7. November 2012

Einheitlich, illusionslos, zäh

Neben dem »Möchtegern-Hitler« General Lawr Kornilow (Foto aus dem Juli 1917) mußten sich die Bolschewiki gegen Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Kadetten und einige Phantasten durchsetzen - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 95 Jahren begann die sozialistische Oktoberrevolution. Teil I: Wie man den Besitzenden die Geschichte wegnimmt

Dietmar Dath

Der bekannte Autor und Journalist Dietmar Dath war am 2. November, im Vorfeld des 95. Jahrestags der Oktoberrevolution, Gast der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin (ARAB), der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) und von junge Welt. jW dokumentiert die schriftliche Fassung des in ihrer Ladengalerie gehaltenen Vortrags, ergänzt um alle Überschriften. Ein Video von der Veranstaltung ist auf arab.blogsport.de zu sehen.

Seit etwa einem Vierteljahrhundert fallen die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus sich in Massenmedien von weltumgreifender Reichweite alle fünf Minuten mit der immergleichen Behauptung selbst ins Wort, es passiere soeben etwas noch nie Dagewesenes, historisch Beispielloses, atemberaubend Bedeutsames.

Als eine sozialistische Staatenwelt zusammenbrach, die jene Leute zuvor Tag und Nacht mit den Regierungen Hitlers und Mussolinis verglichen hatten, ohne daß sich bei diesem Zusammenbruch Verheerungen ereignet hätten, wie sie nötig gewesen waren, um besagte Killerregierungen zu beseitigen, nannten die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus das eine friedliche Revolution. In Wirklichkeit war es die lärmend rituelle Aufrichtung von Prunk- und Einschüchterungsstandbildern der Raub- und Quälgottheiten des Imperialismus in einer Weltregion, wo diese Fetische zuvor rund zwei Menschenalter lang nichts zu bestellen gehabt hatten.

Als das erledigt war, fanden die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus in ihrem Kaffeesatz staunend eine neue Form des Mehrwertdiebstahls, die sie »New Economy« tauften und von der sie behaupteten, darin läge nun endlich der von Alchemisten und Idioten aller Volkswirtschaftsschulen seit Beginn der Neuzeit gesuchte Keim eines ununterbrochenen ökonomischen Kennziffernwachstums ohne die lästig notorischen Krisen und Wertvernichtungsexzesse des bisherigen Kapitalismus.

Zur selben Zeit erschauten sie in ihren Kristallkugeln eine Form des Waffenganges, die allein um der lieben Menschenrechte willen mit weltraumgestützten Raketenangriffen, Clusterbomben, Uranmunition, halb unsichtbaren Mordkommandos, Besatzerwillkür und vermischten Abscheulichkeiten in armen Regionen jene nationalstaatliche Souveränität eilends einkassieren sollte, die den betreffenden Regionen am angeblichen Ende des Kolonialismus von den Zeitgeschichtsschreibern, Nachrichtenmeldern und Clowns des Imperialismus als das allerhöchste politische Gut auf der Welt anempfohlen worden war.

Sobald auch diese Schweinerei gefrühstückt war, entdeckten die Nimmermüden eine bis dahin offenbar unbekannte Form des asymmetrischen Krieges, die sie »internationalen Terrorismus« nannten und die ihnen die Rechtsgrundlage und den Befehlsnotstand dafür schuf, einige schon vor dem verblüffenden Erscheinen des besagten Kastenteufels aus dem Nichts am 11. September 2001 begonnene Anstrengungen in Sachen menschenverbrennender, wertzertrümmernder Weltordnungsarbeit mit vermehrter Emphase beim Wahrsagen, Melden und Witzemachen zu begleiten.

Dann kam eine Hypothekenkrise, aus der wurde eine Kreditkrise, auf die folgte eine Bankenkrise, diese führte zu einer Schuldenkrise, der bald darauf eine Währungskrise entsprang; »so it goes« (Kurt Vonnegut).

Noch nie dagewesen, historisch beispiellos und atemberaubend bedeutsam war dies alles nicht – gerade so wenig wie das »Neue Denken« Michail Gorbatschows, eine Wortschöpfung, mit der gemeint gewesen war, daß man sich als sowjetische Führung im Außenpolitischen, also auf Grenada und in Libyen – doch, Libyen, tatsächlich, damals schon, Mitte der achtziger Jahre –, jede neokoloniale Unverschämtheit des Reagan-Regimes gefallen lassen wollte, ohne wenigstens ein paar gereizte Kubakrisengeräusche von sich zu geben, und im Innenpolitischen dazu auf ein paar Einrichtungen zu verzichten sich anschickte, derentwegen der ganze außenpolitische Hader mit dem Imperialismus 70 Jahre früher überhaupt erst losgegangen war.

In Moskau hatte man keine Lust mehr, belagert, bedrängt, atomar bedroht und dann noch als Hitler, Mussolini, Iwan der Schreckliche, ­George Orwells wahrgewordener Fiebertraum und überhaupt Inbegriff menschlicher Sündhaftigkeit verbellt zu werden. In gewisser Weise waren Gorbatschows Erfindungen der weichen Sozialdemokratie und des Appeasement als Schlupfloch aus dem Würgegriff von Belagerung, Bedrängung, Bedrohung und Verbellung der Sowjetunion und der übrigen Staaten des Vertrags von Warschau business as usual, so ist das eben bei Schlußverkaufsphasen, und die Abwicklung, die auf diese grandiosen Erfindungen folgte, ließ sich aus dem Gerede schon herauslesen.

Noch nie dagewesen, historisch beispiellos und atemberaubend bedeutsam war das mithin so wenig wie die alberne New Economy (ein ganz normaler Schwindel), der gesetzlose War on Terror und die grausame und widerwärtige Scheiße, die darauf folgte und die uns kurz- wie mittelfristig noch bevorsteht. Bei alledem handelte und handelt es sich vielmehr um das seit ein paar Jahrhunderten wohlvertraute Wüten des »automatischen Subjekts« (Marx), das heißt des Kapitals, das vor grob 100 Jahren ins Stadium des Imperialismus eintrat.

Unermüdliche Kader

Ein noch nie dagewesenes, historisch beispielloses und atemberaubend bedeutsames Ereignis war dagegen die Oktoberrevolution im Rußland des Jahres 1917. Soldaten hatten sich gegen ihre Offiziere erhoben, weil sie nicht mehr für die Besitzenden in deren Weltkrieg töten und sterben wollten. Arbeiter in den Städten hatten sich gegen die Fabrikherren und ihre Polizei erhoben, weil sie nicht mehr für die Besitzenden schuften und darben wollten. Sogar Bauern, wenn auch zögerlich und konfus, weil schlechter organisiert als die Soldaten durch die Truppe und die Arbeiter durch die Industrie, hatten sich gegen ihre Landbesitzer und deren Büttel erhoben, weil sie nicht mehr für die Besitzenden säen, ernten und zwischendurch malerisch am Hunger zugrunde gehen wollten.

Reiche wie harte politische Erfahrungen seit einer ersten Aufstandswelle im Jahr 1905 und die unermüdliche Tätigkeit revolutionärer Kader hatten besonders in den Städten eine illusionslose, zähe und unversöhnliche Generation von unzufriedenen Produzenten des russischen Reichtums erzogen, deren mangelnde Bereitschaft, den Burg-, nämlich Klassenfrieden mit ihren Ausbeutern und Unterdrücken zu wahren, zwischen 1912 und 1916 zur längsten explizit politischen Streikwelle in der bisherigen Geschichte der modernen Arbeit geführt hatte – am Vorabend, wohlgemerkt, eines Weltkrieges und während er dann wütete.

Die Produzenten des russischen Reichtums organisierten schon 1905 eigene Komitees und Räte, die sogenannten Sowjets, und machten sich damit an eine neue praktische Antwort auf die seit der Antike nicht nur Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns beschäftigende Frage, ob und wie ein Gemeinwesen sich selbst verwalten, eine Menschengruppe sich selbst regieren könne.

Bei diesen Umtrieben wurden sie indirekt (und alles andere als willentlich) unterstützt von ihren bourgeoisen Feinden und der zaristischen Geheimpolizei. Denn da diese beiden Bedrücker­gruppen das später im Faschismus perfektionierte Verfahren »man greife sich die wachsten, klügsten, mutigsten Leute, verhafte, quäle und töte sie, dann wird der Unfug schon aufhören« anwandten, so gut sie konnten, mußten sich ihre renitenten Gegner nicht nur in Gestalt besagter Komitees und Sowjets, sondern schon beim Formulieren und Durchsetzen jeder kleinsten Lohnforderung, jedes noch so bescheidenen Anspruchs auf politische Rechte, wohl oder übel das kollektive, einheitliche, nicht mehr durch Demütigung oder Vernichtung einzelner aus dem Gleis zu werfende Handeln angewöhnen.

Dieselbe schiefe Musik wie heute

In dieser harten Schule belegten die edelsten, bewunderungswürdigsten Teile der Bewegung so manches Hauptfach der menschlichen Emanzipation. So füge ich ihnen zum Beispiel Unrecht zu, wenn ich aus anerzogener Trägheit meiner Sprache von ihnen rede, als wären sie allesamt Männer gewesen, als hätte es sich bei ihrem Ringen allein um Kämpfe gehandelt, die testosterongesättigte Ernährer für ihre schutzlosen Weiber und Kinder ausgetragen hätten. Frauen in der Fabrik nämlich – und deren Anspruch auf gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit – spielten eine nicht zu vernachlässigende Rolle dabei, und jedem Versuch der Besitzenden, die aufmüpfigen Lohnabhängigen nach Lohngruppen auseinanderzutreiben, wie das heutzutage großflächig versucht wird, begegnete das revolutionäre Proletariat am Vorabend der Oktoberrevolution und bei deren Vollzug mit unnachgiebigem Beharren auf Garantien fürs menschenwürdige Auskommen aller.

Die allerverächtlichsten Arschlöcher, gegen die sie sich dabei behaupten, die sie dafür besiegen mußten, redeten übrigens damals schon in demselben verlogenen, ekelhaften Zungenschlag, der heute die Standortpredigten der Bourgeoisie und ihrer Ausgehaltenen bis tief in die rechten Sumpfbezirke der Gewerkschaftsarbeit prägt – etwa jener Moskauer Metallfabrikant und Kriegsgewinnler, der den Mindestlohnforderungen seiner Leute mit dem lächerlichen Wortmüll entgegentrat, ihr Ansinnen sei »staatsgefährdend und antidemokratisch, weil es den mit Mindestlohn versorgten Lohnabhängigen die Existenz garantiert und ihnen damit Privilegien verschafft, die andere nicht haben«.

Man reibe sich Augen und Ohren: Das ist genau der verdrehte Quatsch, den Angela Merkel griechischen Nichtbesitzenden vorheult, die auf das verzichten sollen, was ihre Vorläufer erkämpft haben, genau dieselbe schiefe Musik, mit der Hirnverwüster die Abschaffung von Flächentarifverträgen et cetera zu begleiten pflegen.

Der Unterschied zwischen damals und heute ist bloß – und man lese ihn nach, in Kevin Murphys wertvoll materialreichem Buch »Revolution and Counterrevolution – Class Struggle in a ­Moscow Metal Factory« von 2005, dem man nicht jede Wertung, jede Folgerung und jeden Begriff (eine erfolgreiche »Konterrevolution« zum Beispiel liegt nicht vor, wenn das alte Besitzverhältnis nicht wiederkommt) glauben muß: Im Rußland jener Zeit trafen solche Heucheleien auf das grimmigste Gelächter der zahlreichen, wachen, klugen, mutigen, illusionslosen, entschlossenen und zähen Menschen, unter denen die organisierte Rädelsführerschaft des Leninschen Flügels der radikalen Sozialdemokratie stetig gegen das Aufkommen von Ermüdung, Mutlosigkeit, Illusionen, Zaudern oder Sprunghaftigkeit gearbeitet hatte – bis sich die revolutionäre Situation zeigte, in der die richtige Haltung ausnahmsweise sogar die richtigen Konsequenzen hatte. Ausnahmsweise – denn die Geschichte verurteilt die meiste Zeit über selbst die richtigste Haltung zur abseitigen Schönheit des Besserwissens.

Kapital zielt auf Ruhigstellung

Auch in Rußland hatte es im Frühjahr 1917 noch danach ausgesehen. Beobachtende ausländische Profitmacher, die gewohnt waren, ihre Interessen in den zivilisierten kapitalistischen Staaten durch Kauf von Abgeordneten in republikanischen oder konstitutionell-monarchischen Parlamenten durchzusetzen, machten sich, als der Zarismus kollabierte, zunächst ein paar nicht ganz abwegige Hoffnungen darauf, daß die besagten Soldaten, Arbeiter und Bauern sich als opferbereites, hinterher mit ein paar mickrigen Trostpreisen ruhigzustellendes Fußvolk gegen das träge Mittelalter, in diesem Fall der gestürzten Autokratie, würden verheizen lassen.

Beim antikolonialen Kampf der Besitzenden einiger nordamerikanischer Gegenden wider die angestammte englische herrschende Klasse hatte das recht schön geklappt: Die armen Lumpen, von Hoffnung auf ein besseres Leben und allerlei verdienstvoller radikaler Agitation (an der Schwelle zu den USA etwa ausgehend vom großen Thomas Paine) getrieben, ließen sich, so lernten die Besitzenden, durchaus zur Erzwingung einer Generalüberholung der Verwaltung gebrauchen, damit die aufsteigende bürgerliche Klasse ein halsstarriges, altmodisch selbstherrliches Regime los wird und dafür eins installieren kann, das besser weiß, was die Stunde geschlagen hat und wo der (heute etwa geopolitische) Hammer hängt.

Auch in unseren Tagen – das Internet weiß genug davon – erfaßt die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns der aufmerksamen Weltbourgeoisie immer wieder die Hoffnung aufs reibungslose Funktionieren des Schemas – wenn etwa irgendwo im Osten oder Süden eine erbliche oder nichterbliche Diktatur wackelt, wenn irgendein vom Glück verlassener Mubarak, Assad oder Ghaddafi abgesägt werden soll – Herrscher, die auf dem Höhepunkt ihrer (verglichen mit der Weltbank freilich arg schmalen) Macht zwar Verträge mit der Weltbourgeoisie eingehen, in ihren Staaten aber ungehörigerweise hin und wieder machen wollen, was ihren höchsteigenen Dickschädeln gefällt, statt jedes Mal ihre Welthandelspartner per SMS zu fragen, wie die’s gerade gerne hätten.

In den failed states und den Zerfallsprodukten der sozialistischen Staatenwelt, im panegyrisch besungenen arabischen Frühling, in Afrika und Lateinamerika wünschen sich diejenigen, die bis heute nichts lieber tun als entweder einerseits untereinander imperialistische Verteilungskämpfe auszutragen (gern auch als leise, langwierige Stellungskriege) oder aber andererseits Koalitionen der Willigen gegen noch die allerkleinsten, absurdesten, aussichtlosesten (und häßlichsten oder irrationalsten – Stichwort: Taliban) Keime irgendeines entweder sinnvollen oder aber wahnhaften Antiimperialismus zu schmieden, am liebsten irgendeinen gemäßigten Mäßiger der jeweiligen echten oder gefingerten Revolution ans Ruder.

Gegen Kerenski und Kornilow

Im russischen Februar 1917 kam nach dem ersten Umsturzfanal, dessen wichtigster Brandherd in Petrograd stand, tatsächlich der gemäßigte Mäßiger Kerenski an die Macht; ein Mann, der nach Meinung der seinerzeitigen Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus die allerbesten Aussichten bot, Rußland mit minimalem Kostenaufwand aus einem halbmittelalterlichen Blutsumpf in einen wunderbaren neukolonialen Absatz- und Outsourcing-Park für die im Entstehen begriffene einheimische und die schon etwas reifere Weltbourgeoisie umzumodeln.

Als eine Art handzahmer Wichtel-Napoleon sollte jener Kerenski nach dem Willen der in- und ausländischen bourgeoisen Klassenkampfstrategen die soldatische, proletarische und bäuerliche Massenbewegung in staatstragende und handelsförderliche Bahnen lenken und dabei mit dem Segen der von dieser Bewegung geschaffenen Organe der politischen Willensbildung eine sogenannte »provisorische Regierung« leiten.

Zu dieser sollten sich Lenins Leute, außerdem die Menschewiki (rechte Sozialdemokraten: in der Opposition leidlich links, an der Regierung grell rechts, Schröders Ur-Opas also), Sozialrevolutionäre (ein wüstes Amalgam aus Piraten ohne Laptop, Grünen vor Rotgrün, Occupy Unibibliothek und Proto-Strasser-Bohème), konstitutionaldemokratischen Kadetten (die FDP: hartköpfige Ahnen des Ordoliberalismus, die, solange niemand die Eigentumsfrage stellte, gern ein bißchen modern daherredeten) und vermischte Irrläufer zusammenraufen.

Natürlich hätte die einheimische Bourgeoisie und ihre reichere Weltverwandtschaft auch mit einer entschieden autoritäreren Lösung der verzwickten Situation leben können, in der das Mittelalter nicht mehr ging und der Fortschritt schon nach Sozialismus roch.

Ein russischer Möchtegern-Hitler namens General Kornilow versuchte daher Mitte 1917 mit Unterstützung einiger Geld- und Großgrundteufel, die Sache rein militärisch zu erledigen. Aber die Bolschewiki, Lenins Partei, brachten fertig, was die KPD 1933 nicht hinbekam, nämlich die taktische Unterstützung der von ihr mit Recht wenig geliebten Regierung durch Mobilisierung der Massen gegen den Putschisten. Der wurde zurückgeschlagen, ohne daß die Propaganda der Bolschewiki es je nötig gehabt hätte, das Zaudern und Schwanken, die zutiefst zweideutige Haltung der Kerenski-Bande gegen den General, der ihnen die Bürde der Neueinrichtung des Saustalls zum Wohl der Schweinezüchter hatte abnehmen wollen, zu verschweigen. »Die provisorische Regierung ist Mist und wird die an sie gerichteten Erwartungen der Mehrheit der Menschen enttäuschen«, sagten die Bolschewiki unumwunden, »aber sie ist der bessere Mist, verglichen mit dem drohenden Horror in Uniform«.

Als Lenin aus dem Exil zurückkehrte, hatte die Kerenski-Bande nicht nur aufgrund des Kontrasts, den ihr Treiben in der Kornilow-Klemme gegenüber der bolschewistischen Eindeutigkeit abgab, sondern auch aufgrund der Widersprüchlichkeit ihres grundsätzlichen Umgestaltungsprogramms – sie sollte und wollte Rußland den autokratischen Pelz waschen, ohne die herrschenden Klassen naß zu machen – bereits eine hübsche Menge Kredit verspielt.

Die Bolschewiki, zuerst Lenin, dann, nach schweißtreibender Überzeugungsarbeit, auch der Rest der Partei, erkannten in diesem Umstand Gelegenheit wie Pflicht, im Vorfeld des II. großen Sowjetkongresses ernsthaft über die Beseitigung des gemäßigten Mäßigers und die Erzwingung aller Forderungen – Frieden statt Weltkrieg, Brot, Landreform – der Massenbewegung mittels der Staatsmacht nachzudenken.

Daß sie aus den bei diesem Nachdenken gewonnenen Erkenntnissen die nötigen praktischen Konsequenzen zogen, verübeln ihnen die Zeitgeschichtsschreiber, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus heute noch.

Jede Nachricht, jede Meinung, die über das, was damals geschah, heute von den Besitzenden zur lückenlosen Bespielung des öffentlichen Raums ausgesandt wird, wird von dieser Übelnahme regiert. Die heute zu allen von mir hier behandelten Sachverhalten überall, auch in Moskau, wo man ihr jetzt die Archive öffnet, tonangebende Sowjetologie des Westens wurde übrigens im Kalten Krieg erfunden, in den USA, beim Office of Strategic Services, der Vorläuferorganisation der CIA.

Die Bolschewiki forderten den II. Sowjetkongreß auf, alle Staatsmacht in die Hände der Sowjets zu legen. Sozialrevolutionäre, Menschewiki und sonstige Patchwork-Politikaster, die den Saal verließen, um mit ein paar Kadetten und Industriefunktionären ein »Komitee für öffentliche Sicherheit« zu bilden, das den Spuk beenden sollte, waren so eindeutig Joschka Fischers Ahnen, daß ich mich vor linken Leserinnen und Lesern nicht lange bei ihnen aufhalten muß – so wenig, wie dies die Bolschewiki taten, die statt dessen mit Hilfe revolutionärer Matrosen den bewaffneten Aufstand ausriefen, Brücken, Telefon und Telegrafie, Funk, Bahnhöfe, Elektrizitätswerk und dergleichen in Petrograd eroberten und das Winterpalais stürmten, den Sitz der provisorischen Regierung – und damit am 25. Oktober (oder nach gregorianischer Zeitrechnung: am 7. November) 1917 etwas nie Dagewesenes, historisch Beispielloses, atemberaubend Bedeutsames vollbrachten: die erdballweit spürbare Störung des Betriebsablaufs der Besitzenden durch Menschen, die genug davon hatten, Objekte statt Subjekte der Geschichte zu sein.

Dietmar Dath ist Autor zahlreicher Romane, Erzählungen, Essays und Sachbücher. Einige davon sind im jW-Shop erhältlich

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2012/11-07/057.php

Planvoll, diszipliniert, selbstverbessernd

Vor 95 Jahren begann die sozialistische Oktoberrevolution. Teil II (und Schluß): Ein Anfang, der nach Folgen ruft

Dietmar Dath

Auf eine Bewerbung des flüchtigen Osama Bin Laden als Sonderbotschafter fürs Kinderhilfswerk UNICEF hätte die bürgerliche Weltöffentlichkeit vor drei Jahren nicht bestürzter reagieren können als 1917 auf die neue russische Regierung nach der Oktoberrevolution. Zu ihr gehörten Leute wie Lenin (nichts als »ein ausgewanderter Jurist«, so 2006 der noble Staatsmann George W. Bush) oder die Sexualreformerin Alexandra Kollontai – deren Präsenz im Gremium ein US-amerikanischer Beobachter damals, ebenso wie diejenige Lenins, schlankweg »ekelhaft« fand.

In kürzester Zeit erließ diese Regierung Dekrete über Friedensverhandlungsangebote (ohne Platz für Annexionen und Siegertribute), die Aufhebung des Großgrundbesitzes und die Rekrutierung von nicht den bislang herrschenden Klassen oder ihren Auxilia angehörenden Personenkreisen für Verwaltungs- und Regierungsaufgaben.

Daß man sogar den zähen Widerstand der Finanzwirtschaft, also einen Streik im Banken- und Kreditwesen – begonnen zu dem einzigen Zweck, der Revolution den Geldhahn abzudrehen und sie damit trockenzulegen –, innerhalb etwa eines Jahres zu brechen verstand, und daß der Versuch der kapitalistischen Umzingelung, den Außenhandel des neuen Staates mit Gold und anderen Reichtümern, der dringend benötigte Mittel flüssig machen sollte, zu unterbinden, innerhalb von zwei Jahren scheiterte, bringt noch 2009 einen sonst eher entspannten Antikommunisten wie den Wirtschaftsprofessor Sean McMeekin zum Schäumen. (Sein Buch »History’s Greatest ­Heist: The Looting of Russia by the Bolsheviks« ist, wenn man den Schaum der McMeekinschen Wut abwischt, ein für Freundinnen und Freunde der Revolution äußerst lehrreich zu lesender Bericht über das revolutionäre Improvisationstalent der Oktoberleute.)

Neben Kleinigkeiten wie der Niederwerfung von pro-slavery rebellions wie des besagten Bankenstreiks in der Stadt und konterrevolutionären Marodeuren auf dem Land unternahmen die Bolschewiki umgehend gewaltige, dem von formell bereits gewonnenen, aber sehr schwer zu kontrollierenden riesigen Flächenstaat angemessene Anstrengungen zur Alphabetisierung, Elektrifizierung und Industrialisierung. Was man heute die internationale Staatengemeinschaft nennt, erwies sich dabei als wenig hilfreich – man schickte lieber englische, US-amerikanische, japanische, deutsche, französische, österreichisch-ungarische und deutsche Interventen vorbei, damit sie der Revolution, etwa durch Zerstörung von Verkehrswegen und daran geknüpfte Auslösung von Hungersnöten, anschaulich erklärten, daß von ihr erwartet wurde, sich schnellstmöglich wieder zu verziehen.

Auf der Seite der naturwüchsigen, ererbten, ungeplanten, zwangsförmigen Weltordnung, die von der Oktoberrevolution unterbrochen – ja: nach der allzu optimistischen Deutung einiger Beteiligter bereits tödlich getroffen – war, mischte sich dabei derselbe Menschenschlag ein, auf den die Besitzenden sich auch sonst verlassen können – sogenannte Weiße Truppen, Klerikale, Nationalisten, Gangster: Stellvertretend für sie alle sei nur der Kosaken-Warlord und enthusiastische Kommunistenkiller Pjotr Krasnow genannt, Lichtgestalt der rechten Sozialrevolutionäre, der sich, als es ihm nicht gelang, die Regierung des Oktober zu zerschlagen, immerhin so weit treu blieb, daß er seine Freundschaft und Dienste später auch Hitlers Wehrmachtsgenerälen antrug, als jene die Sowjetunion überfielen. Billig war die Überwindung dieser Sorte Gegnerschaft nicht. Schön noch weniger.

Der krittelnde Intellektuelle

Daß der neue Staat darüber hinaus zuvor gefesselte menschliche Energien für die oben angedeuteten titanischen Zivilisationsleistungen freisetzen konnte, grenzt für Leute, die im Erfahrungshorizont des historischen Normalfalls von Ausbeutung und Unterdrückung befangen sind, an ein Wunder – an das sie folglich, weil sie sich zumeist für aufgeklärter halten, als sie sind, nicht glauben können.

Es war, sagen sie dann gern, eben alles fauler Zauber, oder doch das Ergebnis nicht von beispielloser Massenmotivation zur Selbstverbesserung des öffentlichen Lebens, sondern von reiner Peitschen-, Knuten- und Karabinerbrutalität der Bolschewiki. Gewisse enttäuschte Lenin-Gläubige grämen sich beispielsweise häufig, der ganze Rote Oktober samt unmittelbaren und erweiterten Resultaten sei nichts als eine »nachholende Modernisierung« gewesen: Ein Übergang aus der Halbfeudalität ins (erst nach Gorbatschow voll realisierte) Kapitalverhältnis.

Solche Ideen kamen im Westblock auf, als gewisse K-Gruppen-Kader der reichen kapitalistischen Staaten ab etwa 1970 erkennen mußten, daß aus ihrem Traum nichts werden würde, etwas akademischer Rabatz und ein paar schöne Streiks in den Metropolen sowie die eine oder andere, meist eher bürgerliche befreiungsnationalistische Bewegung in den Peripherien könnten endlich zur nächsten Etappe der sozialistischen Weltrevolution führen.

Auch wenn wir uns noch so materialistisch aufplustern: Wir Intellektuellen glauben ja leider immer gern – das ist ein Berufsschaden, gegen den wir lebenslang kämpfen müssen, wenn er unser bißchen Verstand nicht ratzeputz verschlingen soll –, eine schöne, gute und im allerbesten Fall auch noch wahre Idee sei bereits genug für den Sieg.

Wenn uns dann ein Bauernagitator wie Mao Tsetung beim Versuch, solchen Blödsinn abzustellen, etwas von Gewehrläufen erzählt, staunen wir ihn so lange als linken Buddha an, bis auch seine Revolution sich weigert, ohne entsprechende revolutionäre Situation und eine gut vorbereitete rebellische Infrastruktur, also einfach aus sachlicher Bonität und ästhetischer Triftigkeit, auf unsere beschissenen kapitalistischen Heimatstaaten überzugreifen.

Bleibt dieses Mirakel aus, so fühlen wir uns von ihm, wie zuvor, siehe oben, schon von Lenin, bitterlich verraten und finden sofort heraus, daß er nichts als ein Massenmörder, Sklaventreiber und gemeingefährlicher Irrer war – denn furchtbar ist die symbolische Rache der Unerlösten.

Die fromme These, daß eine Modernisierung, sprich die Hebung einer supermassiven, schon vor dem Weltkrieg rückständigen, durch diesen ausgebluteten und von Bürgerkrieg und Invasion löchrig geschossenen Volkswirtschaft auf ein im hochkapitalistischen Weltmarktmaßstab konkurrenz- und damit selbstbehauptungsfähiges Niveau hübscher hätte aussehen können (oder gar müssen) als die im Zeichen des Roten Oktober in Angriff genommene, wollen wir Bürgerkinder nie bestritten sehen. Den Friedliebenden unter uns fällt dann der granitharte sogenannte Kriegskommunismus auf die Seelen, die Wertkritischen finden Lenins Neue Ökonomische Politik mies, weil sie Kompromisse mit der Raffgier machte, die Antiautoritären schließlich verklagen die Tscheka, gedenken der Kronstädter Matrosen und lesen die Schriften der Straflagerüberlebenden.

taz-Quatsch über Revolution

Sie haben alle aber, man vergesse das nie, nur dann recht mit ihren Einwänden, wenn man ans politische Leben Maßstäbe anlegt, für deren Geltendmachung in der Wirklichkeit – statt Fixierung in klugen Texten – seit 1789 nie und nirgends mehr gewagt und erreicht wurde als eben in der Oktoberrevolution. Man kann sich gegen diese Revolution von links überhaupt nur billig im Recht fühlen, weil aus den grausigen, kostspieligen Anfängen der damals neuen Art, zu wirtschaften und zu leben, kein stabiles System wurde – anders als, nach langem Hin und Her und brachialen Zwischenspielen vom Bonapartismus bis zum Faschismus, aus der bürgerlichen Revolution von 1789. Auch deren erste Schritte zur politischen Durchsetzung ihrer Emanzipationsideen waren garstig, von der Guillotine, der Ersäufung der rechten Bauernaufstände der Vendée im Blut und ähnlichem entstellt.

Wer der Oktoberrevolution vorwirft, daß sie das herrschaftsfähige Industrieproletariat, auf das sich eine sozialistische Revolution stützen mußte, in der nötigen Menge oft überhaupt erst hat schaffen müssen, und ihr übel ankreidet, wie es dabei zuging, denkt fromm – aber unhistorisch.

Die Entstehung des Proletariats war im Westen und Norden auch ganz ohne Tscheka kein Spaß – eine Beobachtung, die gerade die Entstehung der Arbeiterbewegung und ihrer Theorie, des Marxismus, wesentlich geprägt hat. Hinter dem sehr engen kapitalistischen Gegenwartshorizont sind Bücher wie »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« von Engels in genau dem Augenblick verschwunden, da die Lage der arbeitenden Klasse im Postsozialismus, namentlich im heutigen Rußland, jener von Engels geschilderten alten englischen wieder arg zu ähneln beginnt. Nun ja, Geschichte, damit hält sich das Kapital ungern auf – »History is bunk« (Geschichte ist Quatsch), wie der große Autofabrikant und Hitler-Anreger Henry Ford festzustellen liebte.

In der milieulinken tageszeitung, wo denn sonst, denkt und schreibt stellvertretend für ungezählte Millionen ähnlich origineller Köpfe ein Mann, der mir und den meinen bei Gelegenheit vorgeworfen hat, unsere ja eher banale Überlegung, daß die Handelnden der Oktoberrevolution von Anfang an in einer Situation standen, wo sie nur entweder häßlich siegen oder häßlich verlieren konnten (und dann trotzdem etwas drittes vollbrachten: Überleben, mit großen Blutflecken), sei eine Apologie des Terrors.

Lenin und Robespierre (doch, auch der kriegt was ab, weil man heute in Joschka Fischers Milieu offenbar sogar schon wieder gegen die bürgerliche Revolution geifern darf, denn was die taz eigentlich will, ist, so scheint’s, ein Ständestaat mit Adel, Klerus und Königin Claudia Roth I. an der Spitze) hätten sich nämlich schon vor jeder Konterrevolution Gedanken über den Terror als Herrschaftsmittel gemacht, und dies beweise, daß es ihnen um nichts anderes ging als eben Terror.

In der Tat: Wo hätte man auch jemals vor den beiden großen Revolutionen, der französischen und der russischen, davon gehört, daß es Herrschaft gibt? Und wo wäre diese jemals brutal gewesen? Und wo hätte je die Notwendigkeit bedacht werden müssen, abzusetzende Herrschaft an der Gegenwehr, abgesetzte Herrschaft an der Rückkehr zu hindern? Vor Robespierre und Lenin waren die jeweiligen Gemeinwesen ja bekanntlich lustige Kitas, und wenn doch mal eine Regierung abtrat, dann aus Schläfrigkeit, mit Lächeln und Achselzucken.

Man hört und liest Quatsch auf diesem Niveau jetzt überall andauernd – je schneller der Imperialismus seine Knochenpuppen über den Erdball tanzen läßt, desto schlimmer waren und sind seiner Propaganda alle, die dem Grauen der Normalgeschichte je etwas anderes entgegensetzten als ein paar schöne pathetische Worte: schlimmer Lenin, schlimmer Trotzki, schlimmer Stalin, schlimmer Mao, schlimmer Ulbricht, schlimmer Castro, schlimmer Ho Chi Minh, schlimmer Baader, schlimme Meinhof, schlimmer Lafontaine (und selbst Gandhi, enthüllen neueste Archivaushebungen der Hetze, war ein schwuler Egomane, Tyrann im Privaten und Politischen und überhaupt eine Art ausgemergelter Saddam Hussein ante datum, denn soweit kommt’s noch, daß die Zeitgeschichtsweisen, Nachrichtenmelder und Clowns des Imperialismus an irgendjemandem, den nicht das State Department oder das großwestdeutsche Außenministerium zum Hoffnungsträger erkoren haben, irgendein gutes Haar lassen).

Ökonomie, bloß gedacht

Wenn ich mich vor dem Roten Oktober verneige, will ich die katastrophalen Startbedingungen jenes rühmlichen Versuchs, aus dem Albtraum der Geschichte zu erwachen, nicht wiederhaben, und also auch nicht die Mittel, mit denen sich jener Versuch über diese Bedingungen erheben konnte.

Aber fragen mag ich doch, ob die Gründung eines nicht zu übersehenden staatsförmigen Ärgernisses für den Imperialismus, eines Ärgernisses, das sich tatsächlich rund 70 Jahre gegen den Lauf der Dinge seit der frühen Neuzeit hat halten können, wirklich nur der Dämonie einiger Verschwörer um den offenbar mit magischen Kräften und einer ans Transzendentale grenzenden Lust auf Leichenberge gestraften Wladimir Uljanow geschuldet war – und nicht doch auch der Wahrheit einer Auffassung vom Sozialen, die nicht einsehen will, daß der Austritt der Menschheit aus der Naturnot ihr angeblich gebieten soll, die aus der Unvollkommenheit der bürgerlichen Frühphase dieses Austritts folgenden gesellschaftlichen Mängel als zweite, menschengemachte Naturnot bis zur Unbewohnbarkeit des Planeten weiter zu ertragen.

Gerade in den Details der von idealistischen Antiautoritären so verachteten »nachholenden Modernisierung« im Gefolge der Oktoberrevolution, wenn man sie denn richtig zu lesen versteht, stecken Antworten: Lenins Bonmot »Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung« wurde nicht in den luftleeren Raum gepfiffen, sondern flankierte wichtige praktische Realitäten – etwa die im damals noch von der Konkurrenz des breit gestreuten Kapitalbesitzes beherrschten Kapitalismus undenkbaren Vereinfachungsspielräume in fortschrittlichen Produktionszweigen: einheitliche Produktion von Turbogeneratoren oder Traktoren, Massenerzeugung von lebensverbessernden Gütern bis hinein in die Kultursphäre. Es bestand ein wertvolles politisches Interesse am Stand der Produktivkräfte.

Das heißt nicht, daß zentral koordiniertes Produzieren der Stein der Weisen ist – im Gegenteil, es kann nur Notbehelf sein, wo die Transport- und Kommunikationsmittel für ein modulares Produzieren noch nicht weit genug entwickelt sind, und man anders als über Zentraldirektiven die davon erzwungenen Abwärmeverluste nicht minimieren kann. Wenn Intellektuelle den zentralen Plan (statt, wie heute möglich, den modularen, demokratischen) empfehlen, oder sich umgekehrt für Ludwig Erhard erwärmen, machen sie immer wieder denselben Fehler: Sie tun so, als wären das alles nichts als Ideen statt materielle Optionen für ein Wirtschaften nach Kriterien, die jeweils von gesellschaftlicher Macht festgelegt werden und dann eben entweder Profit unterm Tauschwert oder Bedürfnisbefriedigung unterm Gebrauchswert festschreiben, geeicht an einer jeweiligen historischen Situation.

»Ich will den Kriegskommunismus« heißt: Ich will die Lage und die Programme der Regierung in Rußland nach dem Ersten Weltkrieg. »Ich will Ludwig Erhard« heißt: Ich will die Lage und die Programme der Regierung in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Liebe Sahra Wagenknecht: Hübsche Idee, den Erhard auf links zu krempeln, aber ich will weder den Ersten noch den Zweiten Weltkrieg wiederhaben. Die waren nicht angenehm.

Roter Oktober wirkt

1917 war Kommandozeit, war Gehorsamszeit, verfluchte Zeit also, und doch auch die Zeit neuer Freiheit. Man freut sich im Rückblick, daß die Revolution wehrhaft genug war, diese Freiheit zu erringen und zu verteidigen, aber man kann dabei auch melancholisch werden: Was hat es, auf längere Sicht, gebracht, daß sie’s war und nicht in Schönheit gestorben ist?

Rote Atombomben, KGB, Mauer: Haben die Feinde nicht trotzdem gesiegt? Nicht sogar deswegen? Man muß, um das zu bejahen, mindestens den Vorwurf der Rosa Luxemburg, die keine Leninistin war, an die westliche Linke vergessen, jene habe sich als ein Haufen »niederträchtiger Hasenfüße« erwiesen, statt das Signal der Russen aufzunehmen und in den reichen kapitalistischen Staaten die nötige, richtige, menschenwürdige Ordnung zu schaffen.

Gewiß: Die Russen hätten, als die Hilfe aus dem Westen, der Umsturz in Deutschland, Frankreich, England nicht kam, ihre Revolution aufgeben können, irgendein gemäßigter Mäßiger hätte sich gefunden. Man findet heute allerdings auch alt gewordene Antiimperialistinnen und Antiimperialisten, die niedergeschlagen sind, weil bei den antikolonialen Revolten, für die sie im Winter bei Eisregen nachts frierend mit Flugblättern vor geschlossenen Gesamtschulen gestanden sind, immer nur gemäßigte Mäßiger herauskamen (und selbst Castro sich vom Widerstand gegen die ganze Welt ein bißchen ausruht).

Alles aber, was bei diesen Revolten an eben doch besserem Leben und anständigeren Verhältnissen als im Rauballtag des Imperialismus erreicht wurde, wäre sehr viel schwerer zu erreichen gewesen ohne die (manchmal zweideutige, inkonsequente) Hilfe aus der sozialistischen Staatenwelt – und erst recht ohne die Inspiration des Roten Oktober.

Die Oktoberrevolution zwang überdies mittelbar den Imperialismus, zumindest in seinen Zentren, zeitweise annähernd human zu operieren – das vergleichsweise nette Leben für alle, die nichts zu erben hatten, war im Westen zwischen 1945 und 1992 nicht nur Ergebnis neokolonialer Extraprofite und deren Umlegung auf den sogenannten Sozialpartner sowie periodischer kriegerischer Wertvernichtung in Kriegen auf der ganzen Welt (wo Keynes, da Rüstung, und wo Kalter Krieg, da viel Rüstung), sondern Resultat auch der zähneknirschenden Selbstzügelung des Imperialismus im Kampf um Herzen und Hirne. Jetzt knirschen die Zähne nicht mehr, jetzt beißen sie wieder.

Man rede also, es muß ja sein, von den Deformationen, die den Sozialismus, der aus dem Roten Oktober kam, bis zu seinem Ende mitgeschleppt hat. Aber man übersehe dabei nie, daß der Imperialismus eine Menge Schrecken entfesseln zu müssen meinte, um in den ärmeren Gegenden nicht von einer Menschheit beseitigt zu werden, die sich am Beispiel der Oktoberleute aufrichtete.

Selbst von Italien und Griechenland befürchteten die Geostrategen in Washington Ende der 40er Jahre nicht umsonst, diese Länder wurden rot. Anfang der 50er Jahre mußten sie in Korea eingreifen, es folgten Iran, Guatemala, Costa Rica, Ende des Jahrzehnts Syrien (ja, damals schon), dann Indochina, Algerien, immer wieder Süd- und Mittelamerika, Afrika …

Im Rückblick, aus 95 Jahren Entfernung, berührt der Triumphalismus des Roten Oktober mitunter seltsam, und einen Satz wie Lenins Bonmot über die Unsterblichkeit und Unbesiegbarkeit der Lehre von Marx infolge ihrer Wahrheit lese ich mit Trauer.

Lenin handelte zum Glück anders, als er in solchen Momenten redete: Sein Tun, und das derer, die den Roten Oktober vollbrachten, zeigt, daß sie wußten, daß keine Lehre, keine Idee irgendeinen Nutzen hat, wenn niemand sie lebt. So ist es auch mit den Lehren aus der Geschichte.

Selbst falls wahr wäre, was von den Allerschlausten gegen den Roten Oktober vorgebracht wird – die Gegend war zu arm, die Unzufriedenheit in den imperialistischen Zentren nicht reif genug für einen Umsturz, die Krise der Warenproduktion nicht systemisch, die globale Entwicklung zu schlecht synchronisiert –, was folgt dann daraus für eine heutige Lage, in der sich einige dieser Parameter, vorsichtig gesagt, geändert haben?

Eine revolutionäre Situation besteht hier derzeit nicht.

Gelegenheiten haben ist das eine. Gelegenheiten ergreifen ist das zweite.

Gelegenheiten erkennen und sich auf sie vorbereiten: Das ist das Wichtigste.

Dietmar Dath ist Autor zahlreicher Romane, Erzählungen, Essays und Sachbücher. Einige davon sind im jW-Shop erhältlich

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