18. Mai 2013

Einsamer nie

Wütender Gottfried Benn – aber erst 1944: » (...) daß Deutschland dieser sogenannten Regierung unentwegt folgte, (…) diesen sechs Hanswürsten, die glaubten, daß sie allein es besser wüßten als die Vernunft der übrigen Welt.« - Fotoquelle: Bundesbildarchiv 183-1984-1116-500

Ein Dichter redet sich um Kopf und Kragen: Gottfried Benns berüchtigter Rundfunkvortrag »Antwort an die literarischen Emigranten« vom 19. Mai 1933

Kurt Darsow

Der 30. Januar 1933 war für Gottfried Benn kein Tag des Triumphs. Nicht daß er vor der »historischen Verwandlung« im Augenblick ihres Eintretens etwa zurückgeschreckt wäre. Aber als die braunen Bataillone durch das Brandenburger Tor zogen, waltete der Dichter gerade seines Amtes. Er las an diesem Abend auf Einladung der »Vereinigung für junge Kunst« in Oldenburg aus seinen Werken. Natürlich war die Veranstaltung im Humanistischen Gymnasium der Stadt denkbar schlecht besucht. Die Menschen saßen lieber zu Hause vor dem Radiogerät, um sich an der ekstatischen Reporterstimme aus der Reichshauptstadt zu berauschen. Immerhin nahmen wenigstens die Oldenburger Nachrichten für Stadt und Land die Lesung vor leeren Stuhlreihen zur Kenntnis: »Ein aufgeklärter, geläuterter Humanismus«, war dort am Tag darauf zu lesen, »bestimmte Gestalt und Inhalt dieser von hellenistischem Geist erfüllten, klaren, aber auch etwas kühlen Lyrik.«

Die Geschichte hatte es ihrem Verächter wieder einmal heimgezahlt. Sie wies ihn in seine Schranken und führte ihm seine Marginalität vor Augen: »Es war eine Perversität ohnegleichen, dort hinzufahren und vorzulesen«, schrieb er an seinen Brieffreund Friedrich Wilhelm Oelze in Bremen. Aber mit der Rolle des Ausgestoßenen sollte ja nun Schluß sein. Die sogenannte »Machtergreifung« war für den Dichter ein willkommener Anlaß, mit den Wegbereitern und Wortführern der Weimarer Republik zu brechen. In einer öffentlichen Erklärung sagte er sich endgültig von den Repräsentanten der »Systemzeit« los: »Eine Villa, damit endete für sie das Visionäre, einen Mercedes, das stillte ihren wertesetzenden Drang. Halte dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten, habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat!«

Flucht zu den Schachtelhalmen

Die Radiorede »Der neue Staat und die Intellektuellen«, in der diese Sätze fielen, war keine einzelne Entgleisung, sondern entsprach einer sorgsam gehegten Feindschaft. Daß diese von seinen Gegnern mit gleicher Münze zurückgezahlt wurde, belegt ein höhnischer Beitrag des Kulturredakteurs der Weltbühne, Rudolf Arnheim, der dem »Jeremias für Hörer aller Fakultäten« am 10. Januar 1933 unter der Überschrift »Die Flucht zu den Schachtelhalmen« die Leviten las: »Mit großartigen Worten schmäht er den Schieber-, Konjunktur- und Modebetrieb, und sicherlich sind solche Pamphlete nützlich, aber sie geraten in einen falschen Rahmen, wenn innerhalb einer Weltbetrachtung, die mit den Riesenmaßstäben der geologischen Schichten arbeitet, als heutige Situation des Geistes bezeichnet wird, was nur der dürftige Gesichtskreis der Boulevardredaktionen, Filmateliers, Cocktailpremieren und der Blätter für die elegante Welt ist.«

Als diese Breitseite gegen Benns Essaybände »Fazit der Perspektiven« (1930) und »Nach dem Nihilismus« (1932) am 10. Januar 1933 in der Weltbühne erschien, hatten die deutschen Literaten wahrlich Wichtigeres zu tun, als aufeinander einzudreschen. Ein ganzes Staatswesen lag in den letzten Zügen und mit ihm eine faszinierende Kulturepoche, von deren Ideenreichtum und Formenvielfalt die Nachwelt bis heute zehrt. Doch als es mit ihr zu Ende ging, waren ihre Akteure so ineinander verbissen, daß sie den Dämon mit dem Operettenbärtchen tatsächlich für das kleinere Übel hielten. Statt sich um die Aktionseinheit der demokratischen Kräfte zu bemühen, wie der einsame Rufer in der Wüste Heinrich Mann, ließen sie ihrer Lust am Untergang freien Lauf.

Dabei verband den Dichterarzt Benn mehr mit seinen Lieblingsfeinden Johannes R. Becher, Egon Erwin Kisch und Werner Hegemann, als ihnen lieb sein konnte. Als Mann vom Fach hatte er sich u. a. für die elenden Opfer des Abtreibungsparagraphen 218 eingesetzt: »Arme Kreise sind es, die die Toten stellen, Proletarier, Dienstmädchen, die zu Abtreiberinnen laufen, die für zehn Mark mit schmutzigen Spritzen arbeiten und Seifenlauge in die Bauchhöhle drücken, Verzweifelte, die alles an sich ausprobieren vom Petroleum bis zur Tafelkreide«, konstatierte er unter der auch in linken Kreisen anschlußfähigen Überschrift »Dein Körper gehört Dir«. Und ein Gedicht wie »Fürst Kraft«, den ätzenden Nachruf auf einen kapitalistischen Nimmersatt der Goldenen Zwanziger, wünschte man sich auch im neoliberalen Selbstbedienungsladen.

Klaus Mann jedenfalls hatte ihn immer für einen verkappten Linken gehalten. Für diesen »leidenschaftlichen und treuen Bewunderer« seiner Schriften blieb Benn auch im Exil der radikale Sprachkünstler, dessen mit Fremdwörtern gespickte und mit Bildungsgut beladene Gedichte in den Augen der neuen Machthaber nie etwas anderes sein würden als »Kulturbolschewismus«. In einem Brief vom 9. Mai 1933 aus Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur zog er alle rhetorischen Register, um den »lieben und verehrten Dr. Benn« für das republikanische Lager zu retten. Der junge Klaus Mann habe die Situation damals richtiger beurteilt, die Entwicklung genauer vorausgesehen, sei »klarerdenkend« gewesen als er selber, hat Benn später eingeräumt. Heute fallen eher die Bedenklichkeiten dieser Flaschenpost aus finsteren Zeiten ins Auge. Ein Kenner der Materie sieht in ihr nichts weiter als eine »Mischung aus devoter Bewunderung und frecher Zudringlichkeit.«1

Fanatische Reinheit

Klaus Mann wollte nicht hinnehmen, was ihm im Exil über die politischen Verfehlungen seines Idols Gottfried Benn zu Ohren gekommen war. Nicht nur, daß er als einziger deutscher Dichter von Rang auch nach dem Machtantritt der Nazis in der Preußischen Akademie der Künste verblieben war, machte ihm zu schaffen; Benn hatte sich dem Regime sogar als Propagandist angedient: »In welcher Gesellschaft befinden Sie sich dort?« fragt ihn der entgeisterte Absender. »Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?« will er von ihm wissen.

Weiß Klaus Mann nicht, daß er mit dem Wort »Niveaulosigkeit« an Gefühle rührt, unter denen der Benn sein Leben lang gelitten hat? Wenn er mit der »moralischen Unreinheit« paktierte, war er vielleicht auch nicht besser: »In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs/wurde auch kein Chopin gespielt/ganz amusisches Gedankenleben/mein Vater war einmal im Theater gewesen/Anfang des Jahrhunderts/Wildenbruchs ›Haubenlerche‹/davon zehrten wir/das war alles«, heißt es in einem seiner bekanntesten Gedichte mit dem Titel »Teils – teils«. Gerade weil er mit seinem bildungsfernen Elternhaus haderte, muß es Benn maßlos geärgert haben, daß ihn ausgerechnet der vom Schicksal verwöhnte Sohn Thomas Manns an dieses biographische Manko erinnerte.

Einen anderen rhetorischen Brocken, den ihm Klaus Mann zuwirft, hat Benn dagegen nur zu gern geschluckt. Es ist das seltsame Kompliment von der »geradezu fanatischen Reinheit«. Fanatismus hat mit Reinheit bekanntlich wenig zu tun. Das »rigorose, unduldsame Eintreten für eine Sache oder eine Idee«, das der Duden darunter versteht, spricht eher für das Gegenteil: Gewaltbereitschaft, Durchsetzungswillen, Unbelehrbarkeit. Auch ist der Begriff politisch in hohem Maße kontaminiert. Die Naziführer waren ganz vernarrt in ihn. Er kommt in jeder zweiten Führerrede vor – oft gefolgt von dem Zusatz »bis in den Tode hinein«. Warum also war Gottfried Benn für Klaus Mann ein Fanatiker der Reinheit? Wollte der Briefschreiber ihn mit dem Codewort umgarnen? Oder hatte der Jargon der Nazis auch ihn bereits infiziert? Freund und Feind waren im politischen Kraftfeld der Weimarer Republik jedenfalls immer weniger zu unterscheiden. Ihre Familienähnlichkeit trat deutlich zu Tage: aus Gegnern waren Komplizen geworden.

Diese Beobachtung scheint sich vollends zu bestätigen, wenn man die Lagermentalität in Betracht zieht, die aus Klaus Manns Sendschreiben spricht: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, lautet die Devise. Diese Abgrenzungsmanie bekommt in dem Brief aus Sanary-sur-Mer vor allem der Marxismus zu spüren: »Kein Vulgärmarxismus kann mich mehr irritieren. Ich weiß doch, daß man kein stumpfsinniger ›Materialist‹ sein muß, um das Vernünftige zu wollen und die hysterische Brutalität aus tiefstem Herzen zu hassen.« Damit ist vor allem der Soziologe Siegfried Kracauer gemeint, der in Wirklichkeit alles andere als ein »Vulgärmarxist« war. Aber auch solche Autoren sind Klaus Mann suspekt, die »in der Frankfurter Zeitung, im Börsenkurier oder in ihren diversen Linkskurven Dichtungen auf ihren soziologischen Gehalt hin prüften.«2

Die Geschichte mutiert

Diese rhetorischen Tricks machen die schneidende Abfuhr jedoch kein bißchen besser, die Gottfried Benn ihnen am 19. Mai 1933 in der Berliner Funkstunde erteilt. Einen Privatbrief beantwortet er mit einer öffentlichen Hinrichtung. Am 23. Mai 1933 schickt er Klaus Mann die Druckfassung seiner »Antwort an die literarischen Emigranten« aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 23. Mai 1933 mit dem handschriftlichen Zusatz: »Sehr verehrter Herr Mann, Ihren Brief vom 9. V. beantworte ich in der anliegenden Form. Ich werde mich Ihrer freundschaftlichen Gesinnung gegen mich immer dankbar erinnern.« Joa­chim Dyck, Emeritus für Literaturtheorie an der Universität Oldenburg und Autor einer umfangreichen historisch-biographischen Studie mit dem Titel »Der Zeitzeuge. Gottfried Benn 1929–1949«, weist das »Klischee vom freundlichen Privatbrief und der bösen Zeitungsantwort« zurück. In einer Spezialuntersuchung zum Briefwechsel zwischen Klaus Mann und Gottfried Benn behauptet er vielmehr, auch der auslösende Brief sei eine literaturpolitische Aktion mit der Absicht einer späteren Veröffentlichung gewesen.

So jedenfalls hat der Verfasser der »Antwort an die literarischen Emigranten« die Intervention Klaus Manns verstanden. Sie ist für ihn keine bloße Herzensangelegenheit eines gekränkten Liebhabers seiner Werke, sondern die Kampfansage einer Gruppe von Schriftstellern, die die deutsche Entwicklung von außen kritisierten, statt sie von innen mitzugestalten: »Da sitzen sie also in ihren Badeorten und stellen uns zur Rede, weil wir mitarbeiten am Neubau eines Staates.« Benn hält den vaterlandslosen Gesellen nicht nur vor, daß sie als Außenstehende nicht mitreden könnten; er stellt sogar die Ernsthaftigkeit ihrer Motive in Frage. Statt ihr Leben zu retten, sei es ihnen lediglich um ein politisches Bekenntnis gegangen. »Ich glaube nicht, daß ein Fascist große Kunstwerke schaffen könnte«, hatte Heinrich Mann, einer von ihnen, ihm noch am 25. April 1931 zugestanden und hinzugefügt »Wenn er es übrigens könnte, hätte ich auch gegen den Fascismus nichts.«3

Zwei Jahre später bekam der Großbürger aus Lübeck den von Benn bestrittenen Verfolgungsdruck hautnah zu spüren, ehe ihm – nur in Begleitung eines Regenschirms und eines kleinen Handkoffers – kurz vor der drohenden Verhaftung die Flucht über die französische Grenze gelang. Gottfried Benn dagegen hielt die literarische Emigration auch weiterhin für den Luxus von ein paar Privilegierten und spielte den gewaltförmigen Charakter der »deutschen Vorgänge« mit einem historischen Vergleich herunter: »Wie stellen Sie sich zum Beispiel das 12. Jahrhundert vor, den Übergang vom romanischen zum gotischen Gefühl, meinen Sie, man hätte sich das besprochen? Meinen Sie im Norden des Landes, aus dem Sie mir jetzt schreiben, hätte sich jemand einen neuen Baustil erdacht? Man hätte abgestimmt: Rundbogen oder Spitzbogen; man hätte debattiert über die Apsiden, rund oder polygon?«

»Novellistisch« nennt Benn diese Auffassung der Geschichte. Was damit gemeint ist, wird einen Absatz weiter klar, wenn die Rede auf den sogenannten »Führer« kommt: »Wollen Sie, Amateure der Zivilisation und Troubadoure des westlichen Fortschritts, endlich doch verstehen, es handelt sich hier gar nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich um eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes überhaupt.« Benn stimmt also den biopolitischen Absichten des Regimes vollinhaltlich zu. Auch er versteht die Geschichte als Bewährungsprobe der »weißen Rasse«, ohne daß ihm als gelerntem Naturwissenschaftler dabei die geringsten Zweifel gekommen wären. »Blutrot an Zähnen und Klauen« war dieser »Kampf ums Dasein« laut seinem Entdecker Charles Darwin. Die von Benn angepeilte Verwandlung der Geschichte zur Naturgeschichte nimmt Kollateralschäden dieser Art in Kauf, nach dem Motto: Wo gehobelt wird, fallen auch Späne.

Geister von Rang

Natürlich darf an dieser Stelle ein philosophischer Gewährsmann Benns nicht fehlen, der sich auf ähnliche Weise geäußert hat: »Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade die treibende Kraft, um an die Züchtung einer stärkeren Rasse zu denken, welche gerade ihren Überschuß darin hätte, worin die verkleinerte Spezies schwach und schwächer würde«, heißt es in Friedrich Nietzsches nachgelassenen Notizen, die unter dem Titel »Wille zur Macht« veröffentlicht wurden (Aphorismus 898). Auch diese eugenische Wahnidee entwickelte sich aus gesellschaftlichen Ressentiments, die in Bilder des kulturellen Niedergangs gekleidet wurden. Der »kleine Mensch« der Zivilisation hatte aus der Geschichte zu verschwinden, damit wehrhafte »Barbaren« seine Stelle einnehmen konnten.

Ihren eigentlichen Höhepunkt erreicht Benns »Antwort an die literarischen Emigranten« aber erst, als er auf die »großen Geister« zu sprechen kommt, die solche epochalen Umbrüche und Zeitenwenden in die Wege leiten. In ihnen sieht der Verfasser die »magische Koinzidenz des Individuellen und des Allgemeinen« heranreifen: »Schuf Hitler die Bewegung oder die Bewegung ihn?« Man könne die beiden Gestaltungsebenen nicht unterscheiden, da sie miteinander identisch seien, lautet seine Antwort. Der richtige Mann zur richtigen Stunde also. In der 1933 erschienenen Essaysammlung »Der neue Staat und die Intellektuellen« wird Benn noch deutlicher. In der Figur des Führers sieht er dort die Vereinigung von Geist und Macht heraufziehen. Ein Goldenes Zeitalter der Dichtkunst kündigte sich an. Die Zeit der leeren Stuhlreihen sei zu Ende. Die Auditorien würden bis auf den letzten Platz gefüllt sein: »Führer ist nicht nur Inbegriff der Macht, ist überhaupt nicht als Terrorprinzip gedacht, sondern als höchstes geistiges Prinzip gesehen. Führer: das ist das Schöpferische, ihm sammeln sich die Verantwortung, die Gefahr und die Entscheidung.«

Als dies geschrieben wurde, hatten die Berliner Straßenkehrer gerade erst die verkohlten Reste der verbrannten Bücher zusammengefegt. Doch den alltäglichen Terror, den der »neue Staat« schon unmittelbar nach seinem Eintritt in die Geschichte entfaltete, nahm Gottfried Benn nicht zur Kenntnis. Er setzte seinen geschichtsphilosophischen Höhenflug fort, auch als ringsum die Schaufenster eingeschlagen wurden und uniformierte Rollkommandos unterwegs waren. Daß die »Saalschlachtclowns« und »Stuhlbeinheroen«, wie er sie später nennen wird, auch den Dichter Benn nicht verschonen würden, hatte Klaus Mann ihm vorausgesagt: »Aber freilich müssen Sie ja wissen, was Sie für unsere Liebe eintauschen und welch großen Ersatz man Ihnen drüben dafür bietet; wenn ich kein schlechter Prophet bin, wird es zuletzt Undank und Hohn sein.«

Die Stunde der Wahrheit

Schon im Jahr 1934 mußte Benn sich von dem Balladendichter Börries von Münchhausen vorhalten lassen, er sei ein »reinblütiger Jude«. Im Mai 1936 wurde er vom Schwarzen Korps, der Wochenzeitung der SS, als »Ferkel und Pornograph« abgefertigt. Die NS-Presse knüpfte sich wohlweislich nicht den politischen Pamphletisten vor, sondern den Lyriker Benn. Nur von ihm war so etwas wie Zersetzung oder Entartung zu erwarten. Als Lyriker nämlich blieb er sich auch in den Zeiten des »Schicksalsrausches« stets treu. In dieser Eigenschaft ließ ihn sein Stilgefühl nie im Stich, und Hitler-Hymnen, wie sie Ina Seidel, Gerd Gaiser oder Hans Carossa aus der Feder flossen, sind von ihm nicht überliefert. Nicht alle Expressionisten versagten sich diesen künstlerischen Kniefall: »Als es geschah an jenem zweiten März, /Daß leiser immer leiser schlug sein Herz, /Da war ein Schweigen wieder und ein Weinen, /Um Stalins Leben bangten all die Seinen«, reimte Johannes R. Becher in der Sterbestunde des »Vaters der Werktätigen«. Auch der richtige Klassenstandpunkt ist also keine Gewähr gegen Sprachverfall und Speichelleckerei.

»Nichts Träumerisches als eine Kaserne! Zimmer 66 geht auf den Exerzierplatz, drei kleine Ebereschen stehn davor, die Beeren ohne Purpur, die Büsche wie braunbeweint«, beginnt Benns Prosaskizze »Block II, Zimmer 66« aus dem Jahr 1944. Während die »Herrenrasse« sich in einer Trümmerlandschaft aus geräumten Erdteilen, torpedierten Schlachtschiffen, Millionen Toten und ausgebombten Städten verkrümelte, schlägt für den Militärarzt Benn in Landsberg an der Warthe die Stunde der Wahrheit: »Wen beschäftigte sie nicht unaufhörlich, die eine Frage, wie es möglich gewesen sei und heute noch möglich war, daß Deutschland dieser sogenannten Regierung unentwegt folgte, diesem halben Dutzend Krakeeler, die seit nunmehr 10 Jahren dasselbe Geschwätz in denselben Sälen vor denselben grölenden Zuhörern periodisch abspulten, diesen 6 Hanswürsten, die glaubten, daß sie allein es besser wüßten als die Vernunft der übrigen Welt.«

An öffentlichem Verständnis hat es dem Dichter nie gefehlt. Besonders in den ersten Nachkriegsjahren erkannten sich viele Deutsche in seinen Verirrungen wieder. Er sei über die Absichten der Machthaber nicht richtig informiert gewesen, hieß es. Weder habe er das Parteiprogramm gründlich studiert noch jemals eine Parteiversammlung besucht. Der »Verrat am Geist«, den er laut Klaus Mann beging, wird durch eine Vielzahl von inneren und äußeren Determinanten eingeebnet. Die Weimarer Linke habe ihn schlecht behandelt und so in die Arme der Faschisten getrieben. Von seinen Einkünften als Arzt und Dichter habe er nur kümmerlich existieren können, während Thomas Mann in Saus und Braus lebte und Lion Feuchtwanger eine komfortable Villa im Grunewald bewohnte. Ließ Benn 1933 wirklich nur seinen aufgestauten Frustrationen freien Lauf? Erwies er sich als Neidhammel und beleidigte Leberwurst, als er die Partei der Nazis ergriff? Wer ihn lediglich als passiv reagierenden Charakter betrachtet, macht ihn nicht nur dümmer, als er war, sondern übersieht auch, daß andere Schriftsteller auf die gleichen Zeitumstände ganz anders reagierten.

Alter Kellner

Um Benn als Dichter zu retten, bedarf es keiner politischen Weißwäscherei: »Halb pathologisch, halb nur gemein entwürdigt sich ein großes Talent vor unseren Augen«, schrieb Klaus Mann völlig zu Recht über ihn, nachdem er die »Antwort an die literarischen Emigranten« gelesen hatte. Den Lyriker Benn dagegen hat er auch nach seinem Bekenntnis zum totalen Staat weiterhin bewundert. Das Gedicht »Einsamer nie«, das er sich bei einem Besuch in Paris aufschrieb, soll ihn zu Tränen gerührt haben. Es macht die ausweglose Situation deutlich, in die sich der Verfasser durch seine politische Verblendung gebracht hatte: »Gestern abend wieder ein sündhaftes Vergnügen an den Versen von Gottfried Benn« schreibt der treue Leser Klaus Mann am 4. September 1936 in sein Tagebuch, und einen Monat später: »Laut mehrere Gottfried Benn-Gedichte gelesen. Welch tiefer, schlimmer, berauschender Ton.«

Als er dem Sprachkünstler über alle politischen Differenzen hinweg die Treue hielt, war sein dichterisches Idol längst unterwegs zu neuen Ufern: »Wenn man immer nur das schriebe, was man zehn oder zwanzig Jahre später für opportun hielte, geschrieben zu haben, würde man überhaupt nichts produzieren«, nahm Benn für sich in Anspruch. Das war nicht nur politisch-ideologisch gemeint, sondern auch sprachlich-poetisch. Mit dem gleichen Mut zur Provokation, mit dem er am Beginn seiner Dichterlaufbahn die Krebsbaracken und Sektionssäle inspiziert hatte, wandte er sich nun den »kleinen Leuten« zu: »Sein Leben fließt dahin – ein Gast wird jäher –/er schleift den kranken Fuß, er ballt den Schuh, –/ein anderer scherzt mit ihm und tritt ihm näher/und flüchtigt ihm ein Wohlwort zu, –«, heißt es in dem Gedicht »Alter Kellner« aus dem Jahr 1938, das die wunderbaren Kneipenverse seiner letzten Schaffensperiode vorwegnimmt.

Ist das »große Lyrik«? Wird Benn mit Reimen dieser Art dem eigenen Anspruch gerecht? Jedenfalls fällt er nicht auf seine literarische Masche herein. Während die Gedichte, mit denen er für gewöhnlich in den Anthologien vertreten ist, den hohen Ton oft bis zur Selbstparodie treiben, ist das kunstlose Parlando seines Spätwerks frisch geblieben und findet bis heute seine Nachahmer. Gottfried Benn hat in seinen letzten Lebensjahren genau registriert, was in seiner Umwelt vorging. Die großen Worte dagegen fielen ihm immer schwerer. Von den Begriffen wollte er nichts mehr wissen; lieber saß er vor dem Radio und ärgerte sich – genau wie wir heute – über das Billigangebot der elektronischen Medien. Den Schlager »Im Hafen von Adano« ließ er sich zur Not noch gefallen, aber mit dem Nachtprogramm hatte er seine Probleme: » – die Wissenschaft als solche –/wenn ich Derartiges im Radio höre, /bin ich immer ganz erschlagen./Gibt es auch eine Wissenschaft nicht als solche?«

Anmerkungen

1 Joachim Dyck: Hätte ich emigrieren sollen? Gottfried Benns Briefwechsel mit Klaus Mann im zeitgeschichtlichen Kontext des Frühjahrs 1933, in: Text und Kritik, Nr. 44, München 2006, S. 127

2 Gottfried Benn: Sämtliche Werke, Bd. IV, Stuttgart 1986, S. 512

3 Jan Bürger: Benns Doppelleben oder Wie man sich selbst zusammensetzt, Marbacher Magazin 113, Marbach am Neckar 2006, S. 34

Kurt Darsow lebt als freier Autor in Berlin und arbeitet für Hörfunk und Zeitschriften. Zuletzt schrieb er auf diesen Seiten am 10.5.2013 zur Bücherverbrennung im Mai 1933.

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