7. Mai 2010

Einsatz hinter der Front

Geschichte. Vor 65 Jahren trugen auch deutsche Antifaschisten mit der Waffe in der Hand zum Sieg der Roten Armee über das Naziregime bei

Peter Rau

Heutigen Geschichtsschreibern gilt der Einsatz deutscher Antifaschisten an der Seite der Streitkräfte der Antihitlerkoalition als eine zu vernachlässigende Größe, wenn sie ihn denn überhaupt zur Kenntnis genommen haben bzw. nehmen wollten. Sogar die späte Ikone des Widerstands, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, sprach nach der Bildung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« im Juli 19431 eher verächtlich von dessen nutzlosen »Proklamationen hinter Stacheldraht«.

Der künftige Hitler-Attentäter übersah dabei jedoch oder spielte die Tatsache herunter, daß in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern bzw. speziellen Antifaschulen nicht nur ehemalige Wehrmachtsangehörige zu Tausenden mit einem anderen Gedankengut vertraut gemacht wurden, sondern Hunderte von ihnen auch bereit waren, sich in die Front derer einzureihen, die mit der Waffe in der Hand gegen die faschistischen Okkupanten kämpften. Und diese Angebote wurden durchaus begrüßt, angenommen und genutzt. Von einer solchen Gruppe soll hier die Rede sein. Ihre Geschichte wurde vor 30 Jahren erstmals in dem Tatsachenbericht »An der Seite der Roten Armee« vom damaligen jW-Redakteur Frank Schumann publik gemacht, den die Junge Welt zwischen dem 25. Januar und dem 9. Mai 1980 in 16 ganzseitigen Folgen veröffentlicht hatte.

Die Gruppe Martens/Bejdin

Zu ihrem ersten Fronteinsatz rückt diese Gruppe deutscher Antifaschisten in der Nacht zum 20.Dezember 1943 zusammen mit einer Abteilung der 7. Leningrader Partisanenbrigade aus. Bei ihr sind die acht ehemaligen Wehrmachtsangehörigen gemeinsam mit ihren beiden sowjetischen Begleitern knapp 14 Tage zuvor per Fallschirm abgesetzt worden. In diesem 30.Kriegsmonat haben die sowjetischen Streitkräfte zwar bereits wieder beachtliche Teile ihrer Heimat von den faschistischen Okkupanten befreit – der Wende vor Stalingrad waren die Befreiung der Krim, von Smolensk, Charkow und Kiew, der Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik, gefolgt. Doch noch immer stehen Wehrmachtstruppen vor Leningrad, in der Belorussischen SSR, in großen Gebieten der Ukraine … Mit anderen Worten: Der Sieg über Hitlerdeuschland ist noch keineswegs gewiß. Umso höher ist die Bereitschaft jener Deutschen zu bewerten, die einst mit der Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschiert waren, in Gefangenschaft gingen oder gerieten und nach dem Besuch einer Antifaschule geschworen hatten, »an jedem beliebigen Einsatz gegen die Faschisten teilzunehmen«.

An Bord der zweimotorigen Li 2, die sie am 8.Dezember über dem von Partisanen gehaltenen Gebiet bei Pskow, über 400 Kilometer hinter der Hauptkampflinie, absetzen soll, herrscht gespannte Ruhe – nicht nur wegen des plötzlich hinter der Front einsetzenden Feuers der deutschen Fliegerabwehr. Jeder einzelne hängt seinen Gedanken nach, mancher überdenkt wohl auch die Richtigkeit seines Entschlusses, an diesem Einsatz teilzunehmen. Das gilt natürlich nicht für die beiden sowjetischen Offiziere, die die Gruppe leiten, Major Wilhelm Martens und Hauptmann Iwan Bejdin. Der 33jährige Major, 1910 in London geboren, ist Sohn eines deutschstämmigen russischen Emigranten, der später die erste diplomatische Mission der UdSSR in den USA leiten wird. Am Tag nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion in Riga zur Roten Armee einberufen, sammelt er in der 7. Abteilung der Politverwaltung der Nordwestfront Erfahrungen im Umgang mit deutschen Kriegsgefangenen.

Acht Jahre jünger ist Iwan Bejdin. Er stammt aus einer Kosakenfamilie im Dongebiet. Nach Studium an der Fachschule für Finanzen und der Hochschule für Außenhandel verläuft sein künftiges Leben kriegsbedingt ebenfalls nach militärischen Regeln. Erste Sporen verdient er sich zwischen November 1941 und Januar 1943 als Aufklärer im faschistischen Hinterland.

Den beiden Offizieren sind nun die deutschen Antifaschisten zur Seite gestellt. Deren eigentlicher Auftrag ist es, so war es während ihrer gerade absolvierten mehrmonatigen Ausbildung in der Nähe von Waldai nordwestlich von Moskau abgesprochen, in Garnisonen der Wehrmacht antifaschistische Aufklärung zu leisten und Gruppen der Bewegung »Freies Deutschland« zu bilden. Dazu haben sie komplette Wehrmachtsuniformen, Soldbücher und weitere Dokumente im Gepäck.

Anerkannter Wortführer der acht ist Hans Scherhag, einst Mitglied der katholischen Organisation »Pax Christi«. Mit seinen 23 Jahren ist der bei Koblenz als Sohn eines Maurers und Fliesenlegers Geborene zwar nicht der älteste in der Gruppe, aber wohl der erfahrenste. Nicht nur, weil er bereits 1940 in die Wehrmachtsuniform gesteckt wurde, sondern vor allem, weil der ausgebildete MG-Schütze bereits bei der erstbesten Gelegenheit, die sich ihm bot, dem 110. Grenadierregiment der 112. Infanteriedivision den Rücken kehrte und zur Roten Armee desertierte. Das war in der Nähe von Gomel im August 1941.

Drei Jahre jünger als Scherhag ist Rudi Bleil, den sie »Pazan« nennen, den »Halbwüchsigen«. Der in der Nähe von Reichenberg im Sudetengebiet aufgewachsene Arbeiterjunge ist vor fast genau einem Jahr in Gefangenschaft geraten, nachdem ein ohnehin geplantes Überlaufen bei Welikije Luki fehlgeschlagen war.

Auch Otto Braig zählt zu den Überläufern. Am 1. Juni 1942 zur Wehrmacht eingezogen, wird die Einheit des inwischen 31jährigen Grenadiers im Oktober an die sogenannte Ostfront verlegt. Dort, im berühmt-berüchtigten Kessel von Demjansk, hält es den gebürtigen Stuttgarter und gelernten Schreiner allerdings nur drei Tage, bevor er seiner eigenen Wege geht.

Während Braig auf Mitgliedschaft in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und in der Naturfreundejugend verweisen konnte, hatte Wenzel Leiss bereits als Kommunist die Seiten gewechselt. Der 34jährige Schlosser aus dem Rheinland hatte dazu ganz besondere Gründe anführen können: Er gehörte in Moers-Meerbeck über mehrere Jahre zu einer von seinem Bruder Josef geleiteten kommunistischen Widerstandsgruppe. Gleich nach seiner Versetzung an die Front lief er im Dezember 1942 zur Roten Armee über. Um seine Motive macht der polnischstämmige Familienvater nicht viele Worte; aber Hans Scherhag weiß auch, warum. Er erinnert sich noch gut an jenen Tag im Mai 1943 an der Zentralen Antifaschule in Krasnogorsk, als Schulleiter Nikolai Janzen in die von Heinz Hoffmann, dem späteren Verteidigungsminister der DDR, gehaltene Unterrichtsstunde kam. »Der Roten Armee ist eine Meldung in die Hände gefallen, die unseren Kameraden Leiss unmittelbar berührt und die einmal mehr deutlich macht, was der Faschismus für eine unmenschliche brutale Diktatur ist.« Janzen zitiert das Folgende aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 16. Februar 1943: »Die Sicherheitspolizei ist einer Verräterfamilie, die der polnischen Minderheit in Deutschland angehört, auf die Spur gekommen und hat sie nunmehr unschädlich gemacht. Nachdem ein Sohn der polnischen Familie Leiss in Moers (Rheinland) an der Ostfront zum Feind übergelaufen ist, haben die angestellten polizeilichen Nachforschungen bei seinen Angehörigen ergeben, daß die Familie seit Jahren kommunistische Zersetzungsarbeit betrieb. Diese fortgesetzte Verrätertätigkeit hat nunmehr durch die Hinrichtung der gesamten an der Verschwörung beteiligten Familie ihre Sühne gefunden.« Zu den Getöteten zählten neben Leiss’ Geschwistern und der Ehefrau auch die zweieinhalbjährige Tochter …

Ganz anders lief die Geschichte offenbar bei Hermann Veiling ab. Er hatte seine Waffe weggeworfen, weil der Militärstaatsanwalt sich für ihn zu interessieren begann. Aus welchen Gründen das geschah wie über weitere Lebensumstände gibt es keine Angaben. Auch über Franz Gundlach, mit 43 Jahren vermutlich der Älteste der Gruppe, wird lediglich mitgeteilt, daß er im März 1943 von Hauptmann Bejdin höchstselbst bei einer Operation im Hinterland gefangengenommen und von diesem später auch für diesen Einsatz angeworben worden war.

Mit Fragezeichen zu versehen sind auch die beiden restlichen Namen: Leo Johann und Willi Hollubek. Aus dem Lexikon »Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung ›Freies Deutschland‹« (Karl Dietz Verlag, Berlin 2005) geht lediglich hervor: Sie gehörten Anfang Dezember 1943 zu einer größeren Gruppe des NKFD an der Nordwestfront, sprangen im Operationsgebiet der 7. Leningrader Partisanenbrigade hinter den deutschen Linien ab, verteilten Flugblätter und andere Materialien des NKFD und nahmen an militärischen Operationen der Partisanen teil.

Mit an Bord der Li 2 waren noch zwei weitere Deutsche, ebenfalls Angehörige der Bewegung »Freies Deutschland«. Sie hatten jedoch einen anderen, von der Gruppe unabhängigen Auftrag. Der 30jährige Walter Mohr und sein Begleiter, von dem nur der Name Franz Frainik – oder Frainig – überliefert ist, sollten dem Oberbefehlshaber der Wehrmachtsheeresgruppe Nord und dem Chef der 18. Armee, Generalfeldmarschall Georg von Küchler bzw. Generaloberst Georg Lindemann, Schreiben des Nationalkomitees bzw. des Bundes Deutscher Offiziere (BDO) überbringen. Genauer gesagt: Persönliche Botschaften von General der Artillerie Walther von Seydlitz, der bei der Gründung des BDO im September zu dessen Vorsitzenden und zugleich zum Vizepräsidenten des NKFD gewählt worden war. Mohr und Frainik trugen deshalb bereits im Flugzeug vollständige Wehrmachtsuniformen, während ihre acht Landsleute mit sowjetischen Watteanzügen bekleidet waren und zudem eine deutsche Schreibmaschine sowie einen Vervielfältigungsapparat für die künftig zu erstellenden Flugblätter des NKFD mit im Gepäck hatten.

Zwei Tage nach der Landung bei Malyje Utechi, einem Dorf ein paar Dutzend Kilometer von Pskow entfernt, in dem die Partisanen ihr Hauptquartier eingerichtet hatten, machen sich Frainik und Mohr, begleitet von zwei einheimischen Kundschafterinnen, auf den Weg. Erst Tage später erfahren die zurückgebliebenen Gefährten vom tragischen Ausgang dieser Mission: Die Emissäre wurden in Pskow verhaftet. Frainik soll an Ort und Stelle erschossen, Mohr später in Torgau hingerichtet worden sein.

Der Fahndungsaufruf

Für die acht anderen Deutschen, die bei den Partisanen verblieben waren, ergeben sich aus verschiedenen Gründen keine Möglichkeiten, wie ursprünglich geplant Wehrmachtstruppenteile zu infiltrieren, um dort Gruppen des NKFD zu bilden. Dazu gehörte zunächst die Zunahme faschistischer Strafexpeditionen gegen Stützpunkte der immerhin 1500 Mann und Frau starken Partisanenbrigade, darunter auch ein Luftangriff auf den Stab in Malyje Utechi. Bereits vor Jahresfrist, im November 1942, hatte das OKW, das Oberkommando der Wehrmacht, eine »Kampfanweisung für die Bandenbekämpfung im Osten« erlassen. Die wurde nun auch in dem geographischen Dreieck Pskow–Strugi Krasnoyje–Porchow, dem Aufenthaltsort und Aktionsfeld der 7. Partisanenbrigade, praktiziert.

Ein weiterer Grund findet sich später in den sogenannten Heeresmitteilungen der Wehrmacht: »Achtung, sowjetische Fallschirmagenten! Die deutschen Überläufer Grenadier Wenzeslaus Leiss, Grenadier Otto Braig, Grenadier Franz Gundlach (…) wurden etwa Mitte Dezember 1943 im Ostland mittels Fallschirm abgesetzt und halten sich dort bzw. im Reichsgebiet auf. Sie führen für den sowjetischen Nachrichtendienst Ausspähaufträge und Sabotageaufträge durch und sind vermutlich mit Sendegeräten ausgerüstet. Ihr Einsatz erfolgt wahrscheinlich in deutscher Wehrmachtsuniform, neben der sie aber auch mit Zivilkleidern versehen sein dürften. In ihrem Besitz sind gefälschte Soldbücher, Ordensurkunden, Geburtsurkunden, polizeiliche An- und Abmeldungen, Einstellungsschreiben von Firmen, (…) Blankoformulare, Urlauber-, Reise- und Lebensmittelkarten; deutsche und ausländische Zahlungsmittel (Dollar) (…) zu finden. Sie sind weiter mit Schußwaffen, Handgranaten, Gifttabletten zum Selbstmord bei Festnahme versehen und verbergen in ihren Kleidern, Schuhen und Effekten usw. meist Geheimnachrichten in Miniaturformat. Bei Festnahme ist daher äußerste Vorsicht geboten. Selbstmord unbedingt verhindern. Sofortige Fesselung, völlige Entkleidung und Versorgung mit neutralen Kleidern, Sicherstellung aller Effekten. Bei Antreffen sofort Nachricht an: Reichssicherheitshauptamt Berlin, SW 11 – an IV A 2 – Nr.2088/44 g.«

Feuertaufe an der »Rollbahn«

Unter diesen Umständen bitten Martens und Bejdin die Führer der Partisanen, ihre Schützlinge an deren Kämpfen teilnehmen zu lassen, um die erzwungene Untätigkeit zu beenden. So geschieht es auch an jenem erwähnten Dezembertag. Etwa 25 Kilometer vor Pskow – die Gebietshauptstadt war von den Faschisten am 9. Juli 1941 besetzt und flugs in Pleskau umbenannt worden –, an der Straße, die über Luga in das belagerte Leningrad führt, beziehen die acht Deutschen gemeinsam mit 20 Partisanen noch im Schutz der Dunkelheit Stellung. Die Straße ist durchaus von strategischer Bedeutung: Die Okkupanten bringen über diese Rollbahn Truppen und Material an die Front vor Leningrad. Doch erst am Tag darauf signalisiert Motorengeräusch das Herannahen einer ganzen Kolonne. Die an der vereisten Chaussee im Hinterhalt Liegenden zählen einen Panzer, einen Panzerspähwagen sowie insgesamt 25 Lkw, jeweils mit 15 bis 20 Deutschen in weißen Tarnanzügen besetzt, absprung- und feuerbereit. Offensichtlich ein Partisanenjagdkommando der SS! Dennoch kommt, als 20 der Lastwagen vorüber sind, der Befehl zum Angriff: Agonj – Feuer! Aus zwei Maschinengewehren, vier Maschinenpistolen und rund 20 Gewehren werden die Gegner unter Beschuß genommen. Auch Handgranaten kommen zum Einsatz. Drei Lkw gehen sofort in Flammen auf. Doch nachdem die erste Verwirrung bei den Faschisten gewichen ist und deren Überlebende sich zum Gegenangriff formieren, ziehen sich die Partisanen und ihre deutschen Gefährten in den dichten Wald zurück – dorthin, wo sich der Feind nicht hintraut. Das geschieht ohne eigene Verluste. Auf der Gegenseite bleiben vier Fahrzeuge und 72 Okkupanten – getötet bzw. verwundet – auf der Strecke.

Wenig später gelingt es, bei einer weiteren Aktion an der Straße von Karamyschewo nach Pskow zwei Wehrmachtstransporter mit Artilleriemunition zu zerstören und 16 deutsche Besatzungssoldaten außer Gefecht zu setzen.

Doch so ohne jegliche eigenen Verluste verläuft nicht jede Operation. So fallen Leo Johann und Franz Gundlach bei einem Aufklärungsunternehmen in der Gebietshauptstadt Ende Januar 1944 trotz ihrer deutschen Wehrmachtsuniform den Faschisten in die Hände. Sie sollten erkunden, wie es um die Stimmung in der Wehrmacht nach dem Durchbrechen der Leningrad-Blockade durch die sowjetischen Streitkräfte steht, und werden – ungeachtet des Fahndungsaufrufes – vermutlich auf der Stelle hingerichtet. Daß an ihre Stelle andere Kriegsgefangene getreten sind, vermag die Trauer um den Verlust allerdings nicht zu lindern.

Zu denen, die die deutsche Antifa-Gruppe verstärken, gehören zum Beispiel die Gefreiten Willi Harbs und Willi Nogler. Beide waren von Partisanen der 7. Brigade gefangengenommen worden und hatten sich freiwillig den deutschen Antifaschisten angeschlossen. Harbs, ein 19jähriger Bauernjunge aus Schleswig-Holstein, war kurz nach seinem 18. Geburtstag zur Wehrmacht einberufen worden und hatte als Artillerist an der Belagerung Leningrads teilgenommen – bis zum erzwungenen Rückzug der Wehrmacht. Seiner ersten Reaktion – »Ich fasse keine Waffe mehr an, für mich ist der Krieg vorbei« – folgt jedoch einige Wochen des Lebens in dem Partisanenstützpunkt später, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Todesnachrichten über Johann und Gundlach, der Entschluß, selbst in der deutschen Gruppe mitzukämpfen.

So ist Willi Harbs ebenso wie Willi Nogler und die anderen Deutschen mit dabei, als sich am 11. Februar eine größere Gruppe der 2. Partisanenabteilung auf den Weg macht, um bei der Station Toroschino die Eisenbahnlinie von Luga nach Pskow zu unterbrechen und damit den zurückflutenden Truppen der Wehrmacht einen weiteren Schlag zu versetzen. »Wie Sie wissen, sind die sowjetischen Truppen der Leningrader und der Wolchow-Front seit dem 14. Januar auf dem Vormarsch und treiben die deutschen Einheiten vor sich her«, hatte Hauptmann Bejdin »seinen« Deutschen mit auf den Weg gegeben. »In unserem Gebiet südlich des Peipussees fluten Teile der 18. Armee der Heeresgruppe Nord zurück – per Bahn oder auf der Straße. Diesen Rückzug bzw. die Heranführung von Verstärkung werden wir mit unseren Mitteln stören.«

Gegen neun Uhr abends erreicht die mit den Deutschen etwa 130 Mann starke Kampfgruppe das vorgesehene Einsatzgebiet. Aufgeteilt in verschiedene kleine Trupps, hasten die Angreifer auf den Bahndamm zu. Dabei bleiben sie nicht unbemerkt. Die Faschisten hatten in Abständen von 200 bis 300 Metern befestigte Erdbunker – mit Maschinengewehren bestückte Feuernester – angelegt. Nachdem sie sich den Weg zu den Gleisen freigeschossen haben, werden die Sprengladungen vorbereitet, angebracht und gezündet. Mehrere hundert Meter Eisenbahngleise fliegen so in die Luft. Doch dann kommt es dicke; den Faschisten ist es gelungen, Verstärkung heranzuführen. In Bataillonsstärke nehmen sie die Partisanen unter Feuer. Denen bleibt nur der Rückzug. In diesem Gefecht haben sie sieben Tote zu beklagen, darunter Willi Nogler. Zu den rund 40 Verwundeten gehört auch Hauptmann Bejdin, der von Hans Scherhag und Rudi Bleil in Sicherheit gebracht werden konnte.

Zahlmeister staunte nicht schlecht

Neben verlustreichen Aktionen wie dieser gibt es auch immer wieder Erfolgsmeldungen anderer Art. So berichtet Hermann Veiling von einer Erkundungsmission in Porchow, die er in der Uniform eines Wehrmachtsgefreiten absolvierte. Dabei stieß er auf den Zahlmeister einer Division, der allein in einem Schlitten unterwegs war und sich anbot, den Gefreiten ein Stück des Weges mitzunehmen. Mit der von Veiling im Gespräch vorgebrachten Aussicht auf ein amouröses Abenteuer von diesem Weg abgelenkt, landete der Zahlmeister schließlich unfreiwillig im Stab der Partisanen – inklusive der von ihm mitgeführten Personallisten samt dem Sold für die Divisionsoffiziere.

Doch so spektakulär und vor allem unblutig ging es, wie gesagt, nicht oft zu. Dennoch: Als die deutschen Antifaschisten und ihre beiden sowjetischen Begleitoffiziere am Ende ihres Einsatzes im März 1944 – das von »ihren« Partisanen gehaltene Gebiet ist inzwischen wieder Teil des »Großen Landes« geworden – Bilanz ziehen, fällt die überaus positiv aus. So haben sie innerhalb von knapp vier Monaten an etwa 30 Spähunternehmen teilgenommen, zehnmal bei Überfällen auf Fahrzeugkolonnen sowie bei vier Sprengstoffattacken auf Eisenbahnlinien mitgewirkt, wobei jedesmal rund 600 Meter Gleise zerstört werden konnten.

Daß es dabei wiederholt zum Kampf Deutsche gegen Deutsche kam, kann den Männern mit den roten Stoffstreifen an den Schapkas kaum angelastet werden. Schließlich waren sie in den vergangenen Wochen nicht nur einmal auf die bestialischen Hinterlassenschaften ihrer Landsleute gestoßen, hatten die Spuren deren mörderischen Wirkens in den Dörfern gesehen. Das machte die Frage nach irgendwelchen deutschen Gemeinsamkeiten obsolet, und die Frage, ob man den Kampf denn den Soldaten der Roten Armee allein überlassen sollte, stellte sich so gesehen nicht mehr. Bei allem Bemühen um die Köpfe – die Einsicht ihrer ehemaligen Kameraden in die Sinnlosigkeit weiteren Widerstands und Blutvergießens – war für sie klar: Gerade als Deutsche ging es in dieser Situation nicht an, von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen.

Das galt übrigens auch in den noch folgenden Kriegsmonaten, in denen die Gruppe dem Stab der 2. Baltischen Front unterstellt war und weitgehend zusammenblieb – bis auf Hermann Veiling, dessen weiteres Schicksal ungeklärt bleibt, und Willi Hollubek, der im Juli bei einem weiteren Fronteinsatz ums Leben kam. Für Hans Scherhag und Rudi Bleil, Otto Braig, Wenzel Leiss und Willi Harbs folgten sowohl Propagandaeinsätze an der immer weiter nach Westen zurückgedrängten Front wie ein weiterer Absprung hinter den deutschen Linien. Den 8. Mai 1945 erlebten sie im Kurlandkessel, und im Sommer des Jahres kehrten sie nach Deutschland zurück, bereit, aktiv am Aufbau eines neuen Lebens mitzuwirken.

1 Das Nationalkomitee wurde – mit Billigung und tatkräftiger Unterstützung seitens der sowjetischen Behörden– als Führungsgremium der Bewegung »Freies Deutschland« am 12./13. Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau gegründet. Von den 38 Gründungsmitgliedern des NKFD waren 25 Kriegsgefangene (Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten) und 13 Emigranten, darunter fünf frühere Reichstagsabgeordnete der KPD. Zum Präsidenten wurde der kommunistische Schriftsteller Erich Weinert gewählt, Vizepräsidenten waren Major Karl Hetz und Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel. Nach der Bildung des Bundes Deutscher Offiziere am 11./12. September des Jahres und dessen Anschluß an die Bewegung wurde das Komitee auf 55 Mitglieder erweitert, und mit den Generälen Walther von Seydlitz als Präsident des BDO und Edler von Daniels sowie dem Gefreiten Max Emendörfer wurden drei weitere Vizepräsidenten des NKFD berufen. In den Dokumenten des NKFD, allen voran das »Manifest an die Wehrmacht und an das deutsche Volk«, wurde zum Sturz der Hitler-Diktatur und zur sofortigen Beendigung des Krieges sowie zum Aufbau eines neuen, friedliebenden und freien demokratischen Deutschland aufgerufen. Dieses Anliegen fand tausend-, vielleicht sogar zehntausendfache Zustimmung auch in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern.

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