16. September 2013

Eine Heldentat

1. 1.1942: Leningrader versuchen, Wasser aus geborstenen Leitungen zu gewinnen - Fotoquelle: Vsevolod Tarasevich/RIA Nowosti/Wikimedia Commons

Das Tagebuch der Schülerin Lena Muchina während der Blockade Leningrads durch die ­Hitler-Armee ist auf deutsch erschienen

Gerd Bedszent

Lena Muchina, Autorin des kürzlich übersetzten Werkes »Lenas Tagebuch« wird vom Verlag als »russische Anne Frank« beworben. Tatsächlich sind die Aufzeichnungen der damals sechzehnjährigen Schülerin ein einzigartiges Zeitzeugnis des Lebens und Überlebens der Bevölkerung Leningrads (heute wieder St. Petersburg) während der Blockade durch die faschistischen deutschen Truppen.

Es ist in der historischen Forschung bekannt, wird aber nur selten publiziert: Die zweitgrößte Stadt der Sowjetunion sollte auf Befehl Hitlers dem Erdboden gleichgemacht werden. Eine Eroberung durch Frontalangriff gelang im Herbst 1941 infolge des hartnäckigen Widerstandes der sowjetischen Armeen allerdings nicht. Die Stadt wurde eingeschlossen und am 8. September 1941 begann eine 872 Tage andauernde Hungerblockade. Das Massensterben der Bevölkerung wurde von den deutschen Belagerern nicht nur in Kauf genommen, sie war gewollt. Etwa 300000 Einwohnern kostete allein der Hungerwinter 1941/42 das Leben, dann gelang es den sowjetischen Truppen, einen Zugang zum Ladogasee freizukämpfen. Nach sowjetischen Angaben starben während der Blockade insgesamt 632000 zivile Einwohner der Stadt, die Mehrzahl an Hunger und Entkräftung. Heute gehen Historiker davon aus, daß die tatsächliche Zahl weit höher lag.

Kriegsverlauf

Wera Muchina ist eine ganz normale sowjetische Schülerin, als sie am 22. Mai 1941 mit ihren Tagebuch beginnt. Sie ist Waise, lebt bei ihrer Pflegemutter und einer Bekannten in einer Leningrader Gemeinschaftswohnung – beide Frauen verhungern wenige Monate später. Der Bruch in ihrem Leben ist der 22. Juni, als deutsche Truppen die sowjetische Grenze überschreiten. Sie arbeitet zunächst als Sanitäterin in einem Lazarett, nimmt dann aber wieder am Unterricht teil. Ihr Tagebuch dokumentiert, was in keinem Geschichtsbuch steht: Winterliches Wohnen ohne Strom, ohne Gas, mit nur stundenweise funktionierender Wasserversorgung. Den Schülern friert in ihren ungeheizten Klassenzimmern die Tinte ein. Stundenlanges Schlangestehen nach streng rationierten Lebensmitteln. Das Schlachten von Hunden und Katzen, später wird aus Tierknochen hergestellter Tischlerleim ein begehrtes Nahrungsmittel.

Lenas Reaktionen auf den Kriegsverlauf: Zuerst Zorn und Entsetzen über den heimtückischen Überfall, dann die Hoffnung, die sowjetische Armeen könnten die Angreifer schnell zurückschlagen, später Entsetzen und Angst, als die Aggressoren vor der Stadt stehen und alle arbeitsfähigen Jugendlichen zum Ausheben von Schützengräben kommandiert werden. »Jeden Tag furchtbare Bombardements, jeden Tag Artilleriebeschuß«, notiert sie am 12. November. Am 21. November heißt es: » (...) ich leide zusammen mit Hunderten und Millionen sowjetischer Bürger. Und warum? Wegen der Wahnideen dieses Psychopathen. Er hat beschlossen, die ganze Welt zu erobern. Das ist so ein Irrsinn, und deshalb hungern und leiden wir. Allmächtiger, wann hört das alles auf? Das muß doch irgendwann aufhören!?!!« Am nächsten Tag malt sie sich aus: »... wo die Wende kam und die Deutschen nicht mehr vorgerückt sind, sondern anfingen, den Rückzug anzutreten, wo die Deutschen flohen, wo wir in Berlin einmarschierten, wo das letzte Geschützfeuer ertönte, die letzte Granate explodierte und der letzte Gewehrschuß fiel.«

Dann beginnt der Schrecken des Hungerwinters. Zeitweise gibt es für nicht in der Produktion tätige Einwohner pro Tag nur 125 Gramm Brot. Im Tagebuch finden sich seitenweise Phantasien, die detaillierte Beschreibung winziger Mahlzeiten, Jubel bei einer noch so geringfügigen Erhöhung der Ration oder darüber, daß es gelang, zusätzlich Eßbares aufzutreiben. Aber auch Jubel über jeden Erfolg der sowjetischen Truppen – vor Moskau erleiden die Hitler-Armeen ihre erste schwere Niederlage.

Qualvolles Sterben

Und sie beschreibt das qualvolle Sterben von Verwandten und Nachbarn: »Mamotschka, Mamusia, du hast nicht durchgehalten, du bist gestorben. Mamulja, Mamotschik, meine allerliebste Freundin. O Gott, wie grausam das Schicksal ist, so sehr wolltest du leben. Du bist tapfer gestorben.« Allein das Führen des Tagebuches ist eine außergewöhnliche Heldentat.

Schließlich gelingt es einer Kollegin der Pflegemutter, Lena auf die Liste der zu evakuierenden Personen zu setzen. Die Tage davor sind ein Wettlauf mit dem Hungertod. Am 25. Mai 1942 schreibt sie: »Für einen zusätzlichen Bissen Brot oder etwas anderes Eßbares war ich bereit, bis an den Rand der Welt zu gehen, aber jetzt fühle ich kaum noch den Hunger, ich fühle gar nichts mehr.« Das Tagebuch bricht an diesem Tag ab.

Lena Muchina schaffte es, die Stadt zu verlassen und sich zu Verwandten durchzuschlagen. Aber erst am 27. Januar 1944 gelang es sowjetischen Truppen, den Blockadering zu sprengen.

Das Tagebuch wurde vor wenigen Jahren in einem Moskauer Archiv gefunden. Durch umfangreiche Recherchen gelang es den Herausgebern, die Identität des Mädchens und ihren Lebenslauf zu ermitteln. Sie erlernte einen Beruf und arbeitete in der Industrie, u.a. auf einer sibirischen Großbaustelle. Das Blockadetrauma überwand sie nie. Lena Muchina starb am 5. August 1991, kurz vor der Machtergreifung von Boris Jelzin und dem Beginn der neoliberalen Ausplünderung der Bevölkerung, vier Monate, bevor die Existenz der Sowjetunion für beendet erklärt wurde.

Lena Muchina: Lenas Tagebuch. Graf Verlag, München 2013, 375 Seiten, 18 Euro

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