3. März 2014

Eine Wiedergutmachung

Politischer Publizist und radikaler Demokrat: Carl von Ossietzky (1889–1938)

Werner Boldt hat eine Biographie über Carl von Ossietzky geschrieben

Olaf Wiggenbunt

Schauspielern gleich haben es Publizisten bei der Nachwelt schwer, politische besonders. Ihre literarische Hinterlassenschaft gilt der Geschichtsforschung als keine verläßliche historische Quelle, und der Literaturforschung zählt sie wenig im Vergleich zur bevorzugten »Dichtung«. Dabei weist auch Deutschland, um nur einmal in die Vergangenheit zurückzublicken, Publizisten von Rang auf: im 18. Jahrhundert Johann Jakob Moser (1701–1785), seit 1720 (!) Professor der Rechte. Weil er es wagte, die württembergischen Stände gegen die absolutistischen Ansprüche des Herzogs zu verteidigen, verhaftete dieser ihn und sperrte ihn fünf harte Jahre auf dem Hohentwiel in den Kerker. Im 19. Jahrhundert Ludwig Börne (1786–1837), der wegen seiner jüdischen Herkunft schwere Benachteiligungen erfuhr und schließlich ins französische Exil auswich. Im 20. Jahrhundert Carl von Ossietzky (1889–1938), auch er ein Opfer krimineller Machenschaften herrschender Autoritäten in Deutschland. Da ihrer aller Werk zeitgebunden ist, gibt ein späteres Lesepublikum ihre Schriften leicht verloren, »weil sie ihr Leben verloren haben«, schreibt Werner Boldt in seinem 2013 erschienenen voluminösen Bericht: »Carl von Ossietzky. Vorkämpfer der Demokratie«. Wie Ossietzky ein Ausnahmeautor war, ist der Bericht über ihn eine Ausnahmetat. Dabei beabsichtigte Boldt keine Darstellung, die man den großen Biographien der letzten Jahrzehnte zur Seite stellen müßte, etwa Ernst Engelbergs »Bismarck« (zuerst 1985). Sein Bestreben ist es, daß der Leser sich kritisch mit Ossietzkys Urteilen auseinandersetze; »sie gewinnen für ihn Leben, insofern er vergangenes Geschehen nacherlebt«. Das geschriebene Wort sei »nicht flüchtig wie das gesprochene des Schauspielers«, und »Ossietzky läßt nicht allein durch das, was er geschrieben hat, eine Zeit lebendig werden, sondern auch dadurch, wie er geschrieben hat.« So entschloß sich Boldt, um auch dem literarischen Rang seines Autors gerecht zu werden, »statt des Gedankengerippes einer Interpretation literarische Kunst zu bieten, Lesefrüchte zum bloßen Genuß«. Er schuf eine instruktive Monographie mit zwei Grundzügen: Durch umfangreiches Zitatenmaterial nähert sie sich einer literarischen Anthologie, durch kenntnisreiche Darstellung der Lebensgeschichte Ossietzkys und der Geschichte seiner Zeit entstand ein herausragendes historiographisches Buch.

Es ist drittens eine Tat der Wiedergutmachung. Ossietzky war Friedenskämpfer und der Frieden »der vornehmste Maßstab, an dem er Politik mißt«. (Er bekam 1936 den Friedensnobelpreis für 1935.) Den Pazifisten, ihn wie nur wenige andere, haßte die deutsche Kriegspartei, zu deren Heerbann die Faschisten zählten. Einer von ihnen, Wilhelm Stapel, der ankündigte, nach der Machtübertragung würden die Seinigen sogleich einige ihrer prominentesten Gegner, darunter den Weltbühnen-Autor Kurt Hiller, erschießen lassen, schrieb: »Die jüdischen Literaten in Deutschland und die deutschen Literaten dritten und vierten Ranges, die ihnen hörig waren, darunter Herr von Ossietzky, verbreiteten einen sentimentalen, defaitistischen, schamlosen Pazifismus.« Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die akademische Gelehrsamkeit der Bundesrepublik und die bürgerliche Journalistik weit davon entfernt, den Pazifisten und Demokraten alsbald zu rehabilitieren. In gewisser Weise schrieben sie die Verfolgungsgeschichte ungeniert fort, indem sie ihn und seine Autoren, pauschal auch die Zeitschrift Weltbühne anklagten, mit zersetzender Kritik zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen zu haben (Kurt Sontheimer, Rudolf Augstein u.a.). Die Wahrheit ist, so Boldt, daß von Zersetzen, übermäßigem Niederreißen, totaler Destruktivität keine Rede sein kann, sondern daß Ossietzky und seine Kollegen ihre Aufgabe als »aufklärend« verstanden. Allerdings die Stimmen derer, die sich für Ossietzky und die Zeitschrift erhoben, bewirkten lange Zeit kein allgemeineres Umdenken (Bruno Frei, Uri Avnery u.a.); und selbst die Oldenburger Gesamtausgabe von Ossietzkys Schriften, herausgegeben von Werner Boldt und seinen Mitstreitern (1994), sorgte nicht gleich schon für »Furore in der Wissenschaft«.

Der Aufbau der Darstellung ist plausibel. Zwei komplexen Abschnitten, »Republik ohne Republikaner« und »Die Weltbühne: ›… geleitet von Carl von Ossietzky‹«, mit insgesamt reichlich zwei Dritteln des Textes, sind umgeben von vier kürzeren Abschnitten: Kaiserreich, Krieg und Revolution, Anfänge der Republik, Gefangenschaft. Für das didaktische Geschick des Hochschullehrers Boldt zeugt die Gestaltung der einzelnen Abschnitte. Der Schilderung (bloß nicht im letzten Abschnitt) folgt jeweils eine vertiefende Partie von Einzelanalysen, in der Terminologie des Verfassers: »Themenfelder«, unter Überschriften wie »Militarismus«, »Die demokratische Republik«, »Arbeiterparteien«, »Faschismus«. In Anbetracht der Zäsuren der Ära unterteilt Boldt zudem noch Ossietzkys letzte 20 Jahre, die Jahre seiner bedeutendsten Wirksamkeit, wiederum in drei Phasen: eine erste, durch die Novemberrevolution gegebene, die in Ossietzkys Sicht »ausreichende Voraussetzung war, die Gesellschaft zu demokratisieren«, was jedoch unterblieb. In der zweiten, »gemeinhin als Stabilisierung der Republik bezeichnet«, dominierte in seiner Gedankenwelt die »Idee« eines »Linksblocks«, der hätte imstande sein sollen, die Demokratie »gegen die politische Rechte, die ›Reaktion‹ und die bürgerliche Mitte« zu verteidigen. »In der dritten Phase ging es nur noch um die Verteidigung der Verfassung gegen eine Regierung, die mit der Etablierung eines Notverordnungsregimes zum offenen Angriff überging.« (Wohlgemerkt: gegen die Demokratie.)

Aus Boldts Buch erhält das heutige Publikum auch überraschende einzelne Aufschlüsse. So erfährt es, daß Ossietzky bereits 1930 die Gleichsetzung von Rot und Braun (die Totalitarismustheorie) als das »neue sozialdemokratische Dogma« erkannte. Zugleich war Ossietzky, etwa in seinem furiosen Ankämpfen gegen den Faschismus, der Produzent griffiger Formeln, z. B.: »Hitler ist und bleibt der Condottiere des Industriekapitals.« Nicht jede Formel wird völlig stimmen, kritisiert Boldt, wie er überhaupt seine historiographische Tätigkeit dem Postulat sachlicher Kritik unterordnet.

Boldts Ossietzky-Buch ist eine bedeutende wissenschaftliche Leistung und viel reichhaltiger, als eine Besprechung wie diese es andeuten kann. Und weil der Autor selber angibt, »von glättenden Zusammenfassungen« nichts zu halten, sei der hier vorliegenden ein Ende gemacht, indem der Rezensent nur noch zwei Wörter hinzufügt: »Nehmt! Lest!«

Werner Boldt: Carl von Ossietzky - Vorkämpfer der Demokratie. Verlag Ossietzky, Hannover 2013, 820 Seiten, 34 Euro * Bezug über www.ossietzky.net

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