, die auch nur einen Einwand gegen das Verbrechen angedeutet hätte. Niemand wollte wissen, was mit den Nichtarbeitsfähigen, was mit den Kindern geschehen werde. Offenbar hatten alle alles verstanden. Niemand erkundigte sich auch nach der Rolle, die dem Teil des Machtapparates zugedacht war, den er vertrat. Und niemand forschte, warum die Staatssekretäre des Finanz- und des Verkehrsministeriums nicht anwesend waren. Worauf zu antworten gewesen wäre, daß die Zusammenarbeit mit beiden auf direktem Wege hergestellt war und funktionierte. Die Finanzämter verwerteten mit Akkuratesse die Hinterlassenschaft der Deportierten, für deren Abtransport auf den Schienenwegen die Reichsbahn nach Sonderplänen sorgte. Einzig der Staatssekretär aus Görings Vierjahresplan-Behörde machte darauf aufmerksam, daß bei der Aktion »Endlösung« die Interessen der Rüstungswirtschaft respektiert werden sollten, in der Juden als Zwangsarbeiter schufteten. Heydrich versicherte, dies werde berücksichtigt. Der Chef des Reichssicherheitshauptamtes konnte die Sitzung, bei der übrigens gefrühstückt wurde, in der Gewißheit schließen, daß der bürokratische Apparat der Ministerien auf seine Rolle ausgerichtet und funktionieren werde.

Wo sind die Verantwortlichen?

Keine Frage, daß das Dokument in den bevorstehenden Prozeß eingeführt werden würde. Zu dessen Angeklagten sollten die beiden Stellvertreter Ribbentrops gehören, die Staatssekretäre Ernst von Weizsäcker und der 1943 auf ihn folgende Gustav Adolf Graf Steengracht von Moyland. Zwar hatten beide an dem Treffen am Stadtrand der damaligen Reichshauptstadt nicht teilgenommen, doch war schwer denkbar, daß sie mit dem dort Besprochenen nicht bekannt und an dessen Verwirklichung nicht in irgendeiner Weise beteiligt gewesen wären.

Natürlich ging Kempner mit seinen Mitarbeitern die Liste der Teilnehmer durch und suchte festzustellen, wer am Leben war, in die Voruntersuchung einbezogen und vor Gerichtsschranken gestellt werden konnte. Im Falle Reinhard Heydrichs, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, lagen die Dinge einfach. Ihn, der in Personalunion Stellvertreter des Reichsprotektors in Böhmen und Mähren, dem im März 1939 besetzten Teil der zerschlagenen Tschechoslowakei, gewesen war, hatte ein Kommando von Widerstandskämpfern im Frühjahr 1942 in Prag bei einem Attentat durch eine Bombe so schwer verletzt, daß er bald darauf starb. Hitler ließ ihm in Berlin ein pompöses Staatsbegräbnis veranstalten und ihn vorerst auf dem Invalidenfriedhof begraben, jedoch war vorgesehen, daß er nach dem »Endsieg« in eine besondere Ehrenhalle gebracht werden sollte. Klarheit herrschte auch über die Umstände des Todes des Staatssekretärs im Reichsjustizministerium Roland Freisler. Er war am 3. Februar 1945 bei einem US-amerikanischen Luftangriff auf Berlin im Gebäude des Volksgerichtshofes zu Tode gekommen. Gewißheit existierte ebenso über den Tod des Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt, Martin Luther, der in den letzten Tagen vor oder in den ersten nach Kriegsende verstorben war. Alfred Meyer, Staatssekretär im Ostministerium unter dem 1946 in Nürnberg hingerichteten Alfred Rosenberg, hatte sich bei Kriegsende das Leben genommen. Und Rudolf Erwin Lange, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) in Lettland, den Heydrich als einen Praktiker des Judenmordens herbeigerufen hatte, war 1945 in den Kämpfen um Posen umgekommen.

Drei Teilnehmer der Wannsee-Konferenz waren wegen anderer Verbrechen schon abgeurteilt worden. Das betraf Eberhard Schöngarth, der in seiner Eigenschaft als Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD im Generalgouvernement zur Tagung geladen worden war. Ihn hatte ein britisches Militärgericht zum Tode verurteilt und am 16. Mai 1946 hinrichten lassen. Einer seiner Vorgesetzten, Otto Bühler, Staatssekretär in der sogenannten Regierung des Generalgouvernements mit Sitz in Krakau, der ebenfalls am Wannsee anwesend war, wurde, wie zwischen den Siegermächten vereinbart, an den Staat ausgeliefert, auf dessen Gebiet er vor allem verbrecherisch tätig geworden war. Am 10. Juni 1948, in Nürnberg fand der Wilhelmstraßen-Prozeß statt, verurteilte ihn in Polen dessen Oberster Gerichtshof zum Tode. Das Urteil wurde wenig später vollstreckt. Otto Hoffmann, der in seiner Eigenschaft als Chef des Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes in der Runde am Wannsee gesessen hatte, war in einem anderen der sogenannten Nürnberger Nachfolgeprozesse auf die Anklagebank gesetzt worden, an dessen Ende am 10. März 1948 das US-Militärgericht gegen ihn eine Haftstrafe von 25 Jahren aussprach. Er hat auch die später auf zehn Jahre verkürzte Strafe nicht vollständig verbüßen müssen.

Absolute Ungewißheit herrschte über das Schicksal von Heinrich Müller, dem Chef des Gestapo-Amtes und einem der De-facto-Stellvertreter Heydrichs, der auch der Vorgesetzte Eichmanns gewesen war. Wiewohl er einer der meistgesuchten Untäter des Regimes und ihm im Falle seiner Ergreifung der Galgen sicher war, konnte nie aufgeklärt werden, wo sein Leben endete. Der 1900 Geborene galt schließlich als verschollen, und eines Tages wurde die Fahndung nach ihm, der wohl zuletzt Anfang Mai 1945 in Berlin noch gesehen worden war, aufgegeben.

Erinnerungslücken

Kempner und sein Stab konnten somit, als sie die Voruntersuchung für den Prozeß vorantrieben, bei dem 21 hohe Staatsfunktionäre angeklagt wurden, darunter die Reichsminister der Reichskanzlei, der Finanzen und für Landwirtschaft, sowie weitere Staatssekretäre, nur fünf Teilnehmer der Wannsee-Konferenz zum Ereignis und zum Protokoll der Konferenz befragen: Wilhelm Stuckart, Staatssekretär im Innenministerium, war ursprünglich für einen separaten Prozeß vorgesehen, so daß ihm bei der Vorbereitung dieses Verfahrens keine besondere Aufmerksamkeit galt. Erst als aus Washington die Weisung erging, die Zahl der Prozesse zu begrenzen und mit ihnen zu einem Ende zu kommen, wurde er wie andere auch in das Verfahren einbezogen, das im Schwerpunkt dem Auswärtigen Amt gelten sollte. Verfügbar waren weiter: Georg Leibbrandt, der unter den Geladenen der rangniedrigste Staatsbeamte, jedoch ein einflußreicher Mitarbeiter des Ostministeriums war und Staatssekretär Meyer zur Konferenz begleitet hatte, Gerhard Klopfer, der Vertreter des Chefs der Parteikanzlei Martin Bormann, sodann Erich Neumann, Staatssekretär in der Vierjahresplanbehörde, und schließlich Friedrich Wilhelm Kritzinger, Staatssekretär in der Reichskanzlei, ein Staatsbeamter seit 1921. Wie Kempner seine Gespräche mit den Herren schildert, wollten sie sich zumeist nicht einmal an den Gegenstand der Konferenz erinnern.

Dann zeigte Kempner eines Tages das Wannsee-Dokument Ernst von Weizsäcker, der auch mit Judensachen nichts zu tun gehabt haben wollte. Nur war auf einem der aufgefundenen Papiere, mit dem das Auswärtige Amt seine Zustimmung zur Deportation von Juden aus Paris (die dort lebenden staatenlosen und deutschen zuerst) gegeben hatte, die Paraphe des damaligen Staatssekretärs zu sehen. Der begann sich nun zu erinnern, daß er sich über diese »furchtbare Sache« aufgeregt und sie auch zu Hause erzählt habe. Auch Kritzinger berichtete, daß ihn Grauen gepackt habe, als er von Wehrmachtssoldaten aufgenommene Fotografien sah, die das Judenmorden bezeugten. Und er war der einzige, der beim Blick in die Vergangenheit und seine Rolle Reue zeigte; er schäme sich, so ist eine seiner Äußerungen überliefert, wenn er vor das Grab seines Vaters trete …

Nur ein Staatssekretär, der an dem Treffen teilgenommen hatte, wurde als Angeklagter in den Wilhelmstraßen-Prozeß gezogen. Das Gericht verurteile Wilhelm Stuckart zu drei Jahren und zehn Monaten Haft, die durch seine Internierung als verbüßt angesehen wurden. Dann kategorisierte ihn eine Spruchkammer als Mitläufer. 1953 kam er bei einem Unfall ums Leben. Kritzinger verstarb 1947 vor Prozeßbeginn. Erich Neumann wurde Anfang 1948 krankheitshalber aus der Internierung entlassen und starb 1951 in Garmisch-Partenkirchen. Gerhard Klopfer, der im Prozeß als Zeuge befragt wurde, aber sich auch dort nicht zu erinnern vermochte, wurde 1949 nach seiner Entlassung aus der Internierung von einer Spruchkammer als »minderbelastet« eingestuft. Später ließ er sich als Rechtsanwalt in Ulm nieder. Ein 1962 eröffnetes Ermittlungsverfahren, das sich an seine Rolle im Zusammenhang mit der Wannsee-Konferenz knüpfte, wurde eingestellt. 1987 hieß es in der Anzeige seines Todes, er sei »nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller, die in seinem Einflußbereich waren«, verstorben. Auch Georg Leibbrandt hatte im Prozeß als Zeuge erscheinen müssen, und auch er entging jeglicher Bestrafung. 1950 stellte das Landgericht Nürnberg-Fürth ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Er starb 1982 in Bonn.

Und was wurde aus den anderen, erwähnten Teilnehmern der Wannsee-Konferenz und Exekutoren der dort verkündeten Politik? Adolf Eichmann wurde in Argentinien verhaftet, in Jerusalem vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und 1962 hingerichtet. Ernst von Weizsäcker erhielt fünf Jahre Gefängnishaft, kam jedoch im Zuge einer Amnestie, die zum Beziehungswechsel zwischen den USA und der Bundesrepublik im begonnenen Kalten Krieg gehörte, 1950 aus dem Kriegsverbrechergefängnis Nr. 1 der USA in Landsberg frei. Er verstarb 1954 in Lindau am Bodensee. Seine im Gefängnis geschriebenen Erinnerungen, eine Rechtfertigungsschrift, gab sein Sohn Richard kurz nach des Autors Entlassung 1950 heraus. Steengracht wurde zu sieben Jahren Gefängnishaft verurteilt, gelangte aber, amnestiert, 1950 auf freien Fuß. Er lebte auf Wasserschloß Moy­land bei Kleve, wo er 1969 starb.

Und die anderen Personen, die in unserer Geschichte eine Rolle spielten? Robert M. W. Kempner kehrte 1951 nach Deutschland zurück und eröffnete in Frankfurt am Main eine Rechtsanwaltskanzlei. Er trat in NS-Prozessen als Nebenkläger hervor und setzte sich in Wort und Schrift vielfach für ein antinazistisches Deutschland ein. Er starb 1993. Seine letzte Ruhestätte befindet sich in Berlin-Lichterfelde auf dem Parkfriedhof. Telford Taylor engagierte sich in den USA gegen die Kommunistenhatz während der McCarthy-Ära und gegen den Vietnamkrieg. Er lehrte bis 1994 an mehreren Universitäten. 1994 verstarb er in New York.

Literatur:

– Kurt Pätzold/Erika Schwarz: Tagesordnung Judenmord. Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, Berlin 1992 (darin auch die Niederschrift über die Konferenz)

– Das Urteil im Wilhelmstraßen-Prozeß. Der amtliche Wortlaut der Entscheidung im Fall Nr. 11 des Nürnberger Militärtribunals gegen von Weizsäcker und andere, mit abweichender Urteilsbegründung, Berichtigungsbeschlüssen, den grundlegenden Gesetzesbestimmungen, einem Verzeichnis der Gerichtspersonen und Zeugen. Einführungen von Robert M. W. Kempner und Carl Haensel. Schwäbisch Gmünd 1950

– Leonidas E. Hill (Hg.): Die Weizsäcker-Papiere 1933–1950. Berlin/Frankfurt am Main/Wien 1974

– Robert M. W. Kempner: Das Dritte Reich im Kreuzverhör. Aus den unveröffentlichten Vernehmungsprotokollen des Anklägers Robert M. W. Kempner. München-Esslingen 1969

– Robert M. W. Kempner: Ankläger einer Epoche. Lebenserinnerungen, in Zusammenarbeit mit Jörg Friedrich. Frankfurt a.M./Darmstadt 1983

– Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (Hg.): Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden. Katalog der ständigen Ausstellung, Berlin 2006

– Telford Taylor: Die Nürnberger Prozesse. Hintergründe, Analysen und Erkenntnisse aus heutiger Sicht. München 1994

– Telford Taylor: Nürnberg und Vietnam. München 1971

– Ernst von Weizsäcker: Erinnerungen, hg. v. Richard von Weizsäcker. München/Leipzig/Freiburg 1950

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