23. Mai 2014

»Dort kämpfen, wo das Leben ist«

Gisela Kessler

Zum Tod von Gisela Kessler, Gewerkschafterin, Frauenrechtlerin, Kommunistin

Florence Hervé

Klares Denken, große Ausstrahlungskraft, aufmüpfiges Reden und solidarisches Handeln, Herz und Verstand zeichneten die Gewerkschafterin Gisela Kessler aus. Die gebürtige Frankfurterin stammte aus bescheidenen Verhältnissen, erlernte bei der Post den Beruf der Kontoristin. Früh bekämpfte sie das Unrecht in der Arbeitswelt, wurde Jugendvertreterin und stellvertretende Personalratsvorsitzende bei der Deutschen Bundespost. Bis 1967 war sie Rechtsschutzsekretärin beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Wiesbaden, wurde dann auf Schulungen geschickt. Die alleinerziehende Mutter – eine Ausnahme auch in den Gewerkschaftsapparaten jener Zeit – sollte für den Hauptvorstand der IG-Druck und Papier als Frauensekretärin kandidieren. Gisela lehnte zunächst ab. 1971 übernahm sie das Amt doch – und behielt es bis 1997, eine kleine Sensation in dieser männerdominierten Gewerkschaft.

Manches Frauenrecht hat sie durchgesetzt, so beim legendären Kampf der Heinze-Frauen um gleiche Löhne. 1979 hatten 29 Arbeiterinnen des Gelsenkirchener Fotolaborbetriebs gegen Lohndiskriminierung geklagt. Kessler organisierte die Solidaritätsbewegung und eine Kundgebung vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel mit 7000 Teilnehmerinnen. Tatsächlich bestätigte das Gericht 1981, daß die Frauen den gleichen Lohn bekommen müssen wie ihre männlichen Kollegen.

1988 war es ein vielbeachtetes Tribunal gegen Flexibilisierung und ungeschützte Arbeitsverhältnisse, das durch Kesslers Engagement zustande kam. Sie stellte den Zusammenhang zwischen Geschlechter- und Klassenfrage in den Mittelpunkt – und sorgte u.a. dafür, daß der Beschluß des DGB, den Internationalen Frauentag nicht zu begehen, aufgehoben wurde. Außerdem baute sie Brücken zwischen Gewerkschaften und feministischer Bewegung. Auf der DKP-Konferenz zum 50. Todestag von Clara Zetkin 1989 appellierte sie an die Frauen: »Wer sich in soziale Auseinandersetzungen einmischt, führt Veränderungen herbei und verändert sich dabei selber. Wer sich nicht einmischt, lernt nichts. Und wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht.«

Gisela Kessler kämpfte auch gegen die atomare Bewaffung der Bundesrepublik und war 1980 eine der Erstunterzeichnerinnen des Krefelder Appells. Die Kommunistin hatte dafür die »Ehre«, mehrmals im Verfassungsschutzbericht erwähnt zu werden. Bis 1995 war sie stellvertretende Vorsitzende der IG Druck und Papier, später der IG Medien.

Nach Eintritt in den Ruhestand blieb sie aktiv – als Mitinitiatorin der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit, die später mit der PDS zur Linkspartei fusionierte, und als stellvertretende Vorsitzende des Ältestenrates der Partei Die Linke. Ausdauer, Enthusiasmus und ihre Verbindungen zu vielen Betriebsräten waren ihre Stärke. Sie wolle keine Macht und keine Rolle spielen, sondern, in Anlehnung an Clara Zetkin, »arbeiten und kämpfen, dort wo das Leben ist«, hat sie einmal gesagt. Das tat sie auch. Am 14. Mai starb sie 78jährig in Nürnberg.

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