7. September 2013

Eine Reise nach München

In ständiger Gefahr, entdeckt zu werden: Als Tourist getarnt und ausgestattet mit einem gefälschten Paß (Foto), begab sich Julius Fucik illegal ins faschistische Deutschland - Fotoquelle: Julius-Fučik-Gesellschaft Prag

Momentaufnahmen aus dem Alltag im faschistischen Deutschland des Jahres 1934

Julius Fucik

Der vorliegende Auszug ist der Reportage »Eine Reise nach München« von Julius Fucik entnommen. Diese wurde im Jahre 2011 von chinesischen und tschechischen Fucik-Forschern wiederentdeckt und erscheint in deutscher Sprache im Verlag Wiljo Heinen. Die Reportage gibt einen Einblick in die Auswirkungen des Faschismus auf die Gesellschaft und die Reaktion bestimmter Gruppen. Erstmals wurde sie im Jahre 1934 in der Wochenzeitschrift Tvorba (Nummer 9, 10 und 11) veröffentlicht. Fucik schrieb sie, kurz nachdem er im Juli jenes Jahres die tschechisch-deutsche Grenze nach Bayern illegal überschritten und wahrscheinlich zwei bis drei Tage das Leben in Hitlerdeutschland beobachtet hatte.

Julius Fucik (1903–1943) gehört zu den bedeutenden Journalisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er kann in einer Reihe mit Egon Erwin Kisch, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky genannt werden. Seine Reportagen zu sozialen Problemen, kulturpolitischen Bewegungen der 1920er und 1930er Jahre und zum Kampf gegen den Faschismus sind in zahlreichen Büchern – auch auf Deutsch – erschienen. Nach der Mitarbeit in verschiedenen linken tschechischen Zeitungen übernahm er im Jahr 1929 die Tvorba – das renommierteste Blatt für Kultur und Politik in der damaligen Tschechoslowakei, dessen Chefredakteur er bis zur Okkupation der CSR durch die deutschen Faschisten im Jahre 1939 war. Als Mitglied des illegalen ZK der KPTsch arbeitete er intensiv an der Vereinigung der tschechischen Kulturschaffenden im Kampf gegen den Faschismus, bis er im Jahre 1942 nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich verhaftet wurde. Im Prager Gefängnis Pankrac schrieb er auf Kassibern seine »Reportage unter dem Strang geschrieben«, die ihn weltbekannt machte. Im August 1943 wurde er vom Reichsgerichtshof in Berlin für seinen Kampf gegen den Faschismus zum Tode verurteilt und am 8. September 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Jetzt, wo ich auf dem Kamm des Grenzgebirges stehe und nach unten blicke, sehe ich ein Land, das ich kenne. Grüne Täler in den Wäldern, die durch Gebirgspässe in den bezauberndsten Blautönen geteilt werden, ein etwas sentimentaler Hauch von Rauch und Straßen, deren gelbliche Kurven von hier seltsam lieblich scheinen, Dörfer, die rauchen und Bäche, die wie hingeworfene Scherben glitzern. Manchmal hört man das Pfeifen der Züge oder der fernen Fabriksirenen und den verschwommenen Klang der Glocken an den Hälsen der Kühe, die am späten Nachmittag vorzeitig den Abend einläuten. Was willst du sehen, du falscher Tourist in diesem Lande, das dich mit der Idylle seiner Schönheit begrüßt? Geh nicht weiter, kehre um, dort hinter dir erfahren die Menschen eher als dort unten von den Ereignissen, die ihre belebten Täler und Hügel berühren, kehre um, dort unten schweigen die Menschen, niemand wird dir antworten, und niemand wird dir etwas erklären, du wirst nichts erkennen und begreifen können und wirst nur die Oberfläche sehen. Ja, wirklich nur die Oberfläche. Aber glaubt nicht, daß die Oberfläche nichts verrät. Sie spricht. Und es gibt Situationen, in denen sie sehr deutlich spricht. Sieh, dieser Mann, den du nur sehr flüchtig kennst, ist heute noch gesund. Wenn du ihn morgen triffst, wenn er mit durchdringenden Zahnschmerzen zum Arzt eilt, erkennst du auch im Dunkeln an seinem geschwollenen Gesicht, was er gerade fühlt. Deutschland, das du gerade betrittst, das kapitalistische Deutschland, das hier vor dir liegt, stirbt. Und es stirbt einen schrecklichen Tod. Man kann es nicht an seinem Gesicht, seinem Bauch oder an seinen Armen erkennen. Man kann seine letzten Krämpfe auch nicht an seiner Oberfläche sehen. (…)

Es wurde nicht gelesen

Das Jahr 1933. Hitlerdeutschland. Die Sprache der Oberfläche wurde komplizierter. Keine Bettler mehr auf den Straßen. Keine Stempler. Aus den Schaufenstern war die Ankündigung vom Ausverkauf verschwunden, ebenso wie aus den Fenstern der leeren Häuser die Tafeln »Zu vermieten« und von Litfaßsäulen die Plakate »Gegen Arbeitslosigkeit und Lohnsenkung«. Von den Dächern wehten Hakenkreuzfahnen, auf den Straßen braune Uniformen der SA und schwarze der SS, ihre Rufe »Heil Hitler« und Lieder, die mit anderen Texten von revolutionären Arbeitern gesungen wurden, widerhallten als Echo. Man könnte sagen, die Gesichter in den Kaffeehäusern waren zufriedener. Wirklich, es war sicherer. Der Terror war irgendwie übersichtlicher. Es wurde nicht mehr so zufällig in der Nacht und bei schlechter Beleuchtung gemordet, wo leicht ein Irrtum passieren konnte. Es wurde systematisch gemordet, am Tag und planmäßig. Die, die hier im Kaffeehaus auf der Friedrichstraße oder der Leipziger Straße saßen, waren davon nicht betroffen. Sie waren Arier und keine Arbeiter oder revolutionären Intellektuellen. Manchmal blickten sie neugierig aus dem Fenster und wandten sich dann verlegen ab.

Auf der Straße ging einer ihrer ehemaligen Bekannten, vielleicht der Arzt, vielleicht ein Händler, vorbei. Er ging barfuß, kahl geschoren vorbei und hatte um den Hals ein Schild hängen: »Ich bin Jude und habe das deutsche Volk ausgesaugt«. Sie wußten, daß sie ihn das letzte Mal sahen. Sie lasen höchstens noch in den Zeitungen die Traueranzeige der Hinterbliebenen, daß er plötzlich gestorben war. Bei anderen sah man nicht einmal das. Auf der Straße jagte ein Lastauto mit Braunhemden heran. Man hörte Schüsse. Bleib nicht stehen, sei nicht zu neugierig. Vielleicht morgen, vielleicht erst in einer Woche würde man in den Zeitungen lesen, daß die wachsame Polizei Görings eine geheime kommunistische Druckerei aufgedeckt hatte. Zwei Kommunisten, die Widerstand geleistet hatten, wurden erschossen, die anderen ins KZ gebracht. Hast du gesehen, die braunen Autos fuhren bis in die Kleingartenkolonie in Reinickendorf. Dort wohnen Haus an Haus Kommunisten.

Am Sonntag, wenn Berlin ins Grüne fuhr, konnte man mit Freude oder Widerwillen rote Fähnchen beobachten, die über den Holzdächern und an den Antennenmasten wehten. Nach dem Besuch der braunen Autos konnten dort nur schwarze Fahnen wehen. Und in vielen Häusern gab es niemanden mehr, der sie hätte aufhängen können. Man brauchte nicht unter die Oberfläche zu schauen, um das zu sehen. Das mußte man niemandem sagen. Niemand mußte das erklären. Auch das nicht, wenn man dann den Namen eines der Bewohner dieser Kolonie in der Rubrik der auf der Flucht Erschossenen las. An den Ecken und an den Litfaßsäulen klebten Goebbelsche Propagandaplakate und Verbote, Befehle und Aufrufe, unterschrieben vom Führer, Innenminister, Polizeipräsidenten oder dem Befehlshaber der SA. Die Rufe der Zeitungsverkäufer, dieser schrille Ton in der Straßensymphonie der Großstadt, waren verstummt. Die Zeitungen vergilbten in den Aushängerahmen der Kioske. Man sah keine Zeitungsleser. Es wurde nicht gelesen. Und die Zeitungen, die gelesen wurden, wurden nicht auf den Straßen geöffnet. Die Kneipen waren leer. Straßenbahnen, Autobusse und U-Bahnen waren leer. Die Läden waren leer. Und auch die Kaufhäuser mit den Einheitspreisen waren leer. An dieser Oberfläche konnte man wirklich nicht erkennen, wie tief das Lebensniveau gesunken war. (…)

Ständiger Passagier

Der Zug kam an. Er war leer. Ich war ganz allein im Waggon. Im zweiten von den zweien, die den Zug bildeten, saßen ein bayrischer Bauer und ein Herr im grauen Anzug. Der bayrische Bauer stieg an der nächsten Station aus, der Herr in Grau fuhr weiter. Ich hatte den Verdacht, daß es seine Aufgabe war, ständiger Passagier zu sein. Der Verdacht erhärtete sich an der Umsteigestation auch durch eine Beobachtung. Der Herr in Grau ging direkt vom Waggon aus zu einer Tür mit der Aufschrift: »Polizeistation«. Immer dasselbe. Es schien, daß von den Leuten, die es wagten, sich von ihrem Wohnort zu entfernen, die Hälfte geheime oder uniformierte »Ordnungshüter« waren. (Diese zwei Worte sind in Deutschland heilig und inmitten des Massenterrors und der vorsätzlichen Morde klingen sie besonders anschaulich.)

Ich setzte mich woanders hin. Ich hatte keine Fahrkarte bis München, und diese Vorsichtsmaßnahme war nicht umsonst. Ich war nicht mehr allein im Waggon. Mir gegenüber saßen zwei Deutsche und hinter der Barriere ein Dritter. Sie lasen Zeitung. Heute las man nach langer Zeit wieder, man las in Deutschland wirklich Zeitung. Im allgemeinen. An Kiosken auf den Bahnhöfen gab es kein einziges Exemplar mehr. Die Verkäuferin war zufrieden und antwortete mit verwundertem Lächeln: »Ausverkauft!« Am Abend kriegte man in Landshut auf der Straße nicht ein einziges Exemplar jener denkwürdigen Ausgabe mehr, die dem einsamen Verkäufer von Zeitungen und Streichhölzern den begeisterten Ausruf in den Mund gelegt hatte: »Es tut sich etwas. Solchen Umsatz hatte ich nicht mehr, so lange ich mich erinnern kann.«

Na also, meine Mitreisenden lasen. Einer den Völkischen Beobachter, der andere die Münchner Nachrichten. In beiden auf den ersten Seiten große Schlagzeilen über die ganze Seite: »Landesverräter!« »Schleicher hat Deutschland an Frankreich verraten!« Das war allerdings eine Sensation. War das vielleicht die Erklärung für die Morde in der Nacht des 30.Juni? Das Interesse an den Zeitungen zeigte, welche Tiefenwirkung die Schüsse dieser Nacht hatten. Hier gab Hitler endlich eine Erklärung…

Keinesfalls. Hitler schwieg weiter. Die Zeitungen druckten nur die Nachrichten der amerikanischen Presseagentur United Press. Wie sie angeblich aus vertrauenswürdiger Quelle erfahren hatten, hatte der ermordete General Schleicher Kontakte zur französischen Regierung und hatte Militärgeheimnisse an Frankreich verraten. Das wurde in ganz großen Lettern gedruckt ohne Kommentar, und die Kommentare, die sich auf starke Worte gegen Schleicher und begeisterte Worte für den Führer reduzierten, verbrauchten nicht wenig Druckerschwärze. Schleicher – ein Landesverräter. Das war eine fast größere Überraschung als sein gewaltsamer Tod. Würde das wirken? Würde man das glauben? Hitler hat sicher nicht an Geld gespart, als er Herrn Hearst beauftragte, diese Nachricht zu verbreiten, und Herr Hearst, einer der wenigen, die im Pressegewerbe Milliarden verdienten, hatte sich sicher selbst darum gekümmert, es dem getreuen deutschen Kunden seiner United Press recht zu machen. (…)

Keine Begeisterung mehr

München war voller Polizei, SS und Armee. Schwarze SS, braune Feldpolizei, graue Armee. Karabiner, Revolver und Maschinengewehre, Polizeiautos und Lastwagen mit Armee und SS. Die Stoßtruppuniformen der SA waren von den Straßen verschwunden. Die Feldpolizei, für die Göring die zuverlässigsten Leute ausgewählt hatte, ersetzte die braune Farbe ihrer Hemden. Sie war überall. Sie war diensteifriger als selbst die Gestapo, und die Menschen wichen ihr vorsichtig aus. Das war etwas Neues, ein fremdes Element, unähnlich den Stoßtrupps, die man hier hatte wachsen sehen, mit denen man sich hatte anfreunden können, für die man die Hand zum Gruß erheben und ruhig »Heil Hitler!« rufen konnte. Bei ihren Aufgaben konnte man sich irren, man konnte sie für etwas Besonderes halten – bei den Aufgaben der Feldpolizei konnte man sich nicht irren. Sie war ein Instrument der Unterdrückung aller gegen alle. Auch der SS wich man leise und ohne Liebe aus. Es gab auf den Münchner Straßen keine Begeisterung mehr. Die Uniformen, die diese Begeisterung bei Tausenden geweckt hatten, sind jetzt die Feinde. Ja, das Mittelalter, das von Münchner Künstlern so oft dargestellt worden war, war jetzt Wirklichkeit, unverfälscht. München war eine von feindlichen Armeen besetzte mittelalterliche Stadt, die nur deshalb nicht alles machte, was sie konnte, weil ihr Kontributionen drohten. Und die Einwohner fürchteten sich, weil sie nicht wußten, wann man ihnen derer mehr zeigen wollte. Hier wurde »irrtümlicherweise« der Musikreferent der Münchner Neuesten Nachrichten erschossen, weil er zufällig den gleichen Namen hatte wie Wilhelm Schmid, der Gruppenführer der Münchner SA – und sein Fall wurde von Mund zu Mund weitergetragen und rief Bedrückung hervor.

Es gab hier sichtlich eine größere schweigende Bestürzung als in den preußischen, saarländischen oder schlesischen Städten. Die Kommunisten in Bayern waren noch nicht so stark, um das gesamte Grauen zu erfassen und in einen kämpferischen Haß umzuwandeln. Aber sie waren da, man spürte ihre Bewegung im Untergrund, und das trug nicht zur Ruhe der Bürger des sonntäglichen Münchens bei. Die Revolution, die proletarische Revolution, zeigte sich in ihren Augen, die auf das Morgen gerichtet waren, und wer von ihnen wußte, ob er sich davor nicht mehr fürchten sollte als vor der feindlichen Armee um sich herum?

Und es gab keine andere Perspektive. Auch hier, in diesem von den deutschen Ländern industriell am wenigsten entwickelten Land, war jene einzige Kraft sichtbar, die aus dem Untergrund heraustrat, um zu entscheiden und zu befreien. Heute nacht hatten die Kommunisten ihre Visitenkarte über die ganze Stadt verteilt. Flugblätter, illegale Zeitschriften, Aufschriften an den Wänden. Das rote RF leuchtete an den Wänden in der Neuhauser Straße, im Zentrum der Stadt und an der Peripherie in Haidhausen, es leuchtete am Justizpalast, der wie alle öffentlichen Gebäude von der Armee bewacht wurde, es leuchtete an den Bahnhöfen und auch an den Brücken über der Isar. Sonderarbeitsgruppen waren abkommandiert, diese Aufschriften zu beseitigen. Aber die Aufschriften riefen weiter RF! RF! Rot Front! An der Schanze hinter dem Isartalbahnhof war ein nicht vollendeter Aufschrei: ROT FRO

Vor ihm patrouillierte ein Feldpolizist mit Karabiner auf und ab. Man wagte nicht, ihn zu fragen, ob der braune Fleck unter dem nicht zu Ende geschriebenen N eine Spur vergossener Farbe oder vergossenen Blutes sei. Wenn an diesem Platz ein Mensch gefallen war, so schrie sein Rot Front umso lauter! Es gibt Leben, die sind teuer bezahlt. Das Leben von Röhm oder Schneidhuber gehört nicht dazu. (…)

»Auseinandergehen!«

Auf der Sonnenstraße blühten die Linden. Die Bienen summten und sammelten Honig ein. Eine ganze Traube hing an einem Ast über dem Gehweg. Das war in einer Stadt eine ungewöhnliche Erscheinung. Die Leute blieben stehen und guckten. Versammlungen waren verboten. Es kamen zwei SS-Männer, die Augen auf den komischen Bienenschwarm gerichtet. Sie verloren sich in der Menge, und die wuchs.

»Auseinandergehen!« schrie ein brauner Polizist aus der Ferne und eilte herbei.

Die SS-Männer besannen sich. Wirklich – am Vorabend des Bürgerkrieges war keine Zeit für Bienenidylle.

»Auseinandergehen!« Sie schlossen sich mit ihrem Ruf dem Schrei des Polizisten an und jagten uns mit einem sehr amtlichen Gesicht mit Brille auseinander.

Das war am Vormittag.

Am Abend im Schotow-Keller hörte ich, wie man sich das dann so erzählte: »Auf der Sonnenstraße war heute eine Demonstration. Sie haben die Reichswehr gerufen … Verwundete? Mindestens … Da war ein Krankenwagen…«

Möglicherweise war da ein Krankenwagen. Dicht dabei war ja ein Krankenhaus. Aber eine Demonstration hatte es nicht gegeben, nur Neugierige unter einem Bienenschwarm. Aber trotzdem war die Nachricht der Säufer aus dem Schotow-Keller nicht weniger bedeutsam. Sie war Ausdruck der Situation, der Stimmung, der Zukunft der nächsten Tage, wie man sie erwartete. Vor einem Monat hätte der rotgesichtige Bürger über seinem Bier gelacht, herzlich gelacht, wenn ihm jemand von so einer Zukunft erzählt hätte. Jetzt wurden hier Nachrichten verbreitet, die der Panik entsprangen. Die Panik wälzte sich heran, ergriff die ganze Stadt, und man konnte sie nicht aufhalten, denn sie ist flüchtig. Sie erschreckt Tiere vor dem Erdbeben, und die bäumen sich dann auf.

Noch ein Maß? Trink nur, du rotgesichtiger Münchner Bürger, aber dieses Gefühl ertränkst du auch in allen Fässern des Schotow-Kellers nicht! Ja, du witterst es genau: daß irgend etwas kommt, wird das der Bürgerkrieg sein.

Hast du schon gehört? Hast du schon gehört? Hast du schon gehört…?

Was würde morgen sein?

Hast du nicht gehört? Weißt du nicht? Vielleicht nicht. Vielleicht wußte es noch nicht einmal jener Buchhändler in der Kaufingerstraße, der die Bilder von Röhm und Schneidhuber aus seinem Schaufenster genommen hatte und zur Sicherheit auch die von Hitler und Göring, und der sich in seiner Ratlosigkeit nicht zwischen der Königlichen Hochzeit der Wittelsbacher und Theodor Körner entscheiden konnte, der seine Gedichte den Kriegskameraden vorträgt. Vielleicht wußte es nicht einmal jener dumme braune Polizist, der dich gezwungen hatte, den Platz vor der Feldherrenhalle zu verlassen, wo die Geschichte so laut lehrte.

Aber der, der sein Rot Front! ans Wehr hinter dem Isartalbahnhof geschrieben hatte, der wußte es. Und die zwei Buchstaben, die er heute nicht mehr zu Ende schreiben konnte, werden morgen dazugeschrieben werden. (…)

Kopf oder Zahl

Spät am Abend klingelte ich an der Tür eines Erdgeschoßhauses in S. In einem Münchner Hotel ohne Dokumente zu übernachten wäre in dieser Situation Wahnsinn. Und eine kalte Nacht in einem Heuhaufen lockte mich nach dem heißen Tag auch nicht. Ich habe S. gewählt, einen alten Münchner Ausflugsort. Eine schaukelnde Glühbirne am gegenüber stehenden Laternenpfahl beleuchtete eine Tafel im Fenster: Zimmer an Gäste zu vermieten!

In den Hof fiel ein Lichtstreifen. Hier schlief man noch nicht. Eine Frau kam an die Tür – man könnte sich streiten: ob »gut erhalten« oder »vorzeitig gealtert« – und betrachtete mich über den Zaun mit prüfender Langwierigkeit. Ich wollte sie beruhigen und bat um ein Nachtlager. Ihre Verwunderung war alarmierend, und die Prüfung wurde noch aufmerksamer. Dann entschied sie sich plötzlich und öffnete die Tür und zeigte mir gastfreundlich den Weg, machte mich auf die Stufen im Schatten aufmerksam. Sie kochte mir einen deutschen Kaffee und deckte ihn mit dem altertümlichen Reiz sonntäglichen Wohlbehagens auf. Sie sprach nicht viel, aber das Wichtigste sagte sie bedauerlicherweise: Den Paß. Sie wunderte sich sehr, als ich ihr erklärte, daß ich meinen Paß in München im Hotel vergessen hätte und nur einen kleinen Ausflug machte. Wozu brauchte man da den Paß.

»Aber nein, mein Herr, ohne Paß dürfen Sie jetzt nirgendwo sein. Ich muß das melden.«

»Na gut, dann melden wir das morgen früh.« »Morgen früh? Das ist zu spät.«

»Jetzt? In der Nacht?« »Ja, jetzt in der Nacht. Ich muß. Was wäre, wenn eine Kontrolle käme.«

Ich widersetzte mich. Sie wiederholte immer wieder: Nein, nein, ich muß. Sie war von der Vorstellung, daß sie in dieser Zeit gegen Vorschriften verstoßen könnte, völlig verschreckt. Ich versuchte es anders. Ich sagte, daß der Ausflug sowieso mißlungen sei und daß ich also lieber gleich nach München zurückkehren sollte. Sie war schockiert und plötzlich bis zu Tränen verstört.

»Nein, das können Sie nicht machen, mein Herr. Gehen Sie nicht weg, ich habe mich so gefreut, daß Sie gekommen sind. Ich wollte es kaum glauben. Sie sind in diesem Jahr mein erster Gast, mein Herr. In diesem Jahr war bisher noch niemand hier. Früher hatten wir zum Sommer hier immer zwei Familien, und sonntags war es so voll, sie haben sogar auf dem Heuboden geschlafen. Es war immer fröhlich. Noch im vergangenen Jahr war hier eine Familie zum Sommerurlaub – jetzt kommt niemand mehr. Es kommt überhaupt niemand mehr. Es ist Sommer und S. ist wie ausgestorben. Auch am Sonntag. Im Schloßrestaurant hat man früher an Sonntagen vierzig bis fünfzig Hektoliter Bier ausgeschenkt. Heute wirft man einen Zehner, Kopf oder Zahl, ob sie zum Sonntag ein oder zwei Faß bestellen sollen …«

Die Paßangelegenheit war vergessen. Sie begann, vom ehemaligen Ruhm des Ausflugsortes S. zu erzählen, von dem Ruhm, der im Glanz des »neuen Deutschland« vergangen war. Sie sprach nicht über Hitler, über das Regime, aber schließlich begann sie über die Not, die kommen wird, zu weinen. (…)

Julius Fucik: Eine Reise nach München, Juli 1934. Deutsche Erstveröffentlichung einer wiederentdeckten Reportage. Übersetzung von Helga Katzschmann, Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund 2013, 64 Seiten, 10 Euro

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