5. Mai 2014

Ein SED-Opfer mehr

Berlin/DDR, 1. Mai 1954: Der Wagen des Berliner Ensembles mit Bertolt Brecht und Helene Weigel - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-24300-0049 / Sturm, Horst / CC-BY-SA

Werner Hecht erzählt etwas über Brecht in der DDR

Kai Köhler

Kommunistische Künstler passen nicht ins Bild vom finsteren Totalitarismus, der jede menschliche Regung unterdrückt. Darum werden sie gegenwärtig meist totgeschwiegen oder – wo das nicht funktioniert – umgedeutet. Dmitri Schostakowitschs Sinfonien galten so lange als bolschewistischer Bombast, bis man geheime antistalinistische Botschaften in ihnen zu entdecken meinte; seitdem erklingen sie landauf, landab in allen Konzertsälen. Hanns Eisler ist mittlerweile als SED-Opfer inthronisiert. Sein Freund Bertolt Brecht wurde noch 1998 zur Feier des 100. Geburtstags unschädlich gehalten, indem man lieber über seine Frauenbeziehungen als über seine Werke sprach. Inzwischen dominiert auch hier die Umdeutung, an der sich durchaus verdienstvolle Brecht-Forscher beteiligen.

Da gibt es die Version für Anspruchslose, mit der mittlerweile Jan Knopf, der Herausgeber der wichtigen Brecht-Handbücher, durch die Hörsäle tingelt. Glaubt man Knopf, so war Brecht ein politisch im Grunde wenig interessierter Autor, der spät und wenig Marx las und für den die Arbeiterklasse nur als Stoff für die Theaterexperimente diente: ein ästhetizistischer Bühnenfreak, der in leider etwas unruhigen Zeiten lebte.

Werner Hecht, bis 1991 Leiter des Berliner Brecht-Zentrums und wie Knopf Mitherausgeber der Großen Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe, argumentiert dagegen auf einer wesentlich solideren Grundlage. Bei ihm ist Brecht ein kommunistischer Autor, der zwar taktierte, doch nur, um ein politisch wie ästhetisch fortschrittliches Werk zu schaffen und zu verbreiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg aus den USA vertrieben, in der Schweiz wie in Österreich unerwünscht, blieb ihm nur die DDR; und hier (glaubt man Hecht) wurde er mit neuen Schwierigkeiten überhäuft.

Tatsächlich lassen sich dafür leicht Beispiele finden, so vor allem das De-facto-Verbot der zusammen mit dem Komponisten Paul Dessau erarbeiteten Oper »Das Verhör des Lukullus«, die weitgehend argumentfrei mit dem schwammigen Verdikt des »Formalismus« abgewertet wurde. Eine dogmatische Kulturpolitik verhinderte auch, daß Eisler seinen als Nationaloper konzipierten »Johann Faustus« komponierte – eine Auseinandersetzung, an der sich Brecht auf seiten seines Freundes Eisler beteiligte.

Eine solche fatale Kunstverhinderung reicht von diesen Hauptwerken bis hinab zu Gelegenheitsarbeiten wie dem von Brecht geschriebenen und von Dessau komponierten »Herrnburger Bericht«, gegen den Erich Honecker 1951, damals als Vorsitzender der FDJ, kämpfte, weil ihm ein Vers über den Sänger und Schauspieler Ernst Busch nicht paßte – eine von zahlreichen Kleinlichkeiten, die viele gute Leute verschreckten.

Probleme gehören also zur Geschichte der letzten Lebensjahre, die Brecht in der DDR arbeitete. Trotz aller Quellenkenntnis, mit der Hecht sie nachzeichnet, ist sein Buch aus mehreren Gründen ärgerlich tendenziös. So differenziert er in keiner Weise zwischen einer Kritik an Brecht, die ausschließlich politischen Machtkämpfen geschuldet ist, und ästhetisch-politischen Einwänden. Wer sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht begeistert über Brecht äußert, steht auf der Gegenseite. Sicherlich stand Fritz Erpenbeck als Chefredakteur von Theater der Zeit für ein ästhetisch traditionelles Illusionstheater. Bei Hecht sind seine Einwände nichts als Repression, und wenn eine Mitarbeiterin Erpenbecks ein Buch über Brechts Theater mit »großem Lob und bedenklichem Tadel« bespricht, wendet sie nur »die Taktik ihres Chefs an«. Keinen Moment überlegt Hecht, ob vielleicht die Verfasserin eine ihr fremde Theaterästhetik gleichzeitig würdigen und kritisieren wollte.

Auf geradezu peinliche Weise konstruiert Hecht einen Gegensatz zwischen einem »Wir« und einem »Sie«. »Wir«, das sind Brecht selbst, nach seinem Tod Helene Weigel als Verwalterin des Erbes in Auseinandersetzungen um die Brecht-Edition und schließlich Hecht selbst. »Sie«, das sind die SED-Politiker, ihre kulturpolitischen Gefolgsleute und schließlich – in Fragen des Berliner Ensembles und der Brecht-Edition – Manfred Wekwerth und Werner Mittenzwei. Handlungsmotive der Gegner bleiben grundsätzlich ungenannt oder erschöpfen sich in Taktik und Karrierismus.

Auf diese Weise entsteht natürlich keine brauchbare Geschichtsschreibung. Man kann Sachverhalte auf mehrerlei Weise formulieren, z.B.: »Als Brecht die Heimatlosigkeit drohte und ihm Arbeitsmöglichkeiten fehlten, stellte ihm die DDR ein Theaterensemble zur Verfügung.« Oder: »Brecht ging nur widerstrebend in die DDR und nur deshalb, weil ihm andere Möglichkeiten fehlten.« Anderes Beispiel: »Brecht stellte sich am 17. Juni 1953 auf die Seite der SED, weil er die Gefahr eines neuen Faschismus sah«. Oder: »In der DDR war die Gefahr eines neue Faschismus noch stark, was eine Bankrotterklärung der Maßnahmen der Partei und des Staatsapparates bedeutet.« Hecht wählt grundsätzlich die zweite, für die DDR ungünstige Variante; der Satzteil zur Bankrotterklärung ist ein wörtliches Zitat.

Zuweilen wird das grotesk, nämlich wenn es darum geht, daß das Berliner Ensemble, das zunächst beim Deutschen Theater gastierte, einige Jahre auf eine eigene Spielstätte wartete. In den Nachkriegsjahren lag Berlin weitgehend in Trümmern, und es sollte eher überraschen, daß Brechts Truppe bereits 1954 das Theater am Schiffbauerdamm bezog. Wer heute – in wirtschaftlich viel besseren Zeiten – eine Theatergruppe zusammenbringt, wird vom Berliner Senat mit Sicherheit kein Haus dieser Größenordnung zur Verfügung gestellt bekommen.

Warum denn aber damals Brecht, der doch – glaubt man Hecht – als Staatsfeind geprügelt wurde? Natürlich aus purer Bosheit. Das beweist Hecht mit einer Denkschrift von Wilhelm Girnus, dem späteren Herausgeber von Sinn und Form, der auf Brecht einzuwirken beauftragt war. Darin schlägt Girnus eine »elastische Bearbeitung« der Frage vor, indem man Brecht nicht »irgendeine kleine Quetsche« gibt, sondern ein richtiges Theater, damit er sich im Falle mangelnden Beifalls von seiten der Werktätigen nicht mit schlechten technischen Möglichkeiten entschuldigen könne. Die Inszenierungen sollten dann – welch stalinistische Grausamkeit! – durch eine Kritik begleitet werden, die sich »in prinzipieller Weise« mit ihnen auseinandersetzt, »ohne dabei grob und taktlos zu sein«.

Wirklich, die SED-Diktatur war grausam. Ihr neuestes Opfer heißt Werner Hecht, der im Kampf gegen Gespenster dabei ist, seinen guten Ruf zu demolieren.

Werner Hecht: Die Mühen der Ebene. Brecht und die DDR. Aufbau Verlag, Berlin 2013, 362 Seiten, 29,99 Euro

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