22. Februar 2013

Eine junge Heldin

Unermüdlich im Kampf gegen die Nazis: Grete Walter, die nur 22 Jahre alt wurde - Fotoquelle: jW Archiv

Zum 100. Geburtstag der Berliner Antifaschistin und Kommunistin Margarete »Grete« Walter (22.2.1913 – 21.10.1935)

Cristina Fischer

Am 21. Oktober 1935 wird eine junge Frau in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in der Prinz-Albrecht-Straße verhört. In einer Vernehmungspause begeht die 22jährige eine die Beamten überraschende Verzweiflungstat: »Sie sprang in einem unbewachten Augenblick aus einem Fenster eines im dritten Stockwerk gelegenen Waschraumes und war sofort tot«, heißt es im Polizeibericht. Wer war sie? Es gibt nur unzulängliche biographische Skizzen und wenige Fotos von ihr.

Die meisten werden nicht einmal mehr ihren Namen kennen – den in der DDR zahlreiche Einrichtungen und Kollektive, darunter Schulen und Pionierfreundschaften, trugen. In Berlin und Cottbus gibt es heute noch nach ihr benannte Straßen. Fotos zeigen eine hübsche Frau, etwas burschikos wirkend, mit kurzem Haar und großen Augen. Sie war dunkelblond, mittelgroß und von kräftiger Statur. Sie soll oft fröhlich und ausgelassen gewesen sein, gern Klavier gespielt und gesungen haben.

Zusammen mit zwei Schwestern als Tochter kleiner Leute, aber nicht in Armut in Berlin-Neukölln aufgewachsen, besuchte sie ein Lyzeum und später die Handelsschule. Schon mit 15 wurde sie Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, wo sie verschiedene Funktionen innehatte. Als Mitglied der Unterbezirksleitung des KJVD Neukölln war sie für die Betriebsschulen zuständig. Sie leitete auch eine Jugendgruppe, betreute die Kinder der Genossen, von denen sie »Pferdchen« genannt wurde.

Ihre erste Arbeit fand sie bei der Lebensmittelgroßhandlung Kathreiner, wo sie die kommunistische Betriebszeitung herausgab. Als sie deshalb entlassen wurde, schickte die Partei sie im Mai 1930 für ein halbes Jahr auf die Lenin-Schule in Moskau. Nach ihrer Rückkehr wurde sie 1931 Mitglied der KPD und soll schon im Folgejahr illegal in Neukölln tätig gewesen sein. In diesem traditionell »roten« Arbeiterbezirk kam es immer häufiger zu Auseinandersetzungen mit Faschisten und deren SA-Schlägertrupps, und Grete war nicht nur ihren Freunden und Genossen, sondern auch ihren Gegnern bald wohlbekannt. Seit Anfang 1933 gehörte sie dem ZK des KJVD an.

Im März 1933 wurde sie von SA-Leuten aus ihrer Wohnung geholt und brutal verprügelt. Als sie wieder zu Hause abgeliefert wurde, weinte sie. Ihre Schwester Lisa, ebenfalls Kommunistin und aktiv im Widerstand, erinnerte sich: »Niemals werde ich den Anblick ihres geschundenen Körpers vergessen. Unsere Mutter machte tagelang Kompressen auf die Schwellungen und Blutergüsse.« Einer Freundin sagte Grete danach, sie würde sich beim nächsten Mal lieber das Leben nehmen, als Namen preiszugeben.

Noch zwei Jahre lang konnte sie in der Illegalität weiterarbeiten. Sie hatte eine Anstellung im AEG-Kabelwerk Oberspree (KWO) gefunden, wo sie heimlich Flugblätter verteilte. Im Juni 1934 wurde sie erneut verhaftet, mußte aber mangels Beweisen wieder freigelassen werden. Ein Jahr später zur Landarbeit in das zwischen Greifswald und Wolgast gelegene Dorf Wahlendow dienstverpflichtet, setzte sie dort ihre illegale Tätigkeit fort. Sie unterhielt Verbindungen nach Berlin und ins Ausland, über die nur wenig bekannt ist. Unter anderem sammelte sie Stimmungsberichte aus den Arbeitsdienstlagern. Ihr Briefverkehr wurde polizeilich überwacht, und Verhaftungen von Genossinnen führten zu neuen Verdachtsmomenten gegen sie.

Am 17. Oktober 1935 wurde sie zum dritten Mal festgenommen und zwei Tage später nach Berlin in das Frauengefängnis am Alexanderplatz geschafft. Aufgrund ihrer leitenden Funktion mußte sie Repressalien befürchten. Ob sie tatsächlich gefoltert wurde, ist unbekannt. Am 21. Oktober legte sie in der Gestapozentrale ein Teilgeständnis ab, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzte.

Eventuell noch lebende Familienmitglieder Grete und Lisa Walters werden herzlich gebeten, sich bei der Verfasserin zu melden.

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