21. August 2010

Ein Irrlicht erlischt

Am 17. August 1945, zwei Tage nach der japanischen Kapitulation, erklärt Indonesien seine Unabhängigkeit

Rainer Werning

Niederländisch-Indien, wie Indonesien damals hieß, war wie die meisten Länder Südostasiens Jahrhunderte von einer westlichen Kolonialmacht beherrscht worden. Die niederländische Kolonie hatte für die Japaner wegen ihrer Nähe zur Nordküste Australiens und wegen ihrer Ölvorkommen und anderer Bodenschätze besondere Bedeutung. Obwohl die Niederlande selbst bereits im Mai 1940 von den Truppen Nazideutschlands überrannt worden waren und sich die Regierung nach London abgesetzt hatte, leisteten die Kolonialtruppen auf Sumatra und Java noch bis Anfang März 1942 Widerstand gegen die Japaner, die dort ihre Offensive am 11. Januar begonnen hatten. Doch dann mußten auch sie vor den Verbündeten der deutschen Faschisten in Asien kapitulieren. Denn die antikoloniale Kriegspropaganda der Japaner, die sich als »Licht, Beschützer und Lenker Asiens« wähnten, stieß in der indonesischen Bevölkerung auf mehr Sympathien als irgendwo sonst auf dem Kontinent.

Wie in den anderen Regionen Südost- und Ostasiens waren auch die Kolonialtruppen in Niederländisch-Indien von den schnell vorrückenden japanischen Einheiten überrascht worden. Was für die Niederlande eine schmähliche Niederlage war, bot dem überwiegenden Teil der indonesischen Bevölkerung Anlaß zur Freude. Während sich Nationalisten wie Achmed Sukarno für eine Zusammenarbeit mit den Japanern entschieden hatten, gingen die Sozialisten und Kommunisten in den Untergrund. Einige Monate hoffte die Bevölkerung, Japan werde dem riesigen Inselreich als Befreier auch zur Unabhängigkeit verhelfen. Doch genau das sahen die Pläne in Tokio eben nicht vor. Dort stand fest, daß Indonesien als Teil der »Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre« direkt von japanischen Truppen verwaltet werden sollte.

Internierungslager

Die japanische Armee richtete zunächst auf Sumatra, Celebes, Borneo, auf den Molukken und in Westtimor Kriegsgefangenen- und Internierungslager ein. Dazu dienten Schulen und Gefängnisse ebenso wie Bahnhofsgelände und Klöster. Dann folgten Internierungen auf Java, von denen zuallererst die alliierten Kriegsgefangenen und Bürger der Länder betroffen waren, mit denen sich Japan im Krieg befand. Damals lebten knapp 300000 Europäer auf dem Archipel, eine kleine Zahl im Vergleich zu der zirka 68 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung Indonesiens. Etwa die Hälfte der Holländer war eurasischer Abstammung. In den Internierungslagern wurden die sozialen Unterschiede zwischen ihnen und denen, die sich vormals hochnäsig als Teil der europäischen Elite wähnten, schnell eingeebnet.

Ungefähr 100000 niederländische Zivilisten wurden von den Japanern interniert, die meisten davon im Jahre 1942. Europäische Schulen wurden umgehend geschlossen, und sämtliche holländischen Zeitungen und Magazine mußten ihr Erscheinen einstellen. In die Internierungslager wurden zuerst Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren gepfercht, gefolgt von Frauen, Kindern und Älteren. Männer sowie Frauen und Kinder waren getrennt eingesperrt. Insgesamt sollen etwa 155 solcher Internierungslager über den gesamten Archipel verstreut gewesen sein. Die meisten von ihnen befanden sich auf Java, weil dort auch der größte Teil der Europäer vor Kriegsbeginn gelebt hatte. Während in einem Lager im Herbst 1942 durchschnittlich etwa 2500 Personen lebten, waren darin bei Kriegsende etwa 10000 Menschen auf engem Raum zusammengepfercht. Drei Jahre lang blieben diese Menschen von der Außenwelt abgeschlossen und lebten unter Bedingungen, die sich von Monat zu Monat verschlechterten. Zirka 16800 Internierte überlebten die Strapazen nicht und starben.

Weitaus schlimmer als den Holländern und Eurasiern erging es der einheimischen Bevölkerung. Die vermeintlichen Befreier entpuppten sich als gnadenlose Sklaventreiber, die immer mehr Menschen in die Zwangsarbeit schickten. Romushas (Zwangsarbeiter) wurden vor allem beim Bau von Straßen und Brücken, dem Ausbau von Flughäfen und Landepisten sowie beim Ausheben von küstennahen Befestigungswällen eingesetzt. Für die japanischen Truppen blieb nämlich die Sicherung der langen Küsten ein ungelöstes Problem. Dem japanischen Generalstab war nicht verborgen geblieben, daß alliierte Truppen Pläne hegten, neben Malaya auch auf Sumatra Landemanöver zu versuchen, um so an geheimdienstlich relevante Informationen heranzukommen und eine Rückeroberung vorzubereiten. Tatsächlich durchgeführt wurden solche heiklen Landeoperationen von einer unter britischem Kommando stehenden Spezialeinheit, der Force 136 (Corps Insulinde) mit Sitz in Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Dieser Einheit gehörten zeitweilig auch malayische Widerstandskämpfer und indonesische Informanten an. Da es den japanischen Truppen nicht einmal möglich war, sämtliche Küstenabschnitte Sumatras und Malayas zu bewachen, gelang es Mitgliedern der Force 136 einige Male erfolgreich, dort mit U-Booten aufzutauchen und Informanten an Land zu setzen beziehungsweise sie wieder an Bord zu nehmen.

»Japanisierung« gescheitert

Auch in Indonesien setzten die neuen Kolonialherren alles daran, das Erbe und den Einfluß der früheren Herren schnellstmöglich aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Per Dekret verfügten die Japaner, daß fortan der Geburtstag von Kaiser Hirohito ein offizieller Feiertag sei, Japan als Schutzmacht zu akzeptieren sei und die japanische Zeit und der japanische Kalender gelten sollten. Jeder Einwohner, ob Niederländer oder Indonesier, hatte dem japanischen Militär jederzeit und überall Respekt zu zollen, indem sie sich vor ihm verbeugten, was die Betroffenen in aller Öffentlichkeit demütigen sollte.

Im September 1944 ließ Tokio erstmals den Plan erkennen, die Indonesier in die Unabhängigkeit zu entlassen, um so wenigstens einen Teil seines Einflusses in dem Land zu wahren. Ein genaues Datum wurde allerdings nicht genannt, wenngleich man sich bei verschiedenen Anlässen, darunter auch in Singapur, zu gemeinsamen Verhandlungen traf, auf denen über die Gründung einer Vorbereitungskommission zur Gewährung der Unabhängigkeit gesprochen wurde. Mitte August 1945 sollte diese auf Java tagen. Doch da war es schon zu spät; auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 beschlossen die Siegermächte, Thailand, Indochina, Malaya und Niederländisch-Indien unter das britische Kommando des South East Asia Command (SEAC) zu stellen, dessen Oberbefehlshaber Admiral Lord ­Louis Mountbatten war. Ostindonesien und Borneo kamen unter australisches Kommando. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Am 15. August 1945 mußten die Japaner auch in Indonesien kapitulieren. Und zwei Tage später riefen Achmed Sukarno und Mohammad Hatta die Unabhängigkeit der Republik Indonesien aus. Doch noch immer kontrollierten japanische Truppen weite Teile des Landes. Und die innenpolitisch prekäre Lage nutzten die Niederlande, um ihren Herrschaftsanspruch über die Inseln zu erneuern und die Nationalisten bis 1949 in militärische Auseinandersetzungen zu verwickeln.

Zwangsprostituiert

Es war Ende des Jahres 1991, als die mittlerweile verstorbene Koreanerin Kim Hak-Sun erstmalig über eines der dunkelsten Kapitel des japanischen Aggressionskrieges in Ost- und Südostasien sowie im Pazifik sprach. Bis dahin war das Thema tabuisiert, und die Opfer waren jahrzehntelang aus Scham und wegen der Drohung eines völligen Ehrverlusts zum Schweigen verdammt gewesen. Gemeint sind bis zu 200000 Mädchen und junge Frauen, die zwischen Ende der 1930er und Mitte der 1940er Jahre von japanischen Soldaten für ein Netzwerk von Militärbordellen zwangsrekrutiert und systematisch sexuell und anderweitig erniedrigt worden waren. Insgesamt wurden etwa 20000 Indonesierinnen und Niederländerinnen allein auf dem indonesischen Archipel Opfer dieser Zwangsmaßnahmen. Mit über 50 dieser heute meist über 80jährigen haben der Fotograf Jan Banning und die Journalistin Hilde Janssen intensive, einfühlsame Gespräche geführt und 18 von ihnen in dem Band »Comfort Women/Troost Meisjes« porträtiert. Es ist dies ein in Bild und Schrift gleichermaßen beeindruckendes Zeitdokument, das hoffentlich 65 Jahre nach Kriegsende mit dazu beiträgt, eine diese Opfer verhöhnende Politik weltweit zu ächten und öffentlich anzuprangern.

Hilde Janssen/Jan Banning: Comfort Women/Troost Meisjes. seltmann+söhne, Utrecht/Lüdenscheid 2010, 104 Seiten, 34,90 Euro * brosch., Eurobilingualer Bildband in englischer/holländischer Sprache

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/08-21/008.php