14. April 2012

Ein Schreckgespenst?

Mit nüchtern kalkulierender Staatsvernunft: Die Vertreter der russischen Delegation Adolf Abramowitsch Joffe, Außenminister Grigori Tschitscherin und Leonid Krassin mit Reichskanzler Joseph Wirth (v.r.n.l.) in Rapallo - Quelle: Bernhard Hosner, Deutsches Bundesarchiv, Bild 183 - R 1 4 4 3 3

Geschichte. Vor 90 Jahren: Am 16. April 1922 schließen Deutschland und Sowjetrußland den Rapallo-Vertrag

Manfred Weißbecker

In den unruhevollen frühen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, in denen sich die Ereignisse überstürzten und tiefgreifende Wandlungen stattfanden, wirbelte eine Nachricht weltweit besonders viel politischen Staub auf. Sie kam vor nunmehr 90 Jahren aus dem kleinen Badeort Rapallo an der Riviera di Levante, etwa 33 Kilometer südöstlich der italienischen Hafenstadt Genua gelegen. Und in der Tat – es glich einer unglaublichen Sensation, was da vermeldet wurde: Am Ostersonntag hatten dort am späten Nachmittag Vertreter des Deutschen Reiches und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik einen Vertrag unterzeichnet, Frieden geschlossen und Beziehungen vereinbart, die eigentlich einen völlig normalen Stand diplomatischer Beziehungen zwischen zwei Staaten darstellten. Dennoch hatte kaum jemand damit gerechnet, ja viele wollten damit auch nicht rechnen. Denn: Ein Bündnis mit den Bolschewisten? Unmöglich! Ein Pakt mit dem Teufel? Einfach verderblich! Keine Angst mehr vor dem »russischen Bären«? Sehr, sehr bedenklich! Ein Vertrag, von Juden abgeschlossen? Abenteuerlich, dem deutschen Blut zuwider!

Worin bestand so Grauenvolles? In sechs knapp gefaßten Artikeln vereinbarten Deutschland und Rußland die Beendigung des Kriegszustandes und die Wiederaufnahme diplomatischer und konsularischer Beziehungen. Beide Seiten verzichteten auf Reparationsansprüche – solche hätte Rußland auf der Grundlage des Artikels 116 des Versailler Vertrages geltend machen können – sowie auf eine Erstattung der beiderseitigen Aufwendungen für Kriegsgefangene. Das Reich verzichtete auf Forderungen, die sich gegen die Nationalisierung deutschen staatlichen und privaten Eigentums in Sowjetrußland richteten, dies allerdings unter der Voraussetzung, daß der östliche Partner »auch ähnliche Ansprüche dritter Länder nicht befriedigt«. Vereinbart wurde ferner die Gewährung des Grundsatzes der Meistbegünstigung in den beiderseitigen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Bei wirtschaftlichen Bedürfnissen werde man sich »in wohlwollendem Geiste wechselseitig entgegenkommen«, wobei es einen Gedankenaustausch geben sollte, wenn es auf internationaler Ebene grundsätzliche Regelungen gäbe.

Seit völkerrechtliche Prinzipien gelten sind nach Kriegen unzählige Verträge zwischen Staaten geschlossen worden; erst in späteren Zeiten kamen Friedensverträge aus der Mode. Im Grunde entsprach der Rapallo-Vertrag Standardregelungen diplomatischer Beziehungen, auch wenn sowohl seine politische als auch seine völkerrechtliche Besonderheit zu beachten bleibt. Für seine Bewertung sind der unterschiedliche Charakter beider Vertragspartner sowie die Vorgeschichte zu berücksichtigen. Selbst der Zeitpunkt spielt eine Rolle, zu dem er abgeschlossen worden ist. Aber waren die Stürme der Entrüstung in der westlichen Welt allein dem Überraschungseffekt geschuldet? Wenn ja, dann wäre wohl die Verärgerung mehr oder weniger bald abgeklungen. Doch im Gegenteil: Seither will in der kapitalistischen Welt die zumeist krasse Verurteilung des Vertrages und der auf ihm beruhenden »Rapallo«-Politik nicht enden. Eine Vielzahl kritischer und krittelnder Argumente schwirrt umher. Zumeist sind sie von strikter Ablehnung geprägt. Das Urteil reicht von überhöhten kleinlichen Bedenken bis hin zum Vorwurf, mit ihm sei verwerflicher Verrat am Westen verübt worden. Daß der Vertrag indirekt auch antipolnische Ambitionen enthielt, bleibt allerdings oft außen vor.

Alliierte kontra Sowjetrußland

Die Siegermächte des Weltkrieges verfolgten gegenüber Sowjetrußland das von Winston Churchill formulierte Anliegen, das »Baby schon in der Wiege zu erdrosseln«, dem gesellschaftspolitisch so Neuartigen also von Anfang an keine Chance zu geben. Alles sollte getan werden, den Ausbruch eines so großen Landes aus dem kapitalistischen Weltgefüge rückgängig zu machen. Als auf militärisch-interventionistischem Wege dieses Ziel nicht erreicht werden konnte und danach auch das Konzept eines Rußland isolierenden Cordon sanitaire scheiterte, sollte ein anderer, ein wirtschaftspolitischer Weg gefunden werden. Diesem diente die für April 1922 nach Genua einberufene Konferenz, an der sich 29 europäische Staaten beteiligten, darunter auch die neutralen oder die im Kriege besiegten Länder. Offiziell ging es um die »Konsolidierung des europäischen Friedens«, um eine Heilung der »Paralyse des europäischen Systems«. Eigene Interessen und auf eigenen Vorteil bedachte Ziele in wohlklingende Worte zu gießen – dies scheint stets wesentlicher Bestandteil kapital- und profitorientierter Politik zu sein …

Der britische Premierminister Lloyd ­George sprach sogar von »Prinzipien der absoluten Gleichheit« aller Konferenzteilnehmer, allerdings nur unter der Bedingung, daß die bis dahin getroffenen Nachkriegsvereinbarungen grundsätzlich akzeptiert werden. Der französische Vertreter Louis Barthou sprach es in seiner Eröffnungsrede deutlich aus: In Genua seien die Friedensverträge – ihrem Charakter nach Friedens-»Diktate« – nicht zu erörtern, denn dies würde den Frieden »beträchtlich stören«. Lediglich zum künftigen Wirtschaftsaufbau in Europa seien »freie Auseinandersetzungen eröffnet und allen zugänglich«. Zeitungen kleideten diese Ausrichtung in die Formel »Hände weg von den Verträgen!«, sicher nicht zufällig analog zur Losung zahlreicher Arbeiterorganisationen vieler Länder »Hände weg von Sowjetrußland!«

G.W. Tschitscherin – er leitete die sowjetrussische Delegation auf der Genuaer Konferenz – hob in seiner ersten Erklärung hervor, man sei nicht gekommen, um die »eigenen theoretischen Ansichten zu propagieren, sondern um geschäftliche Beziehungen zu den Regierungen sowie zu den Industrie- und Handelskreisen aller Länder auf der Grundlage der Gegenseitigkeit, der Gleichberechtigung und der vollen und bedingungslosen Anerkennung zu knüpfen«. Parallel zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) im Inneren ging die sowjetrussische Außenpolitik von der Notwendigkeit aus, daß auch für Staaten mit unterschiedlichen sozialen Ordnungen eine Zusammenarbeit beim »allgemeinen wirtschaftlichen Aufbau« geboten ist. Zugleich forderte Tschitscherin eine allgemeine Einschränkung der Rüstung, diese noch dazu »unter der Bedingung völliger und vorbehaltloser Gegenseitigkeit«. Dies stieß weder bei den Machthabern Britanniens noch Frankreichs auf sonderliche Gegenliebe. Zwar trieb auch sie der Wunsch, Wirtschaftsbeziehungen zu Rußland aufzubauen, doch schwebte ihnen vor, dem unliebsamen Partner ungleiche Bedingungen aufzwingen zu können. Sie forderten die Rückgabe des nationalisierten Eigentums von Ausländern, eine Bezahlung der Schulden, welche die Zaren und auch die Provisorische Regierung angehäuft hatten.

Eine der vier Unterkommissionen, die für die Tagung in Genua eingerichtet wurden, sollte sich speziell mit der »russischen Frage« befassen. Pläne sollten beraten werden, die schon im Dezember 1921 bekannt geworden waren. Sie sahen vor, ein internationales Syndikat zur Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen auf russischem Boden zu schaffen. Dies verbunden mit dem Ziel, im Rahmen des beabsichtigten ökonomischen Aufbaus allmählich die kapitalistischen Verhältnisse wieder durchzusetzen. Um die Russen zu locken, verbanden es vor allem die Briten mit dem Angebot, man würde gemäß Artikel 116 des Versailler Vertrages ihr Recht auf Reparationen anerkennen. Man wolle sich also auf dem Rücken Deutschlands einigen, stellte Reichskanzler Joseph Wirth lakonisch fest. Deutschland sah sich auch von jenen Verhandlungen ausgeschlossen, die von den Westmächten am Rande der Konferenz geführt wurden.

Entscheidungen im Pyjama

Wie für Sowjetrußland sahen also die Siegermächte auch für Deutschland keine wirkliche Gleichberechtigung vor. Die deutsche Regierung ging jedoch mit dem erklärten Ziel nach Genua, so weit wie möglich die Fesseln des Versailler Vertrages zu lösen und den absoluten Besiegtenstatus aufzubrechen. Dafür wollte man sowohl die Bolschewismusfurcht der Siegermächte als auch deren unterschiedliche Interessen nutzen. Wirth – neben Ago von Maltzan, dem Leiter der Ostabteilung im Auswärtigen Amt, wohl der eifrigste Befürworter einer deutsch-russischen Annäherung – hatte bereits am 17. Januar 1922 erklärt: »Es wäre das größte Unglück, wenn Rußland in den Ring von Versailles gegen uns einbezogen würde, wie es Frankreich eifrig erstrebt.« In der Annäherung an Sowjetrußland sah man einen nützlichen Trumpf gegenüber den Westmächten zugunsten eigener Ziele. Über das Maß einer solchen rußlandfreundlichen Außenpolitik herrschten allerdings sehr unterschiedliche Meinungen, die zum Teil hart aufeinander prallten. Da stritten sich »Erfüllungspolitiker« in der Hoffnung auf ein Einlenken der Westmächte mit anderen, die ohne härtesten Druck auf diese keinen Lösungsweg kennen wollten.

Tatsächlich glich die Außenpolitik Deutschlands zu Weimarer Zeiten einem janusköpfigen Hin und Her. Selbst unmittelbar vor der Abreise der deutschen Delegation nach Genua war ungeklärt geblieben, welche Taktik eingeschlagen werden sollte. Als kurz zuvor die sowjetische Delegation auf ihrem Weg nach Genua einen Zwischenaufenthalt in Berlin einlegte und konkrete Vorschläge für ein Abkommen unterbreitete, war sie recht kühl behandelt worden. Sieben Tage nach Beginn der Konferenz von Genua fielen die Entscheidungen sehr rasch. Als die deutsche Delegation am Abend des Karfreitages erfuhr, eine Abmachung zwischen den Westmächten und Rußland stünde unmittelbar bevor, beauftragte Reichsaußenminister Walther Rathenau Maltzan, mit den Russen »die in Berlin unterbrochenen Besprechungen wieder aufzunehmen«. Mitten in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag meldete sich die sowjetrussische Delegation und lud für den Sonntag zu Verhandlungen in Rapallo ein. Dem folgten hektische Gespräche unter den deutschen Delegierten, rasch aus den Betten geholt und nur mit ihrem Pyjama bekleidet. Im Prinzip entschieden sie nach dem Motto, lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. In den Mittagsstunden des Ostersonntags trafen sie im »Hotel Imperiale«, dem Aufenthaltsort ihrer Partner, ein. Wenige Stunden später war der Vertrag unterzeichnet, mit einem Text, der mit den bereits in Berlin vorgelegten russischen Papieren nahezu übereinstimmte.

Beide Partner hatten va banque gespielt und sich als isolierte Parias der Konferenz betrachtet, konnten nun aber den Vertrag als erheblichen diplomatischen Erfolg verbuchen. Eine deutsch-russische Interessengemeinschaft gegen den Versailler Vertrag war entstanden, getragen von nüchtern kalkulierender Staatsvernunft. Die politischen und wirtschaftlichen Vorteile für den jungen Sowjetstaat lagen auf der Hand. Darüber hinaus gab es erstmalig so etwas wie eine völkerrechtliche Anerkennung der Gleichberechtigung unterschiedlicher Eigentumsordnungen. Das Deutsche Reich konnte seine drohende Einbeziehung in eine antisowjetische Front zumindest behindert, zugleich eine Steigerung der Reparationslasten verhindert sehen. Man hatte zweckvoll die Differenzen unter den Siegern des Weltkrieges für eine Stärkung deutscher Interessen nutzen können. Wirtschaftlicher Vorteil bahnte sich an. War vor dem Krieg Deutschland der wichtigste Handelspartner des russischen Imperiums gewesen, so betrug 1921/22 das Handelsvolumen zwischen beiden Staaten weniger als zehn Prozent des Standes von 1913. Fünf Jahre nach Rapallo erreichten die sowjetischen Exporte nach Deutschland 37,6 Prozent und die sowjetischen Importe aus Deutschland 24,7 Prozent des Standes von 1913. In der sogenannten Rapallo-Dekade von 1922 bis 1932 war Deutschland erneut der wichtigste Handelspartner Rußlands. Mehr als ein Fünftel aller sowjetischen Exporte gingen nach Deutschland. Am Osthandel waren insbesondere solche Konzerne wie Siemens und die AEG, die Gutehoffnungshütte, MAN, die Reederei Blohm & Voss interessiert. Neben den wachsenden wissenschaftlich-technischen Beziehungen spielten auch militärische Verabredungen eine große Rolle. Allerdings gab es keinerlei Geheimabkommen dieser Art zum Rapallo-Vertrag, wie dies verschiedentlich behauptet, fälschlich mitunter gar als eigentliches Anliegen der deutsch-russischen Friedensaktion bezeichnet worden ist.

Geteiltes Echo

Das Echo in Deutschland geriet überwiegend positiv. Als der Vertrag im Reichstag behandelt wurde, sprach Wirth von einem »ehrlichen, aufrichtigen Friedenswerk«. Ja, er benannte ihn sogar als einen »vorbildlichen« Friedensvertrag, weil es in ihm weder Besiegte noch Sieger gäbe. Arbeiterorganisationen begrüßten den Vertrag und werteten ihn als Erfolg auch ihrer Solidaritätsaktionen. Der Reichstag bestätigte am 4. Juli das Abkommen – einstimmig, sieht man vom negativen Votum einzelner Deutschnationaler ab. Am 2. August 1922 trat N.N. Krestinski das Amt eines Botschafters in Berlin an, das Auswärtige Amt entsandte Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau als den diplomatischen Vertreter Deutschlands nach Moskau.

Bedenken gab es dennoch, ebenso Vorwürfe, die von rechts kamen und schlimmstem Antisemitismus Ausdruck verliehen. Manche Politiker, darunter auch Reichsfinanzminister Andreas Hermes, zeigten sich erschüttert und sinnierten, wie man das verlorene »Vertrauen« der Westmächte wieder gewinnen könne. Die Reaktion suchte zudem andere Wege: Wirth mußte mit den übelsten Beschimpfungen leben, und ausgerechnet Rathenau, der lange gezögert hatte, den Vertrag abzuschließen, bezahlte seine Unterschrift mit dem Leben – er wurde am 24. Juni 1922 auf offener Straße ermordet.

Westliche Reaktionen fielen durchweg negativ aus. Allein der Verzicht auf Reparationen und gegenseitige Entschädigungen wurde als ein schwerer Schlag gegen das Vertragswerk von Versailles und gegen die ebenso umfassend wie strikt vorgebrachten eigenen Reparationsforderungen gegeißelt. Es hieß, das Verhältnis Deutschlands zu den Entente-Staaten, insbesondere zu Frankreich, sei schwer belastet worden. In der französischen Presse hielt man gar einen Präventivkrieg gegen Deutschland für erforderlich. Rapallo habe den notwendigen Weg Deutschlands in den Westen beeinträchtigt, so urteilen heute manche Historiker. Kritisiert wurden allerdings nicht jene gemeinsamen antipolnischen Aspekte, die zwar nicht im Rapallo-Vertrag enthalten waren, wohl aber den Intentionen vor allem der militärischen Kräfte beider Länder entsprang. Überhaupt dürfte die Kooperation auf militärischem Gebiet, so relativ begrenzt sie auch gewesen sein mag, wenig mit dem eigentlichen »Geist von Rapallo«, mit den Prinzipien friedlicher Koexistenz, zu tun gehabt haben.

Offiziell fand der Rapallo-Vertrag sein Ende, als Hitlerdeutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel. Faktisch war er, trotz der Wirtschaftsverträge vom 12. Oktober 1925 und des am 24. April 1926 unterzeichneten Neutralitätsvertrages, schon lange zuvor ausgezehrt worden. Nur für eine kurze Periode kann von relativ positiven Beziehungen zwischen beiden Ländern gesprochen werden.

»Modell für Europa?«

Nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem im Ringen um eine Beendigung des Kalten Krieges spielte die Erinnerung an den Rapallo-Vertrag eine bedeutsame Rolle, und dies gleichermaßen in Ost und in West, allerdings mit differierenden Vorzeichen. Historiker aus der UdSSR und der DDR – hier allen voran Günter Rosenfeld – publizierten umfangreiche Darstellungen und Dokumentationen. Während sie Rapallo als einen hoffnungsvollen Ansatz zu politischer Vernunft in den Beziehungen unterschiedlicher Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme und als Ausdruck von friedlicher Koexistenz bewerteten, wurden in den westlichen Ländern entgegengesetzte Stimmen laut. Sie sahen die »atlantische Solidarität« gegen die drohende Gefahr aus dem Osten verletzt. Karl Dietrich Erdmann hielt 1963 einzig und allein die Frage für berechtigt, »ob und in welcher Weise der Schock von Rapallo die Substanz des Verhältnisses zwischen Deutschland und den westlichen Mächten beeinflußt« habe. Nicht zuletzt zeigt sich die generelle Abneigung selbst gegen das Wort »Rapallo« auch in jüngeren Darstellungen, die da glauben machen wollen, der Kalte Krieg sei lediglich von einer Seite geführt worden.

1987 – zeitgleich zum bekannten gemeinsamen Dokument von SPD und SED »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« – erschien ein wichtiges, leider zu wenig beachtetes Buch, das den Vertrag aus dem Jahre 1922 unter dem Titel befragte, ob er ein »Modell für Europa?« sein könnte. Die Beiträge des Bandes – mit Unterstützung der Joseph-Wirth-Stiftung vom Pahl-Rugenstein Verlag veröffentlicht – lassen sich als ein nachdrückliches Plädoyer für ein neues Verständnis vom Zusammenleben aller europäischen Völker, von internationaler Sicherheit deuten.

Und heute, 90 Jahre nach Abschluß des Rapallo-Vertrages? Jubiläumsfeiern stehen nicht an, doch die prüfende Erinnerung an ungenutzte, an wenig sinnvoll vertane Chancen sowie an Fehlstellen muß sein. Zu prüfen ist jedoch weniger der am Rande der Genua-Konferenz geschlossene Vertrag, eher die Geschichte seiner Nicht- und Mißachtung, seiner Beschimpfung und Verwünschung, seiner oftmals einseitigen und schlagwortartigen Instrumentalisierung. Im heutigen Verhältnis zu Rußland, das erneut um einen Platz unter den Großen der Welt ringt, könnten die dem Rapallo-Vertrag zugrundeliegenden Ideen einen konstruktiven Platz einnehmen, zumal für die (west-)europäische Sicherheitspolitik eine »strategische Partnerschaft« als Grundsatz deklariert worden ist. Dem steht entgegen, daß es sich de facto nicht immer um gleichberechtigte Beziehungen handelt und in vielen Medien eine nur oberflächlich als demokratisch bemäntelte Russophobie breiten Raum einnimmt.

Gewiß, die aus Rapallo abzuleitenden Denkanstöße betreffen jetzt weniger die Prinzipien eines friedlichen Gegen- und Miteinanders unterschiedlicher Gesellschaftssysteme; erübrigt durch den Untergang der realsozialistischen Staaten. Doch unabhängig davon sollten in der Welt von heute – angesichts der zahlreichen Konfliktherde und Kriege sowie der wachsenden Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern, gefolgt von neu erwachenden Nationalismen – vor allem übereinstimmende Interessen als Grundlage eines ausgleichend-kooperativen Nebeneinanders gesucht und genutzt, sollte darüber hinaus eine Welt ohne Rüstungsproduktion, militärische Drohgebärden und unmenschliche Kriege angestrebt werden.

Aus den Quellen:

Aus der Rede Philipp Scheidemanns (SPD) im Reichstag vom 18.10.1920:

»Unsere letzte Forderung an die Regierung lautet: Aufnahme der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland (...) Wir verlangen daher die Wiederaufnahme der Beziehungen nicht wegen, sondern trotz des Bolschewismus, weil wir in der Regierungsform eines Landes eine innere Angelegenheit sehen, die für uns nicht maßgebend sein darf.«

Aus der Rede W.I. Lenins auf dem VIII. Sowjetkongreß vom 21.12.1920:

»Die deutsche bürgerliche Regierung hegt einen wütenden Haß gegen die Bolschewiki, aber die internationale Lage drängt sie gegen ihren eigenen Willen zum Frieden mit Sowjetrußland.«

W.I. Lenin auf dem XI. Parteitag der KPR (B) (27.3.1922):

»Es ist klar, daß wir nicht als Kommunisten, sondern als Kaufleute nach Genua gehen. (…) Wir gehen nach Genua mit dem praktischen Ziel, den Handel auszudehnen und Bedingungen zu schaffen, unter denen er sich am weitesten und erfolgreichsten entwickeln könnte. Aber wir bürgen keineswegs für einen Erfolg der Genueser Konferenz. Dafür bürgen zu wollen, wäre lächerlich und sinnlos. Ich muß sagen, daß bei einer ganz nüchternen und vorsichtigen Einschätzung der Möglichkeiten, die Genua zur Zeit bietet, es dennoch, glaube ich, nicht übertrieben sein dürfte zu sagen, daß wir dieses unser Ziel erreichen werden.«

Aus der Rede Joseph Wirths auf der ersten Plenarsitzung der Konferenz von Genua am 10.4.1922:

»Alle Völker der Erde bilden wirtschaftlich gesehen eine große, unlösbar verbundene Einheit. Große und kleine sind gewiß nicht von großer weltwirtschaftlicher Bedeutung, aber auch das kleinste Glied an der großen Kette der Weltwirtschaft kann nicht verletzt werden, ohne daß die Kette reißt. Ich folgere daraus den Grundsatz, der unsere Verhandlungen beherrschen muß, den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Völker bei unserer gemeinsamen Arbeit.«

Aus einer Rede Wilhelm Piecks, veröffentlicht in Die Rote Fahne vom 21.4.1922:

»In Genua wird gestritten, wer den größten Anteil an der Beute erhalten soll. Gegenseitig versucht man sich das Vorrecht der Ausplünderung zu sichern. (...) Wenn heute die deutsche Bourgeoisie in Genua mit Sowjetrußland ein Bündnis schloß, so nicht aus Freundschaft, sondern aus zwingender Notwendigkeit unter den Fußtritten der Entente. Die deutsche Arbeiterschaft muß alles tun, um diesem papiernen Vertrag Leben zu geben. Es gilt, in den Gewerkschaften und Betrieben dahin zu wirken, daß Rußland wirkliche wirtschaftliche Hilfe gebracht wird.«

Aus der Kollektivnote der auf der Genua-Konferenz vertretenen Entente-Mächte an Joseph Wirth vom 23.4.1922:

»Die Unterzeichneten behalten ihren Regierungen ausdrücklich das Recht vor, alle Bestimmungen des deutsch-russischen Vertrags als null und nichtig anzusehen, die etwa als den geltenden Verträgen zuwiderlaufend befunden werden.«

Aus einer Rede Adolf Hitlers vom 21.4.1922:

»Die Blätter wußten zu berichten, daß Deutschland durch das Bündnis mit Rußland einen großen Erfolg erzielt habe. Wo ist nun dieser Erfolg? Nicht die Völker haben sich gefunden, sondern die führenden Juden. (…) Sowjetrußland ist nicht der Strohhalm, an den sich Deutschland wie ein Ertrinkender klammern könnte, sondern ein Bleigewicht, das uns erst recht in die Tiefe zieht.«

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