21. Dezember 2012

Ein legendäres Orchester

Die zumeist ahnungslosen Gesellschafter der »Simexco« in Brüssel. Dritter von links: Anatoli Gurewitsch alias »Kent« - Fotoquelle: jW-Archiv

Streiflichter aus dem Innenleben des sowjetischen Kundschafternetzes, das von den Nazis auf den Namen »Rote Kapelle« getauft worden war

Peter Rau

Die Geschichte des berühmten sowjetischen Spionageringes begann, lange bevor Hitlers Häscher ihr jenen Namen gaben, der noch nach Jahrzehnten Geheimdienstexperten wie Militärs, Historiker wie Zeitzeugen, Journalisten wie Schriftsteller umtreibt: die »Rote Kapelle«. Auf diesen Namen waren die Funkabwehr der Wehrmacht und in deren Gefolge die Gestapo im Sommer 1941 verfallen, als nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion schlagartig eine Vielzahl von Funksprüchen unbekannter Sender im Äther zu registrieren waren. Da diese Funker im Geheimdienstjargon »Pianisten« genannt wurden, lag es nahe, hinter deren Konzert ein ganzes Orchester zu vermuten.

»Otto« übernimmt die Regie

Der Grundstein hierfür war Mitte der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gelegt worden – in Moskau, genauer gesagt, in der Zentrale der GRU, des militärischen Nachrichtendienstes der sowjetischen Streitkräfte. Dieser Dienst stützte sich bis 1935 im wesentlichen auf die Mitarbeit kommunistischer Parteigänger aus aller Welt, denn »echte Agenten auszubilden, hatte der während des Bürgerkrieges gegründete russische Spionagedienst noch nicht die Zeit gehabt«, wie Leopold Trepper, der später als Chef unter dem Decknamen »Otto« agierte, in seiner 1975 erschienenen Autobiographie »Die Wahrheit« hervorhebt. »Die Informanten – das kann ich aus eigener Kenntnis beurteilen – handelten völlig uneigennützig. Von Geld und Lohn war niemals die Rede.«

An der Spitze der GRU stand seit 1924 General Jan Bersin, ein aus Lettland stammender Altbolschewik, der nach der Oktoberrevolution zur Tscheka, dem Vorläufer des KGB, gegangen war. Zwischen ihm und seinen Residenten im Ausland entwickelten sich stets persönliche Beziehungen. Mit Richard Sorge zum Beispiel verband ihn eine herzliche Freundschaft. Schon 1933 hatte Bersin den erfahrenen deutschen Kommunisten und vielbeschäftigten Journalisten dazu bewogen, als Korrespondent der Frankfurter Zeitung nach Japan zu gehen, um vor Ort die gegen die Sowjetunion gerichteten Bestrebungen des Kaiserreiches zu beobachten und darüber nach Moskau zu berichten.

Nun, vier Jahre später, im Herbst 1937, empfing der General den früheren Redakteur der in Moskau herausgegebenen jüdischen Zeitung Wahrheit Leopold Trepper in seinem Büro. Der damals 33jährige polnische Jude gehörte seit Mitte der 20er Jahre der kommunistischen Bewegung an; nach mehrjährigen Aufenthalten in Palästina und Frankreich studierte er von 1932 bis 1935 an der Moskauer Marchlewski-Universität für die Völker des Westens. Ende 1936 hatte er sich zur Mitarbeit im sowjetischen Geheimdienst bereit erklärt. So gab es für ihn im Spätsommer 1937 kein Zögern, als der GRU-Chef ihn bat, in Westeuropa eine illegale Aktionsbasis aufzubauen, um für den seitens Hitlerdeutschlands drohenden Krieg gewappnet zu sein.

Bersin und Trepper einigten sich auf die Grundzüge einer solchen Organisation, deren Hauptziel es sein sollte, der Direktion des militärischen Geheimdienstes in Moskau rechtzeitig Informationen über alles zu liefern, was die Nazis planten. Vorderhand galt es, Basen für die nachrichtendienstliche Arbeit anzulegen und deren Zusammenspiel, Tarnung wie Finanzierung zu sichern und »Beziehungen zu wichtigen Schaltstellen im deutschen Oberkommando bzw. in politischen und wirtschaftlichen Führungskreisen« (Trepper) herzustellen. Gedacht war dabei in erster Linie an die Einrichtung einer kommerziellen Import-Export-Firma mit Hauptsitz in Belgien und Filialen in mehreren Ländern, die neben der gebotenen Tarnung zugleich den Lebensunterhalt der Mitarbeiter gewährleisten sollte.

1938 war es schließlich soweit. Trepper reiste über Leningrad und Stockholm nach Belgien. In Brüssel sondierte er als aus Kanada zugereister Kaufmann Adam Mikler zunächst das Terrain, wobei er seinen langjährigen Freund und Genossen Leon Großvogel, den er in Palästina kennengelernt hatte, wiedertraf. Großvogel, der seit 1928 in Belgien lebte, war inzwischen kaufmännischer Direktor des auf die Herstellung von Regenmänteln spezialisierten Familienunternehmens »Au Roi du Caoutchouc«. Zu deren internationalem Vertrieb gründeten beide im Herbst 1938 die rechtsgültig eingetragene Import-Export-Firma »The Foreign Excellent Trench-Coat«, zu deren Direktor der Geschäftsmann und Konsul Jules Jaspar, ein Bruder des früheren belgischen Ministerpräsidenten, berufen wurde. Gestützt auf dessen Verbindungen entstanden rasch Zweigniederlassungen in den skandinavischen Ländern; zu Firmen in Italien, Frankreich, den Niederlanden und selbst Deutschland sowie Japan wurden Geschäftsbeziehungen geknüpft. Während Großvogel wie sein Teilhaber »Mikler« und auch der Buchhalter Nazarin Drailly wußten, daß die erzielten Gewinne auch zur Finanzierung antifaschistischer Arbeit dienten, hatten die Geschäftspartner zumeist keine Ahnung von den eigentlichen Zielen des Stammhauses.

Im Frühjahr 1939 schickte die Zentrale in Moskau zur Verstärkung des Teams den mit einem uruguayischen Paß auf den Namen Carlos Alamo versehenen Sowjetoffizier Michail Makarow, der in Spanien in der republikanischen Luftwaffe gekämpft hatte und nun die Leitung einer Filiale in Ostende übernahm. Wenige Monate später folgte mit dem »Uruguayer« Vincent Sierra ein weiterer sowjetischer Spanienkämpfer; Viktor Sukulow, der eigentlich Anatoli Gurewitsch hieß, sollte unter dem Decknamen »Kent« eine weitere Zweigstelle übernehmen.

Das Scheitern der Verhandlungen zwischen der UdSSR, Großbritannien und Frankreich über die Bildung eines antifaschistischen Dreierbundes und der daraufhin erfolgende Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes im August 1939 sowie der Einmarsch der Wehrmacht in Polen erschwerten naturgemäß die Arbeitsbedingungen der Gruppe um Leopold Trepper. Der »Grand Chef« selbst wurde sogar aufgefordert, umgehend nach Moskau zurückzukehren, ignorierte jedoch entsprechende Weisungen kategorisch. Das geschah in der festen Überzeugung, daß der Krieg zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion unausweichlich kommen würde.

Diese Sorge trieb auch in Deutschland selbst verschiedene Widerstandsgruppen um. Diese waren nach 1933 bis auf wenige Ausnahmen unabhängig vom sowjetischen Nachrichtendienst entstanden. Zu diesen Ausnahmen gehörte eine schon seit Ende der 20er Jahre aktive kleine Kundschaftergruppe um die KPD-Mitglieder Rudolf Herrnstadt, Kurt Schulze und Ilse Stöbe. Herrnstadt und Stöbe waren als Auslandskorrespondenten für deutsche Zeitungen in Warschau tätig; Schulze brachte als Funktelegrafist bzw. Fliegerfunker in der kaiserlichen Marine die erforderlichen Voraussetzungen mit. Während Herrnstadt später nach Moskau ging und dort zunächst im Generalstab der Roten Armee arbeitete, wurde Ilse Stöbe – Deckname »Alta« – auf den in der deutschen Botschaft in Warschau tätigen Gesandtschaftsrat Rudolf von Scheliha angesetzt. Der Aristokrat und erklärte Hitler-Gegner war »unter falscher Flagge« als Informant gewonnen worden und hielt die Verbindung zu Stöbe auch nach 1939 aufrecht, als er im Berliner Außenamt zum Legationsrat avanciert war und der jungen Frau eine Anstellung in der dortigen Informationsabteilung ermöglicht hatte. Schulze arbeitete in der Folge zugleich für die Schulze-Boysen/Harnack-Organisation.

Der deutsche Zweig

Was diese Organisation, also den deutschen Teil der »Roten Kapelle«, betraf, so kann von ihr genaugenommen erst ab 1938/1939 gesprochen werden, als sich verschiedene Freundeskreise um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack sowie weitere Gruppen zusammengetan hatten. Da war der 1909 in Kiel geborene Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen, der schon vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler zu dessen Gegnern gezählt und mit den Nazis wenigstens eine Rechnung zu begleichen hatte. Gemeinsam mit dem kommunistischen Bildhauer Kurt Schumacher, dessen Werke die Nazis zu den »entarteten« zählten, und dem KPD-Zeitungsredakteur Walter Küchenmeister sowie weiteren Gesinnungsgenossen hatte er früh den Faschisten den Kampf angesagt. Zu seinen ersten Mitstreitern zählten u.a. der Journalist und Schriftsteller Günther Weisenborn und schließlich auch seine Ehefrau Libertas. Als Journalistin hatte sie zuletzt in der dem Goebbels-Ministerium unterstehenden Kulturfilmzentrale gearbeitet und ihr daraus resultierendes Wissen in die Widerstandsarbeit eingebracht. Der von Luftwaffenchef Hermann Göring protegierte Schulze-Boysen nutzte seine Stellung in der Nachrichtenabteilung des Luftwaffenstabes dazu, dort erhaltene Informationen an die UdSSR-Botschaft in Berlin weiterzugeben. Spätestens 1938 waren auch Erika von Brockdorff, die wie die Kunstgewerblerin Elisabeth Schumacher in der Reichsstelle für Arbeitsschutz arbeitete, die Kommunisten Walter Husemann und John Graudenz, ein Journalist, der zu einer KPD-Abspaltung gehört hatte und nun als selbständiger Handelsvertreter über Kontakte zu diversen Rüstungsbetrieben verfügte, sowie die Tänzerin Oda Schottmüller zum Kreis um Schulze-Boysen gestoßen.

Der Rechtswissenschaftler Dr. Arvid Harnack war einer der Mitbegründer der Arplan, einer Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft, mit der er 1932 an einer mehrwöchigen Studienfahrt in die UdSSR teilnahm. Zu seinen engsten Vertrauten gehörten der linksintellektuelle Schriftsteller Adam Kuckhoff sowie dessen Frau Greta und ab 1936 auch der wie Harnacks Frau Mildred in den USA geborene John Sieg, der bis 1933 Redakteur der KPD-Zeitung Die Rote Fahne gewesen war. Seit 1935 soll Arvid Harnack – inzwischen als Regierungsrat im Reichswirtschaftsministerium tätig – engere Kontakte zur Sowjetbotschaft unterhalten haben. Dabei informierte er mehr oder weniger regelmäßig über die langfristige Vorbereitung des faschistischen Eroberungskrieges auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet wie über zunehmend erkennbare antisowjetische Tendenzen.

1938/1939 vermittelte Kuckhoff schließlich die Bekanntschaft zwischen Harnack und Schulze-Boysen. Über Querverbindungen gab es Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen. Dazu gehörte u.a. ein Kreis ehemaliger Jungkommunisten um Hans Coppi, die sich von der alternativ-linken Schulfarm Scharfenberg her kannten. Hinzu kamen Kontakte zu verschiedenen Ministerien, Behörden und Stäben der Wehrmacht, in denen Quellen saßen, die eher unfreiwillig Informationen lieferten.

Umzug nach Paris

Nach dem Beginn des Westfeldzuges der Wehrmacht am 10. Mai 1940 spitzte sich die Lage in Belgien auch für Trepper und seine Getreuen dramatisch zu. Sie tauchten in die Illegalität ab. So wurde aus Trepper nun der belgische Industrielle Jean Gilbert und aus Leo Großvogel der Kaufmann Henri Piper. Erste Berichte über die faschistischen Blitzkriegserfolge wurden mangels eines intakten Funkgerätes wie bisher über den sowjetischen Handelsattaché an die Zentrale übermittelt. Nach der inzwischen erfolgten Besetzung der französischen Hauptstadt begaben sich auch Leopold Trepper und seine engsten Mitarbeiter nach Paris; hier sollte das neue Hauptquartier eingerichtet werden. Gemeinsam mit Hillel Katz, einem jüdischen Freund, sowie dem belgischen Interbrigadisten Isidor (e) Springer wurden bald darauf weitere Handelsunternehmungen aus der Taufe gehoben: in Brüssel die Firma »Simexco«, die von »Kent« geleitet wurde, und in Paris die »Simex« mit dem Geschäftsmann Alfred Corbin, einem Bekannten von Katz, an der Spitze.

Die Pariser Firma bezog am 13. Januar 1941 ihre Büroräume an den Champs Élysées unmittelbar gegenüber dem Sitz der Organisation Todt, die für alle Bau- und Befestigungsarbeiten der Wehrmacht zuständig war und zum wichtigsten Geschäftspartner der »Simex« wurde. Ein weiteres Büro in Marseille, geleitet von Jaspar und Großvogel, folgte im Herbst 1941. Darüber hinaus gelang es Treppers Leuten, auch offizielle deutsche Dienststellen zu infiltrieren, nicht zuletzt die Botschaft des Deutschen Reiches, das Generalkonsulat und den Stab des Militärbefehlshabers in der französischen Hauptstadt. Im Pariser Hotel »Lutetia«, wo die deutsche Abwehr ihren Sitz hatte, wurde eine Abhöranlage installiert. Zudem erhielten führende Mitarbeiter von »Simex« und »Simexco« dank ihrer Geschäftsbeziehungen zur Organisation Todt Ausweise bzw. Passierscheine, die ihnen viele Türen öffnen sollten. Hinzu kamen die über die Französische KP laufenden Verbindungen, die Aufschluß gaben etwa über Produktionszahlen, über Truppenverschiebungen innerhalb Frankreichs oder den Arbeitskräftebedarf der deutschen Industrie, der sich an der Rekrutierung von »Fremdarbeitern« aus Frankreich ablesen ließ.

Noch im Oktober 1940 teilte Trepper der Moskauer Zentrale in einem Funkspruch mit, daß Deutschland seine unmittelbaren Pläne zur Invasion Großbritanniens auf unbestimmte Zeit verschoben und die dafür vorgesehenen Truppen nach Polen verlegt hat. Zwei Monate später unterzeichnete Hitler die Weisung Nr. 21, den streng geheimen Plan für die »Operation Barbarossa«, den Feldzug gegen die Sowjetunion. Eine Abschrift dieser Weisung wurde dem Nachrichtendienst der Roten Armee durch den seit Jahren in Tokio tätigen Richard Sorge übermittelt. Immer präzisere Angaben über den drohenden Überfall erhielt Moskau in den folgenden Monaten von Trepper wie von Sorge und aus Berlin. Daß im Kreml all diese Warnungen ignoriert und vielmehr als Falschmeldungen aus britischen oder deutschen Quellen abgetan wurden, soll hier nicht verschwiegen werden.

Funkkonzert für den »Direktor«

Seit Juni 1941 hat sich die Anzahl der Funksprüche zwischen den Sendern in Westeuropa und der Zentrale in Moskau schlagartig erhöht. In Berlin sollen wie in Belgien und den Niederlanden jeweils drei Sendestationen in Betrieb gewesen sein. Hinzu kamen einige Funker in der Schweiz. Damit wuchs zugleich die Gefahr, daß die deutsche Funkabwehr dem Treiben der »Pianisten« nicht tatenlos zusehen und ihnen früher oder später auf die Spur kommen würde. Es dauerte allerdings noch etliche Monate, ehe es den Nazis dank inzwischen verbesserter Funkpeiltechnik gelang, eine aus Brüssel sendende Station zu lokalisieren. Bis dahin war es den Funkern der Roten Kapelle gelungen, aus den unterschiedlichsten Bereichen wichtige, zum Teil hochsensible und streng geheime Informationen an den »Direktor« – so das Synonym der Zentrale – zu übermitteln. Sie betrafen sowohl Details aus der Kriegsindustrie bzw. Rüstungsproduktion, aber auch Nachrichten über die strategischen Absichten des Gegners, die Anzahl seiner Divisionen sowie erkennbare Aufmarschpläne wurden nach Moskau gemeldet. Von besonderer Bedeutung für den Ausgang der Schlacht um Moskau am Jahresende 1941 erwies sich die Mitteilung von Richard Sorge, daß Japan in absehbarer Zeit nicht beabsichtigt, im Fernen Osten in den Krieg gegen die UdSSR einzugreifen.

Am 13. Dezember 1941 konnte die deutsche Funkabwehr indes einen ersten Fahndungserfolg vermelden. Nachdem es ihr gelungen war, den aus Brüssel funkenden Sender zu orten, wurden ihre Spezialisten in der dortigen Rue der Atrébates fündig. Bei einer nächtlichen Razzia im Haus Nr. 101 nahmen sie den Funker David Kamy, einen in der Untergrundarbeit erfahrenen staatenlosen Juden, die für das Chiffrieren verantwortliche Polin Sophie Posnanska und die Hausangestellte Rita Arnould fest. Wenig später fiel ihnen auch Makarow in die Hände. Auch wenn die Deutschen neben dem Sender nur noch ein halbverkohltes Stück Papier gefunden, aber das zum Chiffrieren verwendete Buch übersehen hatten, so wurde die in Belgien verbliebene Kundschaftergruppe umgehend auf Tauchstation geschickt. Einige wurden nach Frankreich beordert.

Eine verhängnisvolle Depesche

Ende Januar 1942 – die Überwachung der Rue de Atrébates war inzwischen eingestellt – ließ Trepper die dort verbliebenen Bücher, darunter auch das zum Codieren benutzte Werk »Das Geheimnis des Professor Wolmar«, abtransportieren. Es war ein höchst seltenes, nur in einer geringen Auflage veröffentlichtes Buch, dessen Existenz Rita Arnould erst nach mehreren Verhören zugab. So wurde erst im Mai 1942 eines dieser Exemplare in einem Pariser Antiquariat von den Deutschen ausfindig gemacht; damit konnten die seit Juni 1941 rund 120 nach diesem Buch codierten Funksprüche entschlüsselt werden. Dazu gehörte auch jener verhängnisvolle Text, den »Direktor« am 10. Oktober 1941 an »Kent« übermitteln ließ und der Abwehr bzw. Gestapo auf die Spur der Berliner Organisation führen sollte. Immerhin waren dadurch die Adressen von Schulze-Boysen, Harnack und Kuckhoff sowie Stöbe und Schulze, auch wenn diese nicht namentlich genannt waren, enttarnt worden und seit dem 14. Juli 1942 den Verfolgern bekannt. Ab Ende August schlug die Gestapo erbarmungslos zu.

In der Zwischenzeit war das französische »Kapelle«-Netz weiter ausgebaut worden und hatte endlich auch eigene leistungsfähige Funkstationen erhalten. Über die Verbindungen zur Französischen KP konnte dafür der aus Marseille stammende Fernand Pauriol gewonnen werden. Der Südfranzose war einige Jahre als Funker zur See gefahren und hatte sich später im journalistischen Metier versucht. Zudem wurde Trepper das polnisch-jüdische Ehepaar Mira und Hersch Sokol vermittelt, das von Pauriol in Rekordzeit zu Funkern ausgebildet wurde. Schließlich stellte auch der langjährige Komintern-Mitarbeiter Henri Robinson, dessen vorübergehende Lebensgefährtin Klara Schabbel zur Schulze-Boysen/Harnack-Organisation gehörte, sein Wissen in den Dienst der »Kapelle«. Als äußerst hilfreich erwies sich zudem die Bekanntschaft mit Johann Wenzel, einem weiteren erfahrenen Funktionär der kommunistischen Bewegung, der seit 1936 in Belgien lebte und sich dort als sachkundiger Funkspezialist erwiesen hatte. Daß die Zentrale einem so ausgewiesenen Fachmann im Frühjahr 1942 mit dem Sowjethauptmann Konstantin Jefremow einen blutigen Anfänger in Sachen Nachrichtendienst vor die Nase setzte, sollte sich bald bitter rächen. Jefremow, der seit 1939 als »finnischer Student« in Belgien lebte, war bereits im Juli 1942 aufgeflogen und hatte seine Kontakte der Gestapo preisgegeben, darunter auch den Namen von Anton Winterink, dem Chef der in den Niederlande wirkenden Gruppe. Dort entgingen den Deutschen zwar neun Mitglieder des Netzes und zwei Sender; allerdings gingen auch erste Auskünfte über »Simex« und »Simexco« auf Jefremows Konto. Das hatte fortan eine diskrete Überwachung der beiden Tarnfirmen und ihrer Mitarbeiter durch die Gestapo zur Folge.

»Funkspiel« mit Folgen

Dennoch gingen die verbliebenen Funkstationen unverdrossen weiter auf Sendung, obwohl die Gefahr, entdeckt zu werden, wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebte. Auch Rückschläge wie die Verhaftung der Familie Sokol im Juni 1942 in der Nähe von Paris änderten daran zunächst nichts. Erst im Spätherbst konnten die Faschisten – nach ihrem Einmarsch in die bis dahin unbesetzte Zone im Süden Frankreichs – in Marseille und Lyon weitere Funkstellen ausheben und dabei auch Gurewitsch und Isidor (e) Springer verhaften. Während Springer fünf Tage nach seiner Festnahme im Gefängnis von Fresnes bei Paris Selbstmord verübte, ließ sich »Kent« mit der Gestapo auf ein zur Täuschung des Gegners angelegtes »Funkspiel« ein, in deren Verlauf der Sowjetoffizier die Zentrale in Moskau jedoch mehrfach warnen konnte. Am 19. November 1942 drang das inzwischen gebildete Sonderkommando der Gestapo in die Firma »Simex« in Paris ein und verhaftete die dort anwesenden Hauptverantwortlichen um Alfred Corbin. Leopold Trepper, der »Grand Chef«, geriet fünf Tage später in deren Gewalt. Leo Großvogel ereilte dasselbe Schicksal am 16. Dezember in Brüssel.

Doch damit war noch lange nicht das Ende des Funkkonzerts der »Roten Kapelle« eingeläutet. Rund 30 der von der Gestapo gesuchten Personen entgingen der Verhaftung. In Frankreich selbst konnte u.a. Fernand Pauriol seine Tätigkeit noch bis August 1943 fortsetzen. Und auch den in Genf um den ungarischen Kommunisten Sandor Rado gruppierten Funkern der »Roten Kapelle« wurde erst gegen Ende des Jahres 1943 von den gelegentlich mit Hitlerdeutschland sympathisierenden Schweizer Behörden eine Fortsetzung ihrer Tätigkeit unmöglich gemacht.

Während Großvogel im Mai 1944 zum Tode verurteilt und ermordet worden war, ließ sich neben Gurewitsch auch Trepper auf das von der Wehrmacht und der Gestapo eingeleitete »Funkspiel« ein – bis zu seiner gelungenen Flucht aus der Haft im September 1943. Für dieses Spiel kamen beide allerdings nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion erneut auf einige Jahre in Gewahrsam, diesmal des KGB. Erst Mitte der 50er Jahre wurden sie amnestiert bzw. rehabilitiert.

Neben dem beklagenswerten Tod von insgesamt rund 140 seiner Kameraden resümierte Trepper, daß die deutsche Funkabwehr von den etwa 1500 Funksprüchen, die allein zwischen Mai 1940 und November 1942 aus Westeuropa nach Moskau abgesetzt wurden, nur maximal 250 entschlüsseln konnte. Bis Juni 1941 war das in keinem einzigen Fall gelungen. Und auch die meisten militärischen Informationen der Berliner Gruppe, die über Schweden, Holland, die Schweiz und Frankreich nach Moskau gelangten, wurden von den Nazis nicht aufgedeckt.

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Im Minutentakt

Vor 70 Jahren wurde die Gruppe um Schulze-Boysen hingerichtet

Peter Rau

In den Abendstunden des 22. Dezember 1942 wurden im Hinrichtungsschuppen der Strafanstalt in Berlin-Plötzensee elf Menschen hingerichtet. Die Todesurteile waren erst wenige Tage alt. In einem ersten Verfahren hatte das Reichskriegsgericht, der höchste deutsche Militärgerichtshof, unter der Federführung von Oberstkriegsgerichtsrat Manfred Roeder am 14. Dezember gegen die 31jährige Ilse Stöbe, den 45jährigen Rudolf von Scheliha und den 49 Jahre alten Funkspezialisten Kurt Schulze wegen Landesverrat bzw. Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung und Spionage zum Tode verurteilt. Zwischen dem 15. und 19. Dezember folgten gleichlautende Urteile gegen acht führende Mitglieder der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack, die von der Gestapo »Rote Kapelle« genannt und die dem sowjetischen Kundschafternetz zugeordnet wurde (vergleiche jW-Thema-Seiten vom 21. Dezember).

Der Luftwaffenoffizier Schulze Boysen war 33 Jahre alt und der Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Harnack 41. Mit ihnen wurden Schulze-Boysens Ehefrau Libertas, der Bildhauer Kurt Schumacher, der Funker Hans Coppi, der Journalist Johannes Graudenz und der Student und Soldat Horst Heilmann verurteilt. »Die letzten Argumente / sind Strang und Fallbeil nicht, / und uns’re heut’gen Richter / sind nicht das Weltgericht« hatte Heilmann bereits vor der Gerichtsverhandlung in der Gestapohaft, gedichtet.

Die Szenerie in der Hinrichtungsstätte von Plötzensee hatte an jenem Vorweihnachtsabend des Jahres 1942 etwas Gespenstisches. Innerhalb weniger Tage waren in dem etwa acht mal zehn Meter messenden ebenerdigen Schuppen extra entsprechende Umbauten vorgenommen worden. Wie es aus dem Justizministerium hieß, sollte dort eine »gleichzeitige Erhängungsmöglichkeit für acht Personen« eingerichtet werden. Die martialisch anmutenden Fleischerhaken waren durch eine schwarze Papierwand jeweils voneinander getrennt, um die Delinquenten zu isolieren. Ein ebenfalls schwarzer Vorhang schirmte diese Kabinen vom Rest der Halle ab, in deren Zentrum die Guillotine stand.

Dieses bereits aus früheren Jahrhunderten berüchtigte Fallbeil war das in Plötzensee seit vielen Jahren gängige Mordinstrument, mit dem während der Nazidiktatur weit mehr als 2500 Menschen umgebracht wurden.

Die Delinquenten waren erst wenige Stunden zuvor aus der Gestapo-Zentrale, aus Spandau oder anderen Haftanstalten nach Plötzensee überführt und dort in die eigens hergerichteten Todeszellen im Erdgeschoß des Gefängniskomplexes III gebracht worden. Um 19 Uhr wurde als erster der Legationsrat I. Klasse im Auswärtigen Amt, Rudolf von Scheliha, zum Galgen geführt. Im Abstand von jeweils etwa fünf Minuten folgten ihm Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack, Kurt Schumacher und Johannes Graudenz – mit 58 Jahren der Älteste der Todeskandidaten. Um 20.18 Uhr starb der erst 19jährige Horst Heilmann, drei Minuten später rollten die Köpfe des 26jährigen Funkers Hans Coppi, von Kurt Schulze, Libertas Schulze-Boysen, Ilse Stöbe und Elisabeth Schumacher. Das Leben der drei mitangeklagten Herbert Gollnow, Erika von Brockdorff und Mildred Harnack endete in den ersten Monaten des folgenden Jahres.

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