13. November 2010

Doppelte Strategie

Vor 80 Jahren: II. Reichskonferenz der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition

Stefan Heinz

Die Konferenz hat eine gewisse Klärung über die Aufgaben und den Ausbau der RGO und ihre Entwicklungslinie gebracht«, schrieb der sozialdemokratische Berliner Polizeipräsident, Albert Grzesinski, in einem »Lagebild« zur Abwehr »staatsgefährdender« Aktivitäten der KPD und ihrer Nebenorganisationen. Zuvor war am 15. und 16. November 1930 die II. Reichskonferenz der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) im Preußischen Landtag in Berlin zusammengetreten. Geladen waren 340 Personen – 215 Delegierte und Gäste. Diese kamen vorrangig aus überregionalen RGO-Strukturen. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die bedrückende Situation der Arbeiterschaft unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise. Die Teilnehmer beschlossen, die RGO zur »von unten bis oben durchorganisierten« Kampforganisation auszubauen und die »Lohnabbauoffensive« der Unternehmer mit »Massenstreiks« zu beantworten.

Formierte Opposition

Bereits 1928 hatte die KPD-Führung in Übereinstimmung mit der Kommunistischen Internationale (KI) und der Roten Gewerkschafts-Internationale (RGI) eine neue Periode in der »Krisentendenz« des Kapitalismus erkannt. Angenommen wurde, daß sich die Klassenkämpfe verschärfen und die Radikalisierung der Arbeiter steigt. Eine »Einheitsfront« mit der SPD sollte nur noch »von unten« – also zur Einbeziehung von Basis-SPDlern in Aktionen der Kommunisten – möglich sein. Wenngleich diese Strategie umstritten war, wurde der RGO die Aufgabe zuteil, die prognostizierte Linksentwicklung in den sozialdemokratisch dominierten, freien Einzelgewerkschaften des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) als »offensive Strömung« zu unterstützen. Darum versuchte die RGO, eigene Streikkomitees und »rote Listen« bei Betriebsrätewahlen unter Einbeziehung Unorganisierter aufzustellen. Bald gab es Versuche, Streikkämpfe »vollkommen selbständig« – also gegen den Willen der ADGB-Funktionäre – durchzuführen. Auch wenn dieses Vorgehen auf eine »Formierung« der RGO in den Gewerkschaften gerichtet war, bewirkte es das Gegenteil. Denn die Organisationen entledigten sich ihrer unbequemen Opposition durch Ausschlüsse. RGO-Anhänger versuchten, die Initiierung von wilden Streiks mit Aussagen zu legitimieren, wonach sich der sozialdemokratische Reformismus in »Sozialfaschismus« verwandelt habe, da die SPD-Spitze und die freigewerkschaftlichen Funktionäre die Arbeiter vom Kampf abhielten.

Die KPD-Gewerkschaftsstrategie folgte ab 1929 der Überlegung, daß die RGO eine bessere Struktur erhalten müsse – auch deshalb, um Ausschlüsse kollektiv abzuwehren. Die RGO-Anhänger sollten aus Sicht der KPD-Führung keinesfalls die Gewerkschaften freiwillig verlassen, was allerdings viele Kommunisten taten. Denn mit Ausschlüssen nahmen anti-freigewerkschaftliche Stimmungen bei RGO-Sympathisanten zu, die eine Betätigung in den Arbeiterorganisationen als aussichtslos ansahen oder für falsch erklärten. Daraufhin war gerade in den KPD-Hochburgen Berlin und Ruhrgebiet unter Kommunisten die Meinung verbreitet, einen Aufbau eigener Verbände in Angriff nehmen zu müssen. Differenzen spiegelten sich bereits beim I. RGO-Reichskongreß wider, der Ende 1929 in Berlin getagt hatte. Hier war ein Ausbau der RGO zur »formierten Opposition« mit eigener Leitung beschlossen worden. Der Aufbau von »Konkurrenzgewerkschaften« wurde offiziell abgelehnt.

Die in KPD und RGO lauter werdenden Fürsprecher »roter Gewerkschaften« fühlten sich indes bestärkt, die Verselbständigungstendenz der RGO voranzutreiben. Sie gründeten Vereinigungen für Ausgeschlossene, in die auch Unorganisierte eintreten konnten. Zudem sahen sich RGO-Anhänger in ihrer Annahme eines Arbeiterverrats durch die SPD-Gewerkschaftsbürokratie bald erneut bestätigt. Denn nach Beginn der von der SPD-Reichstagsfraktion »tolerierten« Notverordnungspolitik des Zentrum-Politikers Heinrich Brüning im Oktober 1930 setzten sich die Gewerkschaftsspitzen immer defensiver gegen den von den Unternehmern zur Krisenbewältigung favorisierten Lohnabbau zur Wehr. Dieser wurde nun regelmäßig mit Zwangsschlichtungen und Notverordnungen durchgesetzt. Die Haltung der freien Gewerkschaften, Arbeitskämpfe in Zeiten der Krise zu vermeiden, war eine Folge der durch Mitgliederverluste und steigende Erwerbslosigkeit hervorgerufenen Schwächung der Organisationen. Gleichzeitig entsprach sie dem legalistischen Staatsverständnis der Funktionäre und deren Verpflichtungen gegenüber der SPD –eine Position, die trotz beträchtlicher Unmutsregungen vom Großteil der Basisgewerkschafter geteilt wurde.

Doppelstrategie

Waren es die ADGB-Gewerkschaften, die zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929/30 den noch vorhandenen Spielraum für die Durchführung von Arbeitskämpfen unterschätzten, basierte das RGO-Konzept auf einer Überschätzung des Bewußtseins der Arbeiter. Auf der II. RGO-Reichskonferenz wurde erklärt, daß sich die RGO »der sozialfaschistischen Gewerkschaftsbürokratie gegenüber auf der ganzen Linie in der Offensive« befinde. Hauptredner der Konferenz, die den Charakter einer nicht-öffentlichen Arbeitstagung hatte, war Franz Dahlem. Kurz zuvor war er zum RGO-Reichsleiter ernannt worden. Dahlem beschrieb die schwierige Situation der Arbeitenden und Erwerbslosen – insbesondere in der Berliner Metallindustrie, wo trotz eines Streiks von 130000 Metallern eine erhebliche Lohnsenkung nicht abgewehrt wurde. Der Anfang November 1930 geschaffene erste »rote Verband« der RGO, der Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB), wollte den Streik gegen den Willen des freien Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) weiterführen. Doch dies gelang dem EVMB nicht. Dessen Gründung hatte nach Ansicht Dahlems dennoch dafür gesorgt, daß die Entwicklung auf die Schaffung weiterer Verbände hinauslief, wobei jedoch »überstürzte« Gründungen ein »Überspringen notwendiger Etappen« des Kampfes bedeuten würden. Darauf einigten sich formal die Konferenzteilnehmer. Schließlich hatte das ZK der KPD mit Blick auf die in der RGO verbreitete Befürwortung einer schnellen Schaffung vieler eigener Verbände gefordert, daß diese lediglich in »besonderen« Situationen gegründet werden durften. Nämlich nur, wenn »Arbeitermassen« gegen das defensive Vorgehen der Freigewerkschaften rebellierten und im Zuge eines größeren Streiks austraten oder ausgeschlossen wurden. Danach sprachen die RGO-Funktionäre Michael Niederkirchner und Fritz Emrich über den Aufbau der RGO, zu dem Unklarheiten herrschten. Die Planungen sahen ein Industriegruppen-Modell mit Betriebs- und Erwerbslosengruppen über Orts- und Bezirkskomitees bis zum Reichskomitee vor. Dabei wurde im Sinne einer Doppelstrategie entschieden, mit RGO-Gruppen die »Fraktionsarbeit« in den freien Gewerkschaften fortzusetzen.

Bald wurden neue »rote Verbände« in anderen Industriezweigen und Regionen gegründet – entgegen den Kriterien des Kongreßprotokolls. Bereits Mitte 1931 wurde dieser Prozeß von der KPD-Spitze gestoppt, da alle Verbände Ausdruck einer kleinen radikalen Bewegung blieben. Auch das nun von der kommunistischen Führung erneut favorisierte Konzept der innergewerkschaftlichen »Fraktionsarbeit« funktionierte aufgrund von Unvereinbarkeitsbeschlüssen und einer mangelnden Bereitschaft der Basis-RGOler selten. Der RGO, die etwa 230000 Mitglieder hatte, wurde als »staatsfeindlicher Organisation« die Tariffähigkeit verweigert. Oft wurden Mitglieder entlassen, sobald sie Streikkämpfe anzufachen versuchten. Meist scheiterten RGO-Streiks, die Mehrheit der Betriebsarbeiter blieb an die Autorität der ADGB-Gewerkschaften gebunden. Während die KPD Erwerbslose als Wähler und Mitglieder gewann, vollzog sich die Entfaltung radikaler Stimmungen im gewerkschaftlichen Bereich nicht in ähnlichem Ausmaß. Von einer »durchorganisierten« RGO konnte zu keinem Zeitpunkt die Rede sein. Das Hauptziel, Wirtschaftskämpfe in »Massenstreiks« zum Sturz der kapitalistischen Herrschaft zu transformieren, wurde verfehlt. Die RGO-Strategie, die von der KPD-Führung in der Illegalität 1935 revidiert wurde, vertiefte die Spaltung in der Arbeiterschaft. Verantwortung dafür trägt allerdings nicht allein die RGO.

Vom Autor erschien zuletzt: Der »Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins« Entwicklung und Scheitern einer kommunistischen Gewerkschaft, VSA Verlag, Hamburg 2010, 572 S., gebunden, 34,80 Euro

Vorwärts an der ganzen Front. Franz Dahlem über die II. RGO-Reichskonferenz

Die Reichskonferenz war sich voll bewußt, welcher Kampf jetzt zwischen der vereinigten Front der Kapitalisten und der sozialdemokratischen Streikbruchorganisatoren einerseits und der RGO andererseits um die Führung der Massen einsetzt. (…) Die Führer der RGO aus allen Teilen Deutschlands gingen von der Konferenz zurück in ihre Bezirke mit der Aufgabe, die Kämpfe der Arbeiterschaft nach den letzten Erfahrungen der Streikstrategie unmittelbar zu organisieren, die RGO zur gewerkschaftlichen Massenorganisation zu entwickeln, die Betriebe zu erobern, die Führung in der Gewerkschaftsbewegung zu erringen, deshalb alle Kräfte auch auf den innergewerkschaftlichen Kampf um die Eroberung der freigewerkschaftlich organisierten Kollegen anzusetzen. (…) Die Massen des deutschen Proletariats geraten auf Grund der Umstürzung aller ihrer Lebensverhältnisse, der steigenden Not und Bedrückung in immer stärkere revolutionäre Gärung. Sie wollen kämpfen gegen das Unternehmertum, gegen den drohenden Faschismus, gegen seine Wegbereiter. Sie wollen einen radikalen Ausweg, der sie besseren Zeiten entgegenführt. (…)

in: Betrieb und Gewerkschaft. Organ des Reichskomitees der RGO, 2. Jg. (1930), Heft 23, S. 473 ff.

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