28. November 2012

Ein Leben lang gekämpft

Gruppenbild mit Selbstauslöser: Adolphe Low (stehend) mit Kameraden des Bataillons Edgar André. Spanien, 1939 - Fotoquelle: Adolphe Low

Er sprengte die Kommandantur im französischen Creuse: Adolphe Low, der letzte ­deutsche Spanienkämpfer, ist im Alter von 97 Jahren gestorben

Esther Broß und Paul Bauer

Mit Adolphe Low starb am 11. November in Strasbourg der letzte deutsche Spanienkämpfer. Am 21. Juli 1915 als Adolf Löw in Cottbus geboren, wuchs er in einem jüdischen Elternhaus mit fünf älteren Geschwistern in Berlin auf. Als kleiner Junge waren ihm Westernfilmvorstellungen – vor allem die mit dem amerikanischen Darsteller und Regisseur Tom Mix – lieber als ein Besuch in der Synagoge. Früh schloß er sich der jüdischen antifaschistischen Jugendbewegung an; er wurde aktives Mitglied der Jugendgruppe der Roten Hilfe. Schon vor 1933 hat man ihn wegen der Teilnahme an einer illegalen Versammlung von jüdischen Antifaschisten aus Polen in das Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz eingesperrt. Während des sogenannten Blutmai 1929, bei der die damals sozialdemokratisch geführte Berliner Polizei Dutzende Arbeiter erschoß, erlitt Adolphe einen Streifschuß. Als er 1933 vor einer anstehenden Hausdurchsuchung und Verhaftung rechtzeitig gewarnt worden war, ging er »stiften«: Über Kehl/Strasbourg gelangte er, ohne finanzielle Mittel und französische Sprachkenntnisse, nach Paris. Er litt oft Hunger, hatte nur gelegentlich Arbeit, wurde mehrfach verhaftet und nach Belgien abgeschoben – war aber immer wieder schnell zurück in der französischen Hauptstadt.

Als der Krieg der Franco-Anhänger in Spanien begonnen hatte, besuchte er 1936 in Paris eine Kundgebung zur Unterstützung der »Frente Popular«, bei der Dolores Ibárruri um Hilfe bei der Unterstützung im Kampf gegen die Faschisten warb: »Ich habe verstanden, daß sie Leute suchen, die gegen die Faschisten kämpfen«. Mit 600 weiteren Freiwilligen ging es auf einem Kohlendampfer von Marseille nach Spanien – nur 20 Interbrigadisten, die mit ­Adolphe zusammen übersetzten, sollten den Krieg überleben. Nach einer kurzen Ausbildung kämpfte Adolphe zwei Jahre als Infanterist im Bataillon »Edgar André« unter Kompanieführer Heinz Hoffmann. Nach der Demobilisierung der Interbrigaden ging es wieder zurück nach Frankreich. Wegen seiner guten Französischkenntnisse wurde Adolphe nicht wie viele andere in eines der berüchtigten Internierungslager gesteckt. Aber später wurde er nach einer Denunziation verhaftet und als Deutscher in den Lagern von Guéret/Bourg-Lastic und Les Milles eingesperrt. Mehrmals gelang ihm die Flucht – leider nur für kurze Zeit: Ende 1939 meldete er sich als Freiwilliger zur französischen Armee und wurde zur Ausbildung nach Algerien geschickt. Zurück in Frankreich wurde er erneut verhaftet, in das Lager Rivesaltes verbracht und konnte wieder »ausbüchsen«. Zu Fuß schlug er sich zu Kameraden nach Guéret durch, die ihm eine illegale Anstellung im dortigen Krankenhaus verschafften. Bei einer Razzia konnte er nur knapp einer Verhaftung entgehen und flüchtete in die umliegenden Wälder, in denen er mehrere Wochen im Februar 1940 bei Schnee und bitterer Kälte um sein Überleben kämpfte, bis er von Genossen ein Versteck unter dem Fahrstuhl des Krankenhauses zugewiesen bekam. Von der regionalen Résistance kam die Anfrage an Adolphe, ob er bereit wäre, gegen die Deutschen zu kämpfen. Dies bejahte er sofort. Seine militärischen Kenntnisse und Leistungen befähigten ihn sehr schnell, zum Offizier und später auch zum Kommandanten einer Kompanie in der Résistance befördert zu werden. Bei kniffligen Aufgaben meldete sich Adolphe immer als erster – so hat er beispielsweise die deutsche Kommandantur in Creuse in die Luft gesprengt (Plastiksprengstoff kam damals gerade in Mode). Für diese Tag wurde er später mit dem französischen Orden »Croix de guerre« ausgezeichnet.

Kurz vor der Befreiung Frankreichs von der Nazibesatzung wurde ­Adolphe in die reguläre französische Armee aufgenommen. 1945 erhielt er von General de Gaulle für seine Verdienste in der Résistance die französische Staatsbürgerschaft verliehen. In Paris lernte er über andere Angehörige der Résistance seine spätere Frau Nicole kennen. Von den Faschisten seiner Jugend beraubt, hatte er seine Berufsausbildung nicht abschließen können und war gezwungen, für seine junge Familie Gelegenheitsjobs anzunehmen. Zeitlebens engagierte er sich gegen den Faschismus. Auf Einladung der Gruppe Ortenau der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) nahmen Nicole und Adolphe Low im Jahre 2002 als Vertreter der »Association Nationale des Anciens Combattants« am Vereinigungskongreß der ost- und westdeutschen Verbände der VVN-BdA in Berlin teil. Adolphe kehrte damit das erste und einzige Mal in die Stadt zurück, in der er aufgewachsen war und die er, 69 Jahre zuvor, auf der Flucht vor den Nazis verlassen mußte.

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