19. Mai 2012

Ein nobler General

Zentrale Figur der französischen Schreckensherrschaft: General Raoul Salan (1899–1984) – Quelle: Wikipedia Frankreich

Mit Terror und Putschplänen gegen die Befreiung Algeriens vom Kolonialismus: Vor 50 Jahren stand Raoul Salan vor dem Hohen Militärgericht in Paris

Gerd Schumann

In Algerien stand die finale große Schlacht um Frankreichs Kolonialsystem vor der Entscheidung – die alten Herren merkten es besorgt. Sie hatten im Krieg um das nordafrikanische Land (1954–1962) alle militärischen Register inklusive der massenhaft angewandten Folter gezogen – vergeblich. Die Befreiungsbewegung FLN (Front de Libération Nationale) war nicht kleinzukriegen, blieb verankert im Volk trotz alledem. Und jetzt wankte in Paris auch noch die politische Führung de la patrie, des Vaterlands, bedenklich. Kurzum: An diesem 20. Januar 1961, einem Freitag, trafen sich vier in den Ruhestand versetzte Generäle in der spanischen Hauptstadt, um sich dem Lauf der Geschichte entgegenzustellen. Welcher Ort konnte dafür geeigneter sein als das Madrid des Caudillo ­Franco?

1961 war allerdings nicht 1936. Mit Frankreichs Präsidenten Charles de Gaulle stand Maurice Challe, Edmond Jouhaud, Raoul Salan und André Zeller ein Mann ihres Schlages gegenüber – konservativ-katholische Wurzeln, geprägt vom Militär. Aus ihrer Sicht hatte der sich vom Saulus zum Paulus gewandelt und »Algérie française«, das französische Algerien, als Kolonie in Frage gestellt, vorgeblich, um nicht jeden Einfluß in Algier und im Kolonialreich insgesamt zu verlieren. »Angesichts der gegenwärtigen Weltlage hat Frankreich kein Interesse daran, Algerien unter seinem Gesetz und seiner Abhängigkeit zu halten, wenn dieses Land einen anderen Weg wählt«, erklärte der Präsident schließlich am 11. April 1961 – das Signal für die Generäle zum Coup d’État.

Ihre in Madrid gegründete Organisation Armée Sécrète (»Organisation Geheimarmee« oder »Bewaffnete geheime Organisation«; OAS) stand bereit, und mit ihr eine der fürchterlichsten Terrorgruppen in der an Massakern nicht armen französischen Geschichte. Eine Geheimarmee mit engen Beziehungen zur Armee, zu Politik und zu reaktionärsten Teilen des Kapitals. Das OAS-Motto »L’Algérie est française et le restera« (Algerien ist französisch und wird es bleiben) war nicht neu. Paris und seine Maghreb-Truppen – ein Millionenheer seinerzeit, die größte Streitmacht Westeuropas – hatten es in der nordafrikanischen »Siedlungskolonie«, seit 1848 offiziell Teil Frankreichs, immer wieder durchgesetzt, ab 1956 mit Raoul Salan als Oberkommandierenden – einem erprobten Haudegen.

»Chef der OAS«

»Ich wollte Kolonialoffizier werden, ich wurde es«, erklärte General Salan vor dem Hohen Militärgericht in Paris, vor dem ab dem 15. Mai 1962 das Verfahren gegen ihn lief. Er sei »Chef der OAS« und habe sich immer, so Salan, für das »imperiale Vaterland« im Namen seiner Vorgänger in Indochina und Nordafrika geschlagen, manche Spuren an seinem Körper zeugten davon, prahlte er. Tatsächlich erzählt Salans Biographie wie kaum eine zweite vom Niedergang des von Anbeginn auf Rassismus, Ausbeutung und nackte Gewalt gebauten Kolonialreichs Frankreich. Geboren 1899, gestorben 1984, umfaßt seine Lebenszeit zunächst die innerimperialistischen Machtkämpfe um Kolonialbesitz im Ersten Weltkrieg – Salan meldete sich 1917 als Freiwilliger –, danach die Schlachten um französischen Einfluß im Libanon, in Abessinien, Südostasien, wo der »Mann mit dem Römerkopf« (Die Zeit) den Beinamen »Le mandarin« erhielt.

Indochina wird nach dem Zweiten Weltkrieg zur entscheidenden Station des weltweiten Entkolonisierungsprozesses. Salan, 1951 zum zwischenzeitlichen »Kommissar« Nordvietnams aufgestiegen, fungiert dort bis 1953 als Chef der Besatzungstruppen. 1954, zurückgerufen nach Frankreich, verpaßt er die kriegsentscheidende Niederlage Frankreichs bei Dien Bien Phu. Die Legionäre vernichtend geschlagen, die Volksbefreiungsbewegung Viet Minh unter Ho Chi Minh und Vo Nguyen Giap als Siegerin – ja, letztlich der Geschichte.

Salan verfolgt seine Mission nun in Nordafrika, erlebt, wie sein Sohn fällt und gehört jetzt erst recht zu den Säulen einer Schreckensherrschaft. Deren Methoden werden heute in Frankreich nach Jahrzehnten der Verdrängung, des verordneten Vergessens, der Verbote in Kultur und Bildung immerhin öffentlich debattiert, zaghaft manchmal, aber doch hoch emotional – Algerien und Vichy »gehören in dieselbe Kategorie nationaler Traumata«, so der Historiker Pierre Nora. Systematische Folter ab 1957, abgeschnittene Genitalien in Mündern, mit Araberaugen Murmeln spielende Soldaten, »Prügel, Vergewaltigung, Badewannenfolter, Massenexekutionen und der Einsatz des Stromgenerators sind geläufig« (Arte), Zensur, weit über 200000 Harkis, wie die gedungenen algerischen Hilfstruppen und Kollaborateure genannt werden, mißbraucht gegen die FLN unter Ahmed Ben Bella.

Zeit der Putsche

General Raoul Salan hatte bereits den Ultra-Aufstand von Algier am 13. Mai 1958 gestützt, der das Ende der IV. Republik in Paris besiegelte. De Gaulle wurde nach einem Appell Salans im Juni als Premier eines Notstandskabinetts in Paris eingesetzt, enttäuschte allerdings zusehends die Erwartungen besonders der – wohl wegen ihrer schwarzen Schuhe – Pieds-noirs (Schwarzfüße) genannten Algerienfranzosen. Inzwischen Präsident (1959–1969) regte er im September 1959 ein erstes, eingeschränktes Waffenstillstandsabkommen mit freien Wahlen »innerhalb von vier Jahren« an, um den in jeder Beziehung verheerenden Krieg zu beenden – und geriet nunmehr selbst unter Druck der äußersten Reaktion Frankreichs und Algeriens.

Wie schon im Mai 1958 unter Führung des französisch-algerischen Parlamentsabgeordneten Pierre Lagaillarde, ein Rechtsanwalt und ehemaliger Fallschirmjäger, folgte der Aufstand diesmal gegen das »Régime de Gaulle«, so der Spiegel damals (45/1960). »Wie kein zweites Ereignis« hätte der »Barrikaden-Putsch« vom Januar 1960 in Algier den »gaullistischen Staat« erschüttert. Die »Rechtsextremisten« scheiterten, weil der Armeeführung – Salan war schon im Dezember 1958 abgelöst worden – bewußt gewesen sei, »daß zumindest das französische Mutterland, müde der algerischen Wirren, hinter de Gaulle steht«.

Auch der von der OAS mitgetragene Putsch vom 22. März 1961, vorgetragen mit mehreren Militäreinheiten, brach mangels Unterstützung breiterer Teile des Offizierkorps, wegen des Widerstands unter den Wehrpflichtigen sowie unter dem Eindruck eines Generalstreiks in Frankreich bereits nach wenigen Tagen zusammen.

Es folgte eine Zeit des massenhaften Terrors. Salan dirigierte aus dem Untergrund »eine regelrechte Orgie von willkürlichen und mörderischen Attentaten«, so ein Augenzeuge. Die Zahl der Menschen, die 1961 und 1962 vor allem in Algerien, in den europäischen Vierteln der großen Städte, aber ab dem Herbst 1961 auch in Frankreich bei Attentaten, Spengstoffanschlägen, Morden auf offener Straße, Überfällen starben, ging in die Tausende – von 12000 ist die Rede.

Am Karfreitag 1962 wurde Salan festgenommen und vor nun 50 Jahren, am 23. Mai 1962, zu lebenslanger Haft verurteilt. Diese dauerte dann sechs Jahre. 1968 fiel Salan, wie die anderen Generäle und Lagaillarde, unter eine von de Gaulle erlassene Generalamnestie, erhielt Titel und Pensionsansprüche zurück.

Algerien erklärte sich am 5. Juli 1962 für unabhängig. Die übrigen französischen Kolonien in Nord- und Westafrika waren schon vorher überwiegend friedlich – Ausnahme Guinea – aus ihrem Kolonialstatus entlassen worden. Dort blieben Fremdenlegion wie Armee und Franc bis heute präsent.

Algerienkrieg und OAS-Terror – 50 Jahre danach. Augenzeugen im O-Ton

»Als Präsident de Gaulle die Suche nach einer politischen Lösung bekanntgibt, eröffnet er im Mai 61, nachdem der Putsch der Generäle im April 61 gescheitert war, die Verhandlungen von Evian. Daraufhin stellen sich die Franzosen Algeriens und ein Großteil der Armee gegen seine Politik. In dem Moment erscheint die OAS, die Anfang 61 in Madrid gegründet worden war, die am Putsch teilgenommen hat und die vor allem durch Sprengstoffattentate in Algerien und Frankreich nach dem Scheitern des Putsches von sich reden macht.

Die ersten Attentate der OAS sind gegen Personen gerichtet, die der Unabhängigkeit Algeriens vermeintlich positiv gegenüberstehen. – ob es sich nun um Algerier handelt, die der FLN angehören, oder dem Netz zur Beschaffung von Mitteln für die FLN, oder um Europäer. Es artet in blinden Terror aus.«

Gilles Manceron, Historiker

»Es zeigt mir die Versessenheit dieser Organisation, mit der sie die Politik der verbrannten Erde betreibt. Ihr wollt die Unabhängigkeit? Ihr wollt Algerien zurückhaben? Ihr werdet schon sehen, was wir euch zurücklassen!«

Michel Sabourdy, stationiert in Algerien 1960–1962

zitiert nach Arte, Algerienkrieg – 50 Jahre danach, 8.3.2012

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/05-19/009.php